02. Oktober 2011 von Vivica Zweidar postmortalitaet2011 2

Tod bei den Germanen: HEL

Was bedeutet der Tod für die Germanen, und was passiert in ihrer Vorstellung nach dem Tod? Auf diese Frage lässt sich nur schwer eine Antwort finden, da die Quellenlage bezüglich der Germanen sehr dürftig ist. Es gibt von den so genannten Germanen selbst so gut wie keine schriftlichen Darstellungen über ihre Kultur und Glaubensvorstellungen (vgl. Blog “Der Tod bei den Germanen”). Dennoch gibt es einige Hinweise, dass sie an ein Leben nach dem Tod glaubten. Funde von reich ausgestatteten Prunkgräbern der Oberschicht mit einer Vielzahl von Beigaben zeugen von einem Jenseitsglauben (vgl. RGG, S. 749).

Wie stellen sich die Germanen ein Jenseits vor? Antworten hierauf sind in der Edda von Snorri Sturluson zu finden. Je nach Status im Leben vor dem Tod, hatte das Leben nach dem Tod einen anderen Ausgang. Für im Kampf gefallene Krieger war die Säulenhalle Valhall (vgl. Edd S. 72) vorgesehen, während die, die infolge einer Krankheit oder aufgrund ihres Alters verstorben waren, ein Leben im Totenreich Hel erwartete.

Heldarstellung von Johannes Gehrt, 1889

Heldarstellung von Johannes Gehrts, 1889

Die Edda

Die Edda wurde von Snorri Sturluson um 1200 in Island verfasst. Zu diesem Zeitpunkt war Island bereits seit zweihundert Jahren christlich. Daher ist eine Interpretation der Edda im Hinblick auf germanische Glaubensvorstellungen sehr kritisch zu beurteilen. Es gibt keinen verlässlichen Zusammenhang zwischen Funden, die sich auf vorchristliche Zeit datieren lassen und den Schriften aus christlicher Zeit. Dennoch wurden Mythen und Erzählungen in der Forschung immer wieder benutzt, um ältere Zeugnisse auszulegen. Darüber hinaus wurde noch bis ins zwanzigste Jahrhundert die germanische Religion häufig auf ihre Mythologie reduziert (vgl. RGG, S. 749).

Auch populäre Darstellungen in Literatur, Musik und Film wie Richard Wagners Opern oder Tolkiens “Herr der Ringe” bearbeiten das Thema Germanen, basierend auf Sagenstoffen, und tragen so zu einem Germanenbild bei, das wahrscheinlich gravierend von dem ursprünglichen germanischen Selbstverständis abweicht.

Wenn ich in diesem Blog die Helvorstellung anhand der Edda untersuche, darf nicht daraus geschlossen werden, dass die Glaubensvorstellung der Germanen tatsächlich so aussah. Der Blick auf die Edda bietet lediglich einen Erklärungsansatz dafür, wo das populäre Germanenbild einen Ursprung hat.

Als kleinen Ausblick, wie die Geschichten der oben genannten Edda von Snorri Sturluson aktuell wieder aufgegriffen wurden, möchte ich die dänische Comicreihe “Valhalla” von Peter Madsen aus den Jahren 1979 bis 2009 nennen. Dort wurden viele Elemente und Erzählungen aus der Edda verarbeitet. Auch die Heldarstellung im Comic entspricht zum Teil der Helvorstellung, wie sie in der Edda geschildert ist.

Ich werde nun anhand der Edda von Snorri Sturluson beleuchten, was unter Hel verstanden wurde, beziehungsweise, was Snorri darunter verstanden hat. Dabei werde ich besonders auf den Mythos von Balders Tod eingehen, da dort zahlreiche Verweise auf Totenbrauchtum und den Jenseitsort Hel sowie deren gleichnamige Herrscherin zu finden sind. Außerdem habe ich diese Passage ausgewählt, da die Gestalt Balders sowie Hel auf einer Vielzahl von Goldbrakteaten, die aus dem vierten und fünften Jahrhundert stammen, belegt sind. Diese Bildbelege lassen Parallelen zwischen original germanischen Zeugnissen zu Snorri Sturlusons Erzählungen in der Edda erkennen (vgl. Hauck, S. 96). Wie aber bereits oben genannt, kann nicht abschießend geklärt werden, inwiefern Snorris Ausführungen christlich geprägt sind und welche Elemante als tatsächlich germanisch angesehen werden können.

