22. Februar 2012 von s_9si6nm hinduismus-literatur-medien2011 0
Indra, Agni und Varuna – höchste Gottheiten im vedischen Pantheon
von Mirko Koschenz und Jaqueline Dittmer
Die vedische Epoche ist etwa zwischen 1750 bis 500 v. Chr. anzusiedeln und war eine frühe Entwicklungsphase und Vorstufe des heutigen Hinduismus. Die vedischen Gottheiten waren einerseits Verkörperungen von Naturgewalten, andererseits zum Gott gemachte moralische Prinzipien sowie deifizierte Mächte und Potenzen. Viele Götter haben mehr oder weniger mit der Schöpfung zu tun. Schöpfung ist nicht nur auf einen Hochgott limitiert. Es handelte sich in der vedischen Religion um einen echten Polytheismus, wie wir ihn auch aus anderen Religionen, wie denen der Griechen oder der Perser kennen. Dennoch sind die vedischen Götter eher abstrakt und unpersönlich gedacht. Die Aufgabenbereiche waren streng getrennt, jeder Gott hatte seinen Zuständigkeitsbereich. Die Götter spiegelten wieder, was auf der Erde passiert, reflektierten das, was die Menschen erlebten. Die Menschen fühlten sich von den Göttern abhängig, da diese die Kräfte der Natur verkörperten. Ziel des Gottesdienstes in vedischer Zeit war es, das Gleichgewicht und die Harmonie zwischen Menschen und Göttern zu wahren. Die Menschen stellten daher die Götter durch Opfer zufrieden – do ut des – “ich gebe, damit du gibst”. Die Götter ihrerseits gaben den Menschen Regen, Nahrung und alles Andere, was sie für ihre Existenzsicherung und ein angenehmes Leben benötigten. Um die Beziehung zwischen Göttern und Natur einerseits und Götter und Menschen andererseits zu erhalten, vollzog man Feuerrituale, die sogenannten Yajnas. Unter Rezitation bestimmter sakraler Texte wurden Butterschmalz (Ghee) und Fleisch geopfert, d.h. verbrannt, um die Götter günstig zu stimmen. Dabei wurde ein berauschendes Getränk namens Soma konsumiert. Das Regelwerk für den Ablauf dieser Feuerrituale war sehr komplex. Die vedische Religion war damit auch ein Feuerkult, im Gegensatz zum späteren Hinduismus, der zum Bilderkult wurde. Tempel und Götterbilder, wie wir sie aus dem Hinduismus kennen, gab es noch nicht. Die vedische Religion legte sehr viel mehr Wert auf die Wichtigkeit des gesprochenen Wortes als auf das Sehen.
Indra, Agni und Varuna gehörten damals zu den wichtigsten männlichen Gottheiten im vedischen Pantheon. Zu allen Göttern existierten keine Bilddarstellungen, trotzdem konnte man in späteren Zeiten anhand der oft ausführlichen Beschreibungen in den Veden ihre Bilder im Nachhinein rekonstruieren.
Indra
Indra (“stark, mächtig”) ist der vedische Götterkönig, Himmelsgott, Regen-, Wetter-, Fruchtbarkeits- und Sturmgott, aber auch Kriegs- und Schöpfergott. Als Sohn der Muttergöttin Aditi ist er auch ein wichtiger Aditya. Mit Agni (Feuergott) und Vayu (Gott von Wind, Luft und Lebenskraft) bildet er eine frühe Göttertriade. Indra ist der berühmteste Gott der vedischen Zeit. Er ist der in den Hymnen des Rgveda am häufigsten besungene und angerufene Gott. In den Veden sind 250 Hymnen an ihn gerichtet. Indra herrschte über Svarga (Svarloka), einem Teil des indischen “Paradieses” in den Wolken, die den Gipfel des Weltenberges Meru umgeben. Auf Indras Befehl konnte sich dieser Himmel überall hinbewegen, wo er hin wollte. In Svarga ist eine riesige Halle für im Kampf gefallene Krieger. Indra und seine Gemahlin Indrani regierten dieses “Krieger-Paradies”, Apsaras tanzten, während die Gandharven die Musik dazu machten. Von Svarga sandte Indra gelegentlich Apsaras aus, welche verführerisch vor Männern tanzen sollten, welche der Gott für zu asketisch hielt. Indra werden viele Heldentaten zugeschrieben. Er ist bekannt als Streiter gegen die Asuras.
