18. Oktober 2012 von s_47kpo6 hinduismus-buddhismus-asien2012 1

Einflüsse der hinduistischen Kosmologie in der Architektur Angkors

von Alexandra Penth

“If to organize space consists in transforming a chaotic and disturbing universe into a comprehensible and accessible world, the khmer project managers and the king who directed them have marvelously succeeded.” Hedewidge Multzer 0′ Naghten

In diesem Artikel sollen die Elemente der hinduistischen Kosmologie in der Bauweise und den Baustilen der Tempelkomplexe in Angkor behandelt werden. Dabei werde ich auf die allgemeine Sakralarchitektur im Hinduismus eingehen und anhand dessen die Besonderheiten der Khmer-Architektur hervorheben. Die Frage, der ich an dieser Stelle nachgehe, ist, ob Zusammenhänge zwischen der Sakralarchitektur und den ökonomischen Rahmenbedingungen des Khmerreiches zu erkennen sind.

Die Schöpfung

Zu den kosmologischen Vorstellungen im Hinduismus ist zunächst zu sagen, dass Zeit als zirkulär verlaufend angesehen wird. Sie besteht aus großen Ären, wobei jede Ära mit der Schöpfung beginnt, als sich Vishnu auf einer Schlange im Ur-Ozean ausruht, während Brahma aus einer Lotusblüte geboren wird, die aus Vishnus Nabel entspringt. Schließlich endet sie mit dem zerstörerischen Tanz Shivas (s. Coe, Michael D. 2003, S.81f.).

Die Welt der Götter

Nach hinduistischen Vorstellungen leben die Gottheiten auf dem Berg Meru im Himalaya, der das Zentrum des Universums darstellt. Sieben Meere aus unterschiedlichen Flüssigkeiten umgeben den Meru. Er gilt auch als Wohnort der “nymphenartigen” Tänzerinnen, den apsaras. Die Tempelbauten aus der Blütezeit des Khmer-Reiches stellen Abbildungen dieser Götterwelt dar (s. Bhandari, C.M. 1995, S.33).

Architektur hinduistischer Tempel

Es existieren viele unterschiedliche Formen von hinduistischer Tempelarchitektur in Asien. Allgemein gefasst sind große Unterschiede zwischen den Baustilen des Nordens und des Südens zu verzeichnen. Die Entwicklung eigener Bau- und Kunststile war jedoch von bestimmten Faktoren abhängig. So wurden die Rohstoffe, die in einer Region reichlich vorhanden waren, zum Bauen verwendet und waren charakteristisch für die hiesige Architektur. Auch geographische und klimatische Voraussetzungen waren ein entscheidendes Kriterium für die individuelle Baukunst sakraler Architektur. Jedoch fand auch immer eine gegenseitige Beeinflussung der Baustile in den verschiedenen Hindu-Königreichen statt, was die Herausbildung von Individualität vorantrieb (s. Michell, George 1991, S.112f.).

Berge gelten im Hinduismus schlechthin als heiliges Symbol und daher auch als besonders geeignete Orte für den Erbau von Tempeln. In flachen Gebieten wurden oft “künstliche Berge” errichtet, die entweder durch angehäufte Erde oder Türme symbolisiert werden:

“If a high place was not available and if the construction of a mound or massive platform is not feasible, the of the form of the shrine or temple would have been of such a height as to dominate the surrounding structures, creating an artificial high place, the home of gods.” (Vgl. Bunce, Fredrick W. 2002, S.32)

Auf der anderen Seite gelten Höhlen als heilige Orte. Hier kann sich der Mensch in eine Art “Urzustand” hineinversetzen und hat Ruhe, zu meditieren:

“The holy womb, the place of isolation, the secret place, the sacred place[...]” (Vgl. Bunce, Fredrick W. 2002, S.32)

Hindu-Tempel in Angkor

Vor dem 9. Jahrhundert war das heutige Kambodscha immer wieder verschiedenen Fremdherrschaften ausgesetzt. Erst im 9. Jahrhundert gelang es, ein eigenes Königreich zu etablieren. Der Hinduismus wurde durch Händler in das Gebiet getragen und auch hinduistische Kosmologie fand Einzug in das Leben der Khmer (s. Stierlin, Henri 1970, S. 14).  Es entstanden “künstliche Tempelberge”, die als Abbildungen des Meru fungierten. Auf der anderen Seite symbolisierten diese aber auch die Verbundenheit des jeweiligen Königs mit “seinem” Gott, was den Königen den Status eines “Gottkönigs” brachte. Diese Tempelberge bestanden aus fünf Erdebenen, die durch Wände aus Ziegelstein gestützt wurden. In den meisten Fällen wurden an die Spitzen fünf Türme gesetzt, die ebenfalls die fünf Gipfel symbolisieren sollen. Diese Tempelkomplexe waren ursprünglich nicht für öffentliche Rituale bestimmt, sondern galten als Zeichen für die Verehrung eines Königs für eine Gottheit. Vor allem sollten sie ihnen als irdisches Zuhause dienen. Hier ist deutlich die strikte Trennung von göttlicher und menschlicher Sphäre zu erkennen.

