17. März 2011 von pgrv8u christliches-web2010 1

Diskursanalyse

von Elisa Engelien

Diskursanalyse – ein Begriff der fast Jedem etwas sagt und bei dem Wenige genau wissen, was er wirklich bedeutet. In den Geisteswissenschaften ist er allgegenwärtig und so werde ich in diesem Blog versuchen, ihn verständlich und anwendbar zu machen.

Ich, Elisa Engelien, studiere Religionswissenschaft und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen im dritten Semester und widme mich dem Thema der Diskursanalyse im Rahmen des Seminars „Is Online Fellowship Real? Christliche Web 2.0-Anwendungen als religionswissenschaftlicher Gegenstand und religionsgeschichtliche Quelle“.

Diskurs

Um zu verstehen, was der Begriff „Diskursanalyse“ bedeutet und wie man bei der Durchführung dieser vorgeht, muss man zunächst klären, was ein Diskurs überhaupt ist. Was ist es, das man da zu analysieren versucht? Der Diskursbegriff, der in diesem Kontext zugrunde liegt, wurde vor allem von Michel Foucault d(1926-1984) geprägt. Hier hat der Begriff eine weitere Bedeutung als nur die der „Diskussion“, wie es häufig in den Medien und im alltäglichen Sprachgebrauch scheint. Nach Seifert ist ein Diskurs das, „worüber in einer Gesellschaft gesprochen wird, was als Problematik und Thema verhandelt wird und was zur kollektiven Sinnproduktion beiträgt“ (Seifert 1992: 270). Dabei sind bestimmte Machtstrukturen und Interessen einerseits Grundlage des Diskurses und werden andererseits durch diesen erzeugt. Man kann den Diskurs auch in einen historischen Zusammenhang bringen und ihn als einen „Fluss von >sozialen Wissensvorräten< durch die Zeit, der aus der Vergangenheit kommt, die Gegenwart bestimmt und in der Zukunft in (…) modifizierter Form weiterfließt“ (Jäger, 1999: 136), beschreiben.  Richtet man sich nach diesen Definitionen von Diskursen, kann man sich vorstellen, dasseine Analyse dieser ein umfangreiches Unterfangen ist, für das es keine einheitliche Methodik gibt. Zudem gibt es unterschiedliche Arten von Diskursen, die Interdiskurse, sowie die Spezialdiskurse.

Ein Interdiskurs, auch allgemeinöffentlicher Diskurs oder public discourse genannt, ist meist durch Medien vermittelt und kann als eine Diskussion von Themen durch ein „indirektes Gespräch unter Abwesenden“ beschrieben werden. Wichtig ist, dass das, was über die Medien (in)direkt kommuniziert und behandelt wird, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bestimmte Wirklichkeitsdefinitionen bildet. Unter Spezialdiskursen hingegen versteht man eher teilöffentliche Diskurse, die sich häufig auf wissenschaftliche Disziplinen konzentrieren. Ein Beispiel hierfür wäre der medizinische Diskurs. Hier kann dann nicht mehr prinzipiell jeder „Sprecher“ des Diskurses sein, sondern nur Experten auf dem jeweiligen Gebiet. Besonders wichtig bei beiden Diskursformen und auch in den Texten Foucaults, ist die Macht von Diskursen. Denn dadurch, dass sie allgegenwärtig sind und unser subjektives und kollektives Bewusstsein formieren, üben sie eine große Macht aus. Daher ist es wichtig, das Wort Diskurs nicht „nur“ als eine Art öffentliche Diskussion zu sehen, sondern zu erkennen, wie groß die Einflüsse auf die ganze Gesellschaft sein können. Grundbestandteile aller Diskurse sind Sprecher, Aussage und dabei sowohl die Form, als auch der Inhalt und Zuhörer.

Diskursanalyse

Die Diskursanalyse ist keine spezifische sozialwissenschaftliche Methode. Sie ist durch inhaltliche und methodische Heterogenität geprägt. Ich stelle hier einen Ansatz der Diskursanalyse dar, der die Ideen von Siegfried Jäger und Reiner Keller aufgreift. Prinzipiell soll die Diskursanalyse das Funktionieren und das Wirken von Diskursen transparent machen. Diskursanalyse will Prozesse der sozialen

  • Konstruktion
  • Objektivation
  • Kommunikation
  • Legitimation von Sinnstrukturen

auf der Ebene von

  • Institutionen
  • Organisationen
  • kollektiven Akteuren

rekonstruieren und die gesellschaftlichen Wirkungen dieser Prozesse analysieren (vgl. Keller 1997: 319).

