26. Februar 2012 von silolt BiblischeFigurenMMM2011 0

Kurzanalyse der Grabszene des Johannes-Evangeliums in der Novelle “Magdalena am Grab” von Patrick Roth

von Silvia Oltrop und Stefanie Sachse

Im Rahmen des Seminars “Weibliche biblische Figuren in modernen (Massen-)Medien”, das wir im WS 11/12 besuchten, beschäftigten wir uns mit Patrick Roths Werk “Magdalena am Grab”, insbesondere mit seiner Rezeption der Grabszene (Joh 20, 1-18). Im folgenden wollen wir einige unserer erarbeiteten Ergebnisse kurz vorstellen.

Inhalt und Autor

In seiner Kurzgeschichte „Magdalena am Grab“ transformiert Patrick Roth die Szene im Johannes-Evangelium, in der Maria von Magdala das leere Grab Jesu vorfindet. Roths Erzählung spielt im Los Angeles der achtziger Jahre. Der Ich-Erzähler nimmt Schauspielunterricht und nutzt die Möglichkeit innerhalb dieser Schauspielklasse eigene Stücke oder Szenen zu inszenieren. Inspiriert von Pasolinis „Das Matthäus-Evangelium“ möchte er mit vier Schauspielkollegen die genannte Grab-Szene inszenieren. Seine Wahl für die Besetzung der Maria fällt dabei auf eine neue Studentin, Monica, die in der Erzählung durch ihren mysteriösen Charakter wirkt. Prägend für die Atmosphäre der Story sind außerdem ein unheimlicher Probenort, (das Haus eines ehemaligen Zauberers) und die Tatsache, dass durch zunächst ungeklärte Umstände nur Monica zur Probe erscheint. Nach der ersten Vorbesprechung der Szene hat sich der Protagonisten von einem Gefühl geleitet dazu entschieden, die Szene ganz auf Monica zuzuschneiden. Als die beiden alleine am Probenort sind, schlägt er vor, die Szene mit ihr durchzugehen. Das Haus ist leer und innen nur karg beleuchtet. Monica fühlt sich scheinbar etwas unwohl mit der Entscheidung des Protagonisten, die Szene derart auf sie zuzuschneiden. Die Aufregung, die er nicht recht einordnen kann, steigert sich bei Monica in ein Zittern, er hat jedoch nicht dem Eindruck, dass dies an dem Text liegt. Durch eine Umarmung versucht er sie zu beruhigen, sie lässt sich jedoch auf die Knie fallen, auch um sich aus der Umarmung zu lösen. Sie sagt, dass sie sich etwas notieren müsse und zwingt ihn dann, sich neben sie nach unten zu beugen, um zu lesen was sie notiert hat: „ER IST HIER ER BEOBACHTET UNS VORSICHT“ (Roth 2003, S.34) steht dort. Der Protagonist erschrickt und versucht gleichzeitig seine Gedanken zu ordnen. Ist ihm etwas aufgefallen? „Aber dann erinnerte ich, dass ich sie, kaum hatte sie im Satz, den sie sprechen sollte, innegehalten, aufblicken sah. Zitternd schon. Ich erinnere mich,dass sie aufblickte… und eine Veränderung über sie kam. […] Etwas wie Furcht, große Furcht [...]“ (Roth 2003, S.35). Monicas Blick bedeutet ihm, sich auf keinen Fall umzudrehen, sie wendet sich wieder der Textstelle zu und bezieht ihn mit angsterfüllter Stimme ein. Gefangen in dieser Atmosphäre großer Angst und dem Gefühl, von einem Unbekannten beobachtet zu werden, spielen die Beiden die Szene nun durch, wobei Monica sich genau überlegt, wie sich Maria von Magdala durch die Szene bewegt haben muss. Entscheidend ist nun folgender Teil: Maria war im Grab Jesu, in dem sie Jesus nicht mehr vorfindet und berichtet den anderen Jüngern davon. Plötzlich steht am Grab jemand, den sie für den Gärtner hält. Dass es der auferstandene Jesus ist, erkennt sie nicht. Sie fragt ihn im Bezug auf den verschwundenen Leichnam: „’Herr, hast Du ihn weggetragen? So sage mir, wo hast Du ihn hingeleget? So will ich ihn holen.’ Jesus spricht zu ihr: ‘Maria!’ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: ‘Rabbuni!’“ (Joh 20, 15-16). Die Aussage „Da wandte sie sich um“ impliziert, dass sie an ihm vorbeigegangen sein muss, sonst müsste sie sich jetzt nicht zu ihm umdrehen. Erst die Tatsache, dass Jesus sie bei ihrem Namen ruft lässt sie erkennen, dass es Jesus ist, mit dem sie spricht. Dieses Erkennen von Jesus spiegelt sich darin wieder, dass sie ihn „Rabbuni“ (Meister) nennt. Diese Sekunde des Erkennens nennt Patrick Roth in seiner Novelle die „Magdalenensekunde“. Marias Vorbeigehen an Jesus wird in der Bibel implizit aber nicht sprachlich erwähnt. „Ich begriff, dass ich hier etwas erfuhr“ […] daß sie mir, sie, Monica, mir hier etwas gezeigt hatte. […] Einen ganzen Satz, der in der Bibel an dieser Stelle verschwiegen wird. Übergangen wird. Versteckt wird.“ (Roth 2003, S.41). Sofort nach diesem entscheidenden Satz bricht Monica die Probe ab, indem sie erklärt, dass sie Zuhause schon erwartet wird. Der Erzähler glaubt jetzt, Schritte im Haus zu hören. Die beiden beeilen sich, das Haus zu verlassen und ihre Wege trennen sich. Der Erzähler jedoch fühlt sich trotz der spannungsreichen Atmosphäre oder auch gerade deswegen in seinem Erfahrungsschatz bereichert. Die vierte Wendung von Maria und die Entdeckung der Mariensekunde haben in ihm ein „physisches Wissen“ (Roth 2003, S.44) hinterlassen. Das voneinander abgewandt stehen von Jesus und Maria, dann die Wendung Marias, nachdem Jesus sie beim Namen gerufen hatte, und Ihr Erkennen deutet Patrick Roth am Ende so: „Die Magdalenensekunde: das ist die Sekunde der Wiedererkennung: Mensch und Gott werden einander wieder bewußt. Rettend bewußt, einander taufend bewußt: aus dem Wasser des Unbewußten, Toten: ziehen sich beide, einer den anderen – einer neu, neugeboren, im anderen“ (Roth 2003, S.49).

