23. April 2012 von Stephan Schicke postmortalitaet2011 0

Altägyptische und zoroastrische Modelle des Nachtodglaubens

von Stephan Schicke

Wenn wir an das Alte Ägypten denken, denken wir zunächst an Pyramiden, gottgleiche Pharaonen und einen großen Mumienkult, der mit der Entdeckung des Grabes von Tut-Ench-Amun durch Howard Carter und spätestens durch die Aufarbeitung des “Fluchs der Mumie” in einschlägigen Genres der Unterhaltung an Bekannt- und Beliebtheit gewann. Was wir aber – wenn überhaupt – erst auf den zweiten Blick sehen ist, dass sich eben diese Kulte, unsere ersten Assoziationen mit Ägypten, fast ausschließlich um das Thema „Tod“ drehen. Der Tod stand den Ägyptern im Leben teils näher als das Leben selbst. Im Leben wurde schon auf den Tod hingearbeitet. In der monumentalen Weise, wie es heute noch in Ägypten zu sehen ist, war dies allerdings nur dem König, dem Adel und hohen Beamten vorenthalten. Ein einfacher Bauer oder Händler konnte sich keinen solchen Totenkult mit Pyramide oder Grab wie im Tal der Könige leisten.

Tal der Könige [1]

Was wir in unserer ersten Vorstellung von Ägypten ebenfalls oft nicht sehen, ist die Tatsache, dass die großen Pyramiden, Sinnbild für das ägyptische Land und dessen Totenzeremonial, zu der Zeit, als die großen und bekannten Pharaonen wie Ramses der Große oder Tut-Ench-Amun lebten, schon „Touristenschauplätze“ waren, die bereits vor 1000 Jahren erbaut wurden und deren Mysterien nicht mehr bekannt waren. So sind die großen Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau, dem Wahrzeichen Ägyptens und eines der antiken Sieben Weltwunder, zwischen 2620 und 2500 v. Chr. entstanden, Ramses der Große wurde aber um 1303 v. Chr. geboren. Dazwischen liegen also etwa 1300 Jahre, in denen sich auch das Verständnis um den Tod und die Bestattungszeremonien verändert haben (müssen). Wenn ich von den Bestattungszeremonien im Alten Ägypten spreche, muss ich mich also auf ein Verständnis beziehen, das durch die Epochen gleich geblieben ist. Aus diesem Grund – und natürlich auch wegen anderer kultureller Veränderungen – machte es Sinn, das Alte Ägypten in drei große Perioden, dem Alten Reich, dem Mittleren Reich und dem Neuen Reich aufzugliedern. (vgl Nack S. 304) In diesen Epochen fanden größere kulturelle Umbrüche statt, aber auch die Herkunft und Orientierung der Herrscher sind in diesen Zeiten unterschiedlich, bzw. eklatant anders als in der jeweils vorangegangenen Epoche. (vgl. Assmann, Ägypten) Um eine zeitliche Einordnung zu finden, sei erwähnt, dass die Pyramiden in der 4. Dynastie des Alten Reichs entstanden, Ramses der II. im Neuen Reich lebte. (Zeittafel des Alten Ägyptens)

Dem gegenüber steht die Religion und Kultur der Zoroastrier. Während Ägypten bereits seit 1000 Jahren seinem Totenkult folgte, entwickelte sich nicht weit entfernt, im heutigen Iran, eine Kultur, die sich ebenfalls intensiv mit dem Tod auseinandersetzte, sich in vielen Dingen vom Alten Ägypten, der damaligen Weltmacht, unterschied aber auch einige Gemeinsamkeiten aufwies. Etwa 1800 bis 600 v. Chr. war die Blütezeit des Zoroastrismus. (5) In dieser Religion steht der Gott Ahura Mazda im Mittelpunkt. Die Forschung ist sich hier bislang uneins, ob dieser Gott der einzige Gott war, womit der Zoroastrismus die erste monotheistische Religion wäre (Echnaton hat seinen Armana-Versuch 1350 v. Chr. gestartet), oder ob seine Gegenspieler ebenfalls Götter oder gottgleiche Wesen waren. (vgl. Boyce und Stausberg) Unbestrittener Fakt ist aber, dass sowohl im Zoroastrismus als auch im Alten Ägypten der Kampf zwischen Gut und Böse die jeweiligen Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod, bzw. des Todes selber beeinflussten. Auf der einen Seite stand der Kampf von Ahura Mazda gegen sein Pendant Angra Mainyu (oder Ahriman). (5)  Dieser Dualismus bestimmt – auch heute noch – sowohl die Religion als auch das Leben der Anhänger. (vgl. Stausberg S. 165 ff.) Ahura Mazda schuf das Gute und die Tugenden, das Böse wurde von Angra Mainyu in die Welt geholt. Zum Bösen gehört nach Auffassung der Zoroastrier auch der Tod, der als Verunreinigung der Schöpfung gilt.

