29. November 2011 von Marina Schmidt postmortalitaet2011 1

Tod und Wiedergeburt im Buddhismus und Hinduismus

von Marina Schmidt

Der Kreislauf des Todes und der Wiedergeburt – das sind charakteristische Merkmale des Hinduismus und des Buddhismus. Doch in wie fern ist dieser Gedanke ähnlich, wo gibt es grundlegende Unterschiede?  Im folgenden Artikel soll ein Vergleich angestellt werden.

Buddha-Statue in Japan [1]

Beide Religionen haben ihren Ursprung in Indien haben. Der Buddhismus fand vor ungefähr 2500Jahren mit dem Gründer Buddha, dessen bürgerlicher Name Siddharta Gautama, seinen Anfang. Es gibt Vermutungen, dass er sich Inspiration im Hinduismus geholt hat und diesen als Vorbild genommen hat. Seine Lehren und Erkenntnisse gehören noch heute zu den buddhistischen Traditionen. Es gibt jedoch keine verbindlichen Texte für alle Buddhisten, sondern viele verschiedene. Eine der wichtigsten Schriften jedoch ist der Pali-Kanon, in dem sich gesammelte Lehrreden Buddhas befinden. Es gibt keine Göttervorstellung im Buddhismus. Heutzutage gibt es ungefähr 360 Mio. Gläubige und ist damit die viertgrößte Religion auf der Erde. (Michaels, Axel: Buddha, S.7, 14)

Mit ca. 900 Mio Anhängern ist der Hinduismus nach dem Christentum und dem Islam die drittgrößte Weltreligion. Hier lässt sich keine genaue Zahl der Gründung sagen, denn es gibt viele verschiedene Richtungen und Lehren im Hinduismus und es gibt keinen Religionsstifter oder -begründer. Doch seine Wurzeln sollen rund 3000 Jahre zurückliegen. Unter dem Begriff Hinduismus werden verschiedene Religionsrichtungen zusammengefasst, die sich beeinflussen und überschneiden und teilweise auch dieselben Lehren und Rituale aufweisen. Hier haben oft die Lehrer, Gurus genannt, großen Einfluss auf den einzelnen Gläubigen.(Michaels, Axel: Hinduiusmus, S.9)

In beiden Religionen wird geglaubt, dass jedes Lebewesen sich in einem Kreislauf befindet. Dieser Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt nennt sich Saṃsāra (Sanskrit: “Umherwandern”). Die Hindus sind der Ansicht, dass es einen beständigen Teil im Innersten des Menschen gibt, der, nach dem Tod des Körpers, wiedergeboren wird. Dieser unzerstörbare, beständige Teil wird Ātman genannt, was übersetzt so etwas wie “Lebenshauch” heißt. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S. 419f) Im Gegensatz dazu glauben die Buddhisten, dass es keinen Teil des Menschen gibt, der beständig ist. Es wird gesagt, dass es kein Ātman oder ein permanentes Selbst gebe. Vielmehr gibt es ein Bewusstseinskontinuum, welches aber wesensmäßig nichts mit einer neuen Verbindung zu tun hat. Dieser Vorgang verdeutlicht sich durch folgenden Vergleich: Sei jeder Körper eine Kerze, die Flamme bildet das Bewusstseinskontinuum. Im Moment des Erlöschens der Kerze wird eine neue an der Flamme angezündet. Somit bleibt die Flamme bestehen, doch wird eine neue Kerze gebraucht. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S.1080)

Dieser Wiedergeburtskreislauf wird im Buddhismus im Lebensrad dargestellt und ist in fast allen buddhistischen Klöstern dargestellt.  Als Mandala dient es der Meditation. Die Mitte des Lebensrades bilden ein Schwein, eine Schlange und ein Hahn, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen. Sie stehen für Verblendung, Hass und Gier. Die Überwindung dieser drei Sachen soll es möglich machen, das Saṃsāra zu durchbrechen. Die Überwindung bedeutet Befreiung aus dem Kreislauf, also Eingehen ins Nirvāṇa. Dieser Vorgang des “Erwachens” wird auch Bodhi genannt. Doch Bedingung für diesen Vorgang ist das vollständige begreifen der vier edlen Wahrheiten. Die erste ist die Wahrheit  vom Leiden, die zweite die Wahrheit von der Entstehung des Leidens, die dritte ist die Wahrheit von der Überwindung des Leidens und die vierte und letzte die Wahrheit vom Weg zu Überwindung des Leidens. Dieser Weg zur Überwindung wird durch den achtfachen Pfad beschrieben. Hier sind die Aspekte der Weisheit, der Sittlichkeit und der Sammlung oder Vertiefung aufgeführt. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S.1004)