Im Anschluss werde ich kurz die eddische Heldarstellung mit der Comic-Heldarstellung anhand eines ausgewählten Titelbildes aus Peter Madsens Comic “Valhalla” vergleichen, um zu verdeutlichen, wie die Edda das heutige Germanenbild inspiriert.

Hel in der Edda

In den Anmerkungen der Eddaübersetzung von Arthur Häny wird Hel wie folgt zusammengefasst: “Die Hel ist das Totenreich der alten Germanen, für die bestimmt, die «nur» an Krankheit oder Altersschwäche starben. Ursprünglich war sie kein Ort der Strafe, doch bei Snorri nähert sie sich schon der mittelalterlichen Hölle an (Edda, S. 238).”

Bei der Lektüre der Edda fällt auf, dass die Heldarstellung nicht ganz kohärent durchgehalten wird, sondern Widersprüche in sich birgt. Gleich zu Beginn der Erzählung, in der König Gylfi von Schweden mit drei vermeintlich göttlichen Gestalten aus dem Arsengeschlchecht ein Frage-Antwort-Spiel bestreitet, wird Hel als ein Ort für die schlechten Menschen beschrieben: “Das ist das Größte, daß er (der ‹Allvater› Odin, der höchste Gott der Germanen) den Menschen machte und ihm ein Leben einhauchte, das bleiben soll und nie vergehen – auch wenn der Leib zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt. Und alle Menschen, die rechtschafffen sind, werden leben und bei ihm selber sein, dort, wo es Gimle oder Wingolf heißt. Aber die schlechten Menschen fahren zu Hel und von dort in die Nifhel (‹Nebel-Hel›), das heißt hinunter in die neunte Welt (Edda, S. 18).”

Im Verlaufe der Geschicht finden dann jedoch auch Götter Eingang in Hel, sogar “gute” Götter, für die nach der Aussage oben Hel gar nicht vorgesehen war. Der Gott Balder nämlich, der in der Erzählung der Edda mit ausschließlich positiven Eigenschaften ausgestattet ist, muss nach seinem Tod seine Existenz ebenfalls in Hel fristen.

Der Balder-Mythos

Balder ist der Edda zufolge der zweite Sohn Odins, ” (…) und von ihm gibt es nur Gutes zu sagen. Er ist der Beste, und ihn loben alle. So schön anzusehen und so hell ist er, daß ein Leuchten ausgeht von ihm (…) ( Edda, S. 51).” “Er ist der klügste der Asen, weiß am schönsten zu reden und hat am meisten Mitleid (Edda, S. 51).”

Einmal träumt Balder seinen eigenen Tod. Daraufhin fordert seine Mutter Frigg alle Tiere und Pflanzen auf, einen Eid abzulegen, dass sie Balder nicht verletzten, damit er unverwundbar würde. Nur der junge Mistelzweig erscheint ihr zu jung. Loki, dem das missfällt, stiftet Balders blinden Bruder Höd an, einen Mistelzweig auf Balder zu werfen. Dadurch wird Balder schließlich doch tödlich verwundet, worüber alle Asen, besonders Odin, erschrocken und traurig sind. Frigg veranlasst, dass Hermod der Entschlossene sich auf den Hel-Weg begibt, um Balder zu suchen und Hel ein Lösegeld anzubieten, damit sie Balder ” (…) wieder heimkehren lasse nach Asgard (Edda, S. 106).”