Im Alten Ägypten war es ebenfalls ein solcher Dualismus, der die Religion bestimmte. Hier wurde die Vielschichtigkeit des Polytheismus – das „offizielle“ Pantheon setzte sich aus verschiedenen lokalen Gottheiten zusammen, die, mehr oder weniger verehrt, zu wichtigen oder unwichtigeren Göttern zusammen gebracht wurden – darin sichtbar, dass eine die ganze Welt umfassende, gute Macht auf das Wesen der Menschen wie auch auf die Götter einwirkte. Diese Macht, auch in personifizierter göttlicher Form, war Ma’at. Sie war das prinzipiell Gute, aber auch ein Gleichgewicht, das nicht zuletzt durch die Fruchtbarkeit der jährlichen Nilüberschwemmung ausgedrückt wurde. (vgl Assmann, Ägypten, S. 12) In der Ikonografie ist ihr Symbol daher die Waage. Auch eine Ibisfeder wird oft dargestellt, die die Leichtigkeit des Guten symbolisiert. Zu dem Kampf zwischen Gut und Böse gehört aber, als zentrales mythologisches Motiv, die Osiris-Geschichte. Bei diesem Mythos geht es um die drei Geschwister Isis, Osiris und Seth. Osiris und Isis sind zeitgleich verheiratet. Seth ist die Verkörperung des Bösen und der Zwietracht. Bei einem Gelage überlistet Seth seinen Bruder Osiris, sich in einen für ihn angefertigten Sarkophag zu legen. Als Osiris dies tut, verschließt Seth mit 72 Handlangern den Sarkophag und wirft ihn in den Nil, in dem Osiris stirbt. Seine Gemahlin Isis ist derweil in Sorge um Osiris und sucht ihn, findet ihn schließlich an Land gespült und versucht ihn zum Leben zu erwecken. Seth erfährt von der Errettung, stiehlt den Sarkophag und zerteilt Osiris’ Leichnam in viele Stücke, die daraufhin vom Nil durch das ganze Land verteilt werden. Isis sucht die Leichenteile und setzt, mithilfe von Anubis und vielen Binden den Körper des Osiris wieder zusammen. Er wird durch Isis und Anubis zu einem neuen Leben erweckt, das er als Herrscher der Unterwelt antritt. Osiris ist somit das Pendant von Re, der über die Sonne, den Osten herrscht. Osiris’ Unterwelt ist fortan der Westen (Entsprechend sind Nekropolen immer im Westen einer Stadt errichtet worden; bekanntestes Beispiel: Tal der Könige im Westen von Luxor). Dieser Mythos ist stellvertretend für die Bestattungsriten im Alten Ägypten zu sehen. (vgl Assmann S. 149 ff.) Hier werden zwei Bestattungen vorgenommen. Die erste Bestattung – äquivalent zu dem ersten Tod des Osiris – findet direkt nach dem Tod statt. Der Verstorbene wird unter priesterlichem Zeremoniell in den Sarkophag gelegt. In einem 70 Tage dauernden Ritual, das die Suche der Isis darstellen soll, werden dem Körper die inneren Organe entnommen und die restliche Hülle mit Natron mumifiziert. Die in den Kanopen befindlichen Organe, die die Zerstückelung des Osiris darstellen, werden bei der zweiten Bestattung im Grab selber wieder zur Mumie gegeben. Nach dem Mundöffnungsritual erwacht der Tote zum Leben in der Unterwelt. (vgl. Assmann)

