28. Oktober 2011 von Daniel von Frieling postmortalitaet2011 1

Postmortalitätsvorstellungen “des” Islam

von Daniel von Frieling, Patrick Jersch, Inga Grenz, Robin Söhn und Bastian Maertens

Die Frage, nach der Postmortalität, also dem, was nach dem Tode kommt, beschäftigt jeden Menschen, jede Religion und jede Kultur. So spielt sie auch im Koran, dem heiligen Buch des Islam eine Rolle. Nach einem kurzen Überblick über Entstehung und Bedeutung des Koran wird sich dieser Text mit der Frage nach postmortalen Vorstellungen im Islam mit dem Endzeitlichen Gericht, den Engeln, sowie Himmel- und Höllenvorstellungen im Koran auseinandersetzen. Als Primärquelle wird der kanonisierte Koran, übersetzt von Rudi Paret dienen. Außerdem sei zu Beginn erwähnt, dass es nicht „den Islam“ oder „die Postmortalität“ gibt, da sich gesellschaftliche Glaubenssysteme, welche wir als Religion definieren in stetigem Wandel befinden.

Zu Beginn des 7. Jahrhundert, der Entstehungszeit des Islam, diente die Handelsstadt Mekka als Wallfahrtsort umliegender Sippenverbände. Das zentrale Heiligtum der Stadt war die Kaaba, welche zahlreiche Stammesgottheiten enthielt, sodass in Mekka ein reger Polytheismus herrschte. Als heilige Stadt bildete Mekka eine kriegsfreie Zone zwischen den oftmals verfeindeten Stammesgemeinschaften.

Etwa im Jahre 610 n.Chr. begann nun der “Prophet” Mohammed, welcher zuvor zahlreiche Visionen gehabt haben soll, öffentlich in Mekka den Islam zu predigen. Zunächst wurde ihm das freie Wort gewährt, doch als er begann den Polytheismus und die von den Mekkanern praktizierte Bilderverehrung anzugreifen, wurde ihm um das Jahr 616 die öffentliche Predigt untersagt. In den darauf folgenden Jahren gelang es Mohammed nicht, den monotheistischen Islam in der polytheistisch geprägten Stadt durchzusetzen. Viele Mekkaner hegten Feindschaft gegen ihn und so wurde die Umma, die muslimische Gemeinschaft, welche aus den wenigen Anhängern Mohammeds bestand, im Jahre 623 aus Mekka vertrieben. Sie siedelte sich noch im selben Jahr in der 80 km nördlich gelegenen Stadt Yathrib, dem heutigen Medina an. Hier gelang es der Umma schließlich ihren Glauben in der Gesellschaft zu etablieren. Acht Jahre später eroberte sie unter Mohammeds Führung die Stadt Mekka, von wo aus sich der Islam in den darauf folgenden Jahrhunderten bis nach Spanien und China verbreiten sollte (vgl. Khoury 1990, 25ff).

Das Siegel der Propheten

Etwa in seinem 40. Lebensjahr erschien Mohammed, nach islamischer Überzeugung, erstmals der Engel Gabriel. Von nun an empfing er immer wieder Visionen, in denen ihm der Engel die göttliche Offenbarung Gottes, den Koran, diktierte. Dieser war zunächst mündlich tradiert, bis der dritte Kalif Uthman Ibn Affan kurz nach Mohammeds Tod alle bis dahin bestehenden schriftlich festgehaltenen Koransuren vernichten und die standardisierte Version des Koran aufzeichnen ließ, die bis heute erhalten ist.

Der Prophet Mohammed, welcher nach islamischer Vorstellung in seinen Visionen die Offenbarung Gottes empfing, sollte diese den Menschen übermitteln. Doch schon vor ihm hatte es Propheten gegeben, die das Wort Gottes an die Menschen weitergaben und im Koran Erwähnung finden. In Sure 3,144 und 5,75 beispielsweise werden sowohl Mohammed als auch Jesus als Gesandte Gottes bezeichnet,

Und Mohammed ist nichts als ein Gesandter, vor dem schon andere Gesandte dahin gingen. (Sure 3,144)

Der Messias, Sohn der Maria, ist nichts als ein Gesandter, vor dem schon andere Gesandte dahin gingen (Sure 5,75) doch habe Mohammed die endgültige und unverfälschte Offenbarung Gottes verkündet, so die islamische Lehrmeinung (vgl. Khoury 1990, 45f).

