24. Oktober 2011 von Muhammet "Mo" Yanik postmortalitaet2011 0

Gestorben wird immer – die Bestattungsriten im Christentum und Islam

Bestattung und Bestattungsriten sind über die Jahrtausende und Jahrhunderte hinweg eine mit dem Tod fest verankerte und nicht wegzudenkende Verbindung geworden. Dieses Essay soll versuchen die Bestattungsriten der beiden größten Weltreligionen miteinander zu vergleichen und ihre Tradition einander gegenüberzustellen.

Allgemeines zum Tod

Für die meisten Menschen ist der Tod in erster Linie eine nicht zu-erfassende Sache, ein Ding könnte man sagen, dass sich zwar immer in unserer Gegenwart befindet, lediglich jedoch von Zeit zu Zeit einige Berührungspunkte mit uns teilt. Wir erleben den Tod zuallererst als den Tod anderer. Die Allermeisten kennen wahrscheinlich die Situation als Kind sein geliebtes Haustier zu verlieren oder – wie ich selbst – die Großeltern in der Grundschulzeit. Uns ist der Tod im Grunde unvorstellbar, sodass wir meist gar nicht solange darüber nachdenken, dass auch wir sterben müssen und einmal „nicht mehr da“ sind. Diesen Gedanken wirklich konsequent zuende zu Denken, ist  für die allermeisten Menschen eine große Anstrengung, denn die Angst vor dem Tod wird heute durch die von den Medien verbreiteten Nachrichten vom (vermeintlich) sinnlosen und grausamen Sterben anderer durch Krieg, Terror, Unfälle, Morde und Naturkatastrophen oftmals gesteigert. Aus dieser Angst vor dem Sterben schirmen sich viele vor Krankheit, Alter und Tod ab. Oftmals nehmen Seniorenheime, Krankenhäuser, Hospize und Beerdigungsinstitute uns die Sorge um Alte, Kranke, Sterbende und Tote ab. Auf diese Weise wird Verfall und Tod nicht aus der Welt geschafft, aber man muß sie weniger zur Kenntnis nehmen und kann den Gedanken an das eigene Verlöschen weitgehend verdrängen.

In allen Kulturen gibt es die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes und es gibt überall die Antwort der Religionen und Philosophien. Es sollen an dieser Stelle zwei Theorien kurz erläutert werden, um den formschaffenden Rahmen nicht aus den Augen zu verlieren und das Thema anschließend inhaltlich zu vertiefen.

Die Ganztodtheorie

Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, sie wären einfach nicht mehr da. Weg. Nicht (!) an einem anderen Ort, sondern ausgelöscht. Ausradiert. Nicht mehr vorhanden, nichts mehr von Ihnen: keine Seele, kein Leib, kein gar nichts. Dieser Gedanke ist schwer zuende zu denken und für einige (in der Regel gläubig praktizierende Menschen) sehr erschreckend und beängstigend. Was macht man, wenn man Sterben muss? Man kann dem Tod nicht entrinnen, also muss man das Leben bis aufs Letzte auskosten. Der Tod ist in diesem Fall dann das endgültige Ende der körperlich-organischen und der aktiven, physisch feststellbaren geistigen Existenz eines Lebewesens. Die Ganztodtheorie interpretiert die christliche Auferstehung als eine Neuschöpfung, die erst möglich ist, nachdem der Mensch vollständig ausgelöscht ist [1]. Dieser Gedankengang mag einigen Rationalisten und Naturwissenschaftlern leichter fallen als gläubigen und ihren Glauben praktizierenden Menschen, da der Mensch, als einziges Lebewesen auf der Welt,  im klaren darüber ist, dass er Sterben muss und diese Tatsache durch Vorstellungen und Gedankengänge durchzuspielen vermag. Es ist, zugegebenermaßen, natürlich beängstigend sich in Relation zum Universum zu setzen und (enttäuscht) festzustellen, dass man nicht einmal ein kleiner Gedankenstrich in den unendlichen Weiten ist. Dieser Tatsache muss jedoch– im Rahmen der Ganztodtheorie –  jeder Mensch ins Auge sehen.