Assmann: Der Tod im Alten Ägypten

Im Zoroastrismus ist der Tod weniger eine Angelegenheit des Individuums, als eine unvermeidliche Sache, die letztendlich dazu führt, in ein Jenseits zu gelangen und am Ende der Zeiten durch Ahura Mazda erweckt zu werden. Der Tote wurde – was für heutige Zoroastrier aus gesellschaftlichen Gründen kaum noch praktikabel ist – in einer Dakhma, einem zum Himmel offenen Turm, der Sonne und den Geiern ausgesetzt, die das Fleisch von den Knochen lösen sollen. Da der Tod als etwas Unreines angesehen wird, dürfen die wichtigen Elemente Feuer, Wasser und Erde nicht durch den Toten verunreinigt werden. Die Sonne wird als Träger der „Seele“ ins Jenseits angesehen; der Geist des Toten reist auf ihren Strahlen. Sie hat auch eine reinigende Wirkung. (vgl. Artikel hier im Playground) In den ersten drei Tagen nach dem Tod wird die Seele geläutert. Hierbei erlebt sie, je nach Taten im Leben, entweder die schlechten oder die guten Momente. Am vierten Tag tritt sie die Reise zur Cinwat-Brücke an, einer Art „Totengericht“. Die Brücke führt über das Reich des Bösen hinweg zur Stätte des Ahura Mazda. Die Mitte der Brücke besteht aus einem großen Schwert, dessen Klinge sich, abhängig davon, ob der Tote in seinem Leben dem Guten oder dem Bösen anhing, entweder breit und somit zum Übergang passend zeigt, oder aber aufrecht stehend und somit unpassierbar. Versucht man, die aufrecht stehende Klinge zu passieren, fällt man von dem Schwert hinab in die Unterwelt, dem Reich des Angra Mainyu. (vgl. Boyce)

Ein solches Totengericht, bei dem über die Taten des Verstorbenen gerichtet werden, findet sich auch im Alten Ägypten. Hier ist der „vorsitzende Richter“ Osiris selbst, der den Toten im Zweifelsfall in Empfang nahm. Anubis führte den Toten vor das Gericht, in dem die Waage der Ma’at stand. Auf der rechten Waagschale lag die Feder der Ma’at, die das Gute und die Ausgeglichenheit der Weltordnung symbolisiert, auf die linke Waagschale legte Anubis das Herz des Toten. Die Waage stellte nun fest, ob die Taten des Verstorbenen von Ma’at durchdrungen waren, ob er also gerecht gehandelt hat. Waren die Waagschalen im Gleichgewicht oder war das Herz sogar leichter, führte Horus ihn zu Osiris, der ihn mit ins Jenseits nahm, in dem seine Seele weiterleben durfte. War das Herz zu schwer, waren also die Taten im Leben zu schlecht, wurde sein Herz von einem krokodilköpfigen Wesen, der „Verschlingerin“ aufgefressen. In diesem Fall gab es kein Fortleben für die Seele des Verstorbenen. (vgl. Nack, S. 130 ff.)

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Seelenverständnis der beiden Religionen eingehen. Beide Vorstellungen sind mit unserem heutigen Verständnis von Körper und Seele nicht leicht zu begreifen. Es ist somit schwer, eine genaue Definition der Vorstellungen zu geben. Sowohl die Alten Ägypter als auch die Zoroastrier hatten ein vielschichtigeres Modell von „Seele“. In beiden Kulturen hat sich der Gedanke um das Leben nach dem Tod über die Jahrhunderte verändert. Somit auch die Seelenvorstellung. Es ist also unmöglich von DER Seelenvorstellung zu reden, ich möchte lediglich einen Ausschnitt des Verständnisses geben.

Der Seelengedanke war in Ägypten dreigeteilt. Alle drei waren metaphysische Ebenen des Seins, die den Lebewesen, teilweise auch Tieren und Pflanzen, innewohnten. Als erste Kategorie sei das „Ka“ zu nennen. Es ist wohl am besten mit „Lebenskraft“ zu übersetzen. Der Wille eines Menschen, Dinge, die er tut zu beeinflussen, das logisch empirische Denken, im Gegensatz zum reinen Instinkt, wurde im Verständnis der Ägypter gelenkt. Eben durch diese, den Menschen durchdringende Kraft, das Ka.  Man könnte diese Kraft vielleicht mit dem griechisch-philosophischen „Logos“ vergleichen.

