16. Februar 2012 von Annelena Schaake hinduismus-literatur-medien2011 1

Die religionshistorische Entwicklung Ganeshas in der hinduistischen Literatur

 Banner für den Kurs Hinduistische Tradtionen und Gottheiten in Literatur und Medien im WS 2011/12von Annelena Schaake und Prisca Block  

In der hinduistsichen Literatur ist eine lang zurückreichende Entwicklung Ganeshas zu beobachten. Schon im Rgveda taucht der Begriff Ganapati auf, der in eine Beziehung zu Ganesha gesetzt werden kann. Eine weitere Verbindung kann zu Vinayaka gezogen werden, bis schliesslich die heute bekannte Form des Ganesha im 5. Jahrhundert populär wurde. Heute ist Ganesha eine der wichtigsten Gottheiten der hinduistischen Traditionen.  

Ganapati und Vinayaka in frühen Quellen

Als erster Bezugspunkt zu Ganesha in der hinduistischen Literatur kann der Begriff Ganapati gesehen werden. Dieser taucht in den Schriften des Rgveda erstmals auf. Ganapati bezeichnet das Merkmal “Führer” oder auch “Herr” und wurde als Beschreibung an verschiedene Gottheiten angefügt. So wird Ganapati auch später ein Attribut Ganeshas, der dann zum Beispiel ”Führer der ganas” oder auch “Herr der Anfänge” benannt ist.  

In einer weiteren sehr frühen Schrift, Manava Grhyasutra, wird der Name Vinayaka verwendet, der zuerst eine Vielzahl böser Dämonen bezeichnet. Im Text Yajnavalkyasmrti kann später beobachtet werden, dass der Ausdruck Vinayaka allmählich für eine einzelne Gottheit verwendet wird.
Seine Gestalt weist noch keine Bezüge zur Figur des Ganesha auf, sondern hat ein menschliches Aussehen. Der Begriff Vinayaka ist angelehnt an die Ausdrücke Vighneśa/Vighneśvara, was als “Herr der Hindernisse” übersetzt werden kann. Hiermit wird ausgedrückt, dass eine negative Seite Vinayakas Hindernisse kreiert und übelwollend gegenüber den Menschen agiert. Im Gegensatz dazu steht Vighnahartā, das “Zerstörer der Hindernisse” bedeutet und die positive Seite der Gottheit darstellen soll. Der Begriff nimmt Bezug auf eine für den Menschen agierende Gottheit, die hilft, Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. Diese beiden durch Vinayaka bereits verkörperten Seiten werden später mit Ganesha in Verbindung gebracht und auch ihm zugeschrieben.  

Ausserhalb Indiens, in Südostasien, Japan, China und Tibet ist ab dem 6. /7. Jahrhundert vor allem eine tantrische Form vertreten, die sich stark an Vinayaka anlehnt. Sie bezieht sich auf eine ‘dämonische’ Erscheinung, die durch Rituale kontrolliert werden soll. So versuchte man Gewalt von sich abzuwehren und gegebenenfalls auf Feinde zu wenden. Vinayaka wird somit als das Hinderniss selbst gesehen, dass beseitigt werden muss. Auch hier taucht der Begriff Ganapati auf, der zum Beispiel bei der Beschreibung von Ritualen verwendet wird.  

Ganesha ab dem 5. Jahrhundert

Ab dem 4./5. Jahrhundert begann die Verehrung Ganeshas in Indien und es entstanden bereits etliche bildliche Darstellungen des heute bekannten Ganesha. Die Figur Ganesha taucht oft in eigenen Texten auf, so im Ganesha Purana, Mudgala Purana sowie Sri Ganapati Atharvasirsa.  

==> Hier werden die bereits bei Vinayaka beschriebenen Merkmale mit denen von Ganpati vereint und spiegeln Ganesha als den Führer wieder, der die Zerstörung und Errichtung von Hindernissen beherrscht. Er wird deshalb auch als Gott der Anfänge bezeichnet, da er den Menschen den Weg zu ihren Zielen ermöglicht.  

Die Texte Ganeshas wurden im 7./8. Jahrhundert sowie im 10./11. Jahrhundert durch buddhistische Mönche ins Tibetische übersetzt. Die Gottheit Ganesha hat von allen hinduistischen Gottheiten den größten Einfluss ausserhalb Indiens und ist bis heute, in unterschiedlicher Prägung, in den Regionen die präsenteste Figur.  

