15. März 2012 von WeSi SaHa hinduismus-literatur-medien2011 2

Hanuman im Ramayana und in den Puranas

Banner für den Kurs Hinduistische Tradtionen und Gottheiten in Literatur und Medien im WS 2011/12

von Sina Harms & Wencke Saal

Hanuman ist ein Gott in Affengestalt, der sich im Hinduismus an Ansehen und steigernder Verehrung erfreut. Es gibt kaum einen Tempel, in dem keine Hanumanfigur zu finden ist. Hanumans legendäre Geschichten und seine göttlichen Eigenschaften sind in den folgenden Texten dargestellt.

Hanuman

Hanuman ist eine hinduistische Göttergestalt. Sein Name bedeutet “Einer, der (große) Kiefer hat“, was auf ein Ereignis in seiner Kindheit zurückzuführen ist. Hanuman wuchs im Wald auf. Als er eines Tages in Richtung Sonne flog, um diese zu packen, weil er sie für eine Frucht hielt, wurde der Götterfürst Indra zornig und schleuderte einen Donnerkeil nach ihm. Daraufhin fiel Hanuman auf einen Felsen und brach sich den Kiefer.

Im Ramayana gilt Hanuman als Sohn der Apsara Anjana und des Windgottes Vayu, in den Puranas dagegen wird er als Sohn von Siva und Visnu dargestellt. Diese unterschiedlichen Geburtserzählungen werden später noch genauer erläutert.

Erkennbar ist Hanuman vor allem an einem Affengesicht, einem muskulösen Körper und einem langen Schwanz. In einigen Darstellungen hat er mehrere Köpfe und Arme, die Avatare und andere Gottheiten verkörpern sollen.

Hanuman ist der Anführer der „vanaras“, teilweise übersetzt mit ”Affenvolk”. Immer wieder tritt er als Helfer in der Not für seinen Herrn Rama und dessen Familie in Aktion, ohne dafür jemals eine Gegenleistung zu erwarten. Außerdem gilt er als weise, zuverlässig und höflich. Er steht seinem Vorgesetzten, dem vanara-Herrscher Sugriva, immer mit Rat und Tat zur Seite, und erfüllt die ihm zugewiesenen Aufgaben geschickt und effizient (István Keul, 2002, S.56). Zudem besitzt Hanuman göttliche Kräfte wie Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und die Fähigkeit, seine Größe nach Belieben zu verändern.

Hanuman wird in den Visnuismus, der neben dem Sivaismus und dem Saktismus zu den drei Hauptrichtungen des Hinduismus zählt, eingegliedert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Hanuman Rama dient und verehrt. Rama ist wiederum eine Inkarnation Visnus.

Im heutigen Indien gilt Hanuman als eine überaus populäre Göttergestalt. Seine Bedeutung stieg stetig an und gestaltete sich vor allem in den letzten Jahrzenten fast explosionsartig. Die Verehrungsstätten und die Zahl der Verehrer vermehrten sich deutlich (vgl. István Keul, 2002, S.1). In jedem Ramatempel befindet sich auch eine Statue Hanumans. Hanuman wird vor allem in den kleineren Dörfern Indiens verehrt, da deren Bewohner sich mit ihm identifizieren können. Hanuman führt der Mythologie zufolge ein einfaches und bescheidenes Leben, er repräsentiert den perfekten und hingebungsvollen Diener. Er symbolisiert, dass durch den Glauben an und das Vertrauen zu Gott alles möglich ist. Eine Geschichte verdeutlicht Hanumans ungeheure Popularität: Nachdem bei einem Transport in einem kleinen Dorf Indiens ein Granitbrocken von einem Lastkraftwagen fiel, wurde dieses Dorf für einige Zeit zu einem Pilgerort. Der Grund dafür war, dass aus dem Granitbrocken eine Statue Hanumans im nahegelegenen Tempel gebaut werden sollte. Ein weiteres Beispiel für die Verehrung Hanumans ist, dass man bereits bei der Fütterung eines Affen ein gutes Karma erhält, denn Affen gelten in Indien auch als Verkörperungen Hanumans. Das folgende Video verdeutlicht noch einmal die Verehrung Hanumans:

http://www.youtube.com/watch?v=QE_OIIXYhhs

Ramayana

Das Ramayana ist der älteste überlieferte Text, in dem die Figur Hanuman auftritt. Es besteht aus 24000 Doppelversen in sieben Büchern. Das Ramayana ist ca. 300 v. – 200 n. Chr. als eines von zweien indischer Nationalepen entstanden. Als Autor des Ramayana gilt Valmiki, ein Dichter, der für seine Texte eine sehr poetische Form wählte. Dass Valimiki der Autor des Ramayanas sein soll, ist jedoch nicht mit Sicherheit zu bestätigen. Die Geschichten im Ramayana handeln, wie der Name schon erahnen lässt, vom indischen Gott Rama, in denen auch die Figur Hanuman, als Freund und Diener, eine bedeutende Rolle einnimmt. (Vgl. István Keul 2002, S. 49f.)

