10. Februar 2012 von s_35vazy hinduismus-literatur-medien2011 1

Bhagavadgita – Die Bergpredigt des Hinduismus?

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von Miriam Hallemann und Vanessa Künster

Der wichtigste Text des Christentums ist die Bibel. Der erste und ältere Teil, die Thora, gilt den Juden als Buch der Bücher. Mohammed soll den Koran von Gott persönlich empfangen haben. In allen drei Religionen spielt also eine einzige Schrift eine große Rolle. Doch wie ist das im Hinduismus? Anders als im monotheistischen Glauben sind für Hindus eine Vielzahl von Göttern, Lehren und Weisheiten von Bedeutung. Eine „oberste Instanz“ , die den Anhängern den rechten Weg diktiert, gibt es in diesem Sinne nicht. Und doch gibt es ein Werk bzw. einen Textausschnitt, auf den sich fast alle hinduistischen Traditionen beziehen: Die Bhagavadgita (Sanskrit, भगवद्गीता, gita – Lied, Gedicht; bhagavan – Herr, Gott = „der Gesang Gottes“). Dieser Text fasziniert bis heute Millionen von Hindus. Es stellt sich die Frage: Was ist das Besondere an diesem Text?

Mahatma Gandhi – selbst kein Schriftgelehrter – übersetzte ihn aus dem Sanskrit, um ihn möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Er erklärte seine Begeisterung so:

„In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt, wenn ich verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke, greife ich zur Bhagavadgita. Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne zu lächeln, inmitten aller Trägödien, und mein Leben ist voll von Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbaren Wunden auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Gita.“[1]

Liest man diese Beschreibung,  mag man kaum mehr an der Unfehlbarkeit des Textes zweifeln. Doch sehen wir einmal genauer hin…

Der Kontext

Vergleicht man die Bergpredigt mit der Bhagavadgita, stellt man fest, dass zunächst einmal natürlich der Kontext, in dem die Worte gesprochen werden, ein völlig anderer ist. Jesus spricht zu seinen Anhängern, zukünftigen Christen. Es ist eine große Menge, die gekommen ist, um ihm zuzuhören. Alte und junge Menschen, arme und krank, Bettler, Zöllner und Huren – Ausgestoßene eben. Die oberen Zehntausend des altrömischen Reiches sucht man vergeblich. Es sind demnach Worte des Trostes und der Hoffnung, die hier ihren Ursprung haben. Ganz anders das altindische Lehrgedicht. Es ist Teil des Mahabharata, eines der größten Kriegsepen der Geschichte. Hier spricht der hinduistische Gott Krishna, der selbst als Wagenlenker am Krieg teilnimmt. Sein Adressat ist der Fürstensohn Arjuna, ein Aristokrat also, der an dem Gemetzel zweifelt, das um ihn herum seinen  Lauf nimmt. Vehement lehnt er es ab, seine Verwandten abzuschlachten und seinem Großvater im Kampf gegenüber zu treten. Statt diesen moralisch durchaus nachvollziehbaren Akt der Verweigerung zu würdigen, kritisiert ihn die inkarnierte Gottheit scharf. Krishna erklärt Arjuna, warum es weitaus schlimmer ist, seine Pflicht als Krieger nicht zu erfüllen, als die Familie zu zerstören.

Schau dir die Szene selbst an:

Diese Worte sind überzeugend für Arjuna, so dass dieser den Kampf wieder aufnimmt. Überzeugend für uns? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn das Konzept des Dharma mit einbezogen wird.

Dharma – Was ist das?

Krishna erklärt Arjuna: „O Sohn des Bharata, so oft ein Niedergang des Dharma (Rechtschaffenheit, Tugend) und ein Überhandnehmen von Ungerechtigkeit und Laster in der Welt eintritt, erschaffe ich mich selbst unter den Kreaturen. So verkörpere ich mich von Periode zu Periode für die Bewahrung der Gerechten, die Zerstörung der Boshaften und die Aufrichtung des Dharma.“ Der Gott inkarniert also immer dann, wenn Dharma in Gefahr ist.

Dieses Konzept ist schon sehr alt und hat seinen Ursprung bereits in vedischer Zeit. Es handelt sich um moralische Grundsätze, die das Zusammenleben ordnen, indem sie einzelnen Personengruppen bestimmte Pflichten zuordnen. Hierbei unterscheidet man zwischen allgemein gültigen Grundsätzen, Samanya- oder Sadharana-Dharma, und Grundsätzen, die auf die vier Kasten und einzelne Lebensabschnitte bezogen sind, auch Varnasrama-Dharma genannt.