Im Hinduismus hingegen  erreicht man durch Befreiung aus dem Saṃsāra den Mokṣa (Sanskrit: “Erlösung”). Traditionell überliefert sind drei Wege, die zum Mokṣa führen, Jñāna-, Karma- und Bhakti-Yoga. Der Weg des Wissens, der Tat und der Gottesliebe. Manchmal ist auch noch ein vierter Weg überliefert, das Rāja- auch Königs-Yoga genannt. Dies ist der Weg der Gedankenarbeit und der Meditation. Mokṣa zu erreichen, ist das höchste  der vier Lebensziele der Hindus. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S. 673)

Um diese Mitte des buddhistischen Lebensrads herum ist ein zweiter Kreis mit einer hellen und einer dunklen Hälfte. In der hellen sind Menschen zu sehen, die aufgrund guter Handlungen im guten Bereich sind. In der dunklen Hälfte sind gefesselte Lebewesen abgebildet, die von einem Dämon in die Tiefe gezogen werden. Diese Symbolik stellt den karmischen Auf- und Abstieg dar. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S.1004f) Das Wort  Karma ist sanskrit und bedeutet übersetzt “Handlung” oder “Tat”. Jede Handlung hat eine Konsequenz und wirkt sich im momentanen oder im nächsten Leben auswirken. Durch das Karma wird bestimmt, als was das Lebewesen im nächsten Leben wiedergeboren wird. Hat der Buddhist oder Hindu viele gute Taten getan, wird sich das positiv auswirken, schlechten Taten wirken sich negativ aus. Es ist also ein Ursache-Wirkung-Prinzip. Es gibt auch hinduistische Auffassungen, dass die Taten sich im Jenseits auswirken, so kann eine gute Tat eine begrenzte Zeit im Himmel oder eine schlechte Tat eine begrenzte Zeit in der Hölle nach sich ziehen, doch danach folgt eine Wiedergeburt. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S.528f) In diesem Zusammenhang ist in beiden Religionen auch der Begriff Dharma, was übersetzt “das Tragende” heißt, zu nennen. Im Buddhismus ist die Lehre Buddhas das “Tragende”, die wichtigsten Punkte werden in den vier edlen Wahrheiten zusammengefasst. Im Hinduismus umfasst das Dharma die Gesamtheit der Pflichten, so auch die gesellschaftliche Ordnung. Die Gemeinsamkeit ist, dass die Einhaltung und korrekte Ausübung des Dharmas den Weg in die Erlösung ebnet. (Michaels, Axel:Hinduismus, S.30f)

Der darumliegende dritte Kreis im buddhistischen Lebensrad ist in sechs Bereiche aufgeteilt, die die sechs Daseinsbereiche der Wiedergeburt darstellen. Drei angenehme, in der man als friedliche oder zornvolle Gottheit oder als Mensch wiedergeboren wird. Und drei unangenehme, in der man als Tier, Hungergeist oder Höllenwesen wiedergeboren werden kann.  (Bowker, John, Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S. Ebenso gibt es im Hinduismus Wiedergeburten in verschiedenen Formen: Man kann als Tier oder in vielen verschiedenen Himmeln oder Höllen wiedergeboren werden. Sehr selten gilt die Wiedergeburt als Mensch. In der Daseinsform des Menschen gibt es noch die Besonderheit des Kastensystems. Dieses unterscheidet die Gesellschaft in vier soziale Schichten: Die oberste Kaste ist die der Brahmanen, das sind die Priester und Gelehrten. Es folgen die Kshatriyas, die Krieger und Könige. Darunter stehen noch die Vaishyas, die Kaste der Händler und Hirten und die Kaste der Shudras, der Arbeiter und Sklaven. Darunter sind noch die Dalits, die für niedere Aufgaben vorgesehen sind. Das Kastensystem ist heutzutage sehr umstritten, sowohl, wie die genaue Kasteneinteilung ist, als auch die Begriffe. Es gibt viele verschiedene Versionen, dies ist nur eine mögliche. (Michaels, Axel: Hinduismus, S.185)

