30. Oktober 2011 von Sarah Schmidt postmortalitaet2011 0

Der Tod in hinduistischen Traditionen

Der Hinduismus ist eine Religion, die aus verschiedenen Richtungen und Schulen besteht. Die einzelnen Schulen lassen sich auf eine Gründerperson zurückführen und beziehen sich dementsprechend auf bestimmte Institutionen und Glaubenslehren. Die Gottesvorstellungen und spirituellen Belange sind in den einzelnen Strömungen unterschiedlich geprägt,  auch die Ansichten über Leben, Tod, Jenseitsvorstellungen und Erlösung. Im Allgemeinen gehen die meisten Hindus davon aus, dass das Diesseits und das Jenseits aus einem ständig wiederholenden Kreislauf besteht, der Reinkarnation. Um ihren persönlichen Glauben ausleben zu können, sind die Hindus oft  auf ihre Gurus angewiesen, die dadurch einen hohen Stellenwert erhalten.

Nachfolgend sollen einige grundsätzliche Begrifflichkeiten zu den Postmortalitätsvorstellung des Hinduismus erläutert werden, um einen allgemeinen Überblick der verschiedenen vorherrschenden Vorstellung zu bekommen.

Die Kosmologie: Zwischenraum, Himmel, Höllen und Unterwelten

Der Zwischenraum ist sowohl Ort der Geister und Dämonen, als auch der Ort der verlorenen Seelen. Dort verweilen die Hindus, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind oder aufgrund fehlender oder unzureichender Totenrituale zu Geistern werden. Es besteht schon die Gefahr zu einem solchen zu werden, wenn ein Hindu auf einem Bett liegend stirbt, da das Bett in die Zwischenwelt hineinragt. Stattdessen werden die Sterbenden auf die rituell gereinigte Erde gelegt. (Buß 2009, S. 108, 109)

Im ersten Himmel erhalten die Götter und die Ahnen die Unsterblichkeit. Sie trinken dazu den Nektar des Mondes, bis dieser verbraucht ist. Im Anschluss wird er durch die Strahlen der Sonne wieder aufgefüllt. (Buß 2009, S. 109)

Die Unterwelten sind für die Dämonen und unterirdischen Wesen. Sie wird ähnlich der menschlichen Städte geschildert, mit großen Palästen und schön angelegten Städten. Über die Höllen, in denen die bösen Menschen für ihre schlechten Taten bestraft werden, wird besonders ausführlich in der puranischen Literatur berichtet. Auf die Art der zu erwartenden Strafe verweist hierbei der Name der Hölle (z.B. Schwertblätterwald, Topf-Garung). (Buß 2009, S. 109, 110)

Die Puranas berichten ebenfalls von einer einjährigen Jenseitsreise, die ein Verstorbener nach seinem Tod absolvieren muss. Danach tritt der Verstorbene vor das Totengericht und der Totengott Yama richtet über die Taten des Menschen und entscheidet, ob er in den Himmel oder in die Hölle kommt. (Buß 2009, S. 111, 112)

Wiedergeburt, Seelenwanderung und Reinkarnation

In den frühen Upanishaden wird unter Karma die (guten und schlechten) Taten eines Menschen verstanden, welche  nach dem Tod versühnt werden müssen. Dazu zählt nicht nur die Tat an sich, sondern auch schon das Vorhaben. Ausgangsposition bei Beginn eines neuen Lebens sind die Taten des letzten Lebens, das so genannte „gesammelte Karma“. Um dem Wiedergeburtenzyklus, welcher unendlich lange andauern kann und als prinzipiell leidlich angesehen wird, zu entkommen, muss der Mensch nach Erlösung streben und gute Taten vollbringen. Die verschiedenen Wege der Erlösung werden in der Bhagavad-Gita gelehrt (siehe Kapitel: Entkommen aus dem Samsara). Unter dem Begriff „Seelenwanderung“ , so schreibt Buß, versteht man die Reise der Seele von Wiedergeburt zu Wiedergeburt. (Buß 2009, S. 138, 139)

