27. September 2012 von Antje Schölzig hinduismus-buddhismus-asien2012 1

Hinduistische Gottheiten in Japan: Saravati

von Antje Schölzig und Katharina Mevissen

Unser Artikel nimmt die Perspektive auf Japan und den Hinduismus ein. Unter welchen Bedingungen und wann wurden hinduistischen Gottheiten und Verehrungpraktiken in den japanischen Religionen präsent? Diese Perspektive auf Japan steht in dem Gesamtkontext, die Ausbreitung des Hinduismus und Buddhismus in ihren transkulturellen Verbindungsformen mit den jeweiligen neuen kulturell-religiösen Regionen in Asien nachzuverfolgen.

Um in diesem Sinne Japan in den Blick zu nehmen, folgt hier zunächst eine zeitliche und religiöse Einordnung. Anschließend stellen wir die dreischrittige Übernahme hinduistischer Gottheiten nach Japan dar und vertiefen diese am Beispiel der Göttin Sarasvati.

Zeitliche und religiöse Einordnung

Der Hinduismus kam durch den Buddhismus nach Japan, der die Insel im 6. Jahrhundert (538 bzw. 552 n.Chr.) durch Schenkungen des koreanischen Königshofs erreichte (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.1). Zu dieser Zeit, im Kofun-Abschnitt des japanischen Mittelalters, sind chinesische und koreanische Kultureinflüsse stark wirksam. Gesellschaftspolitisch ist Japan im 6./7. Jahrhundert in regionalen Sippenverbänden und Clanherrschaften organisiert, der Buddhismus wird fortan die langsam einsetzende Zentralisierung deutlich vorantreiben.

Religiös gesehen ist vorbuddhistisch der Shinto verbreitet als lokale Mischform aus Natur- und Ahnenkult. Zentral im Shinto ist die Verehrung und Kontaktpflege mit den geistige Kräften und vergöttlichten Naturwesen kami, von denen vor allem diesseitiges Glück und Wohlergehen erbeten wird.

Die Aufnahme hinduistischer Gottheiten erfolgt erst viel später, zunächst etabliert sich rasch der Buddhismus in einem staatlich-kontrollierten Modell. Buddhismus und machtpoltische Vereinheitlichung werden strategisch zusammen gedacht, 594 n.Chr. wird der Buddhismus Staatsreligion (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.3), der Dharma wird die zu respektierende Norm. Auch das Tempelwesen und Mönchstum wird staatlich institutionalisiert, ökonomisch privilegiert und so kontrolliert. Der frühe japanische Buddhismus ist so als Religion der herrschen Eliten und politischen Ideologien zu denken, weder die lokale Bevölkerung noch ihre lokalen Religionsformen des Shinto kommen dabei vor.

Im 8. Jahrhundert findet nun die Öffnung des japanischen Buddhismus hin zu einer populären Massenreligion statt, als Folge von Widerstand aus Bevölkerung und Mönchstum sowie dem in China inzwischen verbreiteten Mahayana-Buddhismus (der einen Heilsweg für alle verspricht). 735 n.Chr. erfolgt die staatliche Liberalisierung des Buddhismus (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.9). Im Zuge dieser Popularisierung bilden sich nun synkretistische Verbindungen der Shinto-Gottheiten mit Buddhas und Bodhisattvas heraus. Auf Orakel von Shinto-Gottheiten wird die ihre Verehrung fortan mit der von Bodhisattvas und Buddha verbunden. Statt Abgrenzung entstehen Mischformen, Shinto-Gottheiten erlangen den Status von Schutzgottheiten für Buddhas, wie Hachiman (lokale Gottheit des Kriegs) beim Großen Buddha von Nara (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.11). Der Shinto wird in die buddhistischen Tempel integriert, und umgekehrt formen sich aus den einstigen naturnahen Verehrungsstätten des Shintos die für ihn heute sehr bekannten Schreine als religiöser Bau.

Was in der religiösen Praxis der Gläubigen längst als integrierte Mischform aus Buddhismus und Shinto existiert, verlangt mehr und mehr nach einem philosophischen Überbau und einer Herleitung. So wird im 11. Jhd. (einer Zeit des politischen und sozialen Umbruchs und der Desorientierung) das Prinzip des honji suijaku („ursprüngliches Zuhause“ + „Ort der Abstammung“) verankert, das eine buddhistisch und so auch hinduistische Abstammung der Shinto-Götter konstruiert (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.13). Shinto-Götter sind demnach nicht länger ursprünglich japanisch, sondern Inkarnationen von hinduistischen Gottheiten. Daraufhin werden japanische Mythen und Geschichte umgedeutet und die Verehrung von Hindu-Göttern findet Eingang in die Tempel und Verehrung.

Ein Beispiel, wie Shinto-Götter buddhistisch-hinduistisch verankert wurden, findet sich in einer Passage traditioneller Dichtung:

Avalokitesvara* is he originally, on the hill of Potalaka he lives, for common people he has appeared (here) as (Shinto) deity [...]

For spreading the dharma they (buddhas and bodhisattvas) have come down (to the twenty-one shrines) at the foot of Mount Hiei* they behumbled themselves by softening their light and are worshipped (as Shinto gods) in the shrines to the east (of Kyoto)

(Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.14).