Das „Ba“ ist ebenfalls eine Seelenform, die aber im Gegensatz zum Ka keine reine unwillkürliche Kraft darstellt, sondern eine Darstellung etwas göttlichem im Menschen ist. Es wird oft in Gestalt eines Tieres wiedergegeben. Durch das Ba wird Bezug auf den Funken Göttlichkeit im Menschen genommen, dieser dann personifiziert. Im Totenkult hat das Ba eine wichtige Rolle. So findet man im Totenbuch Hinweise darauf, dass der Leichnam an einen Ort der Ruhe gebunden ist. Das Ba hingegen kann sich seinen Ort aussuchen, ist also „mobil“. Ba und Leichnam sind aneinander gebunden. Während das Ba sich seine Orte des Seins aussucht, versorgt es den Leichnam mit Kraft. Die Aufenthaltsorte des Bas sind oft die Orte, an denen der Tote zu Lebzeiten auch gerne war, so dass das Ba den Toten mit positiver Kraft der Erinnerung versorgen konnte.

Als dritte Seelenform steht das „Ach“. Ach bedeutet so viel wie „Leuchten“. Es beschreibt den „verklärten Toten“, also denjenigen Toten, an dem die Bestattungsrituale ausgeführt wurden. Das Ach ist also erst postmortem vorhanden. Erst durch das Ach ist der Tote zu einem Wesen transformiert, das in die Unterwelt eingehen kann.

Erst diese drei Teile umfassen den ägyptischen Seelenbegriff. (vgl. Altenmeier)

Bei den Zoroastriern ist die Seele ebenfalls ein Medium, das nicht auf eine Eigenschaft oder Körperlichkeit zu begrenzen ist. Allerdings haben die Zoroastrier keine so komplexe Wahrnehmung der Seele. Im Gegensatz zu den Ägyptern muss die Seele der Zoroastrier nicht die beschwerlichen Wege durchlaufen und hat ein eigenes Leben in der Unterwelt bzw. in der Oberwelt zwischen den Lebenden. Aufgeteilt ist der Seelenbegriff hier in zwei Komponenten. Die eigentliche Seele, jene, die am vierten Tag nach dem Tod auf die Reise geht, ist die eine Seite, die Daena ist die andere. Unter Daena, was übersetzt etwa so viel wie „Gewissen“ bedeutet, verstehen die Zoroastrier genau das, nämlich eine Verkörperung des Gewissens, der Taten, die ein Mensch während seines irdischen Lebens vollbracht hat. Da gerade dieses Gewissen, also die moralische Auseinandersetzung mit dem Kampf und somit der Entscheidung zwischen Gut und Böse, als Mittelpunkt der Religion anzusehen ist, ist die Daena-Seele die eigentlich postmortal wichtigere Seele. Nach dem Tod begegnet der Verstorbene seiner Daena. Diese erscheint ihm in Form einer alten Frau oder eines schönen Mädchens, je nachdem, wie seine Taten im Leben ausfielen. Er wird also visuell mit seinen Taten konfrontiert.

Zusammenfassung

Sowohl im Alten Ägypten, als auch im Zoroastrismus finden sich Seelenvorstellungen, die nicht von einer einzigen, weiterlebenden Seele ausgehen. Während aber das Leben der Ägypter schon zu einem Großteil durch das Leben nach dem Tod bestimmt war, sich ein Ägypter also schon zu Lebzeiten damit auseinander setzen musste, wo und wie er bestattet werden sollte, war das Leben der Zoroastrier nur um das Wohlergehen der Seele bemüht, darum, sich ständig neu für den „guten Weg“ zu entscheiden. Nach dem Tod war dann bereits alles geregelt, es gab kein großes Zeremoniell, wie in Ägypten, wo die Seele noch auf das Leben nach dem Tod vorbereitet werden musste. Die von der Sonne und den Geiern abgenagten Knochen wurden in der Apokalypsevorstellung von Ahura Mazda wieder zusammengesetzt und konnten auch physisch an dessen Seite leben. Ein weiteres physisches Leben gab es in Ägypten nicht. Dafür konnte die Seele in Form des Ba den Leichnam verlassen und auch am Tag am Zeremoniell um den Leichnam, bzw. den Ritualen im Tempel teilnehmen. Damit dies aber gelang, musste der Tote unversehrt sein.

So unterschiedlich die beiden Religionen waren, so viele Gemeinsamkeiten finden sich im kulturellen Umgang mit dem Leben nach dem Tod. Es ist zu vermuten, dass es über die Grenzen einer Religion hinweg das urmenschliche Bestreben danach gibt, dass der Tod nicht ein finales Ereignis im Leben ist.

Quellen

[1] Bubenik, Peter J., Das Tal der Könige, Luxor (Ägypten) 1995, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luxor,_Tal_der_K%C3%B6nige_%281995,_860x605%29.jpg?uselang=de, letztes Zugriffsdatum: 13.11.2013.