Ein anderer Seinszustand

Mit dem Begriff Seinszustand ist die Überführung der Seele des Menschen in eine andere Welt gemeint. Hierbei gibt es in den verschiedenen Religionen verschiedene (teils sehr konkrete) Vorstellungen vom Totenreich und der Überführung dorthin, der Auferstehung und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Wir rücken an dieser Stelle die Vorstellungen vom Paradies und der Auferstehung in den Fokus, die im Islam sehr konkret, im Christentum jedoch weniger konkret geschildert sind. Andere Religionsrichtungen und philosophische Strömungen behandeln beispielsweise noch die Reinkarnation, bei der Tod nur eine Phase ist, die schließlich zu einem neuen individuellen Leben führt.

Die Bestattung im (frühen) Christentum

Die Bibel kennt die Erwähnung des Todes durchaus an einigen markanten Stellen, die den Leser auf einiges aufmerksam machen sollen. Die Bibel nennt an einigen Stellen sehr deutlich das Ritual der Bestattung, in der Form in der wir sie kennen bzw. wieder erkennen würden. Zwei sehr schöne Beispiele wären:

  • 1. Mose 23,19-20: “Und danach begrub Abraham Sara, sein Weib, in der Höhle des Feldes von Machpela, vor Mamre, das ist Hebron, im Lande Kanaan. So wurde das Feld und die Höhle, welche darin war, dem Abraham zum Erbbegräbnis bestätigt von seiten der Kinder Heth.”
  • 5. Mose, 34,6: “Und er begrub ihn im Tale, im Lande Moab, Beth-Peor gegenüber; und niemand weiß sein Grab bis auf diesen Tag.”

Man kann der Bibel außerdem einige Rituale entnehmen, die einiges über die (damals jüdischen) Vorgehensweisen bei Toten aussagen: dem Toten wurden die Augen geschlossen (1. Mose 46,4), der Leichnam wurde gewaschen (Apg, 9,37), der Leichnam wurde mit gutriechenden Salben umwickelt (Joh 19,40; Mk 15,45 par; 16,1; Joh 11,44, Mk 14,12 par), die verstorbene Person wurde aufbewahrt und die Totenklage begann (Apg 9,37-39) und einige mehr.

“Aus den Andeutungen im NT ist zu entnehmen, daß der Brauch der ersten Christen sich nicht wesentlich von den damaligen jüdischen Bräuchen unterschied. Dennoch hatte sich die Einstellung gegenüber den [sic!] Tod geändert. Mit der leiblichen Auferstehung Jesu Christi hat die allgemeine Auferstehung aller Toten begonnen. Der Tod wurde daher zu Recht als Schlaf aufgefaßt und der Begräbnisplatz „Coemeterium“ = Schlafort genannt. Der Tod galt als Heim-Gang, als Übergang zu Christus in ein besseres Leben. Die Botschaft von der leiblichen Auferstehung galt in der griechischen und römischen Antike als anstößig, lächerlich und barbarisch. Sie mußte daher nachdrücklich in der alten Kirche den Christen bezeugt werden. Denn ‘nur dieser Glaube ist es, der die Christen von allen (anderen) Menschen unterscheidet und trennt.’” [2] Vor diesem Hintergrund ist uns allen das Bild des Kreuzes bekannt, dass auf jedem christlichen Friedhof, in vielen Todesanzeigen in der Zeitung und an etlichen anderen Orten unmittelbar zu sehen ist.

An dieser Stelle ist klar zu erwähnen, dass die Bibel die heutigen Abläufe einer Bestattung in keinster Weise explizit erwähnt und sich der Ablauf und die Form einer christlichen Bestattung aus der Tradition heraus ergeben hat! In der Regel verläuft eine christliche Bestattung so:

  1. Die Person verstirbt
  2. Freunde, Familie, Bekannte und sonstige verabschieden sich vom Leichnam der verstorbenen Person (oftmals wird vor der eigentlichen Bestattung eine Art “Trauerraum” eingerichtet, bei der die anwesenden Gäste ihre Kondolenz bekunden können)
  3. Der Termin der Beerdigung wird festgesetzt und bekanntgegeben
  4. Die Beerdigung findet in Anwesenheit von Gästen und eines Pastors/Priesters statt, hierbei wird in der Regel aus der Bibel vorgelesen (bei einigen orthodoxen Gemeinden und vielen Katholiken findet noch die Salbung statt) und die Person samt Sarg in die Erde versenkt
  5. Die verstorbene Person ist Beerdigt und in der Regel auf einem öffentlichen (jederzeit besuchbaren) Friedhof bestattet, währenddessen das Grab mithilfe eines Grabsteins gekennzeichnet wurde und für Trauernde zugänglich ist.

