16. Februar 2011 von vpuy9x hinduism-and-media2010 2

Exkursion in den Sri Kamadchi Ampal Tempel in Hamm: Das hinduistische Leben und seine Rituale in der Diaspora

von Susann Lüders

Am 31.01.2011 begaben sich sechs interessierte „Hinduismusexperten“, im Rahmen des Seminars „Hinduismus in Europa und Medien“, in den Sri Kamadchi Ampal Tempel nach Hamm.

Ziel dieser Exkursion war das im Seminar erworbene Wissen bezüglich des Wirkens von hinduistischen Strömungen in der Diaspora zu erleben. Besonders interessant war die Teilnahme an der abendlichen Puja im Tempel. Nach einem Ausblick über den Tempel und den Priester Sri Paskaran folgt die Darstellung des Rituals im Kamadchi Tempel.

Der Priester Sri Paskaran besuchte einst den Kamakshi Amman Tempel in Kanchipuram. Mit der Vision, welche er in diesem tamilischen Tempel hatte, einen Tempel bauen zu lassen, kam er zurück nach Deutschland. Vorerst im Verborgenen (im Keller seines damaligen Wohnhauses) begann er bereits 1989 die Göttin Kamadchi zu verehren.  1999 veranlasste Sri Paskaran einen „Filialtempel“ zu Ehren der Göttin Kamadchi zu bauen. Die bauliche Gestaltung wurde nach den strengen Regeln der südindisch-hinduistischen Baukunst durchgeführt. Die Tempeltürme Gopuram und Vimana, sowie die rot-weiß-gestreifte Außenmauer sind traditionelle Kennzeichen der Architektur, ebenso die Ausrichtung der Schreine und die zahlreichen individuellen Skulpturen. Der Tempel wurde unter schwierigen Umständen errichtet, denn der Architekt hatte keine Erfahrung mit tamilischer Tempelgestaltung und die Handwerker und viele Skulpturen mussten aus Indien eingeflogen werden. Weitere architektonische Details und Hintergrundinformationen haben Annette Wilke, Brigitte Luchesi und Martin Baumann in ihrem Buch „Tempel und Tamilen in zweiter Heimat. Hindus aus Sri Lanka im deutschsprachigen und skandinavischen Raum“ beschrieben.

Unser deutschsprechender Guide, welcher uns am späten Nachmittag durch den Tempel führte, berichtete uns zunächst vom Leben des Priester Pujarin Paskaran. Dieser gehört der hinduistischen Glaubensgemeinschaft der Lingayat bzw. Virashaiva an, welche  besonders in Südindien verbreitet ist. Er ist der Urheber des Tempels und des geplanten Kulturzentrums. Häufig ist Sri Paskaran unterwegs, um Gelder für den Tempel und andere Bauvorhaben zu sammeln.

Unser Führer erläuterte uns die vier Hauptgründe, warum der Tempel der Kamadchi Göttin im Gewerbegebiet von Hamm zu finden ist. Erstens, man brauchte Platz: der Tempel hat eine Grundfläche von 27x27m und ist damit 730qm² groß. Auf der Homepage des Tempels wird auch  vom größten mitteleuropäischen Hindu-Tempel gesprochen. Diese Fläche in einer größeren Stadt oder auch nur in der Innenstadt von Hamm hätte mehrere 100.000€ gekostet. Ein Grundstück in einem Gewerbegebiet ist weitaus günstiger. In dem Dokumentarfilm von Melanie Liebheit „Wiedergeboren in Westfalen“ wird deutlich, dass mit dem Tempelbau außerhalb der Innenstadt auch Probleme und verbale Auseinandersetzungen weitestgehend vermieden wurden.

Der zweite Grund ist die Anwesenheit von fließendem Wasser in der näheren Umgebung, denn zu rituellen Festen ist es üblich, der Göttin ein rituelles Bad zu ermöglichen. Der Datteln-Hamm-Kanal dient beim jährlichen Tempelfest, welches mehr als 15 000 Menschen besuchen, als heilige Stätte, an dem die Rituale durchgeführt werden.

Der dritte Grund, warum der Tempel in Hamm ist, steht in enger Verbindung mit der Flucht Sri Paskarans und vielen anderen Tamilen Mitte der achtziger Jahre aus Sri Lanka. Angekommen in Europa wurden die Tamilen vom DDR-Regime in Ostberlin nicht geduldet und nach Westberlin verwiesen, dort hatten die Bürgerkriegsflüchtlinge die Wahl einen Einreiseantrag zu stellen oder weiter in die BRD zu reisen. Sri Paskaran entschied sich für die Weiterreise und kam nach Hamm.

Der vierte Grund ist, wie der erste ebenfalls, sehr pragmatisch, denn man suchte bei dem Tempelbau nach einem Platz mit guter Verkehrsanbindung. Da Hamm-Uentrop eine eigene Autobahnausfahrt hat, ermöglicht dies vielen Gläubigen und auch Besuchern eine verkehrstechnisch gute Anreise.

Die Puja, die tägliche Verehrung einer oder mehrerer Gottheiten, erfolgt in der Regel nach den 16 Respektserweisungen (upacara) [1]. Die abendliche Puja, welche wir besuchten, hatte ein ähnliches Muster. In der Abbildung 1 ist die Reihenfolge der Puja erkennbar, selbstverständlich schreiteten wir ausschließlich im Uhrzeigersinn.

Die Farben der einzelnen Schreine in der Abb. 1 spiegeln die Bekleidung der Gottheiten wider. Sri Paskaran und die anderen anwesenden „Jungpriester“ hatten einen orangen Vesti an. Der Hauptpriester hielt die Puja ab und außer uns war lediglich ein Gläubiger anwesend. Die Anbetung der Götter erfolgte vorwiegend durch das Schwenken von Öllampen (mit mehreren Leuchtern), das Läuten einer Glocke, die Gabe von Blumen, die verbale Lobpreisung der Götter durch den Priester, das Brennen von Weihrauch und die Gabe von Speisen an die Götter.

Alle Schreine sind weiß gekachelt und enthalten eine hängende Öllampe, einen goldenen Bogen mit Löwenkopf sowie einen Hocker vor dem Schrein. Die Ausstattung hat, aufgrund von Feuer- und Wasserritualen, lediglich einen pragmatischen Hintergrund. Die Puja dauerte 58 Minuten, sie begann mit dem Einspielen von Musik und dem Läuten von Glocken und endete mit der Auflösung am Kamadshi-Schrein. Besonders an den letzten Schreinen (siehe 7-10 in Abb. 1) stellt sich eine Beschleunigung des Vorgangs heraus, welche die Ritualhandlungen verkürzte. Die Respektserweisungen erfolgten schneller, waren aber ebenso standardisiert und vollständig wie bei den anderen Schreinen.

Alles in allem war die Exkursion ein Höhepunkt  im Seminar. Die bauliche Gestaltung des Tempels, die erlebte Puja und das Auftreten von Sri Paskaran boten uns ein  Bild von der Ausübung der Diaspora.

[1] Zeiler, Xenia (2007): Puja und darsana der Tempelbesucher – Ritualhandlungen der „religiösen Laien“. In: Eichner, Katja & Schied, Michael (Hg.): Hinduismus – eine  nichtorganisierte Religion? Analysen und Kontroversen. trafo verlag, Berlin