29. Juni 2011 von s_9na3ed hinduismus-buddhismus-asien2011 0

Das thailändische Ramakien

von A. Krol,  s_wauy9x und s_9na3ed

Das Ramakien (deutsch: “Zu Ehren Ramas”) ist die thailändische Fassung des indischen Nationalepos Ramayana und kann als literarischer Beweis des indischen Einflusses auf die thailändische Kultur gedeutet werden. Es gibt zahlreiche Versionen des Ramakien. Die bekannteste und vollständigste Geschichte um den legendären König Ram wurde  1797 von König Rama I verfasst. Er etablierte Bangkok als Hauptstadt und verfasste das Ramakien zur Feier der Einweihung des Royalen Palastes, eines wichtigen Symbols der neuen Hauptstadt. Doch was genau ist eigentlich das Ramayana und wie unterscheidet es sich von der thailändischen Version des Mythos?

Das Ramayana

Das Ramayana des Valmiki ist neben dem Mahabharata das zweite große indische Epos. Es ist auf Sanskrit geschrieben und besteht aus sieben Büchern und 24000 Doppelversen. Es wurde vermutlich im 4 . oder 3. Jahrhundert vor Christus begonnen, wobei das erste und das siebte Buch später geschrieben wurden. Das Ramayana (“Lebenslauf des Rama”/”Reise des Rama”) handelt vom Kampf zwischen Gut und Böse, von Liebe und Treue. Es erzählt von Geburt, Aufwachsen, Jugend und Leben des mythischen Prinzen Rama aus Ayodhya, der siebten Inkarnation des Gottes Vishnu im zweiten Weltzeitalter, dem Tretayuga. Als rechtmäßiger Erbe auf Geheiß seiner Stiefmutter vom Thron seines Vaters verdrängt, geht Rama in Begleitung seiner Frau Sita (Vorbild einer hingebungvollen Frau und idealen Tochter) und seines Bruders Lakshmana ins Exil. Dabei wird Sita vom Dämonenfürsten Ravana auf die Insel Lanka (das heutige Sri Lanka) entführt. Rama begibt sich auf die Suche. Mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman und einer Arme aus Affen und Bären besiegt Rama Ravana, erschlägt ihn und rettet Sita. Er gewinnt seinen Thron zurück und regiert für mehr als 1000 Jahre als weiser und gerechter König. Seine Herrschaft wird oft als goldenes Zeitalter Indiens bezeichnet. Das siebte Buch schildert die Zweifel des Volkes an der ehelichen Treue Sitas sowie die Geburt von Ramas Zwillingssöhnen Kusha und Lava, die Sita in der Verbannung unter dem Schutz des Einsiedlers Valmiki, der auch als Verfasser des Epos auftritt, zur Welt bringt. Nach 15 Jahren ruft Rama Sita zurück in die Hauptstadt. Als abermals Gerüchte um ihre Untreue laut werden, kann sie mittels einer Feuerprobe, aus der sie unversehrt hervorgeht, ihre Unschuld beweißen. Das Epos endet damit, dass Sita aufgrund von erneuten Beschuldigungen des Volkes um ihre angebliche Untreue von der Mutter Erde, der sie entstammt, zurückgenommen wird. (Diese grausame Wendung ist typisch für hinduistische Mythen, in der Recht und Unrecht oft sehr nahe beieinander liegen.) Mit gebrochenem Herzen geht Rama als Asket in die Einsamkeit, ertrinkt in einem Fluss und verwandelt sich schließlich in seinen Ursprung, den Gott Vishnu, zurück.

Trotz seines weltlichen Charakters enthält das Ramayana zahlreiche vedische Elemente. Darüber hinaus sind Rama, Sita, Lakshmana und Hanuman Idealtypen: sie stehen für königliches Heldentum, für eheliche bzw. brüderliche Treue sowie für Pflichterfüllung und Gehorsam. Noch heute werden Szenen des Rama-Mythos (sogenannte Ram-Lilas) in ganz Indien und (in Varianten) in ganz Südostasien dramatisch ungesetzt.  Das vielfach übersetzte – und bearbeitete Werk (das sogeannte Ramcaritmanas “Heiliger See der Taten Ramas” – die bekannteste – und eigenständigste – Überarbeitung in der Nationalsprache Hindi stammt von dem religiösen Dichter Tulsidas aus dem 16. Jahrhundert/hier gibt es sogar ein “Happyend” zwischen Rama und Sita) übte großen Einfluss auf die Entwicklung der indischen Literatur aus.

