14. Oktober 2011 von s_4gkpo6 postmortalitaet2011 4

Germanische und keltische Postmortalitätsvorstellungen im “Herrn der Ringe”

Als am 19.12.2001 der Film “Der Herr der Ringe” unter der Regie von Peter Jackson die Kinoleinwand erreichte, fiel der Blick tausender Leser auf die 1954 erschienene Fantasy-Trilogie des Oxford-Professors J.R.R. Tolkien. Seither tauchen viele Menschen ein in die Welt Mittelerdes, begegnen dort Elben und Zwergen, Zauberern und Hobbits, Orks, Trollen und vielen anderen Wesen einer fremden Welt. Gemeinsam mit dem Hobbit Frodo machen die Leser sich auf, um den einen Ring in das gefürchtete Land Mordor zu bringen, ihn dort in die Flammen des Schicksalsberges zu werfen und so die Macht Saurons, die untrennbar mit dem Ring verbunden ist, zu brechen.

Es ist faszinierend, in die bis ins Kleinste durchdachte Welt und Geschichte Mittelerdes einzutauchen, in der auch die Trilogie “Der Herr der Ringe” nur einen Teil einnimmt. Die weitere Lektüre der Bücher “Der kleine Hobbit” oder “Das Silmarillion” lässt erahnen, wie groß die Welt Tolkiens ist (Shippey 2002, S.31), und weckt Ehrfurcht vor dem Autor, der sie erschuf.

Ein genauerer Blick in den “Herrn der Ringe” sowie in die europäische Geschichte, Märchen und Mythen lässt jedoch erkennen, dass Mittelerde keine von Grund auf neu erschaffene Welt ist. Wie das Buch “Tolkiens Welt – Die mythologischen Quellen des Herrn der Ringe” von David Day (2003) zeigt, fand Tolkien unter anderem in der altnordischen Mythologie, in germanischen, griechischen, römischen und biblischen Geschichten, in den Märchen der Gebrüder Grimm sowie in Völkern und großen Feldherren der europäischen Geschichte zahlreiche Vorbilder für seine Figuren im “Herrn der Ringe” (Day 2003, S.6). Auch Mittelerde selbst ist keine rein erdachte Landschaft sondern ähnelt einem Europa in früheren Zeiten, in dem Großbritannien noch nicht durch Kontinentalverschiebungen von Mitteleuropa getrennt ist (Day 2003, 15ff). Tolkien, der ein immenses Interesse und Wissen an Geschichte, Mythos und Sprache hatte (Geier 2009, S. 8), hat all diese Figuren, Geschichten und historischen Ereignisse aufgegriffen, neu geordnet und zu einer großen Mythologie Europas verarbeitet, wie sie in einem früheren Zeitalter hätte sein können. Er hat sich keine völlig neue Geschichte ausgedacht, sondern unsere Geschichte in einen anderen Blickwinkel gerückt und damit seinen Lesern neu zugänglich gemacht (Day 2003, 13).

In dieser von Tolkien geschaffenen Mythologie, die von Anfang bis Ende vom Krieg gegen das Böse geprägt ist, welches durch Sauron und Saruman, sowie Kreaturen wie Orks, Trolle, den Balrog oder die Spinne Kankra verkörpert wird, kommt es nicht umhin, dass das Thema Tod eine große Rolle spielt. Es lassen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten mit religiösen Vorstellungen und kulturellen Praktiken germanischer (Hasenfratz 2007, S.10+26) und keltischer (Ade/Willmy 2007, S. 19ff) Stämme erkennen.

Unter dem Einfluss dieser Stämme standen viele Jahrhunderte lang die Gebiete nördlich des römischen Reiches (Hasenfratz 2007, S.27ff). Archäologische Funde und Schriften der Römer geben für diese Kulturkreise Hinweise auf Erd-, wie Feuerbestattungen und in ganz Europa wurden teilweise reich mit Grabbeigaben ausgestattete Hügelgräber gefunden (Fries-Knoblauch 2002, S. 186f). Die Wikinger kannten die Seebestattung und aus dem 11. Jhdt. ist uns ein Reisebericht überliefert, der von der aufwändigen Zeremonie der Bestattung eines nordgermanischen Häuptlings berichtet, der mitsamt Schiff, seinem gesamten Besitz, einer Sklavin und verschiedenen Tieren verbrannt wurde. Die Totenfolge – in diesem Fall die Sklavin, die ihrem Häuptling in den Tod folgt – , die in nordgermanischen Gebieten üblich war, diente, wie auch die Grabbeigaben, zum einen der Versorgung des Toten im Jenseits, zum anderen sollte mit diesen Zeremonien verhindert werden, dass der Tote, als für die Lebenden gefährlicher Wiedergänger, aus dem Grabe steigt und auf Erden sein Unwesen treibt (Hasenfratz 2007, S.13ff).

