13. Februar 2012 von s_v3a3ed hinduismus-literatur-medien2011 0
Der Bedeutungsverlust vedischer Gottheiten in upanishadischer Zeit: Die Naciketas-Episode der Katha Upanishad
von Jana Eggert und Doreen Glüsing
Um den Bedeutungsverlust vedischer Gottheiten in upanishadischer Zeit anhand der Naciketas-Episode in der Katha Upanishad erläutern zu können, ist es vorab wichtig, grundlegende Informationen über Upanishaden und besonders über die Katha Upanishad zu geben.
Upanishaden
Die Upanishaden sind Teil der Veden, deren Schriften auch heutzutage noch als heilige Offenbarung gelten. Lange Zeit wurden die Veden nur mündlich überliefert, erst ungefähr im fünften Jahrhundert nach Christus wurden sie verschriftlicht. Das in den Veden verankerte Wissen durfte zudem nur an auserwählte Schüler vermittelt werden. Insgesamt gibt es vier Veden: Rgveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda. Diese vier Schichten sind wiederum in je vier Unterschichten unterteilt: Samhitas, Brahmanas, Aranyakas und Upanishaden. Die Upanishaden bilden die vierte und letzte Schicht und tragen den Überbegriff Vedanta, was „Ende des Veda“ bedeutet. Bei Upanishaden handelt es sich ursprünglich um Geheimlehren, die im direkten Austausch zwischen Lehrer und Schüler vermittelt wurden – dieses spiegelt sich auch in der Übersetzung wider: „sich zu Füßen eines Lehrers niedersetzen”.
Katha Upanishad
In der Zeit von ca. 500 bis 200 vor Christus entstanden 14 Hauptupanishaden, die man in ältere, mittlere und jüngere Upanishaden einteilen kann. Die Katha Upanishad, in der die Naciketas-Episode geschrieben steht, gehört zu den mittleren Upanishaden, welche in einem metrischen Versmaß verfasst wurden. Dieses stellt eine Besonderheit zu den beiden anderen in Prosaform entstandenen älteren und jüngeren Upanishaden dar. Der Inhalt der Katha Upanishad bezieht sich auf die Begegnung mit dem Tod, welcher durch den Todeskönig Yama verkörpert wird, welcher die letzte Weisheit vermittelt. Dieses Thema spielt auch eine zentrale Rolle in der Geschichte, die den Übergang vom vedischen Opfer, welches äußerlich geleistet wurde zum upanishadischen Opfer darstellt, bei dem das Innere im Mittelpunkt steht.
Die Naciketas-Episode
Der Inhalt der Naciketas-Episode bezieht sich zunächst auf die vedische Lebensweise eines Brahmanen: Dieser opfert den Göttern sein ganzes Vermögen – nur sein Sohn Naciketas bleibt unversehrt. Der Sohn fragt seinen Vater, wem er übergeben wird, woraufhin der Vater seinem Zögling keine Antwort gibt. Nach dreimaliger Wiederholung der Frage erbost der Vater über das Verhalten Naciketas und sagt, er übergebe ihn dem Tod. Auf dem Weg ins Todesreich hört er eine himmlische Stimme, die ihm voraussagt, dass der Todesgott Yama nicht zu Hause sein wird. Um von dieser Abwesenheit zu profitieren, gibt die Stimme Naciketas Speisevorschriften, die einzuhalten sind. Im Todesreich angekommen ist Yama – wie vorausgedeutet – nicht anwesend. Die nächsten drei Tage und Nächte hält Naciketas sich an die vorgebenden Speisen. Durch das Wartenlassen eines Brahmanens begeht der Todesgott eine Sünde: einem Brahmanen gebührt stets ein ehrwürdiger Empfang. Um dieser Sünde ein wenig entgegenzuwirken, gewährt Yama Naciketas bei seiner Rückkehr die Erfüllung von drei Wünschen.
Die drei Wünsche Naciketas’
Der erste Wunsch des Naciketas lautet:
„Dass Gautama milde, gütig gegen mich sei, o Tod, und ohne Groll, dass er erfreut den von dir Entlassenen begrüße: das bitte ich mir als ersten der drei Wünsche.“ (Hillebrandt, S. 159)
Yama erfüllt ihm diesen irdischen Wunsch mit sofortiger Wirkung. Naciketas wird somit die Rückkehr zur Erde und die Versöhnung mit seinem Vater Gautama gewährt.