Das Aufblühen Angkors

Um 900 ließ Yasovarman ein großes Wasserreservoir, den östlichen Baray, bauen. Erst 1050 kam dann der westliche Baray dazu. So schafften es die Khmer, den ertragreichsten Reisanbau Südostasiens zu fördern und erwirtschafteten riesige Überschüsse. Dadurch erblühte auch die Kunst und viele religiöse Bauwerke entstanden. Der Gottkönig wurde für das Wohlergehen des Reiches verantwortlich gemacht, da er Göttliches in sich trage und als Reinkarnation des Göttlichen angesehen wurde (s. Stierlin, Henri 1970, S. 49). Er war für das Volk unsterblich und es wurde gegalubt, dass ein Gottkönig im Falle des biologischen Todes in die göttliche Sphäre eingeht. Der Wohlstand brachte auch eine Weiterentwicklung des Baustils der Tempel mit sich. Die Tempelbauentwicklung erreicht ihren Höhepunkt von 1113 bis 1117 (s. Stierlin, Henri 1970, S. 4). In dieser Zeit entstand auch Angkor Wat. Die Landwirtschaft war seit jeher ein wichtiges Element der indigenen Religion der Khmer, die sich durch Rituale eine reiche Ernte von den Gottheiten versprachen. Noch heute sind diese Rituale in Kambodscha präsent (s. Stierlin, Henri 1970, S. 58).

Hinduistische Kosmologie in Angkor Wat

Am Beispiel Angkor Wats, dem größten Tempelkomplex der Welt, lassen sich die kosmologischen Einflüsse am besten darlegen. Der Tempelkomplex ist von einem Wassergraben umgeben und wirkt wie eine quadratische Insel. Das Wasser symbolisiert den Ur-Ozean, der den heiligen Berg Meru umgibt. Seine fünf Gipfel werden in Form von fünf lotusförmigen Türmen dargestellt, wobei der zentrale Turm als Wohnsitz Vishnus gilt (s. Coe, Michael D. 2003, S.117). An den Wänden der Galerien lassen sich viele Motive der hinduistischen Kosmologie wiederfinden. Auffallend sind die zahlreichen Darstellungen der apsaras, die typisch für die Khmer-Architektur sind.

Auch ein Teil des Schöpfungsmythos ist in Angkor Wat bildlich dargestellt, das  Aufwühlen oder Buttern des Milchmeeres. Die Götter und Dämonen versuchen nach hinduistischen Texten seit  Jahrhunderten, das Lebenselixier herzustellen, das ewiges Leben verspricht. Doch Vishnu kommt eines Tages auf die Idee, eine Schlange als Gewinde einzusetzen, um das Wasser des Ur-Ozeans zu buttern. Er stellt bei diesem Prozess nicht nur das Elixier her, sondern erschafft unter anderem Lakshmi und die apsaras (s. Bhandari, C.M. 1995, S.82). Des Weiteren sind Auszüge aus dem Epos Ramayana in der Form von Reliefs und Kriegsszenen zu sehen.

Angkor Wat ist gen Westen gerichtet, der Richtung Vishnus. Von einigen  Wissenschaftlern wird vermutet, dass der Tempelkomplex ursprünglich auch als Sonnenobservatorium gedient haben könnte (s. Coe, Michael D. 2003, S.120). Auch an anderer Stelle fanden vorhinduistische Kulte Einklang in das kultische Geschehen. Die Bibliotheken, die in den stiltypischen Khmer-Tempeln zu betrachten sind, wurden wahrscheinlich nicht bloß als solche genutzt, sondern auch für Feuerrituale, die Anbetung vedischer Gottheiten und der Planetengötter (navagrahas), welche die Hindu-Götter in astrologischer Form widerspiegeln und vor allem mit dem Schicksal in Verbindung gebracht werden (s. Bunce, Fredrick W. 2002, S.30).

Fazit

Die Khmer haben vor allem in der Blütezeit des Reiches ihren ganz individuellen Baustil entwickeln können. Dabei wurde sich auf die mythologischen und kosmologischen Vorstellungen des Hinduismus konzentriert. Die Aufträge für die Schaffung einer göttlichen Sphäre auf Erden in Form von Tempelkomplexen, die den Gottheiten als Ebenbild ihres Zuhauses dienen sollten, waren das Werk der Khmer-Gottkönige, die ihre Macht und Verbundenheit mit den Göttern demonstrieren wollten. Angkor Wat ist das beeindruckende Beispiel für die künstliche Erschaffung der göttlichen Welt. Das Khmerreich war zur Regierungszeit der Gottkönige eine wohlhabende Hochkultur, die bereits Wasserreservoirs bewirtschaftete. Die Perfektion der Khmer-Architektur lässt sich jedoch nicht ausschließlich anhand von Sakralbauten erkennen, sondern auch in den Städtekonzeptionen. Von oben betrachtet bilden die Straßen und Wasserreservoirs in Angkor geometrische Formen. Angkor Wat liegt auf einem exakten Quadrat. Der Reichtum des Khmerreiches kam vor allem durch die gute Wasserversorgung und somit der reichen Ernte zustande. Als die gute Ernte ausblieb und das Reich zerfiel, verfielen auch die Tempel und der Buddhismus zog in das Land ein.

Video zu der Tempelarchitektur des Khmer-Reiches:

Quellen

  • Bhandari, C.M. Saving Angkor, Bangkok 1995, White Orchid Press
  • Bunce, Fredrick W. The iconography of architectural plans, New Dehli 2002, D.K. Printworld
  • Coe, Michael D. Angkor and the Khmer civilization, London 2003, Thames & Hudson
  • Michell, George. Der Hindutempel: Baukunst einer Weltreligion, Köln 1991, DuMont
  • Stierlin, Henri Angkor, München 1970, Hirmer Verlag

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