11. Januar 2011 von vpuy9x christliches-web2010 2
„Denn nur, wenn man Fragen zulässt, kann man auch auf neue Antworten stoßen!“ – Missionierung 2.0
von Susann Lüders & Fabian Palkowski
Im Rahmen des Seminars “Is Online Fellowship Real? Christliche Web 2.0-Anwendungen als religionswissenschaftlicher Gegenstand und religionsgeschichtliche Quelle” beschäftigten wir uns gezielt mit dem Thema Videocasts. Nach längerer Internetrecherche entschieden wir uns das Projekt Karacho TV exemplarisch näher zu betrachten.
Wenn Leute zu wildfremden Menschen ins Auto steigen und sich dann auch noch für die Öffentlichkeit filmen lassen, kann man so einiges vermuten. Doch im Van des Teams von Karacho-TV kommt es zu interessanten Gesprächen, manchmal provokant und offensiv und manchmal empathisch und sensibel. Anfang 2007 begannen die Akteure mit einem Kleinbus durch Marburg zu fahren. Sie bieten Menschen, die an Bushaltestellen warten an, sie kostenlos an ihr Ziel zu bringen. Als Gegenleistung werden Interviews („über Gott und die Welt“) geführt, welche dann als Videocasts im Internet veröffentlicht werden. Die Mitglieder von Karacho TV bezeichnen sich als christliche Akteure, deren Wunsch es ist, dass Menschen über den christlichen Glauben nachdenken. Das Team von Karacho-TV ruft ausdrücklich dazu auf, die Inhalte zu kopieren und in Jugendgottesdiensten oder ähnlichem anzuwenden. Das Hauptziel ist die Missionierung, die öffentliche Wirkung ist für sie ein willkommener Nebenaspekt. Von besonderem Interesse war für uns, aus welcher Motivation heraus und mit welcher Zielsetzung diese religiöse Gruppierung das Internet für ihre Zwecke nutzt. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen führten wir ein Interview mit einem der Urheber dieses Projektes.
Die Website karachotv.friends-marburg.de ist eine Subdomain der Domäne friends-marburg.de. Laut Impressum zeichnet sich die Jesus-Gemeinschaft e.V. für den Inhalt verantwortlich. In der Blogroll werden die Webpräsenzen des Christus-Treffs, des Projekts friends und des Videoportals sevenload verlinkt. Darüber hinaus wird der Videocast auch bei youtube, facebook und iTunes veröffentlicht. Neben den Videocasts enthält die Website von Karacho TV noch einen Weblog und eine Art Gästebuch, in dem Kommentare zu den einzelnen Episoden abgegeben werden können. Die Website teilt sich einer Recherche beim Yahoo Site Explorer zur Folge in 86 Webpages auf. Die Website wird derzeit von 232 anderen Websites verlinkt. Eine Eingabe bei Gaijin.at ergibt einen Page Rank von 2.
Inhaltlich gesehen ist die Website bedienerfreundlich aufgebaut. Die Toolbar ist in zehn Kategorien unterteilt, welche den Besucher übersichtlich durch die Website begleiten. Drei der zehn Kategorien beinhalten im Titel das Wort „Karacho“. Die Bedeutung und der Zusammenhang zum Namen werden in den Ausführungen jedoch nicht deutlich. Die Zusammenarbeit mit den sozialen Netzwerken twitter.com und facebook.com erlaubt es dem Publikum sich ständig zu informieren.
Besonders auffällig ist die Kooperation mit dem Videoportal youtube.de, da alle Podcasts auf diesem veröffentlicht werden. Die Akteure der Website bleiben, abgesehen von Gofi Müller mit dem wir das Interview führten, weitestgehend im Dunkeln. Beim Betrachten der Videos und unter der Rubrik „karacho-kirche“ wird deutlich, dass die Akteure sich selbst dem evangelischen Spektrum zuordnen, jedoch nicht welcher Strömung. Das Engagement außerhalb des Internets (quasi „offline“) steht der Onlinesituation in nichts nach. „Wir sprechen, schreiben, coachen und mentorieren und tun im Prinzip alles dafür, dass über die christliche Botschaft nachgedacht und gesprochen wird“ (Gofi im Interview).
Interview mit Gottfried (Gofi) Müller
Wie seid ihr auf die Anwendung von Videocasts gekommen und was erhofft ihr euch von dem Einsatz dieses Mediums?
Gofi: Jeder schaut gerne unterhaltsame Videos. Daher haben wir nach einem Video-Format gesucht, das kurzweilig, billig in der Produktion und für jeden erreichbar ist. Da war es einfach naheliegend, das zu nutzen, was Youtube so anbietet. Außerdem war uns klar, dass das Internet zur Lebensrealität der Menschen unserer Gesellschaft dazugehört. Wir haben an uns den Anspruch, die Lebensgewohnheiten und Kommunikationsweisen der Leute, die wir erreichen wollen, ernst zu nehmen. Außerdem sind es auch unsere eigenen Lebensgewohnheiten. Insofern war es sehr naheliegend, dieses Format zu entwickeln und zu nutzen.
