19. September 2011 von Stefan Scheel postmortalitaet2011 1

“…when the earth will give up the bones of the dead…”

von Bianca Stock, Dimitrios Kotrotsos, Tjark Raabe & Stefan Scheel

“Verkünden will ich denn, was mir der Heiligste nannte als das Wort, das zu vernehmen den Sterblichen am meisten fromme; ‘Wer ihm [Zarathustra] um Meinetwillen Gehorsam und Achtung bezeigt, gelangt zu Heil und Unsterblichkeit durch Guten Geistes Werke!- [also sprach Er,] der Allweise Herr” [YASNA, 45,5]

Die mit weltweit etwa 200.000 Anhängern eher bedeutungslos anmutende Größe der zoroastrischen Gemeinde steht in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung in der Religionsgeschichte. Bleibt die historische Verortung durch die Quellenlage auch weiterhin umstritten, so kann ein möglicherweise wechselseitiger Einfluss auf andere Religionen dennoch nicht von der Hand gewiesen werden (bspw. Totenauferstehung, eschatologischer “Fahrplan”, dämonischer Antagonist). Als prägend sind in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines dualistischen Weltbildes (Gut und Böse; abhängig von zeitlicher Entwicklung und emischer Perspektive: moderne Parsis bspw. betonen den monotheistischen Aspekt ihrer Religion), eines Individual- als auch Kollektivgerichtes nach dem Tode (nach rein “moralischen” Kriterien) sowie die Erwartung einer messianischen Erlösergestalt am Ende der Zeiten und das ewige Leben in einer erneuerten Schöpfung anzusehen. Der Fokus dieses Blogeintrags soll auf postmortalen Zuständen im Zoroastrismus liegen.

Die Zoroastrier sind aktuell eine über den Erdball verstreute religiöse Gemeinschaft, gleichzeitig bis heute einzigartig u.a. aufgrund ihrer Bestattungsriten, die auf ihrer religiösen Sicht der Welt fußen. Diese basiert auf einer Elementarlehre, die die (rituelle) Reinhaltung der Erde, des Wassers, des Feuers, der Pflanzen, des Himmels, des Viehs sowie der Menschen selbst fordert. So sind weder Erd- noch See- noch Feuerbestattungen religiös erlaubt, die traditionelle zoroastrische Bestattung in den Dakhmahs hingegen zumindest in den westlichen Ländern schlicht verboten.

Auch in den ehemaligen Kernlanden des Zoroastrismus, dem heutigen Iran, Pakistan und Indien, gibt es seitens der Mehrheitsgesellschaften Ressentiments oder schlicht natürliche Hindernisse für die Bestattung in einem Dakhmah – einer gen Himmel offenen, ummauerten Plattform auf der die konzentrisch angeordneten Leichen der Zoroastrier dem Verzehr durch Aasfresser und dem Austrocknen durch Sonnenlicht anheim gegeben werden.

Da das Sonnenlicht in zoroastrischer Vorstellung den postmortalen Weg weist (auf den Sonnenstrahlen wandert die Seele seinem Individualgericht entgegen), ist diese Sonnenbestattung eigentlich gefordert, heute jedoch für die Zoroastrier in der Diaspora nicht mehr überall durchführbar. Die Reinhaltung der den Zoroastriern heiligen Elemente wird jedoch nach Kräften befolgt. So hat sich in modernen Zoroastriergemeinden bspw. die Bestattung in Betonsärgen durchgesetzt, die ein Einsickern rituell unreiner Körperflüssigkeiten in das Erdreich verhindern. Neuerdings sind die noch nicht allzu weit verbreiteten Elektrokrematorien sehr beliebt, die geschickt das Verbot der FEUERbestattung umgehen. Die Parsen in Indien sind nicht nur die stärkste Gruppe moderner Zoroastrier, sie konnten trotz ihrer Größe und ihrer wirtschaftlichen Situation unter der britischen Kolonialherrschaft eine große rituelle Nähe zum antiken Zoroastrismus bewahren. So sind noch zahlreiche Dakhmahs in Benutzung.