Hanuman im Ramayana

An dieser Stelle soll ein Einblick in Hanumans Geburtsgeschichte und seine Rolle in den sieben Bücher des Ramayana gegeben werden.

Geburtsgeschichte

Hanumans Mutter war eine “apsaras“, nach der Tradition ein übernatürliches im Himmel wohnendes Wesen, welches seine Gestalt nach belieben verändern kann. Nachdem sie verflucht worden war, musste sie unter dem Namen Anjana als Tochter eines Affenfürsten leben. Hanumans Mutter Anjana stand eines Tages in menschlicher Gestalt auf einem Felsen. Von dort aus wurde sie beobachtet von dem mächtige Windgott Vayu. Sie verzauberte Vayu mit ihrer Schönheit und als Folge wurde Hanuman geboren. Er wuchs im Wald bei seiner Mutter Anjana auf. Eines Tages als kleines Kind sah Hanuman zur Sonne hinauf und hielt sie für eine Frucht. Die Sonne erweckte seine Neugier, er wollte sie greifen und essen, also sprang er in die Luft und flog in ihre Richtung. Mit diesem Vorhaben erzürnte er den Gott Indra. Indra schleuderte einen Donnerkeil nach Hanuman. Dieser fiel auf einen scharfkantigen Felsen und brach sich den Kiefer, daher stammt auch der Name Hanuman (“Einer, der großen Kiefer hat“). Indras brutales Vorgehen rief die Empörung des Windgottes Vayu hervor. Zur Besänftigung Vayus wurden Hanuman Unverwundbarkeit im Kampf und Unsterblichkeit verliehen.(Vgl. István Keul 2002, S.52)

Die Bücher des Ramayana

Im 1.-3. Buch kommen Rama und seine drei Brüder zur Welt. Die Prinzen besitzen eine vorbildliche Erziehung sowie einige besondere Eigenschaften. Rama erhält Sita zur Frau. Aufgrund familiärer Streitigkeiten wird die Verbannung Ramas durchgesetzt. Dieser verlässt mit Sita und seinem Bruder Laksmana seinen Heimatort. Sie ziehen in einen Wald, in dem sie einigen Dämonen begegnen, darunter dem Dämonenheer angeführt von Ravana. Rama vernichtet das Heer und tötet den Bruder Ravanas. Daraufhin wird Sita nach Lanka entführt. Es beginnt die Suche nach Sita.

Hanumans erstes Auftreten wird im 4. Buch geschildert. Rama und Laksmana kommen ins Gebiet von Sugriva, dem Thronanwärter des Volkes der “vanaras” (Affenvolk; Waldbewohner). Hanuman nimmt die Rolle des Ratgebers und auch des Dieners der vanaras ein und wird geschickt, um Rama und Laksmana nach dem Anlass ihrer Anwesenheit zu befragen. Mit seiner Höflichkeit und Wortgewandheit beeindruckt Hanuman die Prinzen. Zwischen Rama und Sugriva wird ein Übereinkommen geschlossen. Rama soll Sugriva helfen, an den Thron zu gelangen und dazu dessen Bruder Valin töten. Als Gegenleistung würde Sugriva Rama bei der Suche nach Sita unterstützen. Beide Parteien hielten ihre Versprechen. Hanuman sorgte dafür, dass auch Sugriva seine Aussage einhielt. Er suchte Sita und fand sie auch der Insel Lanka. Zur Hilfe hatte er den Ring Ramas als Erkennungszeichen an sich genommen.

Im 5. Buch des Ramayana wird Hanumans legendärer Sprung über das Meer zur Insel Lanka beschrieben. Während seines Sprungs begegnen ihm in der Luft einige übernatürliche Wesen, davon feindlich und friedlich gesinnte. Auf der Insel Lanka findet Hanuman Sita und gibt sich ihr durch Ramas Ring zu erkennen. Hanuman tötet einige Gegner(raksasas), um sich gefangen nehmen zu lassen. Hanumans feindliches Verhalten erzürnt Ravana. Daraufhin ließ er ihm den Schwanz anzünden. Anstatt sich bestraft und verletzt zurückzuziehen, nutzte Hanuman seinen brennenden Schwanz, um die ganze Stadt zu zerstören.

Ein Krieg zur Befreiung Sitas zwischen den Ramas und den Ravanas wird im 6. Buch geschildert. Während dieser Kriegsgeschichte ist Hanumans Rolle die des Retters. Er rettet die Armee der vanaras, dadurch dass er einen Berg Heilkräuter herbeiholt. Zum Ende des Kampfes tötet Rama den Dämonenkönig und befreit somit seine Frau Sita.

Im 7. Buch werden Biografien und Legenden zu einigen Gestalten des Epos dargestellt. (Vgl. István Keul 2002, S.49-51)

In den verschiedenen Büchern durchlebt die Figur Hanuman eine Entwicklung. Im vierten Buch wird Hanuman noch als idealer, zuverlässiger Gefolgsmann Sugrivas und Ramas dargestellt. Im fünften und sechsten Buch handelt Hanuman eigenständig und besitzt praktisch unbegrenzte Mächte, zum Beispiel beim Sprung übers Meer.