Reinkarnation (Wiederverkörperung) beschreibt die Körperlichkeit, die die Seele in ihrem neuen Leben einnehmen wird. Ohne einen Körper hat die Seele keine Empfindung und keine Handlungsmöglichkeit und kann somit nicht nach Erlösung streben. Die beste Möglichkeit, neues Karma zu schaffen, ist die Wiedergeburt als Mann. (Buß 2009, S. 139 , 140)

Neben den Wiedergeburtsvorstellungen

Die Lehre von den zwei Wegen:

In der Rigveda wird von der Lehre der zwei Wege berichtet. Nach dem Tod kann der Verstorbene zwei Wege einschlagen. Der erste ist der Weg der Väter. Hier genießt der Verstorbene den Verdienst seiner guten Taten und wird danach auf der Erde wiedergeboren. Der zweite Weg ist der Weg der Götter. Der Verstorbene geht durch die Erlösung in die göttliche Weltseele ein und wird nicht mehr wiedergeboren. (Buß 2009, S. 141, 142)

Ahnenverehrung:

Älter als die Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt ist die Ahnenverehrung. Durch Rituale und Opfergaben durch den ältesten Sohn wird der Verstorbene in den Kreis der Vorfahren eingegliedert. Die Vorstellung von Reinkarnation besteht daneben, das heißt der Tote wird entweder wiedergeboren oder wird mit den Ahnen im Himmel vereint. Die Ahnen werden dann von den Familien durch Opfergaben geehrt und stehen der Familie im Gegenzug bei und segnen sie. (Michaels 1998, S. 160-165)

Entkommen aus dem Samsara

Samsara bezeichnet den Kreislauf der Wiedergeburten. Gier, Hass, Verblendung und Unwissenheit sind Eigenschaften, durch die man im Kreislauf gefangen bleibt. Um zu entkommen gibt es verschiedene Wege und Ansätze, wobei man aus der Welt mit all ihren Sehnsüchten und Leidenschaften austritt, sich also von allem trennt. (Buß 2009, S. 143-146)

Um sich von seinen Begierden und Emotionen zu befreien, soll die Meditation den Menschen helfen, den richtigen Weg zu finden. Der Guru lehrt, wie man sich von den Verlockungen der Sinneswelt fernhält und durch den Blick nach innen immun dagegen wird. Meditation verlangt von den Menschen viele Anstrengungen in der Gedanken- und Konzentrationsarbeit. (Buß 2009, S. 143-146)

Es gibt folgende drei Wege, die Erlösung zu finden, wobei diese auch miteinander kombiniert werden können. (Buß 2009, S. 146-148)

Der erste ist der Weg der Erkenntnis. Der Mensch muss den Zusammenhang zwischen Karma und Wiedergeburt und seinen eigenen Beitrag dazu begreifen, denn die Menschen haben falsche Vorstellungen, die sie von der Erlösungssuche ablenken. Durch Meditation soll die wahre Natur des Menschen erkannt werden. (Buß 2009, S. 146)

Der zweite Weg, der Weg der Tat, setzt bei den Taten der Menschen an, die ihn im Kreislauf der Wiedergeburten festhalten. Der Mensch muss von egoistischen und zweckgebundenen Zielen abkommen und sein Karma verbessern. (Buß 2009, S. 146-148)

Der dritte und letzte ist der Weg der Teilhabe. Hier sucht der Mensch die Hilfe eines Gottes und gibt sich seinem Willen vollkommen hin, damit er sich nicht wieder in seine Taten und falschen Vorstellungen verstricken kann. Dieser Gott hat dann die Macht, die Karma-Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen und den Menschen aus dem Wiedergeburtenkreislauf zu befreien. (Buß 2009, S. 148)

Asketen –  Ihr Streben nach Erlösung

Asketen steigen aus der Gesellschaft aus, indem sie ihre Familien verlassen und ein Leben in Wanderschaft führen oder sich in festen Klöstern niederlassen. Sie führen ihre eigenen Totenrituale durch und leben daher auch oft in der Nähe von Verbrennungsstätten. Sie richten ihr ganzes Leben nur auf die Erlösung und führen dabei selbstquälerische Praktiken aus und haben besondere Ernährungsformen. Da sie nebenbei nicht arbeiten können, was sie vom Erlösungsstreben ablenken würde, müssen sie für ihr Überleben betteln gehen. (Michaels 1998, S. 154-163)