Die Darstellungsweise Ganeshas unterscheidet sich regional in Erscheinung und Charakterzügen. So wird er in der Mythologie als sehr intelligent und humorvoll beschrieben. Er wird oft fröhlich tanzend wiedergegeben. In seiner Lebensweise wird er einerseits als Jungeselle gesehen, der asketisch lebt, und andererseits als verheirateter Familienvater.
Ganeshas auffälligstes Merkmal ist sein Aussehen. Er hat einen Elefantenkopf und einen menschlichen Körper mit einem sehr dicken Bauch. Sein Gesicht zeigt aber menschliche Züge um die Augen. Des weiteren wird er mit vier oder auch mit zwei Armen dargestellt. In den Händen hält er je nach Abbildung unterschiedliche Gegenstände, wie eine Axt, eine Schüssel mit Kuchen, einen Treibstock, sowie einen abgebrochenen Stoßzahn. Sein Begleittier ist eine Maus/Ratte.  

Sein Aussehen und seine Charakterzüge wurden versucht durch verschiedene Mythen zu erklären. So wird sein Aussehen in einer Entstehungsgeschichte, die ihn als Sohn Parvatis beschreibt, begründet. Diese schuf ihn aus Einsamkeit und befahl ihm, ihre Gemächer zu bewachen. Als ihr Mann Shiva nach Hause kam und ihm der unbekannte Ganesha den Eintritt verwehrt, schlug er diesem den Kopf ab. Auf Grund von Parvatis Drohungen und Shivas Überraschung versuchen sie, eine schnelle Lösung zu finden. Dem ersten Tier, welches vorbei kam, schlug Shiva den Kopf ab und setzte ihn auf Ganeshas Körper. So erhielt er seinen Elefantenkopf. Shiva nimmt Ganesha in die Familie auf und macht ihn zum Führer seiner Armee, der ganas. Deshalb, so begründet die Mythologie, wird Ganesha auch Ganapati genannt. Die familiäre Bindung, die in der Geschichte deutlich wird, macht Ganesha ebenfalls zu der bedeutenden Gottheit, die er ist.
Seine Attribute werden sehr anschaulich in einem weiteren Mythos dargestellt. Ganesha liebt süße Kuchen und isst übermässig viele. Als er abends auf seiner Ratte nach Hause reitet, kreuzt eine Schlange seinen Weg, woraufhin sich die Ratte erschreckt und Ganesha herunter fällt. Ganeshas Bauch bricht auf und die Kuchenstücke verteilen sich auf dem Weg. Diese Szene beobachtet der Mond und lacht Ganesha daraufhin aus. Aus Wut bricht sich Ganesha einen Stoßzahn ab und wirft ihn auf den Mond, der daraufhin verschwindet. Ganesha bereut dieses und baut den Mond wieder auf. In dieser Geschichte werden die Mondphasen erklärt. Es wir deutlich, dass Ganesha häufig sehr humorvoll gesehen und comicartig dargestellt wird. Die Figur ist sehr durch ihre bildlichen Darstellungen beeinflusst. Hierzu wird in einigen anderen Geschichten seine Intelligenz als Gegensatz beschrieben.  

Schlussbemerkung

Heute wird Ganesha zu den meist verehrten Gottheiten Indiens gezählt und gehört somit zu den fünf wichtigsten Göttern. Viele Menschen besitzen Hausschreine mit Bildern und Figuren Ganeshas. Ganesha wird bei alltäglichen Anliegen angebetet, wobei ihm zum Beispiel Kuchen geopfert wird. Ebenso wird er oft vor Hochzeiten angebetet, damit er eine hindernissfreie Zukunft in der Ehe ermöglicht.  

==> Ganesha bereitet den Weg zu den Göttern und den alltäglichen Zielen und Erfolgen der Menschen.  

Quellen:  

- Brown, R. (1991): Introduction. In: Brown, R. (Hrsg.): Ganesh – Studies of an Asian God. Albany: State University of New York Press  

- Narain, A.K. (1991): Ganesha: A Protohistory of the Idea and the Icon. In: Brown, R. (Hrsg.): Ganesh – Studies of an Asian God. Albany: State University of New York Press

Kommentare

  1. Ganesha ist schon echt cool. der gehört in jedem fall zu meinen absoluten Lieblingsgöttern. ich denke das gerade seine zufiefst menschlichen Eigenschaften und menschlichen Schwächen ihn zu einem derart beliebten und zugänglichen Volksgottheit machen. (er ist witzig, humorvoll, gefrässig, nascht gern, ist gierig). das macht ihn für mich und (sicherlich viele Gläubige) so sympathisch. nichts Menschliches ist ihm fremd. kann seine Beliebtheit im Volk schon sehr gut nachvollziehen. hab zuhause auch ne kleine Statue von ihm.^^

    hab mal gelesen, dass er die axt hat, um die irdischen Bindungen der Menschen zu durchtrennen, also als negativ angesehende Wünsche und Bedürfnisse und Begierden (er durchtrennt also quasi symbolisch das Seil der irdischen Bindung) ^^ das find ich eine sehr schöne interpretation.

    Mirko Koschenz, 22. Februar 2012, 8:04

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