Indras Diener sind die 180 Maruts (auch Rudras genannt), Götter der wilden Winde und Söhne des vedischen Gottes Rudra. Sie begleiten Indra in den Kampf, greifen zwar nicht in die Kampfhandlung ein, unterstützen ihn jedoch moralisch und dienen ihm bei Hofe. Sie trugen Blitzpfeile und Donnerkeile. Dem Rgveda zufolge besaßen sie goldene Helme und ebensolche Brustpanzer. Ihr Charakter wird als aggressiv, unbändig und wild beschrieben. Die spätere Überlieferung machte sie zu Söhnen der Göttin Diti. Da Diti 100 Jahre lang schwanger bleiben und ihre Nachkommen dadurch sehr mächtig machen wollte, zerschmetterte Indra ihren gewaltigen Bauch mit einem Donnerkeil, so dass ihre Söhne früher geboren wurden. Die Maruts werden auch als Brüder Indras vorgestellt.
Indra ist ein mächtiger Gott und gewaltiger Held, der vor Kraft strotzt und als der gewaltigste Esser und Trinker beschrieben wird. Er soll riesig, wild, schnell und kriegerisch sein. Er vermag den Soma, ein berauschendes Getränk, in riesigen Mengen zu trinken. Diesem Trank verdankt er seine ungeheuren Kräfte. Wenn er vom Soma getrunken hatte, wurde er so riesig, dass er Himmel und Erde vollständig ausfüllte. In späterer Zeit wird er als etwas begriffsstutzig und schwerfällig dargestellt und ist den sinnlichen Genüssen erlegen. Der Gott ist leicht prahlerisch veranlagt und hört sich selbst gerne reden, er ist recht gesellig. Insgesamt verkörpert Indra die produktiven Kräfte der Natur. Er trug zahlreiche anthropomorphe Züge.
In der hinduistischen Kunst wird Indra golden oder rot dargestellt. Normalerweise wird er von seinen göttlichen Dienern begleitet, manchmal auch von seinem Hund Sarma. Wenn er nicht zu Fuß unterwegs ist, reitet er entweder auf seinem himmlischen weißen Elefanten Airavata oder auf einem weißen Pferd. Oft wird er vierarmig, furchteinflössend und mit dickem Bauch dargestellt. Eine Hand hält einen Donnerkeil (Vajra, kreisförmige Waffe mit Loch in der Mitte), seine besondere Waffe, mit der er entweder seine Feinde erschlägt oder seine gefallenen Krieger wieder zum Leben erweckt, die Zweite führt einen Speer (“Stachelstock”), die Dritte hält einen Köcher mit Pfeilen und die Vierte hält ein Netz der Illusionen und einen Haken bereit, um Feinde zu fangen und straucheln zu lassen. Indras Bogen ist der Regenbogen.
Die Mythologie erzählt, er hat den Drachen Vrtra (“Dürre, Gewitterwolke, Versperrung”) getötet, der den Panis, einer Schar von reichen, geizigen “Dämonen” die Kühe weggenommen hatte. Diese Kühe waren den Göttern gestohlen worden; sie stehen für das Licht, das Indra den Menschen bringt. Damit hat Indra die Wasser der Wahrheit, den Himmel sowie die Morgenröte befreit, die Vrtra zurückhielt. Danach gab er dem Chaos wieder Form, erschuf Leben und ließ die Sonne von Neuem scheinen. Vrtra steht für die dunklen, unproduktiven Kräfte der Natur. Der Vrtramythos lässt sich daher auch als Schöpfungs- und Weltordnungsmythos interpretieren.
Indra soll auch Namuci getötet haben, nachdem ihm dieser sein geliebtes Soma gestohlen hatte. Indra kann zunächst Namuci nicht besiegen, und er verspricht, ihn weder bei Tag noch bei Nacht, weder mit etwas Trockenem noch mit etwas Flüssigem zu töten. Dann schlug er ihm aber in der Dämmerung mit einer Schaumsäule das Haupt ab. Da dies dennoch wie ein “Vertragsbruch” aussah, wird Indra durch ein Reinigungsopfer von dieser Sünde befreit.
Die meisten Überlieferungen sehen Indra als Sohn der Aditi und daher als Aditya. Verheiratet ist er mit Indrani, der Göttin von Zorn, Eifersucht und Nörgelei. Sein Sohn ist der Held Arjuna aus dem Mahabharata. Er wurde aus Himmel (Dyaus) und Erde (Prithivi) geboren, die er gleich nach der Geburt für immer trennt.