Ein Ort zentralen Gedenkens an den Einzelnen ist nach zoroastrischer Vorstellung nicht vonnöten, da am Ende aller Zeiten ihr weiser Herr, Ahura Mazda, die Knochen der Verstorbenen wieder zusammenführt. Die Religion entbehrt dabei jedoch nicht der Sorge um den Einzelnen. Stirbt ein Mitglied der zoroastrischen Gemeinde, so ist Eile geboten, soll die Leiche doch umgehend bestattet werden. Der Priester nähert sich dem Leichnam nur auf einige Meter, gilt der tote Körper doch als verunreinigt durch den Leichendämon Nasu, gleichsam als Beleg für den vorübergehenden Triumph des Bösen.
Die Leichenträger schützen sich daher vor Transportbeginn durch rituelle Formeln und schweigen, während sie die Leiche auf einer Eisenbahre ins Dakhma  tragen. Dorthin folgt ihnen niemand, der Zutritt ist nur den Leichenträgern gestattet. Diese sprechen an der Grablege des Toten eine weitere rituelle Formel und beenden damit das Bestattungsritual.
Nun ist die Leiche, zumeist inmitten zahlreicher weiterer Leichen in verschiedensten Stadien der Verwesung, abgelegt und im nach oben offenen Dakhmah sowohl aasfressenden Vögeln wie auch der Sonne ausgeliefert. Die nach einiger Zeit abgenagten und ausgeblichenen Knochen sind rituell rein. In den ersten drei Tagen nach dem Tod und der Bestattung im Dakhmah werden von der Familie des Verstorbenen sowie vom Priester Rituale vorgenommen, die die Seele des Verblichenen vor dem Zugriff böser Kräfte schützen und sie auf den Weg ins Jenseits (vgl. Stausberg, S.70) vorbereiten sollen. Die trauernde Familie fastet in dieser Zeit und der Priester nimmt am dritten Abend ein Opfer für das heilige Feuer vor. Am Morgen des vierten Tages kann die Seele des Toten dann den Weg ins Jenseits antreten.

Da die Wurzeln des Zoroastrismus sehr weit zurückliegen, haben sich im Laufe der Zeit auch zahlreiche verschiedene, sich mitunter widersprechende Vorstellungen der Postmortalität herausgebildet. Im Folgenden soll sowohl auf die Kern- als auch, soweit möglich, auf die historischen Alternativvorstellungen eingegangen werden.

Nach dem Tode verharrt die Seele des Zoroastriers noch drei Nächte im Körper des Toten (Vendidad 19). Über das, was in diesem Zeitraum passiert gibt es verschiedene Überlieferungen:
Ursprünglich wurde diese Zeit von rechtschaffenen Seelen dazu genutzt, religiöse Verse zu rezitieren, während die sündhaften Seelen ihr Ableben beklagen. Spätere Vorstellungen richten sich dagegen schon konkreter auf den weiteren Verlauf der Reise der Seele. So wird zum Einen angenommen, dass die gute Seele all ihre guten-, die schlechte Seele dagegen all ihre schlechten Taten noch einmal durchleben muss. So würden die Toten schon einen Ausblick auf ihren weiteren Vebleib bekommen. Zum Anderen hat sich, im Bewusstsein, dass es weder vollkommen gute noch schlechte Menschen gibt, später eine Vorstellung verbreitet, nach der die rechtschaffene Seele jeweils ihre schlechten Taten durchleben muss,
während die schlechte Seele all ihre guten Momente durchlebt. Für die gute Seele hat dies die Funktion, ihre geringen Sünden zu sühnen, während die schlechte Seele sich in
Sicherheit wiegt und ihr weiterer Verbleib noch überraschender kommt.