Einen Königsweg gibt es nicht (Jäger 1999: 136) und daher ist die im folgenden beschriebene Vorgehensweise nur eine Möglichkeit von vielen, sich Diskursen und deren Analyse zu nähern. Folgende grundlegende Fragestellungen sind jedoch in jedem Fall hilfreich. Man sollte sich anschauen, wie der Diskurs oder der Diskursstrang, für den man sich entschieden hat, entstanden ist und welche Veränderungen er mit der Zeit erfahren hat. Außerdem sollte man grundlegend festhalten, worauf er sich bezieht, sowohl bezüglich der Themen, als auch auf welches Publikum. Welche Inhalte er transportiert und welche Mittler dazu eingesetzt werden, also beispielsweise die Rethorik, sind weitere wichtige Punkte. Schließlich sollte man sich fragen, wer die Träger des Diskurses sind und welche Auswirkungen der Diskurs hat. Als empirische Daten liegen einem für die Diskursanalyse „natürliche Daten“ (Keller 1997: 326) zugrunde. Das heißt in diesem Fall „(mündliche, schriftliche, visuelle) Texte“ (Keller 1997: 326), die für den Diskurs von Bedeutung sind. Dabei gibt es einen Unterschied zu vielen sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten insofern, als die Texte sowohl als Informationsquelle über das Feld dienen, in dem man forscht, als auch selbst Dokument für die Rekonstruktion, also Teil der Diskurse sind. Verstärkt durch die weite heutzutage existierende Medienlandschaft, hat man sehr umfangreiche Quellengrundlagen. Dass macht eine qualitative Forschung bei der Diskursanalyse, selbst wenn man sich auf einen konkreten Diskursstrang beschränkt, schwer. Daher ist es von großer Bedeutung, dass man Einschränkungen vornimmt und das zu beforschende Diskursfeld auf einen überschaubaren Rahmen begrenzt.

Methodische Vorgehensweise

Man beginnt mit einer präzisen Bestimmung des Themas und der Definition der Fragestellung. Die Fragestellung sollte konkret und klar formuliert sein, damit es während der Analyse möglich bleibt, einen roten Faden zu haben, nach dem man sich bis zum Ende richten kann. Hat man diese Grundlage fährt man mit einer knappen Charakterisierung der Diskursebene, für die man sich entschieden hat, fort. Anschließend erschließt man die Materialbasis und bereitet sie auf. Man listet sie auf, charakterisiert zum Beispiel das für die Diskursanalyse ausgewählte Medium und verschafft sich einen Überblick über die Thematik. Die Materialaufarbeitung muss man nach Beendung auswerten. Darauf folgt die Feinanalyse. Für diese kann man sich beispielsweise einen oder mehrere möglichst typische Artikel aussuchen und diese detailliert analysieren. Dabei muss man seine Auswahl begründen und für eine Textanalyse grundlegende Schritte durchführen, wie die Gliederung, Gestaltung, die Themen, rethorischen Mittel und Ähnliches herauszustellen. Hat man diese Ergebnisse, muss man sie im Diskursstrang verorten. Daraufhin folgt die Gesamtanalyse des ausgewählten Diskursstrangs. Dies ist nur eine mögliche Vorgehensweise. Je nach Sektor und Feld kann die Methodik stark variieren und man muss passend zum Diskursstrang selbst herausfinden, wie man an die Analyse herangeht. Es ist jedoch immer wichtig, jede Festlegung und Beschränkung – sowohl pragmatischer, als auch inhaltlicher Art – reflektiert vorzunehmen und genau zu begründen. Die Argumentation sollte stets stringent und überzeugend sein. Außerdem sollte man reflektieren, inwiefern man selbst bei der Analyse vom Diskurs geprägt agiert. Trotzdem bleibt die Frage des „kontrollierten interpretierenden Umgangs mit größeren Textmengen“ (Keller 1997: 328) ein Problem bei der Durchführung einer Diskursanalyse.

Für Interessierte zum weiterlesen:

Das Wuchern der Diskurse (→ Inhaltsverzeichnis)

Dominik Schrage – “Was ist ein Diskurs”

Manfred Horn – “Über den Diskurs”

Quellen:

  • Jäger, Siegfried (1999): Einen Königsweg gibt es nicht. Bemerkungen zur Durchführung von Diskursanalysen. In: Bublitz, Hannelore (Hrsg.): Das Wuchern der Diskurse. Frankfurt/Main, S.136-147
  • Keller, Reiner (1997): Diskursanalyse. In: Hitzler, Ronald; Honer, Anne (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. S.309-329
  • Schrage, Dominik (1999): Was ist ein Diskurs?. Zu Michel Foucaults Versprechen, >>mehr<< ans Licht zu bringen. In: Bublitz, Hannelore (Hrsg.): Das Wuchern der Diskurse. Frankfurt/Main, S.63-74