Als zweiten Wunsch fordert er Kenntnisse über das Opferfeuer und das richtige Aufschichten des Feueraltars für die Unsterblichkeit:
„Du kennst das Feuer, das zum Himmel führt, o Tod. Lehre es mich Gläubigen. Die Bewohner des Himmels genießen die Unsterblichkeit. Das erbitte ich mir als zweiten Wunsch.“ (Hillebrandt, S. 159)
Daraufhin erklärt ihm Yama dies, betont aber auch, dass es kein äußeres Ritual braucht und dass er keine Steine aufzuschichten hat. Stattdessen muss er das Innere aufbauen, denn das Ritual des Opferfeuers sei in der Höhle seines Herzens. Da Naciketas die Abfolge des Rituals genauestens wiedergeben kann, wird das Opferfeuer nach ihm benannt. Dieser vedische Wunsch seitens Naciketas zeigt sehr deutlich die Fixierung auf das Opfer zur vedischen Zeit. Yama hingegen weist den Übergang zur Zeit der Upanishaden auf, in der mehr und mehr innere Werte angestrebt wurden. Das enge Verhältnis von Lehrer und Schüler wird besonders in diesem Abschnitt sehr betont. Yama wertet seinen Gottesstatus selbst ab, indem er sagt, dass die Verehrung der Götter nicht mehr notwendig ist.
Im Zuge des dritten Wunsches erklärt Naciketas:
„Es besteht ein Zweifel hinsichtlich des verstorbenen Menschen. Die einen sagen: „Er ist“; die anderen sagen: „Er ist nicht“. Von dir belehrt, möchte ich darüber Aufschluss haben, das ist der dritte meiner Wünsche.“ (Hillebrandt, S. 160)
Hier stellt er also eine Frage über das Leben nach dem Tod. Yama weicht dieser Antwort aus und bietet als Gegenleistung alle erdenklichen irdischen Wünsche. Naciketas jedoch erkennt die Vergänglichkeit dieser Schätze und beharrt auf seiner Forderung, auf die Yama dennoch nicht weiter eingeht. Dieses Verlangen ist ein Gegensatz zum zweiten vedischen Wunsch und zeigt nochmals eine Veränderung auf, da hier das Leben nach dem Tod in Frage gestellt wird.
Der Bedeutungsverlust vedischer Gottheiten
Die Zeit der Upanishaden war eine Gegenbewegung zu frühvedischen Grundgedanken. Zur Zufriedenstellung der Götter der vedischen Zeit, beispielsweise für eine gute Ernte, für Reichtum und Gesundheit oder gegen Umweltkatastrophen, brauchte man Opfer. Vor allem aber auch, um die Ahnen im Himmel ernähren zu können. Es war wie eine Art Tauschhandel, da man den Göttern etwas gab und von diesen etwas als Gegenleistung zurück wünschte. Die Opfer waren meist sehr teuer, weshalb sich diese nur wenige Familien leisten konnten. Diese bestanden meist aus Priestern, welche durch die Ausführung der Opferrituale an die Macht der obersten Kaste kamen. Durch das präsente Leiden wurde die Wirkkraft des Opfers jedoch angezweifelt. Immer mehr Menschen wandten sich von der Welt ab und entdeckten ihre individuelle Seele (Atman) durch Meditation. Erste Gedanken über Karma, Wiedergeburt und Befreiung (Moksha) kamen auf. Da das Leben mit zu viel Leid und Last verbunden ist, galt als Ziel der Katha-Upanishad die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) – das heißt die Erkenntnis des Selbst, welches im Inneren verborgen ist, zu erlangen.
Zwischen Veda und Upanishaden sind viele Veränderungen und Unterschiede deutlich geworden, wie beispielsweise das Lebensziel. Zur vedischen Zeit galten Reichtum, Söhne, Kühe und die Ernährung der Ahnen im Himmel als oberste Gebote während die Upanishaden auf Moksha (Befreiung) abzielten und das Sammeln von Karma durch die neue Denkweise in den Hintergrund drängten. War das oberste Prinzip des Veda noch die Götterverehrung und der Polytheimus, so entwickelten sich in der Zeit der Upanishaden auch ein Monismus und der Gedanke, dass Atman (individuelle Seele) und Brahman (universelle Seele) als Wesenseinheit begriffen werden, die das wahre Wesen der Welt repräsentieren. Auch die religiöse Praxis unterzog sich einem Wandel und die Opferrituale der Veda wurden mehr und mehr durch die Meditation der Upanishaden ersetzt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Yama sich durch seine zweite Antwort selbst abstuft und die Götter in den Hintergrund rutschen. Weiterhin lösen die Upanishaden die vedische Zeit ab und eine neue Denkrichtung tritt ein. Opferrituale spielen keine wichtige Rolle mehr, sodass auch Nicht-Brahmanen zur Erlösung gelangen können.
Literatur:
- Hillebrandt, Alfred: Katha-Upanishad. aus: Hillebrandt, Alfred: Upanishaden. Die Geheimlehre der Inder. Diederichs, Köln 1983
- Otto, Rudolf: Die Katha-Upanishad. A. Töpelmann, Berlin 1936
- Schobinger, Linda: Die Upanishaden. online in: http://www.yoga-richterswil.ch/Upanishaden.pdf [Stand: 14. Januar 2012, 21:30h]