In der Zwischenzeit wird Balders Leiche ans Meer auf ein Schiff gebracht und dort mit seiner Frau, die durch Balders Tod an gebrochenem Herzen starb, auf einem Holzstoß verbrannt. “Zu dieser Feuerbestattung strömte vielerlei Volk herbei. Erst einmal Odin; ihn begleiteten Frigg, die Walküren und seine Raben. (…) Odin legte den Goldring Draupnir (‹der Tropfer›) auf den Holzstoß. Der hat seither die Eigenschaft, daß jede neunte Nacht acht ebenso schwere Goldringe abtropften von ihm. Auch Balders Pferd wurde auf den Holzstoß gebracht, mit all seinem Zaumzeug (Edda, S. 107-108).”

Hermod, der nach Balder sucht, kommt nach neun dunklen Nächten zum Fluss Gjöll, der ganz nah an den Toren zur Hel fließt (vgl. Edda, S. 19) und zur Gjöll-Brücke, die von einer jungen Frau Modgud (‹Zorn-Kampf›) bewacht wird. “Sie sagte, Balder sei da wirklich über die Gjöll-Brücke geritten, ‹und der Hel-Weg führt niederwärts, nordwärts (Edda, S. 108)›.”

Hermod kommt beim Gittertor der Hel an, wo er in einer Halle auf Balder trifft und mit Hel verhandelt, Balder mitnehmen zu dürfen. Hel ist bereit, Balder gehen zu lassen, wenn “alle Dinge in der Welt, lebendige und tote, ihn beweinen, dann soll er heimkehren zu den Asen – aber haften bei Hel, wenn jemand Einspruch erhebt oder nicht weinen will (Edda, S. 19).” Zum Gedenken sendet Balder den Ring Draupnir an Odin zurück.

Hermod reitet zurück und alle sind bereit, Balder zu beweinen, bis auf die Riesin Thökk, die sich weigert. “Thökk wird mit trockenen Tränen beweinen Balders Fahrt zum feurigen Holzstoß; weder lebend noch tot hat der Kerl mich erquickt; Hel behalte, was sie hat (Edda, S. 110)!” Snorri fügt dann noch hinzu, dass es sich bei der Riesin um den verkleideten Loki gehandelt haben muss (vgl. Edda S. 104-110).

In dieser Erzählung wird Hel zum einen als ein dunkler Ort für Tote dargestellt, dessen Eingang irgendwo unten und im Norden liegt, zu dem man über eine bewachte Flussbrücke gelangt. Und zum anderen wird berichtet, dass Hel eine Person ist, die über Tote bestimmen kann (vgl. Edda, S.60).

Bei Snorri sind dem Ort Hel ausschließlich negative Attribute zugeordnet: Hel hat “einen großen Saal, ‹Hunger› ihre Schüssel, ‹Abmagerung› ihr Messer, ‹Gangschlapp› ihr Knecht, ‹Gangschlampe› ihre Magd, ‹Stolperstein› die Schwelle, die ins Haus führt, ‹Krankenschragen› ihr Bett, ‹Blinkendes Übel› ihr Bettvorgang (Edda, S. 61).”

Offenbar ist der Ort Hel nicht nur für Menschen, sondern auch für Götter zugänglich, und nicht ausschließlich für Tote zu finden, denn Hermod kann zur Hel reiten, ohne tot zu sein und Hel sogar wieder verlassen. Der tote Balder hat allerdings keine freie Wahl, wieder zu gehen, sondern unterliegt dem Willen von Hel. Das Gittertor verhindert möglicherweise ein Entkommen. Zumindest ist dieses Tor für Hermod auch nur mit Hilfe eines Pferdes zu passieren, beziehungsweise zu überspringen. Für Balder scheint es diese Möglichkeit nicht zu geben, denn obwohl er sein Pferd bei sich hat, ist er in Hel gefangen.

In der Geschichte wird die Leichenverbrennung als Ritualhandlung nach Balders Tod beschrieben. Die Verbrennung der Leiche vollzieht sich auf einem Schiff. Seine Frau, sein Pferd und ein Ring werden ihm als Beigaben mit in den Tod gegeben. Die Feuerbestattung müsste eigentlich zur Einäscherung seines Körpers führen, in Hel jedoch scheint sein Körper wieder hergestellt zu sein. Auch die Beigaben zum Scheiterhaufen, zumindest sein Pferd und der Ring Draupnir, tauchen ebenfalls nach der Verbrennung in der Hel wieder auf. Die “Totenwelt” scheint nicht das Symbol für einen unumstößlichen Endzustand zu sein, sondern der Tod ist gewissermaßen Verhandlungssache. Am Ende der Edda wird erklärt, dass irgendwann Himmel und Erde verbrennen und alle Welt und alle Götter tot sein werden, und dass dann eine neue Welt entsteht, in der auch Balder aus Hel wieder heraufkommt (vgl. Edda, S. 121 -123).