Auch im “Herrn der Ringe” begegnen den Lesern an mehreren Stellen Wiedergänger, die im Tode keine Ruhe finden. Schon im ersten Teil ihrer Reise müssen die Hobbits Frodo, Sam, Merry und Pippin auf halbem Wege nach Bruchtal die Hügelgräberhöhen durchqueren, deren historisches Vorbild laut David Day die 1939 gefundenen Hügelgräber im englischen Sutton Hoo, Suffolk sind (Day 2003, S.138). Auf den Hügeln markieren steil aufragende Steinsäulen die Gräber und die Hobbits durchqueren ein Tor, dessen Beschreibung an Stonehenge erinnert. Kurz darauf verlieren sie die Orientierung und finden sich bald in einer Grabkammer wieder, wo ein Grabwicht sie mit einem Bannspruch belegt und zur Opferung herrichtet – doch können sie im letzten Moment von Tom Bombadil gerettet werden (Band 1, S.185-194, diese Szene wurde von Peter Jackson nicht in den Film aufgenommen). Auf ihrem weiteren Weg werden die Hobbits von den Schwarzen Reitern, ehemals mächtigen Königen, die sich den bösen Künsten Saurons verschrieben haben (Foster 2002, S. 514ff vgl.Nazgûl), verfolgt (Band 1, S.258-260) und bei der Durchquerung der Totensümpfe sehen Sam und Frodo auf deren Grund die bleichen Gesichter Verstorbener (Band 2, S.290f). Auch die Gefährten Aragorn, Legolas und Gimli begegnen in einem späteren Teil der Geschichte Wiedergängern. Sie müssen die Pfade der Toten durchqueren, in denen tote Menschen hausen, die ihren Schwur, Isildur die Treue zu halten, gebrochen haben und so, von diesem verflucht, keine Ruhe mehr finden, bis der rechtmäßige Erbe Isildurs sie an ihren Schwur erinnert und sie ihren Eid erfüllen (Band 3, S.59 + 65-70). In all diesen Szenen kommt die Angst zum Ausdruck, die die Germanen und Kelten, aber auch viele andere Völker vor Verstorbenen gehabt haben müssen, die wegen eines unerfüllten Lebens im Tode keine Ruhe finden oder aufgrund einer Störung ihres Schlafes ihr Grab verlassen (Golther 2003, S.88; Day 2003, S.138 u.a).

Das Ereignis, welches im “Herrn der Ringe” die Wege der Gefährten trennt und somit von hoher Bedeutung für den weiteren Verlauf der Geschichte ist, sind die Geschehnisse an den Raurosfällen. Die Gefährten sind sich uneinig, welchen Weg sie einschlagen sollen, und besonders Frodo hat Angst. Er bittet die anderen eine Weile allein gelassen zu werden, doch Boromir folgt ihm. Er verfällt der Vorstellung der Macht, die er mit dem Ring hätte, und versucht Frodo diesen abzunehmen. Frodo flieht und entschließt sich dazu, sofort und alleine nach Mordor zu gehen. Zur selben Zeit warten die Gefährten auf die Rückkehr Frodos. Als Boromir zu ihnen stößt und berichtet, dass dieser fort sei, laufen sie los, um ihn zu suchen, und verlieren einander. Sam findet Frodo bei den Booten und fährt mit ihm zusammen über den Anduin (Band 1, S.511-526). Währenddessen geraten Merry, Pippin und Boromir in einen Hinterhalt von Orks. Boromir stößt in sein Horn um die Gefährten zu Hilfe zu rufen. Aragorn hört dies, eilt den Hornstößen entgegen und findet den an einen Baum gelehnten, von Orkpfeilen getroffenen und im Sterben liegenden Boromir (Band 2, S. 13-15).

