08. Juli 2011 von MLangheim hinduismus-buddhismus-asien2011 3

Die Ausprägungen und Charakteristiken des Hinduismus auf Bali

von Marit Langheim

Die Balinesen nennen ihre Insel “Pulau Dewata”, was soviel bedeutet wie “die Insel der Götter”. Googelt man “Bali” allerdings, erscheinen in erster Linie Informationen für Touristen und Bilder von Stränden, Reisplantagen, Regenwald oder Hotelanlagen. Erst wenn man etwas genauer hinschaut, tauchen vereinzelt Bilder von Tempeln und Beiträge zur Religion Balis, dem Hinduismus, auf. Was also verbirgt sich hinter der Fassade des Urlaubsparadieses und damit hinter dem Namen “Pulau Dewata”?

Die Geschichte des Hinduismus auf Bali

Um diese Frage zu beantworten, muss zuerst einmal die Geschichte des Hinduismus auf Bali betrachtet werden, um überhaupt zu erfahren, wie der Hinduismus den weiten Weg von Indien nach Bali machte. Bali, heute “die Insel der 1000 Tempel” genannt, war einst durch mehrere lokale religiöse Traditionen geprägt. Heute ist Bali der einzige Teil Indonesiens, der nicht vom Islam, sondern vom Hinduismus geprägt ist. Als der Hinduismus bereits im 1. Jahrhundert durch südindische Siedler nach Indonesien gebracht wurde, entstanden die ersten hinduistischen und buddhistischen Reiche (u.a. das Majapahit Reich vom 13. bis zum 16. Jahrhundert), mit deren Einfluss auch Bali in Berührung kam. Als jedoch zum Ende des 15. Jahrhunderts der Islam immer weiter nach Indonesien vordrang, wanderte die hinduistische Oberschicht des Majapahit Reiches von Java nach Bali.

Obwohl sich also der Islam weitestgehend in Indonesien durchsetzte und die Holländer, die in erster Linie Kalvinisten waren, von 1846 bis 1942 Bali besetzt hielten, blieb die hinduistische Tradition auf Bali bestehen. Während der Kolonialzeit besannen sich die Balinesen nur noch mehr auf ihre eigenen Sitten und Bräuche als hinduistische Minderheit und sahen sich zum ersten Mal als Einheit. Ihre Identität basierte in ihrem Selbstverständnis dabei auf der Religion (agama) und der Tradition (adat).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam auf Bali jedoch die Frage auf, wie man umfassende Übertritte der Inselbewohner zu einer der ”Weltreligionen”, beispielsweise zum Islam oder Christentum, verhindern könnte. Die ‘Intellektuellen’ wollten dies um jeden Preis verhindern und so war es ihr Ziel, agama auf die gleiche Ebene wie andere religiöse Traditionen auf der Insel zu stellen und damit konkret als eine Religion zu benennen. Das Problem dabei war jedoch, dass auf Bali nicht zwischen Religion und Tradition unterschieden wurde und es den Balinesen fremd war, eine “richtige Religion” zu haben. Sie verfolgten stattdessen ihre Sitten und Bräuche, die sich auf der Insel von Dorf zu Dorf unterschieden. Da es die Balinesen allerdings Leid waren, als Heiden bezeichnet zu werden und da sie begannen, ihre bisherigen religiösen Traditionen in Frage zu stellen, wurde der Name “Agama Hindu Bali” vorgeschlagen. Dieser sollte veranschaulichen, dass die Balinesen den indischen Hinduismus neu interpretiert und an die Sitten und Bräuche ihres Landes angepasst hatten.

Aufgrund der mangelnden Übereinstimmung über den Namen für die balinesische Religion wurde kein konkreter Beschluss getroffen. Im Jahr 1937 wurde dann eine Kommission einberufen, um sich der Aufgabe anzunehmen, eine Heilige Schrift zur balinesischen Religion zu verfassen. Da man sich aufgrund der vielfältigen religiösen Praktiken auf der Insel nicht auf einen Konsens einigen konnte, wurde das Projekt nach drei Jahren als gescheitert erklärt und so verlieb Balis Religion ohne eine Heilige Schrift.