Der vierte und äußerste Kreis im Rad des Lebens des Buddhismus ist in zwölf Bereiche aufgeteilt. Diese stellen symbolisch die zwölf Ursachen der bedingten Entstehung (Paticcasamuppada), also der Kette der Wiedergeburten, dar. (Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, S.1004)

Auch wenn dieses Rad des Lebens eine buddhistische Abbildung ist, wird deutlich, dass sich viele Elemente, wenn auch nicht ganz deckungsgleich, auch in den hinduistischen Traditionen vorhanden sind. Doch sowohl für die Hindus als auch für die Buddhisten ist der Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt leidvoll und es wird eine Befreiung aus dem Saṃsāra angestrebt. Da es im Buddhismus kein Ātman oder einen beständigen Teil gibt, kann dieser auch keinen zu definierenden Zustand nach dem Tod erlangen. Der Austritt aus dem Saṃsāra wird hier Nirvāṇa genannt. Das heißt übersetzt “Auslöschen”. Wenn das Nirvāṇa erreicht ist, dann gibt es keine Wiedergeburt, es ist die Befreiung von allen Anhaftungen, vor allem aber von Gier, Hass und Verblendung.

Hindutempel in Singapur [2]

Im Hinduismus wird die Befreiung aus dem Zyklus der Wiedergeburten Mokṣa, was “Erlösung” oder “Befreiung” bedeutet, genannt. Mokṣa ist nicht personifiziert und nicht lokalisiert. Es gibt zwar auch Vorstellungen von Himmel und Hölle, doch das sind nur vorübergehende Zustände. Es vereinigen sich  Ātman mit dem Brahman, wobei Brahman als unveränderliche und transzendente Realität, auch Weltseele genannt, benannt wird.

Im Bezug auf den Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt gibt es bei den Religionen die Gemeinsamkeit, dass das höchste Ziel ist, aus diesem auszubrechen und damit Erlösung aus dem Leid finden. Der Unterschied liegt dann darin, dass Nirvāṇa eine Auslöschung und Auflösung bedeutet, während Mokṣa Einheit und Vereinigung von Ātman mit dem Brahman ist.

In beiden Religionen die Wiedergeburt als Mensch wünschenswert und großes Glück. Im Buddhismus kann der Weg zum Nirvāṇa  am leichtesten im Reich des Menschen erkannt und befolgt werden. Im Hinduismus hingegen hat man nur als Mensch die Möglichkeit, den Wiedergeburtsprozess zu durchbrechen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es bei den Religionen Hinduismus und Buddhismus einige identische Begriffe und Vorstellungen im Bezug auf den Kreislauf der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt gibt und doch gibt es auch große Unterschiede. Einer der größten ist, dass die Tradition der Hindus den Ātman-Glauben lebt. Hier gibt es so etwas, was eine Art Seele ist. Das wichtige hier ist, dass das Ātman beständig ist und wiedergeboren wird, bis es den Kreislauf durchbricht und sich mit dem Brahman vereint. So existiert sie als Urseele weiter. Buddha jedoch lehnte diesen Glauben ab. Er kam im Laufe seines Lebens zu der Erkenntnis, dass es so eine ewige Seele nicht gebe. Es gibt nur ein Bewusstseinskontinuum, welches immer wiedergeboren wird. Und da es keinen beständigen Kern gibt, kann dieser auch mit keiner Gottheit, wie im Hinduismus, verbinden. Stattdessen ist das Nirvāṇa eine vollständige Auflösung.

Quellen

  • Bowker, John: Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1999
  • Linke, Bernhard-M. (Hg.): Die Welt nach der Welt, Otto Lembeck, Frankfurt am Main, 1999.
  • Michaels, Axel: Der Hinduismus, C.H.Beck, München, 1998.
  • Michaels, Axel: Buddha, C.H.Beck, München, 2011.

[1] Beyer, Dirk, Buddha Daibutsu, Kamakura/Japan, 10. Mai 2005, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kamakura_Budda_Daibutsu_front_1885.jpg?uselang=de, letztes Zugriffsdatum: 07.11.2013.

[2] MCaviglia, Eingang eines Hindu Tempels in Singapur, September 2005, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:SingaporeHindu01.jpg?uselang=de, letztes Zugriffsdatum: 07.11.2013.