In den Szenarien um Boromirs Tod lassen sich einige Anlehnungen an zwei berühmte, mittelalterliche Texte finden: Dem zwischen 1075 und 1110 n. Chr. entstandenen französischen Rolandslied, welches das bedeutendste Heldenlied des Sagenkreises um Karl den Großen ist und dem Beowulf, dem einzigen erhaltenen angelsächsischen Epos (Day 2003, S. 12). Im Rolandslied wird detailreich der Angriff der Spanier auf die Nachhut des fränkischen Heeres geschildert. Sein Freund Oliver bittet Roland, mit dem Horn „Olifant“ Karl den Großen und die Franken zu Hilfe zu rufen. Doch Roland lehnt ab. Erst als seine Gefährten gefallen sind und er selbst verwundet ist, bläst er „Olifant“. Karl eilt zu Hilfe, kommt aber zu spät (Dr. Hertz 1861, S.38, 42f, 70, 73, 146) .

Im “Herrn der Ringe” läuft Boromir den Hobbits Merry und Pippin nach, die auf der Suche nach Frodo sind. Als sie von Orks angegriffen werden, stößt Boromir wie Roland in sein Horn. Aragorn hört dies, doch er, Legolas und Gimli kommen, wie auch Karl der Große und die Franken, zu spät. Boromirs wie auch Rolands Horn und Schwert sind zerbrochen und beide sterben, nachdem sie viele Feinde erschlagen haben, an Pfeilen in ihrer Brust (Band 2, S.13-16, Dr. Hertz 1861, S.84+90).

Tolkien beschreibt nicht die Details dieses Gefechts. Ihm geht es an dieser Stelle primär um die Gedanken Aragorns. Peter Jackson dagegen stellt Boromir als heldenhaften Krieger dar, der, obwohl schon von Pfeilen getroffen, tapfer weiter kämpft. Besonders der Zweikampf zwischen Aragorn und dem Ork Lurtz

http://www.youtube.com/watch?v=FJf8puSIXTg&NR=1

(ab Sekunde 46) lässt vermuten, dass auch Peter Jackson das Rolandslied als Vorbild für diesen Kampf verwendete. (vgl. Dr. Hertz 1861,S.108  ”Und haut ihm ab vom Arm die rechte Hand, schlägt ab das Haupt dem blonden Iurfalu.”)

Als Frodo und Sam das Land Ithilien durchqueren treffen sie auf Faramir, den Feldhauptmarschall Gondors und jüngeren Bruder Boromirs. Dieser erzählt ihnen, dass er einige Tage zuvor am Fluss Anduin Nachtwache gehalten habe, als ein kleines Boot von fremder Bauart und ohne Ruderer oder Steuermann an ihm vorbei fuhr. Das Boot zog ihn an, so dass er in den Fluss watete und in dem mit Wasser voll gelaufenen Boot seinen Bruder Boromir erkannte (Band 2, S.341f). Ein ähnliches Szenario steht gleich zu Beginn des Beowulf-Epos, welcher zu Beginn des 6. Jhdts entstand und damit eine wichtige Quelle für die Geschichte der frühen nordgermanischen Völker darstellt (Heyne 1863, Vorwort). Nachdem ein Schiff mit zahlreichen Grabbeigaben ausgestattet wurde, heißt es hier: “So ließen sie das Meer ihn nehmen, gaben ihn in des Ozeans Gewalt.” (Heyne 1863, S.3) Auch Aragorn, Legolas und Gimli übergeben den Leichnam Boromirs dem Ozean, indem sie ihn in einem der Boote, die sie in Lorien bekommen haben, bestatten. Als Grabbeigabe können sie ihm zwar keine Schätze geben, wie sie der König im Beowulf bekommen hat, doch legen sie Schwert, Helm und Horn sowie die Schwerter der erschlagenen Gegner neben den Toten (Band 2, S.17f).