Ursprünglich gab es keine besonderen Riten oder Gebete für den Toten, da ja allein seine Taten über den weiteren Verlauf seiner Seele entscheidend sind und die Gebete demnach
keinen Sinn hätten. Später, in den in Pahlavi verfassten Texten, ging man allerdings davon aus, dass böse Geistwesen – die Devs – versuchen, die Seele in einen Abgrund zu ziehen, um zu verhindern, dass sie ihren weiteren Weg antreten kann. Diese Vorstellung wurde im Laufe der Zeit soweit abgewandelt, dass sich ein böses Geistwesen (Dev Vizarsha) mit der metaphysischen Personifizierung des religösem Gehorsams (Srausha) um die Seele streitet. Die Gebete der Angehörigen richten sich demnach, bis in die heutige Zeit, an den personifizierten Gehorsam.

“In der Unsterblichkeit ist die Seele des Rechtgläubigen tatenfroh,
dauernd aber währen die Qualen des lügenknechtischen Mannes” [YASNA 45,7]

Bei Sonnenaufgang des vierten Tages findet sich die Seele an einem ihr unbekannten Ort wieder. Die Beschaffenheit des Ortes hängt von den Taten des Verstorbenen ab: Handelt es sich um eine gute Seele, so findet sie sich in einem prächtigen Garten wieder, in dem es nach wunderbaren Blüten duftet. Sie wird von ihrer Daena erwartet, die die Gestalt einer schönen jungen Frau hat und komplett in weiß gekleidet ist. Handelt es sich dagegen um eine schlechte Seele, so findet sie sich in einer kargen Wüste oder eisigen Steppe wieder und schwefelartiger Gestank kommt ihr entgegen. Die Daena hat hier die Form einer alten, garstigen, nackten Frau (vgl. Hadokht Nask 2,1).

In der unmittelbaren Umgebung der Seele befindet sich ein zentrales Objekt der Jenseitsvorstellungen im Zoroastrismus: Die Cinvatbrücke. Diese Brücke reicht von den Ausläufern des mythologischen Elburzgebirges über einen tiefen Abgrund bis in das Reich des Gottes Ahura Mazda. Während am Boden des Abgrundes die negative Nachwelt verortet ist, stellt Ahura Mazdas Reich das positive Jenseits dar. Die Mitte der Brücke besteht aus einem gigantischen Schwert (vgl. Dadestan-i Denig 20,3).

Das Ziel einer jeden Seele ist es, über die Brücke in die positive Nachwelt zu gelangen. Dies ist jedoch nur den Gerechten vorbehalten, sündhafte Seelen werden daran gehindert. Im Laufe der Zeit bildeten sich verschiedene Wege heraus, wie die Brücke zu passieren sei. Die wohl ursprünglichste Version des Richtens der Seelen ist eine Mechanische: Die Seele betritt mit ihrer Daena die Brücke und versucht sie zu überschreiten, abhängig von den Taten des Toten bildet das Schwert in der Mitte der Brücke entweder liegend einen sicheren Übergang, oder stehend ein unüberwindbares Hindernis. Bei dem Versuch, die stehende Klinge zu überschreiten, fallen sowohl die Seele als auch die Daena unweigerlich in den Abgrund.

Eine jüngere Version berichtet von einem Göttergericht dem sich die Seele stellen muss. Dieses Gericht besteht aus dem schon erwähnten Srausha, dem vorzoroastrischen Gott Mithra sowie Rashnu, dessen Herkunft unbekannt ist. Letzterer verfügt über eine goldene Waage, mit der die guten und die schlechten Taten gegeneinander abgewogen werden. Diese Variante wird u.U. auch mit der der mechanischen kombiniert, indem sich die Stellung des Schwertes nach dem Urteil des Gerichts richtet (Vgl.: Lommel, Die Religion Zarathustras, S.188).