Die islamische Bestattung

Die Bestattung im Islam unterliegt klaren Abläufen und Regeln. Ich möchte an dieser Stelle auf einen “Regelkatalog” hinweisen, der auf sehr schöne Art und Weise zusammenstellt, auf welche Punkte geachtet werden muss etc. Dieser Regelkatalog leitet sich zwar nicht als direkte Befehlskette für den Menschen ab, sondern ist dem Verhalten der Propheten nachempfunden (d.h. die Menschen versuchen sich so zu verhalten wie es die Propheten in den Überlieferungen getan haben, gleiches gilt für die Bestattungen).  An dieser Stelle möchte ich ebenfalls systematisch auf die Bestattung von Muslimen eingehen, wobei ich vorher einige Vorurteile und falsches Halbwissen zerstreuen möchte.
Zunächst einmal darf ein Moslem mit reinem Gewissen einer beispielsweise christliche Bestattung beiwohnen und sie – entgegen falscher Vorstellungen – besuchen. Die Beziehung von Muslimen zu allen Menschen soll von Höflichkeit und Güte geleitet sein und wer nicht der “Feind der Muslime ist, hat auch einen Anspruch darauf” (Sure 60,8). Theologisch betrachtet ist die Teilnahme an Beerdigungen und Beileidsbekundungen zum Tode eines Menschen als eine Form der Güte akzeptiert und daher erwünscht (solange die verstorbene Person den Islam nicht bekämpft hat). An dieser Stelle soll einmal gezeigt werden, wie sich der Regelkatalog nun ableiten,und zwar durch eine Überlieferung des Koran (60,8): So wird berichtet, der Prophet habe einem seiner Gefährten befohlen, seinen nichtmuslimischen Vater zu beerdigen, als er von dessen Tod erfuhr. Es wird auch berichtet, dass der Prophet aufstand und Respekt für eine vorbeigetragene Leiche zeigte. Als ihm seine Gefährten sagten, es handele sich bei dem Verstorbenen um keinen Muslim, sondern eine Jüdin, entgegnete er: “Hatte sie denn keine menschliche Seele?”. Dieses Verhalten dient den Muslimen heutzutage als Richtschnur und Vorbild, an der sie sich orientieren. [3]
Ähnliches ist es mit der Bestattung eines Muslimen. Ich möchte aus dem “Regelkatalog” zitieren und einiges zum Aussehen des Grabes erläutern:

  • Die Sunna lehrt, im Grab eine Nische auszuhöhlen für die Beerdigung des Verstorbenen, wie im Grab des Propheten. Ist die Tiefe des Grabes erreicht, höhlt man in der Richtung der Kaaba die vorgesehne Nische aus, um den Verstorbenen hineinzulegen zu können.
  • Ist es nicht möglich, eine Nische vorzubereiten, so gräbt man für den Verstorbenen einen Graben in die Erde. Dieser Graben wird im Grabgrund ausgehöhlt. Er wird mit irgendeinem Dach überdeckt, um zu vermeiden, dass der Verstorbene staubbedeckt wird. Oft ist es hierbei so, dass das Grab mit einem Brett ausgestattet wird, damit der Tote nicht schmutzig wird und das Leinentuch in das die tote Person eingewickelt sein soll, ebenfalls nicht.
  • Die Beerdigung des Verstorbenen soll in einem Friedhof für Muslime stattfinden, außer wenn dies unmöglich wäre. Ein Märtyrer hingegen, der in einer Schlacht gefallen ist, sollte dort begraben werden, wo er getötet wurde, wenn dies möglich ist. So geschah es beispielsweise auch für die Märtyrer des” Kampfes von Uhud”.