Der Koran als göttliches Gesetzbuch

Der Koran als göttliche Schrift habe nach muslimischer Auffasssung seit jeher bestanden. Für die Menschen ist er demnach unnachahmlich und unübertrefflich. Außerdem repräsentiert der Koran die nicht hinterfragbare Autorität Gottes, der den Muslim zu völliger Hingabe und Gehorsam verpflichtet. Nach islamischen Verständnis unterdrücke die Unterwerfung unter den vermeintlichen Willen Allahs keinesfalls die Persönlichkeit des Individuums, da der Mensch von sich aus nicht in der Lage sei, den „Rechten Weg“ zu gehen (vgl.Bobzin 2006, 36). So heißt es in Sure 7,43.44 :

Wir hätten unmöglich die Rechtleitung gefunden, wenn Gott uns nicht rechtgeleitet hätte. [...] Dies ist nun das Paradies. Ihr habt es zum Erbe erhalten (zum Lohn) für das, was ihr (in eurem Erdenleben) getan habt. Und die Insassen des Paradieses rufen den Insassen des Höllenfeuers zu: „Wir haben gefunden, daß das unser Herr uns versprochen hat, wahr ist. (vgl. Paret 1966, 126)

Die Autorität, die der Koran innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft repräsentiert, lässt sich unter anderem mit Sure 56,77-80 begründen (vgl. Bobzin, 2006, 36ff.): Droben im Himmel in einer wohlverwahrten Schrift, die nur von Reinen berührt wird, nunmehr als Offenbarung vom Herrn der Menschen in aller Welt herabgesandt. (vgl. Paret 1966, 452) So regelt der Koran als „göttliches Gesetz“ nicht nur die religiöse Praxis eines Muslims, sondern ebenfalls die Rechtsprechung innerhalb der islamischen Gemeinschaft.

Gottes endzeitliches Gericht

Der Koran ist nicht chronologisch sondern thematisch und nach Verszahlen in voneinander unabhängige Suren geordnet. Von daher gibt er für die Endzeit, um die es im Folgenden gehen soll, keinen systematischen Ablauf vor, weshalb er hier hypothetisch rekonstruiert werden soll. Zunächst beginnt die Endzeit mit einem Posaunenstoß (Sure 69,13), woraufhin die Erde durch ein gewaltiges Erdbeben zerstört wird und die Toten aus ihren Gräbern steigen. Daraufhin treten sie vor Gottes Gericht (vgl. Paret 1966, 483). Bei diesem muss ein Muslim vor „Allah“ all seine Taten verantworten, um schließlich ins „Paradies“ oder in die „Hölle“ zu gelangen:

Wenn dann ein einziges Mal in die Trompete geblasen wird und die Erde und die Berge hochgehoben und (auf) einmal (zerstoßen und) zu Staub gemacht werden, an jenem Tag bricht die Katastrophe (des Gerichts) herein. Und der Himmel spaltet sich und ist an jenem Tag brüchig. Und die Engel befinden sich (rundum) an seinem Rand, während hoch oben acht (von ihnen) an jenem Tag den Thron deines Herren tragen. An jenem Tag werdet ihr (dem Richter) vorgeführt, und dabei bleibt nichts von euch verborgen. Wem dann seine Schrift (mit dem Verzeichnis seiner Taten) in seine Rechte gegeben wird, der sagt: „Da, verlest meine Schrift! (Ich habe nichts zu befürchten.) Ich habe (von vornherein) damit gerechnet, daß ich (dereinst) meine Abrechnung erleben würde. Er hat dann ein angenehmes Leben in einem hochgelegenen Garten mit tief hängenden Früchten (so daß man sie leicht pflücken kann). (Und zu den Insassen des Gartens wird gesagt:) „Eßt und trinkt und laßt es euch wohl bekommen! (Ihr erhaltet dies alles zum Lohn) für das, was ihr früher, in den vergangenen Tagen (eures Erdenlebens) getan habt. Derjenige aber, dem seine Schrift (mit dem Verzeichnis seiner Taten) in seine Linke gegeben wird, sagt: Wäre mir doch meine Schrift nicht gegeben worden, und wüßte ich (jetzt) nicht, wie es mit meiner Abrechnung steht! Wäre es doch damit (das ich gestorben bin) endgültig aus![...] (Den Höllenwärtern wir zugerufen) „Greift ihn und fesselt ihn, und laßt ihn hierauf im Höllenbrand schmoren! (Sure 69, 13-29) (vgl. Paret 1966, 480)