Dies ist nicht der einzige religiöse Topos, dem Patrick Roth (* 1953 in Freiburg) in seinem literarischem Schaffen nachspürt. Auch in seinen Werken „Corpus Christi“ (Suhrkamp 1996) und „Riverside. Christusnovelle“ (Suhrkamp 1991), widmet er sich biblischen Topoi. Er studierte in Freiburg Anglistik, Germanistik und Romanistik. Durch ein Stipendium gelangte er als 22-Jähriger nach Los Angeles. Seiner Begeisterung für Kinofilme folgend erweiterte sich der Studieninhalt nun auch auf die Filmwissenschaften. Roth nahm selber Schauspielunterricht und schrieb Drehbücher, Shortstories und inszenierte eigene Theaterstücke. Er erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Preise.

Rezeption

Wir möchten nun im folgenden darstellen, wie eigentlich die kreative Eigenleistung Patrick Roths bei der Grabszene aussieht. Was hat er aus den Evangelien übernommen? Was nicht? Und welche Dinge hat er verändert? Damit legen wir unser Augenmerk auf nur einen von mehreren Rezeptionssträngen in diesem Werk. Es ist erkennbar, dass auch andere Werke und Personen hier mit eingeflossen sind. So setzt Roth zum Beispiel an den Anfang von „Magdalena am Grab“ ein Zitat des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung, oder übernimmt Motive aus dem Film „Mulholland Drive – Straße der Finsternis“.

Um obige Fragen zu klären, schauen wir uns einmal „die Magdalenensekunde“ etwas genauer an und vergleichen die Beschreibung Patrick Roths mit der Darstellung in den Evangelien. Da es bei Roth schon früh heißt: „Ich hatte einige Photokopien von der Stelle – Johannes 20, 1-18, „Magdalena am Grab“ – gemacht und sie an die Schauspieler verteilt“ (Roth 2003, S.8), werden wir uns dabei aufs Johannes-Evangelium beschränken. Hier schaut Maria von Magdala weinend in das leere Grab Jesu und sieht dort zwei Engel. Sie wendet sich dann um, erblickt nun den auferstandenen Jesus, hält ihn aber für einen Gärtner. Es folgt ein kurzes Gespräch, in dem Jesus sich noch nicht zu erkennen gibt. Dann nennt er Maria jedoch bei ihrem Namen, und nun weiß sie, wen sie vor sich stehen hat. Und jetzt kommt der Knackpunkt, den Roth aufgreift. Laut der Darstellung im Johannes-Evangelium wendet sich Maria nun um und spricht Jesus mit „Rabbuni“ an (vgl. Joh 20, 16). Führt man sich die Szene aber vor Augen, müsste sie nun von Jesus abgewandt stehen, was dem Sinn jedoch nicht entsprechen würde.