In der Edda wird der Tod einerseits als etwas Trauriges beschrieben – die Hinterbliebenen trauern um den toten Balder, aber andererseits als einfach eine “Station im Leben” – für Balder bietet sich eine Möglichkeit, aus Hel wieder herauszukommen, die zwar zunächst vertan wird, dann aber am Ende der Welt doch noch “Wirklichkeit” wird. Der Tod in der Edda hat nichts Endgültiges.

Totenbrauchtum und Jenseitsglaube

Nun bleibt immer noch die Frage, inwiefern dieser Mythos von Balders Tod germanische Vorstellungen zum Totenbrauchtum und zu Jenseitsvorstellungen der Germanen repräsentiert. Das Brauchtum der Totenverbrennung bei den Germanen wird zum Beispiel in Tacitus “Germania” beschrieben. Dort ist ebenfalls erwähnt, dass Waffen und Pferde des Toten dem Feuer mit übergeben werden (vgl. Maier, S. 101). Und auch das Trauern um einen Toten scheint in dem Balder-Mythos ähnlich wie Tacitus schildert: “Von Wehklagen und Weinen lassen sie schnell, von Trauer und Schmerz nur langsam ab. Für Frauen schickt sich laute Klage, für Männer stilles Gedenken (Tacitus, zitiert nach Maier, S. 101).”

Archäologische Funde, insbesondere Grabbeigaben legen nahe, dass der Tote für ein Jenseits gewappnet wurde. Allerdings lassen sich nirgends konkrete Jenseitsbeschreibungen finden. Um eine Vorstellung vom “germanischen Jenseits” zu bekommen, bleibt nur eine Deutung der Mythologie, die allerdings immer nur einen indirekten Quellenwert besitzt.

Maier beschreibt in “Die Religion der Germanen” die Funktion von Mythen folgendermaßen: “In der neuzeitlichen Rezeption der altnordischen Mythologie spielte die Erzählung um Balders Tod und Bestattung von Anfang an eine wichtige Rolle (Maier, S. 51).” Maier erläutert, dass die ” (…) wenigen Hinweise antiker und mittelalterlicher Autoren sowie ethnologische Parallelen (vermuten) lassen (…), daß die Mythen der Germanen ganz allgemein dazu dienten, die Vorstellungen von den außermenschlichen Grundlagen der natürlichen Umwelt sowie der Gesellschaft und Kultur in erzählerischer Form zu veranschaulichen, zu vergegenwärtigen und dadurch im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Ihre Funktion bestand daher weniger in einer möglichst ökonomischen und widerspruchsfreien Erklärung der bestehenden Verhältnisse als vielmehr in deren religiöser Ausdeutung und Bestätigung (Maier, S. 51).”

Titelbild des 13. Bandes der Comicreihe "Valhalla" von Peter Madsen

Titelbild des 13. Bandes der Comicreihe "Valhalla" von Peter Madsen, 2005

Der Comic Valhalla von Peter Madsen

In dem dreizehnten Band der dänischen Comicreihe “Valhalla” von Peter Madsen wird der Baldermythos neu erzählt. Er ist auf der Grundlage von Snorris Edda sowie “Balders Träume” aus der älteren Liederedda und dem dänischen Geschichtswerk “Gesta Danorum” des Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus aus dem zwölften Jahrhundert entstanden (vgl. www.petermadsen.info).

Zum Abschluss werde ich ganz kurz darauf eingehen, dass viele ganz offensichtliche Parallelen zu Snorris Edda zu finden sind:

Das Titelbild des Comics “Balladem om Balder” zeigt Balder groß im Vordergrund. Er ist blond und “schön”, so wie es die Beschreibung seiner Gestalt und seiner Haare in der Edda nahelegt (vgl. Edda, S. 51).