Betrachtet man die Darstellung von Boromirs Tod im Film, so stirbt er einen heldenhaften Tod, der im germanischen Glauben die sichere Eintrittskarte zu Thors Walhall wäre (Golther 2003, S.253). Tolkien selbst geht es aber nicht um die Postmortalität an sich, nicht um die Frage, was Boromir nach seinem Tod erwartet. Er muss die Geschichte weiter voran treiben und so reichen ihm Aragorns und Faramirs Deutungen, dass Boromir eines guten und siegreichen Todes gestorben ist (Band 2, S.14 + 346). Mit der Frage, was nach dem Tod kommt, beschäftigt er sich erst im letzten Kapitel seiner Trilogie.Angelehnt an die keltische Vorstellung des Übergangs in eine andere Welt – die auch in der berühmten Sage um König Artus, der verwundet nach Avalon fährt, um dort geheilt zu werden (Malory 2007, S.135), aufgenommen wird – fährt auch Frodo, der sich nicht mehr von den körperlichen und seelischen Verwundungen erholt, die ihm auf dem Weg nach Mordor zugefügt wurden, in die „Unsterblichen Lande“. Mit ihm kommen die Ringträger Bilbo, Gandalf, Elrond und Galadriel sowie viele andere der Elben; denn sie alle haben ihre Aufgabe erfüllt und damit ist für sie die Zeit in Mittelerde zu Ende. Mit sich nehmen sie Vilya, Nenya und Narya, die drei Ringe der Elben, und mit ihrem Scheiden endet das dritte Zeitalter (Band 3, S. 373-377).

Die Trilogie des „Herrn der Ringe“ spielt, wie oben dargestellt, in einem Europa eines früheren, vorchristlichen Zeitalters (Day 2003, S.11). Von daher verwendet Tolkien auch vorchristliche Vorstellungen für seine Begegnungen mit dem Tod. Menschen und andere Wesen, die sich dem Bösen verschrieben haben, werden, wie in germanischen und keltischen Vorstellungen, zu furchteinflösenden und gefährlichen Wiedergängern, dagegen stirbt der große Krieger Boromir einen ehrenhaften Tod und wird, ähnlich der Bestattungsriten der Wikinger, in einem Boot bestattet. Das Motiv der „Unsterblichen Lande“ nimmt schließlich die keltisch Postmortalitätsvorstellung des Übergangs in eine andere Welt auf. Auf diese Weise werden alte mythologische Vorstellungen um Sterben, Tod und Leben nach dem Tod für den modernen Menschen aus der Vergangenheit heraus gerückt und mit der faszinierenden Welt Tolkiens verwoben.

Quellen

  • Ade, Dorothee; Willmy, Andreas; Die Kelten; Stuttgart 2007
  • Birkhan, Helmut; Charakteristische Merkmale des altkeltischen Kulturlebens
  • Day, David; Tolkiens Welt, Die mythologischen Quellen des Herrn der Ringe; Stuttgart 2003
  • Dr. Hertz, Wilhelm; Das Rolandslied, Der älteste französische Epos; Stuttgart 1861
  • Foster, Robert; Das große Mittelerde Lexikon, Ein alphabetischer Führer zur Fantasy-Welt von J.R.R. Tolkien; Gladbach 2002
  • Fries-Knoblauch, Janine; Die Kelten, 3000 Jahre europäische Kultur und Geschichte; Stuttgart 2002
  • Geier, Fabian; J.R.R. Tolkien; Hamburg 2009
  • Golther, Wolfgang; Handbuch der Germanischen Mythologie; Wiesbaden 2003
  • Hasenfratz, Hans-Peter; Die Germanen, Religion, Magie, Kult, Mythus; Erfstadt 2007
  • Heyne, Moritz; Beowulf: angelsächsisches Heldengedicht; Paderborn 1863
  • Malory, Thomas; Die letzte Schlacht de König Artus; München 2007
  • Shippey, Tom; J.R.R. Tolkien, Autor des Jahrhunderts; Stuttgart 2002
  • Tolkien J.R.R.; Der Herr der Ringe, Band 1: Die Gefährten, Stuttgart 1972
  • Tolkien J.R.R.; Der Herr der Ringe, Band 2: Die zwei Türme; Stuttgart 1972
  • Tolkien J.R.R.; Der Herr der Ringe, Band 3: Die Wiederkehr des Königs; Stuttgart 1972