Genau dies erkennen der Protagonist und Monica, als sie die Szene nachspielen. Er sagt zu ihr: „Das macht keinen Sinn. Warum würdest du dich jetzt, im Moment, da du angesprochen bist und deinen … und diesen Mann erkennst, umdrehen, dich abwenden?“ (Roth 2003, S.38)

Deshalb spielen sie die Szene nun anders. Während des schon erwähnten Dialoges, bei dem Maria Jesus noch nicht erkennt, sondern ihn fragt, ob er den Leichnam ihres verstorbenen Herrn andernorts platziert hat, stehen die beiden sich nicht gegenüber, sondern Maria läuft an Jesus vorbei. Der Protagonist erklärt es weiterhin so: „Und mehr noch – denn bevor ich mich nach ihr umwandte, müßte es also heißen: ‘Und beide standen da, abgewandt voneinander, bevor er sich umwandte nach ihr und sie ansprach’“ (Roth 2003, S.41) Als nun Jesus sich also zu erkennen gibt, ist er der erste, der sich wieder zu Maria umdreht und ihren Namen ausspricht. Dann erst folgt wieder die eigentliche Wendung Marias, wie auch bei Johannes beschrieben, dass sie sich umdreht, zu Jesus hinwendet und ihn anspricht.

Wichtig ist hier Jesus, der sich Maria und somit den Menschen zuwendet, und sie bei ihren Namen ruft, damit sie ihn erkennen. Dieses sich Hinwenden steht dem gnostischen Gedanken des Johannes-Evangeliums gegenüber. Hier wird davon ausgegangen, dass es einerseits den vollkommenen, allmächtigen Gott gibt, und auf der anderen Seite gibt es den Menschen, der in seiner Materialität böse und unvollkommen ist. Der Mensch muss sich des göttlichen Funkens bewusst werden, um sich von der materiellen Welt zu lösen und zum göttlichen, geistigen Prinzip zu gelangen. Es ist seine Eigenleistung, sich Jesus, der diesen Funken darstellt, und somit auch Gott zuzuwenden und ihn zu erkennen (Gnosis = altgriechisch: Erkenntnis). Patrick Roth rezipiert zwar das Johannesevangelium mit der Inszenierung der Grabszene, aber genau dieses Prinzip kehrt er um: Hier ist es nicht die Eigenleistung des Menschen, sich Gott zuzuwenden, sondern er wird von Gott (oder hier Jesus) gerufen, und reagiert auf diesen Ruf! Er transformiert also die johanneische Gnosis. Der Protagonist fasst es so zusammen: „Jene Szene also, Probe der ‘Magdalena am Grab’, stellt – durch dieses ‘fehlende’ Teil jetzt ergänzt – das gesamte Drama der Wandlung dar: Von einer totalen Abgewandtheit, Geschiedenheit, Getrennt- und Zerrissenheit beider, Gottes und des Menschen […] kommt es zu einer Wendung, ja Zugewandtheit beider: einer ist jetzt im Auge des anderen.“ (Roth 2003, S. 50)

Im Unterschied zu den anderen, synoptischen Evangelien, ist bei der Grabszene, wie sie im Johannesevangelium beschrieben wird, Maria aus Magdala allein diejenige, die an das leere Grab kommt. Damit kommt ihr eine besondere Stellung zuteil, weil sie als Frau die erste Zeugin der Wiederauferstehung ist. Johannes stellt sie in den Vordergrund, indem sie direkte Redeanteile hat und ihre Emotionen dargestellt werden. Jesus geht auf sie allein ein in dieser Szene. Bei den Synoptikern ist jeweils von mehreren Frauen die Rede, die das leere Grab entdecken.

Es macht also Sinn, dass Patrick Roth als Rezeptionsstrang das Johannes-Evangelium wählte, und die Figuren in der Novelle seine Version der Grabszene nachspielen.

Resümee

An dem genannten Beispiel lässt sich gut erkennen, inwiefern der Rezipient (Patrick Roth) die Geschichte (Johannes-Evangelium) mit einem eigenen Sinn versieht, sie transformiert. Das Lesen bzw. die Aufnahme einer Geschichte oder Erzählung ist immer auch mit dem Hintergrund des Leseres (Rezipienten) verbunden. Nicht die reine Wirkung einer Geschichte steht hier im Vordergrund, sondern die Sicht der Geschichte aus der Perspektive des Lesers. Wenn wir widerum die Erzählung Patrick Roths lesen, werden wir zum Rezipienten, der das Buch in spezieller Weise aufnimmt. Interessanterweise konnten wir die Beobachtung an uns selbst machen, dass wird durch die Erzählung Roths in Filmen, in denen die Grabszene thematisiert wurde, einen anderen Blick auf die Darstellung hatten als ohne die Kenntnis von Roths Erzählung. Der Film „Maria aus Magdala -Von der Liebe berührt“ (USA 2007) lädt dazu ein, dies selber auszuprobieren.

Alle, die sich Auszüge aus “Magdalen am Grab” von Patrick Roth selbst vorlesen lassen möchten, können dies gleich hier tun:     Auszug 1 Auszug 2

Quellen