Im Jahr 1946 wurde dann das indonesische Religionsministerium eingerichtet, in dem drei Religionen vertreten waren: die Muslime, die Protestanten und die Katholiken. Die Anerkennung als Religion war hier nur möglich, wenn diese folgenden Kriterien entsprach:

  • monotheistisch
  • Heilige Schrift
  • Prophet
  • internationale Anerkennung
  • mehr als eine ethnische Gruppe ist der Religion angehörig

Somit war Balis Religion lediglich als Glaube angesehen, galt aber keinesfalls als Religion. Als jedoch Bali im Jahr 1950 Teil Indonesiens wurde, waren die Balinesen gezwungen, einen Unterschied zwischen Tradition und Religion zu machen. Adat und agama mussten strikter voneinander getrennt werden und so gingen die meisten Traditionen mit in die Religion über. Obwohl dies Unverständnis und Kritik bei den Balinesen auslöste, einigten sich die balinesischen religiösen Organisationen darauf, ihre Religion doch “Agama Hindu Bali” zu nennen. Nach weiteren fünf Jahren, am 5. September 1958, wurde Agama Hindu Bali dann offiziell als Religion Indonesiens anerkannt und erhielt damit einen Sitz im indonesischen Religionsministerium.

Das Religionsministerium setzte daraufhin die Balinesen unter Druck, ihre Religion zu vereinheitlichen. So wurde aus dem ehemals polytheistischen Glauben mit den lokal stark variablen Ritualpraktiken, bis 1960 eine staatlich anerkannte und einheitlich geltende Religion. Mit der Gründung der religiösen Institution namens “Parisada Dharma Hindu Bali” in Denpasar im Jahr 1960 wurde in Bali die formelle religiöse Bildung eingeführt. Diese Institution wurde der höchste Rat der hinduistischen Gemeinschaft in ganz Indonesien und begann schon nach kurzer Zeit erste Bücher zu veröffentlichen, in denen philosophische Lehren beschrieben wurden. Diese waren dem Großteil der Balinesen unbekannt, jedoch waren diese von nun an Inhalt des religiösen Lehrplans, durch den die religiösen Ansichten und Praktiken aller Hindus auf Bali vereinheitlicht werden sollten. Im Jahr 1993 wurde beispielsweise auch die “Akademi Pendidikan Guru Agama Hindu” von der Regierung anerkannt und 1999 zur staatlichen Hochschule für die hinduistische Religion ernannt.

Charakteristiken des Hinduismus auf Bali

Allgemein kann zu den heutigen Ausprägungen des Hinduismus auf Bali festgehalten werden, dass das alltägliche Leben der Balinesen vom Hinduismus durchdrungen ist und Religion und soziale Ordnung ein unzertrennbares Ganzes bilden. Das Durchführen religiöser Rituale nimmt eine zentrale Rolle im Leben der Balinesen ein, obwohl sich die religiösen Praktiken noch immer stark lokal unterscheiden. Das Ausführen religiöser Bräuche und Riten ist für die Balinesen eine Pflicht. Nehmen sie nicht an den religiösen Zeremonien teil, so gefährden sie den göttlichen Schutz für sich und ihre Familie, die Fruchtbarkeit ihres Landes und riskieren darüber hinaus, nicht mehr Teil ihrer lokalen Gesellschaft zu sein. So spielt bei den Balinesen das richtige Handeln eine größere Rolle, als den richtigen Glauben zu haben.

Als vom indischen Hinduismus übernommen gelten die hierarchische soziale Organisation sowie das Sanskrit. Außerdem glauben die Balinesen an die “Beseeltheit der Natur” und schreiben der Ahnenverehrung besondere Wichtigkeit zu. Darüber hinaus erinnern im Hindu Bali das Pantheon aus Göttern und Dämonen sowie die brahmanischen Priester, die Pedandas, ebenfalls an die hinduistische Tradition Indiens. Die Brahmanen kommen dabei durch Geburt oder Heirat zu ihrem Amt und gelten auf Bali selbst als eine Art Gottheit, da sich die Gottheit Shiva in ihnen während der Zeremonien manifestiert.