Zu der Bestattung selbst:

  • Wenn es möglich ist, soll der Verstorbene in das Grab von der Seite, wo seine Füße liegen werden, hineingelegt werden. Dies alles geschieht Richtung Mekka.
  • Eine Verstorbene Frau wird in das Grab gelegt durch einen der ihren, dessen Verwandtschaftsgrad die Heirat verbietet. Ist dies nicht möglich, soll sie durch einen älteren Mann, der befähigt ist zu beerdigen, hineingelegt werden. Der Verwandte, der berechtigt ist, die verstorbene Frau zu beerdigen ist der, welchem es erlaubt war, sie schon zu Lebzeiten zu sehen oder sie auf Reisen zu begleiten.
  • Der Verstorbene wird in der Nische auf der rechten Seite platziert, das Angesicht in Richtung Kaaba. Er muss in der Nähe der Wand liegen, um nicht auf das Angesicht zu fallen, hinten ist er gestürzt von einem Erdhaufen, um nicht auf den Rücken zu fallen.
  • Derjenige, welcher den Verstorbenen ins Grab legt, sagt: ” Im Namen Gottes und im Glauben an Seinen Propheten”.
  • Die Knoten des Leichentuches am Kopf und an den Füßen lösen.
  • Sobald der Verstorbene im Grab liegt, ummauert man ihn mit Schlammbacksteinen und verstopft die Zwischenräume mit der Erde, um zu verhindern, dass Staub eindringen kann. Anstelle von Schlammbacksteinen kann Schilf oder Ähnliches verwendet werden.

Um ein muslimisches Grab zu zeigen, verwende ich an dieser Stelle ein selbstgemachtes Bild:

Ozanorhan Friedhof, Istanbul

(c) Muhammet Yanik

Wie zu sehen ist, ist im Islam eine schlichte Darstellung geboten. Es sollte in der Regel kein übertriebener Grabstein sein, sondern wenn es möglich ist, so schlicht wie möglich gehalten. Im Vergleich zum Christentum einmal der komplette Ablauf im Islam:

  1. Die Person verstirbt (ist das Sterben plötzlich, so geht es direkt mit Schritt 2 weiter, sofern die Person lange krank gewesen ist bzw. im Krankenhaus an Krankheit stirbt, muss die kranke Person vorher gewaschen werden, es muss aus dem Koran rezitiert werden, und einiges mehr, siehe dazu Regelkatalog)
  2. Der Tod der Person wird verkündet und die Gemeinde betet zur nächsten Gebetszeit das Totengebet.
  3. Der Leichnam wird gewaschen und es wird aus dem Koran rezitiert. Anschließend wird der Leichnam in einem Sarg aus unbehandeltem Vollholz zum Grab getragen (hier sollte jeder männliche Passant – auch wenn man die verstorbene Person nicht kannte – im vorbeigehen einige Meter den Sarg mittragen)
  4. Männliche Mitglieder der Familie, Bekannte und Freunde legen die verstorbene Person in das Grab und Beten dabei.
  5. Die Person gilt als Begraben und das Grab wird zugeschüttet. Es muss nun ein Jahr ruhen und darf mit keinerlei willkür verändert werden. Dies bedeutet, dass ein Jahr lang niemand den Grabstein verändern darf, Blumen darauf legen darf, etc.
  6. Nach einem Jahr darf der Grabstein verändert werden und es darf neue Erde über das Grab geschüttet werden, falls das Grab durch äußere Einflüsse eingesackt hat.

Wie gezeigt wurde, sind die Bestattungsriten stark von Traditionen und Bräuchen bestimmt, weniger jedoch von exakten Überlieferungen und göttlichen Anweisungen. Es lässt sich im Christentum wie im Islam jedoch erkennen, dass die Menschen die Heiligen Schriften als “Vorbilder” bzw. Nachschlagewerke einbeziehen und die Traditionen den Überlieferungen anpassen und so vieles nachempfinden bzw. nachstellen.

Quellen

[1]  Wolfhart Pannenberg: Systematische Theologie, Bd. 3, Vandenhoeck & Ruprecht 1993, 599ff.

[2] Matthias Niche: Die christliche Bestattung, online Artikel, abrufbar unter: http://www.stmichael-online.de/bestattung.htm

[3] Weiterführendes, FAQ und Erläuterungen: http://www.islam.de/1640