Sein Gegenspieler Loki ist links im Hintergrund zu sehen. Er hat schwarze Haare und blickt verschlagen drein. Er spielt offensichtlich die Rolle des Bösen, wie sie ihm auch nach der Edda zugedacht wurde: “Er hatte anderen Menschen die Art von Klugheit voraus, die man Schläue nennt, und wandte in allen Lagen List an (vgl. Edda, S. 59).” Loki umarmt Balders blinden (vgl. Edda, S. 58) Bruder Höd, der Balder ähnlich sieht und einen Mistelzweig in der Hand hält, der bekanntlich zu Balders Tod führt. Die Blindheit ist auf dem Titelbild als geschlossene Augen dargestellt. Aus der konspirativen Haltung der beiden lässt sich eine Anspielung auf Lokis und Höds Rolle bei Balders Tod ablesen.

Rechts hinter Balder ist Hel auszumachen – in einen schwarzen Mantel mit Kapuze gehüllt. Charakteristisch für sie ist, dass sie “halb (…) schwarz, halb fleischfarben (ist) (Edda, S. 61).” “(D)aran erkennt man sie leicht, und ziemlich düster und grimmig schaut sie vor sich hin (Edda, S. 61).” Bei ihr sind zwei monsterartige Gestalten – sicherlich ihre Geschwister, der Fenriswolf und die Midgardschlange (vgl. Edda, S. 60). Über ihr baumeln Totenköpfe aus den Bäumen herab, die als Symbol für die Totenwelt verstanden werden können.

Wie dieses Titelbild andeutet, finden sich in der fünfzehnbändigen Comicausgabe sowie in der Verfilumg des Comics zahlreiche Geschichten der nordischen Götter und Mythen wieder. Und vielleicht ist auch ein Körnchen “echter” germanischer Ideen enthalten…

Quellennachweis:

Abbildung - Heldarstellung von Johannes  Gehrts,  1889, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Hel_(1889)_by_Johannes_Gehrts.jpg

Abbildung – Titelbild des 13. Bandes der Comicreihe “Valhalla” von Peter Madsen, 2005, URL: http://www.petermadsen.info/pages/vh/vh13/forsideillustr-vh13.html

Hauk, Karl: Die Bildformeln in ihren Leitvarianten. (Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, LV). In: Heizmann, Wilhelm und Axboe, Morton [Hrsg.]: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit - Auswertung und Neufunde. De Gruyter. Berlin, New York 2011, S. 61-152.

Maier, Bernhard: Die Religion der Germanen. Götter – Mythen – Weltbild. Verlag C.H. Beck. München 2003.

Schier, Kurt: Germanische Religion. In: Betz, Hans Dieter; Browning; Don S.; Janowski, Bern und Jüngel, Eberhard [Hrsg.]: Religion in Geschichte und Gegenwart. Band 3, Stichwort – Germanische Religion. J.C.B. Mohr. Tübingen 2000, S. 750-754.

Sturluson, Snorri: Prosa-Edda. Altisländische Göttergeschichten. Aus dem Altisländischen übertragen, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Arthur Häny. Manesse Verlag. Zürich 2002.

Kommentare

  1. Hoch lebe odin!^^

    Sind schon spannende Geschichten, die die Germanen da hatten. sehr lesenswert.

    Was ich sehr faszinierend finde, ist dass die “Germanen” so viele unterschiedliche Mythen von Tod und Jenseits kannten. An Postmortalitätsvorstellungen mangelte es ihnen ja nicht. das Thema passt gut in so einen Kurs.

    Neben den gängigen Jenseitsvorstellungen, wie Hel oder der Walhalla gab es ja noch etliche andere.