Seid ihr institutionell organisiert oder fühlt ihr euch einer der großen konfessionellen Strömungen zugehörig?
Gofi: Wir sind Teil eines ‘jugendmissionarischen Projektes’, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, missionarische Bemühungen von Kirchen und christlichen Projekten deutschlandweit zu unterstützen. Häufig sind wir auch als Prediger zu Jugendevents unterwegs. Wir arbeiten mit allen Konfessionen und Denominationen zusammen, gehören aber selbst zum protestantischen Spektrum.
„Karacho“ bedeutet ja so viel, wie „mit hoher Geschwindigkeit oder Volldampf fahren“. Wie seid ihr auf den Namen gekommen und gibt es für euch irgendwelche Verbindungen mit dem christlichen Leben?
Gofi: karacho ist in der deutschen Umgangssprache ein relativ gängiges Wort, mit dem jeder irgendetwas anfangen kann und unter dem sich fast jeder irgendetwas anderes vorstellt. das kam uns entgegen. Ansonsten spielten die Assoziationen von Geschwindigkeit und Plötzlichkeit schon eine Rolle, denn schließlich müssen die Menschen, die wir zur Mitfahrt einladen, in kürzester Zeit eine ziemlich schwierige Entscheidung treffen. Wir tauchen sozusagen aus heiterem Himmel auf. Das Leben als Christ erleben wir übrigens als ebenso abenteuerlich und überraschend. Begegnungen mit Gott sind häufig recht plötzlich und überraschend, und auch wenn gerade die protestantische Frömmigkeit vieles von ihrer spirituellen Tradition als zu mystisch und zu anti-aufklärerisch abgetan hat, müssen wir doch sagen, dass christliche Spiritualität etwas ungeheuer Faszinierendes und unter Umständen positiv Verunsicherndes sein kann. In dieser Hinsicht will auch karacho tv positiv verunsichern, Fragen provozieren und die Menschen ein wenig verwirrter zurücklassen als vorher. Denn nur, wenn man Fragen zulässt, kann man auch auf neue Antworten stoßen. (dass ‘carajo’ im Spanischen eine vulgäre Bezeichnung für Penis ist, hat für unsere Namenswahl keine Rolle gespielt :))
Wie steht ihr zu anderen christlichen bzw. nichtchristlichen religiösen Gruppierungen?
Gofi: Wir mögen sie. Die Gespräche z.B. mit überzeugten Muslimen sind so wohltuend, gerade weil auch wir ziemlich klare Überzeugungen haben. In vielen Punkten sind wir uns einig, dass wir uns uneinig sind. Aber dann finden sich auch wieder sehr interessante Gemeinsamkeiten. Es ist immer sehr angenehm mit Menschen zu sprechen, die wissen, woran sie glauben und warum sie daran glauben. Mit andere christlichen Gruppen arbeiten wir häufig und gerne zusammen. wir haben karacho tv dafür entwickelt, um andere Christen, egal welcher Couleur, zu inspirieren und mit Ideen und Material zu beschenken.
Welche positiven Erfahrungen habt ihr bei dem Dreh der Videocasts gemacht? Welche davon war am Bedeutendsten?
Gofi: Ich fühle mich selbst durch die Gespräche sehr bereichert. Es entsteht oft eine Offenheit im Gespräch, die mich selbst überrascht. Ich bin überzeugt, dass ich schon viel durch unsere Interviews gelernt habe. Übrigens beten wir vor dem Dreh als Team gemeinsam und bitten Gott, uns zu den Leuten zu schicken, bei denen ‘es passt’ und denen es gut tut, uns zu treffen. Es ist erstaunlich, wie oft das zuzutreffen scheint.
Welche negativen Erfahrungen habt ihr bei dem Dreh der Videocasts gemacht? Welche davon war am Bedeutendsten?
Gofi: Es gab bisher keine herausragend negativen Erlebnisse. Unangenehm ist es nur, wenn unsere Fahrgäste sich nicht auf das Wagnis der Offenheit einlassen und versuchen, eine gute Show zu bieten. Das kam aber bisher nur einmal vor. Alle anderen waren bisher geradezu brutal offen.
Wie seht ihr die Zukunft von „Karacho“?
Gofi: Ab Anfang 2011 steige ich, Gofi, aus dem Team aus. karacho wird in stellenweise neuer Besetzung fortgesetzt, solange es sinnvoll ist und irgendjemandem dient.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Das Interview wurde am 14.12./27.12.2010 per Email geführt)


Oho…man “twittert” über uns! http://twitter.com/karachotv/status/25223617755217921
Susi, 13. Januar 2011, 15:27das ging ja schnelll ;)
Stephan Schicke, 20. Januar 2011, 12:49