Gottheiten und Tempel

Die Verehrung der hinduistischen Trinität von Brahma, Vishnu und Shiva nimmt eine zentrale Stellung bei den Balinesen ein. Dabei gehen sie einer unüberschaubaren Vielfalt an kulturellen und spirituellen Aktivitäten nach, die alle dazu dienen, den Göttern zu huldigen und durch die religiösen Handlungen die Kräfte des Guten und Bösen auszubalancieren.

Neben den Göttern gilt der Vulkan Gunung Agung als spiritueller sowie auch als geographischer Mittelpunkt des Weltbildes der Balinesen. Nach diesem Vulkan ist alles auf Bali ausgerichtet, sogar die Betten in den Häusern zeigen mit dem Kopfende zu dem Vulkan.

Von besonderer Wichtigkeit ist neben der Götter-Dreiheit auch die “Tempel-Dreiheit”. So hat jedes Dorf drei Tempel, die jeweils einem der Gottheiten gewidmet sind:

  1. der Pura Puseh, der Ursprungtempel, für Brahma, den Schöpfer
  2. der Pura Desa, der Tempel der Ratsversammlung, der Vishnu, dem Erhalter, gilt
  3. der Pura Dalem, der Todestempel, der Shiva, dem Zerstörter gewidmet ist.

Diese Tempel sind Lebensmittelpunkt der Balinesen und es gibt mindestens 20000, wahrscheinlich aber bis zu 40000 von ihnen auf der Insel. Der wichtigste aller Tempel ist jedoch der Muttertempel, der Pura Besakih.

“Beseeltheit der Natur” und Ahnenverehrung

Balis ganzes Land ist nach dem lokalen religiösen Glauben durch das Übernatürliche belebt, das in den Steinen, Blumen, Seen, Quellen, Vögeln, im Wind und Meer zu finden ist. Kein Haus kann demnach gebaut werden, ohne vorher untersucht zu haben, ob an dem Ort Geister hausen, die man dadurch verletzen könnte und kein Baum wird gefällt, ohne dass man ihn vorher um Entschuldigung bittet. Frauen legen zudem fünf Mal am Tag Opferschälchen an den Orten nieder, in denen göttliche Kräfte vermutet werden.

Neben den Göttern und Geistern sind die Vorfahren der Balinesen ebenfalls Objekte der Verehrung. Daher ist auch in jedem Haushalt ein Schrein zu finden, der der Verehrung der Vorfahren gilt. Die Lebenden stehen in enger Verbindung mit ihren Vorfahren, da sie glauben, dass diese ihnen helfen, wenn sie sie in Ehren halten. So verbleibt jeder in enger Verbindung mit seiner Verwandtschaft, auch über den Tod hinaus, und behandelt die Verstorbenen mit großen Respekt. Wichtig ist dabei auch die Einäscherung der Verstorbenen, ohne welche die Seele der Verstorbenen nicht von der Erde losgelöst und mit der Gottheit Eins werden könnten. Vor der Einäscherung gilt die Seele des Toten zudem als unsauber und gefährlich, danach jedoch erhebt sich der oder die Verstorbene zu einem angemessenen Objekt der Verehrung, die in dem Haushalt der Nachfahren weiterlebt.

Im Allgemeinen gibt es im Bali-Hinduismus vier Wege der Anbetung, wobei die Opfergaben aufgrund des Glaubens an die “Beseeltheit der Natur” eine besonders zentrale Rolle einnehmen:

  1. karma marga: Opfergaben, beten und gute Taten
  2. bakti marga: Ehrfurcht gegenüber Gott und eine liebende Art
  3. yoga marga: Suchen nach der Vereinigung mit Gott durch mentale Konzentration
  4. jenyanga marga: lernen und praktizieren der Philosophie der Religion

Kritik am Bali-Hinduismus?