Der Tod – Verunreinigung und Totenrituale

Nach dem Tod wird der Verstorbene meist verbrannt, was möglichst noch am selben Tag stattfinden sollte. An der Verbrennung dürfen Frauen nicht teilnehmen. Die Verwandten des Toten sind nun aber verunreinigt und müssen sich daraufhin an bestimmte Essensvorschriften halten und können an bestimmten Ereignissen in der Gesellschaft nicht teilnehmen. Die nächsten Verwandten sind am stärksten verunreinigt. (Michaels 1998, S. 153, 154)

Die Rituale zum Reinwerden unterscheiden sich je nach Grad der Verunreinigung. Nur nach der genauen Befolgung der Rituale kann der Betroffene wieder in die Gesellschaft zurückkehren. Der älteste Sohn führt mit Hilfe des Totenpriesters die Totenrituale aus und ist am stärksten verunreinigt, daher muss er sich in dieser Zeit ganz von der Gesellschaft fernhalten und hat noch gesonderte Rituale (wie Speiseverbote), um von der Verunreinigung loszukommen. (Michaels 1998, S. 153-156)

13 Tage nach dem Tod befindet sich der Verstorbene noch am Haus oder dem Verbrennungsplatz. In dieser Zeit dienen ihm die durchgeführten Rituale, als Geleit und Versorgung auf dem Weg zum Jenseits. Danach befindet sich der Tote ein Jahr auf der Jenseitsreise und wird zusammen mit den anderen verstorbenen Ahnen regelmäßig in Ahnenritualen verehrt. (Michaels 1998, S. 150-165)

Tod und Erlösung in Varanasi

In Varanasi befindet sich eine große und bekannte Verbrennungsstätte. Viele Hindus reisen dorthin, um zu sterben. Die Stadt selbst ist eine der ältesten Indiens und die heiligste des Hinduismus. Sie ist so heilig, dass der Totengott Yama keinen Zutritt zu ihr hat und die Toten ungeachtet ihrer Taten die Erlösung finden. Sie werden dort am Ganges verbrannt. (Buß 2009, S. 318)

Anschauung einer Primärquelle: Die Puranas

An dieser Stelle soll ein kurzer Einblick in die Puranas stattfinden , da Indologen und Ethnologen  immer wieder auf die Garudapuranas oder dem Garudapuranasaroddhara verweisen, wenn es um Themengebiete der Jenseitsvorstellungen oder  Totenrituale geht.  Die Garudapuranas zählen zum Sortiment der Puranas. Garuda ist in der indischen Mythologie ein Schlangen tötendes halb mensch-, halb  adlergestaltiges Reittier des Gottes Vishnu. In der asiatischen Mythologie hat er auch die Funktion eines Götterboten  und überbringt Botschaften oder Anweisungen der Götter an die Menschen. Am Anfang des Garudapurana findet ein Gespräch zwischen dem Gott Visnu und Garuda statt. Danach werden verschiedenen Themen angesprochen, zum Beispiel Totenrituale und das Leben nach dem Tod. (Wikipedia: Garuda)

[1.] Garuda (der Vogel), Vishnu und Lakshmi; unbekannter Künstler aus Bundi, Rajasthan, India

Das komplette Sortiment der Puranas zählt zu den wichtigsten Texten des Hinduismus und ist auf eine Entstehungszeit von 3. – 8. Jahrhundert n. Chr. zurückzuführen. Diese Textsammlungen sind  im Laufe der vielen Jahrhunderte entstanden, unter der Hand von verschiedenen Autoren. (Buß, 2009, S. 298)

Von den über 400 000 existierenden Puranas, werden 18 als Hauptpuranas anerkannt, die wiederum in drei Gruppen unterteilt werden (Wikipedia: Puranas):