Eine weitere, stark vereinfachte Vorstellung setzt die Daena weiter in den Vordergrund: Sie allein entscheidet über den Verbleib der Seele, indem sie sie entweder
sicher über die Brücke geleitet oder mit sich in den Abgrund reißt (Vgl.: Saddar Bundehesch, 99, 5-9; Pavry, S.44,7).

Hat die Seele es nun geschafft die Brücke zu passieren, findet sie sich in der positiven Nachwelt wieder. Hier wird sie sofort von anderen Seelen freundlich in Empfang genommen und über die Welt befragt. Mit Verweis auf ihre anstrengende Reise wird sie aber von den anderen  zu Ahura Mazda fortgeführt, um mit gutem Essen und Getränken versorgt zu werden.

Ist die Seele aber in den Abgrund gestürzt, wird sie – analog zu den Geschehnissen in der positiven Nachwelt – von den anderen Seelen bespuckt und beschimpft. Anschließend wird sie zu Ahriman geführt, wo sie gezwungen wird, Eiter und Skorpione zu essen. Daraufhin wird sie von allen Sinneswahrnehmungen getrennt und muss bis zur Endzeit in absoluter Einsamkeit verharren.

Zur Erklärung der apokalyptischen Vorstellung im Zoroastrismus muss im Vorfeld das allgemeine Konzept von Zeit verdeutlicht werden. Die Seelen verharren keineswegs für immer in der ihnen zugeschriebenen Nachwelt, sondern müssen sich mit Anbruch des Dritten Zeitalters (in der englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur als „Time of Separation“ bezeichnet) dem Jüngsten Gericht stellen.

Zeitalter

In den Yasna-Schriften wird das Ereignis folgendermaßen dargestellt: Die Entität Airyaman (nicht zu verwechseln mit Ahura Mazdas Gegenspieler Ahriman) schmilzt mit dem Element Feuer alles Metall in den Bergen und erzeugt damit einen Strom aus glühendem Metall. Dieser Strom fließt dann in die negative Nachwelt, in welcher er dann Ahriman und seine Daevas vernichtet. Im weiteren Verlauf werden, im Gegensatz zum individuellen Gerichtsprozess, den jede Seele durchlaufen muss, alle Seelen (auch der noch Lebenden) nochmals geprüft. Dies geschieht indem sie über besagten Strom laufen. Die gerechte Seele empfindet den Strom als “warm milk” [GBd XXXIV.18-19], während die Seele von Sündigern den Fluß durchqueren muss “as if he is walking in the flesh through molten metal” [GBd XXXIV.18-19]. Dieser Moment der Heilung hat zur Folge, dass alles Böse für immer aus der Welt geschafft, der Dualismus von Gut und Böse durchbrochen und somit eine Fast-Wiederherstellung der „Time of Creation“ vollzogen wird. Dieser paradiesisch anmutende Ort ist tatsächlich stofflich zu verstehen. Denn im Zoroastrismus herrscht die Vorstellung, dass das Stoffliche vollkommen und somit heilig ist. In einer englischen Übersetzung der Yasna heißt es:

„Ohrmazd and the Amahraspands and all Yazads and men wil be together…; every place will resemble a garden in spring, in which there are all kinds of trees and flowers…and it will be entirely the creation of Ohrmazd [= Ahura Mazda]“. [Pahl.Riv.Dd. XLVIII,99, 100, 107]

Quellen

  • BOYCE, Mary: Zoroastrians. Their religious beliefs and practices, London/New York 2001.
  • HINZ, Walther: Zarathustra, Stuttgart 1961.
  • HORNE, Charles F. (Hg.): The Sacred Books and Early Literature of East, Volume VII: Ancient Persia. Translated by Martin Haug, revised from the MS. of a Parsi priest Hoshangij, 1917.
  • STAUSBERG, Michael: Zoroastrismus, in: ANTES, Peter (Hg.): Die Religionen der Gegenwart. Geschichte und Glauben, München 1996, S.161-186.
  • ZAEHNER, Robert Charles: The dawn and twilight of Zoroastrianism, London 1975.