22. Februar 2011 von ddelank hinduism-and-media2010 1

Blogging in Indien

von Daniel Delank

[…] if word got out about my being Sexy Indian Bitch, my father is gonna spill his morning cuppa coffee, my mother’s gonna faint and dear Mrs Thomas (my neighbour) is never going to speak to me again. And more importantly – all my former boyfriends and all the people I had a crush on would look askance at me – and I have no idea what they might do next.

Dies ist die Aussage einer indischen Bloggerin namens „Sexy Indian Bitch“ über die Konsequenzen, die eine Aufdeckung ihrer Anonymität nach sich ziehen würde – da sie nun auch Leser ihres Blogs auf den Filmfestspielen in Goa erkannt hatten. Knapp fünf Monate später entschied die Schreiberin, dass zuviele Menschen ihre Identität kennen, und schloss den Blog – letztlich allerdings nur für ein halbes Jahr.

Was war der Grund für diese Entscheidung? Die indische Autorin mit dem provokanten Namen hatte ihren Blog zu einem Forum für Diskussionen über Leben, Liebe und Lust werden lassen und damit eine interessierte Leserschaft gefunden. Die dabei hervortretene starke Explizitheit bewegt sich weit außerhalb der Regeln des indischen Mainstreams betreffend Sexualität.

So beschreibt die Autorin in einem Beitrag namens „Three’s Company“ ihre gleichzeitige Liebe zu zwei verschiedenen Männern. Dabei entwickelt sich der Blog zu einer Art Ratgeberkolumne, in der die Leser mittels Kommentaren eine kleine Community bilden. Und obwohl die Autorin gerade durch die Darstellung von privaten Details – einer schrittweisen Deanonymisierung – Interesse in der Leserschaft erweckt, ist das vollständige Aufdecken ihrer Identität nicht erwünscht. Ein andere indische Autorin musste den sehr offen mit Sexualität umgehenden Blog „The Compulsive Confessor“ nach Aufdeckung ihrer Identität in Folge eines Zeitungsartikels kurzzeitig schließen. Sie entschloss sich jedoch anschließend offen unter ihrem bürgerlichen Namen weiterzuschreiben.

Der Geist des Bloggens

Wesentlich für das Schreiben eines persönlichen Blogs ist die Veröffentlichung eines nach außen getragenen Selbst des Autors. Dies geschieht durch schrittweise Enthüllung in semi-privater Umgebung: Bestimmte Ausschnitte aus dem Leben werden präsentiert und einem beschränkten Kreis von Lesern offenbart.

Dieses Blogger-Selbst ist dabei wie folgt charakterisiert:

„The blog self is a hyperlinked, augmented self, in dialogue with the world through sharing of the private, involving a tactical incorporation of the quotidian, and which (subversivley) blurs the distinction between private and public.“ [Nayar, S.214]

  1. „hyperlinked“
    Der persönliche Blog verknüpft das bloggende Selbst mit der Welt. Dies geschieht durch die dem WWW zugrundeliegende Technik, das Setzen von Hyperlinks. Jedes Selbst wird so zu einem Knoten in einem Netz (Web) von verlinkten Profilen. Damit wird die technische Grundlage des Internets adaptiert.
  2. „augmented“
    Über die Verlinkung hinaus wird die Selbstrepräsentation durch Verknüpfungen zu zahlreichen anderen Medien vergrößert: Bilder, Video- und Audioclips sowie Kommentare durch die Leser sind die externen Quellen, die das Selbst erweitern und es somit nicht losgelöst im Raum stehen lassen. Mit jeder dieser Interaktionen wird das Selbst erkennbar, verändert und artikuliert.
  3. „in dialogue with the world“
    Ziel der Publikation in einem Blog ist das Teilen von privaten Erfahrungen mit einem bestimmten Leserkreis. Im Gegensatz zu einem klassischen Tagebuch schreibt der Blogger also nicht monologisch, sondern erwartet eine Zuhörerschaft und Antworten. Auf diese wiederrum bezieht sich der Autor in seinen Beiträgen.
  4. „sharing of the private“
    Um einen Leserkreis gewinnen und halten zu können, muss sich der Autor bemühen, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dies geschieht durch Herstellung von Glaubwürdigkeit. Private Details aus dem Leben des Selbst wie Beruf, Wünsche, Fetische, Geschmäcker o.ä. müssen nachvollziehbar und glaubhaft nach außen getragen werden.
  5. „blurs the distinction between private and public“
    Trotz der notwendigen Glaubwürdigkeit schreiben fast alle Blogger unter Pseudonymen. Als die Identität hinter „Sexy Indian Bitch“ in Folge von veröffentlichten Details zu erkennbar wurde, musste sie ihren Blog für ca. ein Jahr schließen. Blogger wollen eine Zuhörerschaft, jedoch nur im Cyberspace. Sie wollen Aufmerksamkeit für das bloggende Selbst, ohne die dahinter stehende Identität zu offenbaren.

„Blast blogs“

Die Relevanz des Bloggings in Indien lässt sich gut an den Ereignissen 2006 in Mumbai und 2007 in Hyderabad ablesen, als dort Bomben im Zuge terroristischer Anschläge explodierten.

So brach 2006 kurz nach den Anschlägen im Internet ein Twitter-Gewitter aus, in dessen Folge der Microblogging-Dienst ununterbrochen Kurzmeldungen aus Mumbai verbreitete. Auch andere indische Blogs spielten dabei eine wesentliche Rolle. Für viele traditionelle Medien bildeteten die dort verbreiteten Informationen die ersten Quellen direkt vor Ort, Blogger wurden teils gezielt kontaktiert. Gleichzeitig wurden kurz darauf Blogs gesperrt, weil die indische Regierung diese als Bedrohung der inneren Sicherheit des Landes einstufte. Sie befürchtete potentielle Subversion und betonte, dass auch die Attentäter Blogs zur Kommunikation genutzt hätte. Auch nach den Bombenanschlägen 2007 in Hyderabad entstanden zahlreiche (Video-)Blogs, sogenannte „blast blogs“. Der wachsende Einfluss des neuen Mediums auf die öffentliche Debatte in Indien wurde hier erstmals deutlich erkennbar.

Digitale Mikropolitik

Auch auf einer politischen Mikroebene haben Blogs in Indien bereits Einfluss auf das politische Geschehen nehmen können: So konnte ein Blog gegen das Verkehrschaos in Hyderabad erreichen, dass es zu einem Treffen mit Vertretern des örtlichen Verkehrsministeriums kam, in dem zusammen über Lösungen der Probleme diskutiert wurde.

Die Relevanz eines Blogs ergibt sich dabei nicht durch die bloße Zuhörerschaft, die erreicht wird. In Blogs wird der Fokus eher von den Zuhörern auf den Schreiber verschoben, dessen individuelle Äußerungen ohne jegliche Vermittlung verbunden mit einer kleinen Community von Lesern eine bestimmte Form von Freiheit artikulieren. Meist handelt es sich hierbei um Personen, die sonst ihre Ansichten nicht äußern würden. Der Blog wird dabei zum zentralen Sammelpunkt einer Community, die auf Basis eines gemeinsamen Interesses zusammenkommen.

Das Blogging eröffnet damit die Möglichkeit, Debatten nach außen zu tragen. Die Community kann mittels des Blogs an diesen öffentlichen Debatten teilnehmen; sie machen „digital micro-politics“.

Literatur

Pramod K. Nayar, India goes to the blogs; in: Popular Culture in a Globalised India, Abingdon 2009, S.207-222