  1. Brahma (Brahmapurana, Brahmanandapurana, Brahmavaivartapurana, Markandeyapurana, Bhavishyapurana, Vamanapurana)
  2. Vishnu (Vishnupurana, Bhagavatapurana, Naradiyapurana, Garudapurana, Padmapurana, Varahapurana)
  3. Shiva (Shiva- oder Vayupurana, Lingapurana, Skandapurana, Agni, Matsyapurana, Kurmapurana) (Wikipedia: Puranas)

Da viele religiöse Schulen im Hinduismus existieren, haben die Puranas keine unumstößliche Funktion der Veden. Sie bilden aber die Grundlage für die Entfaltung einzelner hinduistischer Traditionen, in mannigfaltigen theologischen Schulen und Religionsgemeinschaften. (Buß, 2009, S. 299)

Sie enthalten vedische Unterweisungen in Form von Mythen, Geschichten, Heldengeschichten, Ritualtexten, Königslisten, Beschreibungen der Geographie Indiens und Preisungen (zum Beispiel heiliger Stätten). Zum größten Teil sind die Puranas in der Form einer Geschichte geschrieben,  um das Verständnis dieser Botschaften zu erleichtern. Viele Werke beschäftigen sich in größeren Kapiteln auch mit den Themen der vier Lebensstadien,  der Rechte und Pflichten der einzelnen Kasten, der ethischen und spirituellen Unterweisungen sowie über die Opfergaben der Toten. Ein Purana trägt in der Regel oft den Namen der Gottheit, von dem es am meisten erzählt. Die Mythen der Puranas sowie die Schriften aus beiden Sanskritepen, prägten den hinduistischen Glauben in hohem Maße. (Buß, 2009, S. 298f.)

Nachfolgend soll ein kleiner Einblick in einige Textausschnitte aus dem  Garudapuranasaroddhara erfolgen. Das behandelte Thema in diesen Textausschniten ist “die Erlösung”:

Originaltext, mit anschließender deutscher Übersetzung: (Textasschnitte entnommen aus Buß, 2006. S. 104f.)

“śrutā mayā dayāsindho hy ajñānāj jīvasaṃsṛtiḥ, ad-hunā śrotum icchāmi mokṣopāyaṃ sanātanam”. (GPS 16.1)

“Durch mich wurde gehört, oh Strom des Mitleids, wie aufgrund des Unwissens die Wiedergeburt der Seele (verursacht wird). Jetzt möchte ich von den unvergänglichen Hilfsmitteln zur Erlösung hören.” (GPS 16.1)

“mokṣaṃ gacchanti tattvajñā dhārmikāḥ svargatiṃ narāḥ

“mokṣaṃ gacchanti tattvajñā dhārmikāḥ svargatiṃ narāḥ, pāpino durgatiṃ yānti saṃsaranti khagādayaḥ”. (GPS 16.116)

“Zur Erlösung gehen diejenigen, die die Wahrheit kennen, die rechtschaffenen Menschen gehen in den Himmel. Die Übeltäter gehen auf dem schlechten Weg und wandern (durch idie Existenz als) Vogel usw.” (GPS 16.116)

“na vedādhyayanān muktir na śāstrapaṭhanād api, jñānād eva hi kaivalyaṃ nānyathā vinatātmaja. nāśramaḥ kāraṇaṃ mukter darśanāni na kāraṇaṃ, tathaiva sarvakarmāṇi jñānam eva hi kāraṇam.”(GPS 16.87-88)

“Nicht durch das Vedastudium und auch nicht durch das Lesen der gelehrten Werke (entsteht) die Erlösung. Nur aufgrund der Erkenntnis und in keine anderen Weise (entsteht) die endgültige Erlösung, oh Sohn der Vinata. Nicht ist die Einsiedelei die Ursache der Erlösung, nicht sind es die philosophischen Anschauungen, und auch (nicht) alle (Arten) von taten, Die alleinige Urschaer (der Erlösung) ist die Erkenntnis.” (GPS 16.87-88)

Quellen

[1] Garuda (der Vogel), Vishnu und Lakshmi; unbekannter Künstler aus Bundi, Rajasthan, India, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Garuda_Vishnu_Laxmi.jpg?uselang=de.