Agni
Agni (“Feuer”) ist der Opfer- und Feuergott und wird daher auch immer von Flammen umhüllt dargestellt. Zudem wird er anhand seiner zwei Köpfe, drei Beine und sieben Arme erkannt. In jeder seiner Hände hält er eine andere Waffe wie beispielsweise ein Flammenschwert oder Wasserkrug. Seine Körperfarbe ist rot/gold. Zusätzlich wird er jederzeit mit dem Widder in Verbindung gebracht.
Im Ganzen ist seine Erscheinung pracht- und eindrucksvoll. Oft tritt er auch als Sonne oder Blitz auf. Er ist Person und Feuer zugleich, welche sich häufig kaum voneinander unterscheiden lassen.
Seine Hauptaufgabe ist das Vermitteln zwischen den Göttern und den Menschen. Da Agni himmlisch und irdisch zugleich sein kann, ist er für diese Rolle notwendig. Die Menschen tragen ihre Opfer zu ihm und hoffen darauf, dass diese durch ihn in den Himmel zu den Göttern gelangen. Dieses Feuerritual war bei den Menschen damals von hoher Bedeutung und erklärt die Bedeutsamkeit von Agni. Durch seine daraus resultierende enge Bindung zum Menschen, welche bei anderen Göttern nicht allzu ausgeprägt war, wird er oft als sesshafter Gott beschrieben. Er ist in ihren Häusern zu Gast und beschützt die Menschen vor Feinden und Plagen. Dies unterstützt sein vertrautes Verhältnis zum Mensch und lässt ihn als wahren Freund, Hüter und Schirmheer der menschlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Weiterhin reinigt Agni als Weltenhüter die Menschen nach ihrem Tod von den Sünden, welche dadurch Unsterblichkeit erlangen. Er gilt im Allgemeinen als weise und intellektuell.
Obwohl seine gütigen, wohltätigen Charakterzüge überwiegen, hat er ebenfalls eine furchteinflössende Seite. Diese lässt sich unter anderem daran erkennen, dass er die Leichen, welche auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, als seine Beute nimmt.
Über seine Geburten sind mehrere Erzählungen bekannt. Zum Einen wird gesagt, dass er im Himmel geboren ist. Außerdem sind die Geburt im Holze sowie in den Wassern geläufig, wenn man von dem Gott Agni berichtet. Er ist der Bruder von Indra, welcher die selbe Mutter (Göttin Aditi) hat und er gehört somit auch zu den wichtigen Aditya. Seine Frau Svaha (“So sei es”) ergänzt ihren Mann in seiner Aufgabe, da sie die Göttin des Segenswunsches beim Feuerritual darstellt.
Es tauchen zahlreiche Hymnen, wenn auch weniger als an Indra, im Rgveda an den Feuergott auf. Dort wird er besonders für sein Opferfeuer gepriesen. Es wird ihm Dankbarkeit und Anerkennung für sein Vermitteln zwischen Menschen und Göttern entgegen gebracht. Ein Vers, wo dieses deutlich wird, lautet beispielsweise: “…Feuer! Die Verehrung, das Opfer, das du von allen Seiten umfassest, das allein gelangt zu den Himmelreichen…” (Hymne an Agni, Rgveda I, 1.4)
Varuna
Varuna (“der Allumfassende”) war Himmelsgott, Schwurgott und Gott der Rechtschaffenheit. Er ist einer der ältesten und wichtigsten Gottheiten der Veden. Über ihn gibt es wenige Überlieferungen im Rgveda, so dass vieles auf Spekulationen basiert. Da der Gott meistens in Verbindung mit Mitra gebracht wurde, wurde in Betracht gezogen, dass Varuna der Mondgott und Gott der Nacht gewesen sein könnte. Sie sind Zwillinge und Söhne von der Göttin Aditi. Beide gehörten zum festen Kreis der Aditya und erfüllten wohl sehr ähnliche Aufgaben.
Der Gott Varuna reitet auf einem Fabelwesen namens Makara, welches aus einer Mischung von Krokodil, Elefant, Fisch und Schildkröte besteht. Es bringt aus seinem Maul tierisches und pflanzliches Leben hervor. Varunas Körperfarbe ist meist in Blau oder Weiß abgebildet. Zudem hält er eine Schlinge in seiner rechten Hand, mit welcher er Sünder gefangen nehmen kann. Des Weiteren wird er oft mit einem Sonnenschirm in der anderen Hand dargestellt, welchen er über die Gerechten ausspannt, um diese zu schützen.