Diese Entwicklung Hanumans innerhalb des Ramayana könnten sich durch das steigende Interesse und die steigende Verehrung des Affengottes erklären. Da das Ansehen Hanumans in der hinduistischen Bevölkerung immer stärker gestiegen ist, könnten neue Texte hinzugefügt oder auch alte Texte so überarbeitet worden sein, dass die Figur des Affengottes zu Beginn des Ramayana eine weniger bedeutende Stellung einnimmt als zum Ende der Bücher.

Puranas

Mit den Puranas findet die Eröffnung der modernen Epoche statt. Sie beinhalten Mythologien aus alten Zeiten (“Puranas” bedeutet übersetzt “alt”). Es gibt zwei große Gruppen, zu denen zum einen die 18 großen Puranas (Mahapuranas) und zum anderen die 18 kleinen Puranas (Upapuranas) gehören, wobei auch heute immer noch neue Werke entstehen. Es gibt mehrere Kategorien, nach denen die Puranas eingeteilt werden. Eine davon ist die Einteilung nach Gottheiten, bei der die Puranas einzelnen Gottheiten zugeordnet sind. Die Puranas sind sehr unterschiedlich im Inhalt und in der Entstehungszeit.  Die ersten Puranas entstanden ca. im 5. Jh. n. Chr. und sie reichen bis ins 18. Jh. Es gibt sehr viele inhaltliche Schwerpunkte,  jedoch sollen fünf  Merkmale in allen Puranas enthalten sein. Dies ist aber nicht immer der Fall, da die Merkmale oft nur am Rande behandelt werden. Die fünf Merkmale lauten: kosmogonische Probleme, Geschichte/Historie, Taten von Göttern, Helden und Heiligen, kosmische Weltzeitalter und mythologische Geographie und Genealogien von irdischen Königen. Zusammenfassend gibt es also zwei Schwerpunkte: Geschichte und Mythologie. Zu den neuen inhaltlichen Themen, die in den Puranas aufgegriffen werden, zählen die religiösen Feste, die Pilgerschaft, der Tempelbau und die Opferung.

Hanuman in den Puranas

In einigen Puranas wird die Entwicklung Hanumans vom Affenhelden zum Gott besonders deutlich. Wenn es darum geht, ob und wie Hanuman in den Puranas vorkommt, lassen sie sich in drei Gruppen einteilen:

  1. Zum einen gibt es Puranas, in denen Hanuman gar nicht auftritt, wie zum Beispiel das Brahmandapurana. Dieses setzt sich aus 12000 Versen zusammen.
  2. Außerdem gibt es Puranas, in denen er im Rahmen einer Nacherzählung des Ramayana erwähnt wird, wie zum Beispiel das Visnupurana, das aus 23000 Versen besteht.
  3. Die dritte Gruppe beinhaltet Puranas,  in denen Hanuman als Hauptakteur auftritt. In diesen Puranas wird Hanuman als eine sehr bedeutende und einflussreiche Gestalt dargestellt. Eines dieser Puranas ist das Sivapurana mit 24000 Versen, in dem die vom Ramayana abweichende, etwas ungewöhnliche Geburtsgeschichte Hanumans steht: Visnu verwandelt sich in die Apsara Mohini und verführt Siva, dessen Samen dann von den sieben Weisen (saptarsi) in einem Gefäß gesammt und daraufhin in Anjanas Ohr eingeführt werden. Somit gelten nach dieser Erzählung Visnu und Siva als Eltern Hanumans.

Fazit

Der Affengott Hanuman hat in der Geschichte des Hinduismus, so wie viele andere Götter, eine enorme Entwicklung durchlaufen. Vom unbedeutenden Diener des Affenvolkes und Ramas ist er aufgestiegen zu einer stark verehrten Gottheit. Hanuman wird als treuer, verantwortungsvoller und selbstloser Charakter von Hindus angebetet. Seine Taten und Geschichten sind legendär und werden in vielen Kunstwerken präsentiert. Die Mythen, welche seine Abenteuer enthalten, tauchen in unterschiedlichen Schriften teilweise verändert auf. Zusammenfassend wird Hanuman als treuer Freund Ramas beschrieben.

Quellen

  • István Keul (2002): Hanuman. Ein Gott in Affengestalt, Entwicklung und Erscheinungsformen seiner Verehrung. Berlin: Walter de Gruyter & Co
  • Philip Lutgendorf: Hanuman’s Adventures Underground: The Narrative Logic of a Ramayana “Interpolation”. In: Mandakranta Bose,  The Ramayana Revisited, Oxford Universitiy Press 2004, S. 149-163
  • Philip Lutgendorf (1994): My Hanuman is bigger than yours. In: History of Religions, Band 33 Heft 3, 211-245