    Zum Beispiel gab es ja neben dem ehrenvollen Tode auf dem Kampffeld und dem eher unrühmlichen Tod an Krankheit, Unfall oder Altersschwäche auch noch den Tod durch Ertrinken. Dafür war dann wieder eine andere Gottheit zuständig, nämlich die beiden gastfreundlichen Meeresgötter Ägir und Ran (die Raubende). So sagte ein germanisches Sprichwort, wenn Menschen ein Schiffsunglück erlitten und dabei ertranken, “der Ran in die Hände fallen”. Es war also immer gut ein bischen Gold dabei auf hoher See zu haben, um nicht mit leeren Händen bei der Göttin darzustehen. Man glaubte, dass Ran die Ertrinkenden in einem Fischernetz einfing und sie in ihren unterirdischen prunkvollen Unterwasserpalast holte, wo sie dann auch lebten. Den Toden erschien sie dann bei ihrer eigenen Beerdigung. Eigentlich ja auch ja gar kein so schlechter Tod – in einem goldenen Palast leben und jeden Tag festlich bewirtet zu werden.^^

    Für unverheiraten Frauen, Jungfrauen also, gab es wieder einen anderen Götterspezialisten. Die sollen dann zur Glücks- und Fruchtbarkeitsgöttin Gefion, der Schutzgöttin unverheirateter Frauen, gekommen sein.

    Während die eine Häfte der gefallenen Einherier zu Odin in die Walhall kam, stand die andere Häfte, einer Vereinbarung zufolge, der schönen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freya zu. Sie sollen dann in ihrem Palast Folkvang (die Halle des Volkes) aufgenommen worden sein, ebenso wie die toten Frauen.

    (Manche Könige und Adlige sollen ja angeblich sich sogar am Sterbebett einen Speer, Odins heilige Waffe, auf eigene Anweisung das Herz durchbohren lassen haben, und sich so “Odin weihen” lassen, um doch noch in der Walhall aufgenommen zu werden. Der Kriegertod hatte ja anscheinend einen sehr hohen Stellenwert bei den nordischen Völkern, denen ja zumindest nachgesagt wird sehr kriegerisch gewesen zu sein, naja ist ja auch besser als in der trostlosen Hel zu landen.^^)

    Ist schon alles ganz schön verwirrend, da die Germanen der Edda zufolge, eben nicht nur den einen Mythos vom Jenseitsreich kannten.^^ Für jede erdenkliche Todesart hatten sie ein anderes Jenseitsreich. Aber spannend ist es in jedem Fall. Es lohnt sich mal die Edda zu lesen.

    Mirko Koschenz, 08. Oktober 2011, 6:29
  2. Liebe Vivica,

    ich finde deinen Blog-Eintrag sehr gut, nicht zu lang, fantastisch geschrieben und interessant gestaltet. Vor allem den kurzen Bezug am Ende zur Moderne fand ich als Abschluss sehr gelungen.
    Auch dass du die Edda zeitlich eingeordnet hast, führte dazu, dass ich ein besseres Gefühl für den Inhalt bekam, mich nicht ständig fragen musste, wie nah oder wie fern die Edda jener Kultur eigentlich steht.

    Dein Zitat ganz am Anfang, in dem es darum geht, wer eigentlich zu Hel kommt und wer zu Odin, hat mich sehr stark an die christliche Einteilung von gut und böse, die Folgen von richtigem Handeln, erinnert. Davon habe ich im Zusammenhang mit den Germanen noch nie etwas gehört, dass war sehr interessant. :) Die Unterscheidung zwischen Hel und Nifhel fand ich allerdings etwas verwirrend. Für jemanden mit wenig Hintergrundwissen zu den Germanen, wie mir, wäre eine kurze Erklärung eventuell hilfreich gewesen. Auch was es eigentlich mit der neunten Welt genau auf sich hat… aber andererseits bietet dies auch einen gewissen Spielraum für Diskussionen, lässt einen nachdenken und vielleicht sogar selbst mal etwas darüber nach forschen! :)

    Die vielen Widersprüche, welche du erwähnst, lassen mich fragen, ob Snorri Sturluson wirklich der einzige Autor der Edda war oder ob er verschiedene Fragmente kulturellen Guts einfach zusammengefügt, festgehalten hat. Also mehr, wie ein Historiker, versuchte die Überbleibsel zu retten, anstatt sie einer Logik folgend aufzubauen… deinem Eintrag nach schien mir das geschriebene jedoch ein wenig mehr dem Stil eines Dichters zu entsprechen, jedenfalls wenn man das Bild eines Historikers unserer Zeit vor Augen hat.