Das Ramaraja, also das Königreich und die Herrschaft des Rama, gilt im indischen Fundamentalismus (dem sogenannten Hindu-Nationalismus) als erstrebenswertes Ideal für ein künftiges Indien. Rama ist bis heute das Idealbild von Männlichkeit, Gerechtigkeit, Königswürde, Tapferkeit, Tugend, Weisheit, Pflichterfüllung und des Dharma schlechthin. Er gilt als perfekter Ehemann, Herrscher, Sohn und Vorbild für die ganze Menschheit. Dargestellt wird Rama stets in blauer Körperfarbe und mit Pfeil und Bogen in den Händen. Es existieren mehrere nationale Fassungen und Weiterentwicklungen des Ramayana, wie etwas das Ramakien in Thailand.

Unterschiede zwischen Ramayana und Ramakien

Das Ramakien sollte zur Glorifizierung des Königs, zur Festigung seiner Machtposition, zur Unterhaltung des Volkes, sowie zur Vermittlung moralischer Werte dienen. Dem thailändischen Volk sollte zudem ein Bewusstsein für die Wichtigkeit von Kriegen vermittelt werden, was durch die im Ramakien erzählten Episoden zu Kriegshandlungen erreicht werden konnte.  Dies war aufgrund der stetigen Kriege Thailands mit Burma nötig.

Die Hauptfiguren des Ramayana bekommen im Ramakien andere Namen und die Orte werden an die ländlichen Gegebenheiten Thailands angepasst. Rama wird zu Phra Ram, Vishnu (Narayana) zu Phra Narai, Sita zu Nang Sida Nonglak, einer Verkörperung der Glücksgöttin Phra Laksami (Lakshmi) und Frau des Phra Narai, Lakshmana zu Phra Lak, Sugriva zu Sukhrip, Ravana zu Totsakan, Valmiki zu Chanok, Lanka zu Long Ka und Ayodhya zu Ayudhya, der damaligen Hauptstadt von Siam. Die Gewichtigkeit der Figuren ist zudem eine andere: So liegt der Hauptakzent des Ramakien nicht etwa auf Rama, sondern auf Hanuman. Der schalkhafte Hanuman ist besonders wegen seines Humors, seiner Sanftmut und seines naiven Charakters eine beliebte Figur. Er verkörpert darüber hinaus das Verhältnis zwischen Diener und Herrn. Er verleiht dem Ramakien stark komödiantische Züge. Die thailändische Version des Mythos ist zudem insgesamt eher eine “Komödie” als eine Tragödie. Das Epos hat dort zudem ein “Happy-End”. Es endet mit der glücklichen Vereinigung von Phra Ram und Nang Sida Nonglak. Alle im Ramakien auftauchenden Hauptfiguren erkennt man nur anhand ihrer Gesichtsfarbe. Phra Ram hat eine grüne Gesichtsfarbe, Phra Lak eine goldene, Totsakan eine gold-grüne Gesichtsfarbe und Hanuman ein diamant, weißes Fell.  Die thailändische Fassung des Mythos verfügt zudem über eine überwältigende Vielzahl von Figuren. Insgesamt ist es etwas kürzer als das indische Ramayana.

Das Ramakien wurde von Anfang an als fester Teil der thailändischen Kultur betrachtet. Das Ramayana wird auf thailändische Sitten und Umgangsformen, thailändische Kleidung und Paläste, sowie auf Lebensweise und Lebensumstände der Thai übertragen. Es ist weit mehr als eine bloße Adoption des Ramayana, es ist zum festen Bestandteil der eigenen kulturellen Identität des Landes geworden.

Das im Ramakien dargestellte Konzept von Königswürde ist dem des indischen Ramayana entlehnt, jedoch wird stärker hervorgehoben, das es sich bei dem Regenten um eine Reinkarnation (Avatara) des Hindugottes Narayana (Vishnu) handelt. Aufgrund seiner Gotthaftigkeit muss ihm unhinterfragte Gefolgschaft geleistet werden, allerdings zeigt der König selbst seine Weisheit, indem er nicht impulsiv handelt, sondern sich stets mit seinen Beratern bespricht.