* Avalokitesvara = im Mahayana-Buddhismus der Bodhisattva des universellen Mitgefühls

* Berg Hiei = 848m hoher Berg nordöstlich von Kyoto, Sitz und Klosteranlage der buddhistischen Tendai-Schule, Hiei-Schrein der shintoistischen Schutzgöttin Enryaku-ji

Sarasvati als Paradebeispiel der Übernahme von Hindu-Göttern nach Japan

Die Hindu-Göttin Sarasvati nimmt eine besondere Stellung in Japan ein. Im 6. Jahrhundert migrierte sie zusammen mit Laksmi nach Japan (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.44). Vorerst ignoriert, gewann Sarasvati in der Heian-Periode (794-1185/1192 n.Chr.) zeitgleich mit Laksmi große Bewunderung. Laksmi galt zunächst als Göttin des Wohlstandes, Sarasvati als Göttin des Wissens. Bald wurde Laksmi jedoch von Sarasvati abgelöst. Sie galt ab diesem Zeitpunkt auch als Göttin des Glücks und der Gelehrsamkeit. In der Mitte der Heian-Periode wurde Sarasvati mit der auf der Insel Chikubushima heimischen Gottheit Asaihime no Mikoto assoziiert (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.44) und galt später auch als die Göttin selbst. Auf oder in der Nähe der Insel hatten laut japanischer Literatur viele Mönche, Poeten und Schriftsteller Visionen von Sarasvati, die sich mit ihrem Namen zu erkennen gab und stets hilfsbereit dargestellt wurde. Es wurde berichtet, dass der Mönch Ennin ihr begegnete, als er an einer Augenkrankheit litt (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S45). Er träumte von einer göttlichen Jungfrau, die neben seinem Kissen stand und ihm Augentropfen gab und eine Figur von sich zurückließ mit der Bitte sie im Schrein aufzustellen und zu verehren. Die Anbetung von Sarasvati begann vermutlich um 834 n.Chr. Die Bevölkerung bat die Gottheit um Regen. Die Anbetung wurde ein jährlicher Event. Dabei wurde jedes Jahr eine neue Figur von ihr gefertigt und am Ende der Zeremonie in den Schrein gestellt.

Ikonographie

In Schriften wie dem Genpei Josuiki (späte Kamakura-Periode, 1185-1336) wurde die Anwesenheit von Sarasvati auf Chikubushima bestätigt. Sie wurde immer als wunderschöne Jungfrau beschrieben, die eine Laute in der Hand hält, manchmal auch eine Flöte (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.46). Sie wird aus diesem Grund auch als Musikgottheit verehrt. Auch ihr Name lässt darauf schließen, in Sanskrit bedeutet er nämlich „hervorragende Musik.“ Sie tritt meistens als weißes Geschöpf auf, so als Drache oder Schlange. Auch ein weißer Fuchs soll dem Mönch Taira no Tsunemasa erschienen sein, als er im Chikubushima-Schrein die laute spielte (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.49). Die Laute ist deshalb im Schrein als einer seiner Schätze ausgestellt. Sarasvati wird aufgrund ihrer Beliebtheit auch mit der Sonnengöttin Amaterasu gleichgesetzt, die für die Zufriedenheit der Menschen verantwortlich ist. Im Gegensatz zu ihr wird Sarasvati aber oft mit acht Armen dargestellt. Die achtarmige Version hält in ihren Händen dabei keine Laute, zweiarmige Versionen hingegen keine Waffen. Da sie oft in Gestalt einer weißen Schlange auftritt, tragen ihre Figuren meist eine Schlange auf dem Kopf oder sie werden achtarmig mit Schlangenkopf dargestellt (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.50).

Hier ein Video zu ihrer Darstellung:

Bedeutung bis heute

In der Muromachi-Periode (1336-1573) hat sich die Bedeutung von Sarasvati verändert. In China war sie bekannt als Benzaiten, wie auch heute in Japan. Nur in China stand das „zai“ für Talent, in Japan hingegen wurde es im Laufe der Zeit und aufgrund der Adaption in Japan mit Wohlstand übersetzt (Saroj Kumar Chandhuri, 2003, S.49). Zu dieser Zeit war Sarasvati die beliebteste Göttin in der Kyoto-Region. Im 16. Jahrhundert kam der Kult der sieben Glücksgottheiten auf. Wegen ihrer großen Beliebtheit in Kyoto wurde Sarasvati, oder Benzaiten, neben Ebisu, Daikokuten, Bishamonten, Fukurokuju, Hotei und Juroujin eine dieser sieben. In dieser Form wurde sie dann im 17. Jahrhundert auch Schutzpatronin der Händler. Ihre Schreine kann man heute in ganz Japan finden. Die berühmtesten stehen auf der Insel Chikubushima und in der Nähe von Hiroshima (Itsukushima-Schrein).

Quellen

  • Saroj Kumar Chandhuri (2003): The Adoption of Hindu Divinities in Japan. In: Hindu Gods and Goddesses in Japan (2003): Neu Dehli: Vedams eBooks
  • Markus Hattstein (2006): Vergangene Reiche& Kulturen. Köln: PaRRagon
  • Susanne Philipps (2004): Schnellkurs Japan. Köln: Dumont Verlag