Göttliche Diener“ – Engel im Koran

Gemäß Vers 17, ist der Glaube an Engel, neben dem Glauben an das endzeitliche Gericht, fester Bestandteil des Koran. Sure 43,19 bezeichnet die Engel als „Diener Gottes“ (siehe Sure 69). Ihr Dienst sei laut Sure 21, 19-26 eine Ehre, da sie „Allah“ unablässig preisen würden. Am Tage des „Gerichts“ werden die „Engel“ nicht nur den Thron “Allahs” tragen, sondern ebenfalls um Vergebung für die Menschen bitten (Sure 48, 5). Zuvor handeln sie nach „Gottes“ Willen, beispielsweise als Übermittler zwischen „Gott“ und dem Menschen. Sure 2, 97 bezeugt weiterhin, dass der “Erzengel Gabriel” Mohammed den Koran übermittelt habe. Außerdem treten „Engel“ als Beschützer der Muslime in Erscheinung  (Sure 13,11), vor allem im Krieg gegen die „Ungläubigen“ (Sure 8, 9). Als “göttliche Wächter” verzeichnen sie ferner die Taten eines jeden Muslims in Schriften (s.o.). Der „Teufel“ und seine Untertanen sind ebenfalls „Engel“ gewesen, die aufgrund ihres Ungehorsams gegenüber „Gott“ in die „Hölle“ verbannt wurden (Sure 15, 31-35). Dort warten sie auf die „Unreinen“, um diese fortan zu quälen (vgl. Khoury 2005, 89ff.).

“Paradies” -und “Höllenbeschreibungen”

Explizite „Paradiesbeschreibungen“ lassen sich in Sure 56, 27 finden, in der die „Nahestehenden Gottes“ (Anm. des Verf.: respektive Allah nahe stehende Muslime der „Urgemeinde“, eventuell Blutsverwandte des Propheten) in die „Gärten der Wonne“ eintreten, :

Und die schon gewonnen haben […]. Ein[i]ge ganze Schar (von ihnen) gehört den früheren (Generationen) an, und (nur) eine kleine Anzahl den späteren.Auf golddurchwirkten Sesseln liegen sie (behaglich) einander gegnüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen (voll Wein?) und einem Becher (voll) von Quellwasser (zum Beimischen?), (mit einem Getränk) von dem sie weder Kopfweh bekommen, weder betrunken werden und (mit allerlei) Früchten, was (immer) sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach (immer) sie Lust haben. Und großäugige Huris* (haben sie zu ihrer Verfügung), (in ihrer Schönheit) wohlverwahrten Perlen zu vergleichen . (Dies) zum Lohn für das, was sie (in ihrem Erdenleben) getan haben. Sie hören dahin kein (leeres) Gerede und keine Versündigung, sondern nur das (Gruß)wort, Heil! Heil!

Die „Rechtgeleiteten“ (Anm. des Verf.: Konvertiten) hingegen verweilen an Zizyphusbäumen :

Sie befinden sich an Zizyphusbäumen, die der Dornen entblößt sind, und dicht (mit Laub) besetzten Akazien(?) in weit reichendem Schatten, an Wasser, das sich (über das Erdreich) ergießt, mit vielen Früchten, (die sie) ununterbrochen und unbehindert (zu ihrer Verfügung haben), und dick gepolsterten Betten. (Und Huris stehen zu ihren Diensten.) Wir haben sie regelrecht geschaffen und sie zu Jungfrauen gemacht, heiß liebend und gleichaltrig, (eigens) für die von der Rechten. Während im Gegenbild der Oase, die „Unreinen“ (von der Linken [Anm. des Verf.: Hand s.o.]) in der „Hölle“ verweilen, einem Ort sengender Hitze und grausamster Qualen: Sie befinden sich in sengender Glut und heißem Wasser und (im) Schatten von schwarzem Rauch, der weder kühl ist noch wohltuend. Sie führten (eben) vordem ein Wohlleben und verharrten in der gewaltigen Sünde (des Unglaubens).