An dieser Darstellung lässt sich bereits erkennen, dass Varuna sehr differenzierte Aufgaben erfüllt. Er ist Hüter über Gesetz, Wahrheit und Ordnung, auch Rta (Ordnung der Natur sowie moralische Ordnung der Gesellschaft) genannt. Das beinhaltet, dass er bei Vergehen des Gesetzes bestraft. Allerdings ist er auch im Stande dazu, Freiheit zu geben, wenn der Mensch gesündigt hat. In den Hymnen an Varuna hoffen die Menschen auf seine Gnade, dass er von einer Bestrafung absieht beziehungsweise davon befreit. Des weiteren war er sehr eng mit dem Wasser verbunden und soll in Flüssen, den Meeren und dem himmlischen Ozean gewohnt haben.
Im Gegensatz zu Indra und Agni, welche zu den Devas zählen, ist Varuna höchster Asura. Zudem hatte er ein eher doppeltes, widersprüchliches Wesen und die Menschen fürchteten sich vor ihm.
Fazit
Indra, Agni und Varuna sind im heutigen Hinduismus nicht mehr von Bedeutung und werden nicht mehr verehrt. Sie sind anderen Hochgöttern wie Brahma, Vishnu und Shiva untergeordnet. Mit dem Übergang von der vedischen Religion zum Hinduismus wurden viele der alten vedischen Götter stark abgewertet und mit eher negativen Eigenschaften belegt. So werden sie oft entweder von Asuras oder von den beliebteren neueren Göttern im Kampf besiegt oder bedürfen zumindest ihrer Untersützung. Zwar kennt man sie nach wie vor, doch spielen sie im Alltagsleben der Hindus keine Rolle mehr. Sie werden aber weiterhin in den großen Epen Indiens, im Mahabharata und im Ramayana, und in den Puranas erwähnt und gerieten somit nicht ganz in Vergessenheit.
Mythologisch sind sie dabei oft Väter berühmter Kinder. Im Mahabharata beispielsweise erscheint Indra als der Vater des Helden Arjuna. In der nachvedischen Zeit haben viele der vedischen Götter nur noch Funktionen als Lokapalas (Wächter und Schützer der vier bzw. acht Himmelsrichtungen) inne (Indra wurde zum Lopakala des Ostens, Agni zum Lokapala des Südostens und Varuna zu dem des Westens). Viele ihrer klassischen Aufgaben wurden von den neueren Göttern übernommen. So wurde Agni von Brahma als “Priestergott” verdrängt. Agnis Rolle als Boten-, Feuer- und Opfergott entfällt ohnehin mit Beginn des klassischen Hinduismus, in dem das Opferfeuer abgeschafft und durch andere Verehrungsformen ersetzt wurde. Er wurde damit also als Götterbote überflüssig, da man diese nun direkt (durch Puja und Darshana) verehren und mit ihnen persönlich in Kontakt treten konnte, was durch das unpersönliche Feueropfer so vorher nicht möglich war. Vishnu übernahm den Aufgabenbereich Varunas als Erhalter und Schützer der kosmischen Ordnung Rta (Rta wurde zu Dharma weiterentwickelt). Varuna selbst ist heute nur noch ein unbedeutener Wassergott. Zwischen Indra und Varuna ist ohnehin schon früh eine Rivalität spürbar und Indra scheint Varuna als Götterkönig verdrängt zu haben. Indra gilt heute nur noch als vergöttlichter König, Regenbringer und als Herrscher über das Himmelsreich Svarga auf dem Weltenberg Meru.
Quellen:
Gonda, Jan. 1960. Die Religionen Indiens.1. Veda und älterer Hinduismus. Stuttgart: Kohlhammer, S. 48 – 86.
Michaels, Axel. 1998. Der Hinduismus. München: C. H. Beck , Seiten 51, 223-225.
Sturm, Rahel. 2000. Enzyklopädie der östlichen Mythologie. Reichelsheim, Einträge Indra, Agni, Varuna.
Hymnen des Rgveda (Hymne an Indra, erster Liederkreis, 4. Gruppe, 1.32; Hymne an Agni, erster Liederkreis, erste Gruppe, 1.1; Hymne an Varuna, 1. Liederkreis, 3. Gruppe, 1.25)