    Da es, wie du auch schreibst, ein populäres Bild der Germanen gibt, aber eigentlich keine wirkliche Kultur der Germanen, lässt sich natürlich auch schwer sagen, ob der Wahrheitsgehalt, der eventuell in der Edda enthalten ist, überhaupt auf alle „Germanen“ anzuwenden ist oder ob es vielmehr eher der in Island ansässigen Kultur entsprach und weniger jenen, die auf dem Festland lebten.
    Vor kurzen hab ich gelesen, dass sogar die Unterteilung in Kelten und Germanen erstmals von Cäsar aufgestellt wurde, indem er einfach beschloss jene Völker rechts vom Rhein als Germanen und alle links von diesem als Kelten zu bezeichnen. Wenn man bedenkt, dass die Menschen jener „Kultur“ hauptsächlich in Stammes- und Familienverbänden lebten, kann man sich schon denken, dass sie selber vermutlich keine allgemeine Bezeichnung für unterschiedliche Stämme hatten oder sich als eine zusammengehörige Gruppe sahen und somit natürlich von einander abweichende Riten und Glaubensvorstellungen besaßen. Was wiederum eine heutige Rekonstruktion jener Religion und der damit einhergehenden Totenbräuche erschwert.

    Archäologische Funde sind deshalb heute die einzig wichtige und authentische Quelle, um etwas über die damalige Zeit sagen zu können. Schriftliche Überlieferungen gab es, wie bei den sogenannten Kelten, kaum bis gar nicht… Die Werke, welche wir heute haben, sind meist, wie die Edda, lange Zeit später verfasst wurden und dann schon unter ganz anderen Dies- und Jenseitsvorstellungen (wie du auch erwähnst). Dennoch fand ich die Mythologie der Religionen immer faszinierend und einer Untersuchung wert. Man kann nun sagen, dass sie im nach hinein verfälscht wurden oder ein zu phantastisches Bild zeichnen, aber ich versuche das einmal anders zu sehen. Archäologische Funde benötigen genauso einer Interpretation, wie das die Menschen jener Zeit taten, um sich Dinge zu erklären, die sie nicht verstanden oder Personen einer späteren Zeit, die versuchten jene Religion zu rekonstruieren, festzuhalten. Dabei wird diese Interpretation immer von der momentanen Weltsicht, dem Weltverständnis beeinflusst. Wenn wir uns heute Überreste anschauen, kommen wir auch nicht umhin, sie mit unserem Verständnis der Welt zu begreifen und zu erklären. Und Genau das sehe ich in der Mythologie… Bezüglich der Edda denke ich, dass Snorri Sturluson mit der Edda vielleicht nicht exakt jene Kultur der „Germanen“ darstellte, aber versuchte mit seinen Möglichkeiten und Vorstellungen die Fragmente, die er vorfand, zu verstehen, also gleichzeitig auch zu interpretieren. Es ist also ganz klar, dass seine christliche Prägung mit in die Wiedergabe floss. Aber ist es nicht genauso wahrscheinlich, dass er durch die Interpretation die Gestalt der ursprünglichen Religion zwar verwandelte, sie aber nicht vollkommen ihrem Charakter bestahl? Ich denke, du hast recht, wenn du davon ausgehst, dass man in der Mythologie, der Edda speziell und eventuell auch in dem Comic, etwas „Wahrheit“ finden könnte. Auch wenn es vielleicht lediglich einen kleinen Bruchteil darstellt, welcher bloß zu einer bestimmten Zeit oder einer geographischen Lage zu zählen ist, ist es dennoch eine Erinnerung an vergangene Zeit, eine Möglichkeit einen Blick in diese zu werfen. Der Gedanke wäre zumindest schön. :)

    Jaqueline Jüling, 29. Oktober 2011, 11:49

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