Wie an diesen Ausführungen deutlich wird, reproduziert der Bali-Hinduismus das hinduistische Erbe von Theologie, Philosophie, Literatur und Kunst erfolgreich bis heute, obwohl der Kontakt zum ursprünglichen hinduistischen Zentrum in Indien bereits seit 700 Jahren abgebrochen ist. So ist es durchaus sehr erstaunlich, dass der Hinduismus auf Bali allen äußeren Einwirkungen Stand gehalten halt und weiterhin mehr als 90 Prozent der Balinesen heute Hindus sind. Trotz dieser bewundernswerten Aufrechterhaltung der alten Traditionen kommt auch immer wieder Kritik am Bali-Hinduismus auf, die teilweise der Kritik am indischen Hinduismus ähnelt.

Beispielsweise werden die Mitgliederverzeichnisse kritisiert, die die Balinesen zur Teilnahme am Gottesdienst verpflichten. Außerdem dürfen balinesische Hindus ohne ihre traditionelle Kleidung keinen Tempel betreten. Weitere Kritikpunkte  sind die aufwendigen und dabei oft teuren Opfergaben sowie die unverständlichen und dadurch sehr unpersönlichen  Rituale, die von den Priestern durchgeführt werden. Auch hier scheint die Religion weiterhin die soziale Ordnung zu beherrschen und damit die Dominanz der Priester und damit gleichzeitig die Beibehaltung des Kastensystems zu fördern. Der britische Anthropologe Leo Howe fasst dieses Phänomen wie folgt zusammen:

“[...] Balinese Hinduism has strayed from the path of true religion. [...] it became overlain with the dross of ritual and buried beneath the [interests] of priests and rulers working to bolster their privileges in the caste system. What passes for Balinese [..] religion is a deviation from and a degradation of what it once was.”

Die Frage ist nun, ob diese Kritik angebracht ist und vor allem, ob die Balinesen dies genauso empfinden wie aus dem Westen stammende Wissenschaftler wie Leo Howe, die mit einem völlig anderen Blick auf die Gesellschaftsstrukturen einer vom Hinduismus geprägten Gesellschaft blicken und diese dementsprechend beurteilen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass Bali, Kritik hin oder her, heutzutage weiterhin wesentlich durch den Hinduismus geprägt ist und sich dieser über viele Jahrhunderte hinweg nicht von der Insel hat vertreiben lassen. Tatsächlich bestimmt der Hinduismus das Leben der Balinesen so sehr, dass ihnen zumindest keinesfalls vorgeworfen werden kann, ihre religiösen Zeremonien nur für die Touristen durchzuführen, da diese religiöse Hingabe eben genauso bei den Balinesen vorzufinden ist.

So sollte die Kritik am Hindu-Bali nicht unbeachtet bleiben, jedoch auch nicht vorschnell über die heutigen hinduistischen Praktiken auf Bali geurteilt werden. Der Frage danach, ob die Religion auf Bali von ihrem eigentlichen Weg abgekommen ist und sich zum Negativen verändert hat, kann hier nicht beantwortet werden. Kehrt man allerdings zur Ausgangsfrage zurück, scheint Fakt zu sein, dass Bali mehr als nur ein Urlaubsparadies mit Sommer, Sonne, Strand und Meer ist. Schließlich zeigt sich auf Bali ganz deutlich, dass der Hinduismus auch heute noch alle Lebensbereiche durchdringt und somit nur ein wirklicher Eindruck von Bali und seinen Bewohnern gewonnen werden kann, indem man sich mit dem hinduistischen Bali auseinandersetzt.

Quellen

  • Howe, Leo (2004): „Hinduism, Identity, and Social Conflict. The Sai Baba movement in Bali“. In: Ramstedt, Martin (Hg.): Hinduism in Modern Indonesia. A minority religion between local, national and global interests.
  • Ngurah, Nala (2004): „The Development of Hindu Education in Bali“. In: Ramstedt, Martin (Hg.): Hinduism in Modern Indonesia. A minority religion between local, national and global interests.
  • Picard, Michel (2004): „What‘s in a Name? Agama Hindu in the Making“. In: Ramstedt, Martin (Hg.): Hinduism in Modern Indonesia. A minority religion between local, national and global interests.