Obwohl in der thailändischen Gesellschaft das Kastensystem abgelehnt wird, wird eine grundsätzliche Ungleichheit der Menschen anerkannt, die auf dem Glauben an das Karma beruhen. Dies beinhaltet den Grundgedanken, dass die soziale Stellung sowie Erfolg und Misserfolg einer Person als Resultat früherer Handlungen und voriger Leben zu verstehen sind. Daraus resultiert im Ramakien beispielsweise die große Distanz zwischen König und Volk, sowie die Forderung an schlechter Gestellte, sich mit ihrem Schicksal abzufinden und sich nicht dagegen aufzulehnen. Dies wird am Beispiel von Hanumans Figur im Ramakien an mehreren Stellen der Geschichte verdeutlicht. Die zentrale Rolle des Karmas im Ramakien erklärt auch, wieso selbst als “gut” angesehene Figuren leiden müssen, wenn sie zuvor etwas Falsches getan haben. Insgesamt ist das Ramakien mehr eine buddhistische als eine hinduistische Konzeption und beinhaltet viele zentrale Lehren des Buddhismus. So wird die Unbeständigkeit des menschliches Glücks in den Vordergrund des Epos gerückt. Die drei buddhistischen Begriffe der Gier, des Hasses und der Verblendung sind darüber hinaus von zentraler Bedeutung. Der Überzeugung nach soll das Ramakien sogar dem Gläubigen den Weg zur Erkenntnis zeigen.

Während dem Karma im Ramakien eine wichtigere Stellung zukommt als im Ramayana, werden indische Konzepte zu Familien- und Geschlechterbeziehungen aus dem Ramayana im Ramakien weitgehend übernommen. So verhält sich Sita entsprechend dem damaligen indischen Frauenideal, Ram und Brot zeigen das Konzept der brüderlichen Zuneigung und Rams Beziehung zu seinem Vater spiegelt die Machtposition der Väter über ihre Kinder wieder.

Umsetzung des Ramakien in Kunst und Literatur

Die Geschichte des Ramakien wird heute auf verschiedene Weise in Kunst, Literatur und Alltagskultur verwendet. Die Thailänder verknüpfen Teile des Ramakien mit bestimmten geographischen Arealen oder besonderen Städten ihres Landes, und schreiben ihnen somit besondere Bedeutung zu. So wird der See Thale Chup Son als heilig angesehen, weil Rama hier seinen Pfeil versenkt haben soll. In der Umgangssprache finden sich Sprichwörter und feststehende Redewendungen, die dem Ramakien entlehnt sind. So meint “to fly further from Lankra” etwas zu übertreiben und bezieht sich auf eine Episode, in der Hanuman im Eifer Sita schnell zu finden, über Lankra hinaus fliegt.

Ein Beispiel für die Adaption der Geschichte des Ramakien in der darstellenden Kunst sind das Schattenspiel (thail. Nang Yai), die dramatische Umsetzung des Lakhon und der Maskentanz Khon. Im Kohn tragen die Akteure Masken, welche die Charaktere des Ramakien darstellen, und präsentieren die Episoden in einer Verbindung von Tanz, Musik und Rezitation. Eine häufig dargestellte Szene ist der Kampf zwischen Rama und Ravana. Der Lakhon unterscheidet sich vom Khon dadurch, dass die Akteure Gesang mit in ihre Darstellung einbinden.

In der thailändischen Literatur existieren schon seit 1292 n.Chr. Bezüge zu den Geschichten des Ramakien in Form von Gedichten und Versen. Mit dem Fall Ayudhyas 1767 n. Chr. gingen fast alle literarischen Werke Thailands verloren. König Rama I sammelte die noch vorhandenen schriftlichen und mündlich überlieferten Überbleibsel der Legenden um Rama und verfasste daraus das bis heute bekannte Ramakien. König Rama II schrieb 1815 n.Chr. eine für den Khon und Lakhon ausgelegte Version des Ramakien. Weitere Versionen folgten. Durch zahlreiche schriftliche und mündliche Überlieferung wurde innerhalb der thailändischen Bevölkerung die Geschichte des Ramakien in unterschiedlichen, regional angepassten Varianten überliefert. Sie wird bis heute in den Schulen des Landes gelesen und gelehrt.

Die Charaktere im Ramakien verkörpern Eigenschaften, die landesweit in Thailand als wünschenswert anerkannt werden, und poträitieren das menschliche Leben in verschiedenen Facetten. Dies ist der Grund für die anhaltende Popularität der Rama-Geschichte innerhalb der thailändischen Gesellschaft.

Quellen

  • Kumari, Asha (1990): The Ramayana and the Thai Ramakien in Hinduism and Buddhism.VNS