Zusammenfassung

Gemäß „des“ Korans, lassen sich drei unterschiedliche „Menschengattungen“ am „Tag des Gerichtes“ von einander unterscheiden. Entsprechend ihrer “guten” oder “schlechten” Taten, erhalten sie ein entsprechendes Urteil. Dieses determiniere die jenseitige Existenz des Gläubigen (vgl. Paret 1966, Sure 56). In Sure 21,34-35 ist der Tod dem diesseitigen Leben gegenübergestellt. Über den Todeseintritt entscheidet hierbei Gott allein (56,60). Das menschliche Leben wird also primär als endlich betrachtet. Am “jüngsten Tag” wird die “individuelle Endlichkeit” jedoch von Gott aufgehoben: jeder Muslim steigt aus seinem Grab um sich vor “Allah” zu verantworten. Das Leben nach dem Gerichtsurteil Gottes ist hingegen ein ewiges. In dieser jenseitigen Existenz wird der Muslim für seine Taten entsprechend belohnt. Der Koran definiert für die Bestimmung “guter” und “schlechter” Taten ferner die islamische Moral. Allah tritt somit als Schöpfer, Zerstörer und Richter in Erscheinung. Er hat den Koran als Gesetzbuch Mohammed übermitteln lassen, den Menschen erschaffen, bestimmt über dessen Todeszeitpunkt, über die “Endzeit” und fällt schließlich das Urteil, welches über das jenseitige Dasein des Muslims entscheiden soll. Kurzum: “Allah” verfügt über absolute “Handlungssouveränität”. Gott allein bestimmt über seine Schöpfung. Dies zwingt den Moslem in eine unterwürfige Haltung, gegenüber einer übergeordneten, metaphysischen Instanz. Der Koran reflektiert also einen monotheistischen Glauben. Der religiöse Akteur muss das Gesetz des Koran zu Lebzeiten befolgen, um dafür von Gott im Jenseits belohnt, respektive für Gesetzesverstöße bestraft zu werden. Für den gläubigen Moslem besteht kein hieran kein Zweifel (2,8.126.232; 3,114; 4,162; 58,22). Würde er die Authentizität des Koran bestreiten, bestünde schlichtweg die hypothetische Möglichkeit, ein ewig qualvolles Leben im Jenseits zu erleiden. Der Moslem glaubt somit an eine Wiedergeburt in der Endzeit und jenseitiges Leben, welches einzig durch seine zu Lebzeiten Vollbrachten taten, sowie Gottes Urteil bestimmt sei. Lediglich der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes, kann dem Moslem deshalb Gewissheit über eine jenseitige Erlösung verschaffen. Der Islam ist deshalb nicht nur eine monotheistische Religion, sondern weiterhin eine eschatologische. Er verkündet zum einen, dass Gott den Menschen übergeordnet ist. Gott allein entscheidet über den Zeitpunkt der Auferstehung und das jenseitige Dasein des Moslems. Einzig der Glaube an den Koran, respektive Gottes Existenz und dessen Vorschriften sowie ein jenseitiges, ewiges Leben und die Erlösung durch Gott am “jüngsten Tag”, charakterisieren den Islam deshalb als eschatologisch-monotheistischen Glauben, wie es die postmortalen Beschreibungen des Koran reflektieren.

*Arabisch Hur, Plur. Von hawra, Fem. Von ahwar, eigentlicher „die weissen“, d. h. Die Jungfrauen im Paradiese, deren schwarze Augen wegen ihrer hellweissen Umgebung stark auffallen. (vgl. Wensinck und Kramers 1976, 176)

Quellen

  • Bobzin, H., Der Koran, 1. Auflage, 2006
  • Khoury, Adel Theodor, Der Koran, 2005, Erschlossen und Kommentiert von Adel Theodor Khoury
  • Schimmel, A., Sufismus, 2000
  • Paret, R., Der Koran, 1966
  • Wensinck, A.J., und Kramers, J.H. (Hrsg.), Handwörterbuch des Islam, 1976