Das Samanya- oder Sadharana-Dharma umfasst generelle Ge- und Verbote wie z.B. das Tötungsverbot. Das Varnasrama-Dharma hingegen weist den Kasten spezifische Aufgaben zu. Die Brahmanen sollen den Veda studieren und Rituale durchführen. Die Kshatriyas sollen herrschen. Die Vaishyas sollen Viehzucht und Ackerbau betreiben. Die beiden letztgenannten Kasten haben darüber hinaus die Möglichkeit, ihre Religion zu praktizieren, z.B. in Form von Opfern, was der untersten Kaste, den Shudras verwehrt bleibt. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, zu dienen. Das Dharma der einzelnen Kasten ist darüber hinaus durchzogen von den Lebensstufen, die der Hinduismus kennt und die jeden Mann betreffen: Brahmacarin (Schüler/Student), Grhastha (Ehemann), Vanaprastha (Einsiedler), Parivrajaka (wandernder Asket). Zusätzlich zu diesen Grundsätzen beinhaltet es Bestrafungen und Bußregelungen, die bei Nicht-Einhalten der Pflichten angewandt werden sollen. Hier zeigt sich bereits das Nicht-Ethische des Konzeptes, auf das ich später noch zurückkommen werde. Entscheidend ist, dass Dharma immer auch mit dem Erlösungsgedanken der Hindus verbunden ist. Verhält sich ein Hindu seinem Dharma entsprechend, häuft er gutes Karma an und kann darauf hoffen, aus dem Kreislauf der Wiedergeburt auszutreten.

Aktuelle Relevanz

Mahatma Gandhi schreibt: „In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse.“[1] Er spielt mit dieser Aussage auf die vielen Passagen des Textes an, in denen es um die Losgelöstheit von allem Irdischen und die liebende Zuwendung zu Gott geht. Er spricht davon, dass jeder – im Rahmen seiner Möglichkeiten – ein erfülltes Leben lebt. Doch ist das wirklich noch zeitgemäß?

Ebenso wie viele andere altindische Texte stabilisiert und befürwortet die Bhagavadgita das Kastensystem, das in Indien seit Jahrhunderten Menschen in Klassen teilt. Dies fällt jedoch kaum auf, da der Erzähler es meisterhaft zu verschleiern weiß. So übersieht man leicht, dass der Text das System geradezu als gottgegeben voraussetzt.

Auch Albert Schweitzer kommt in seinem 1935 geschriebenen Werk über die hinduistische Weltanschauung zu einer sehr kritischen Einschätzung der ethischen Wertvorstellungen, die bezogen auf Dharma in der Bhagavadgita zu finden sind.

Er schreibt: “Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der hasslosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meistgelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.” [2]

Um noch einmal zu Ghandis Zitat und unserer Ausgangsthese zurückzukehren: Im Gegensatz zur Bhagavadgita, die den Bestand der Sozialstruktur des alten Indiens sichern will, sind Jesu Thesen an die unterste Gesellschaftsschicht geradezu revolutionär. Wir sollten uns jedoch nicht zu vorschnellen Urteilen hinreißen lassen. Die Bhagavadgita ist und bleibt eine „Säule des Hinduismus“, sowohl was ihre Ideale als auch was ihre Götter- und Frömmigkeitsvorstellung angeht. Dies sollte jedoch nicht dazu verleiten, eine unkritische Brille aufzusetzen, sondern vielmehr auch das Veraltete, das längst Überkommene in ihr zu erkennen und neu zu interpretieren.

Wie so ein neues Verständnis von Dharma aussehen kann, findest du z.B. hier:

[1] Zitiert nach der dt. Übersetzung der Bhagavadgita des S. Radhakrishnan aus dem Verlag R. Löwit

[2] Zitiert nach: Albert Schweitzer: Die Weltanschauung der Indischen Denker. Nachdruck C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1987

Quellen:

Hacker, Paul: Dharma in Hinduism in Olivelle, Patrick (2009): Dharma. Studies in its Semantic, Cultural and Religious History. Delhi: Motilal Banarsidass Verlag, S. 475-492

Garbe, Richard; Schneider, Johannes (2006): Die Bhagavadgita. Wiesbaden: Marix Verlag GmbH

Kommentare

  1. ich denke die quintessenz der Bhagavadgita ist, dass Krishna Arjuna die drei Wege zur Erlösung (moksha/mukti) erklärt: den Weg der Tat (Karmamaga), den Weg der Erkenntnis Jnanamarga und den Weg der hingebungsvollen Liebe zu Gott (Bhaktimarga). Krishna erklärt Arjuna, dass alle drei Wege zur Erlösung gleichwertig sind und zum Ziel führen, doch er empfielt Bhakti als den höchsten und einfachsten aller Pfade. das ist ein ganz wichtiges neues Konzept des Hinduismus, dass es so vorher noch nicht gab. Krishna erklärt Arjuna das Wesen des bhakti.

    Mirko Koschenz, 22. Februar 2012, 1:22

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