23. September 2012 von s_h7ei4h hinduismus-buddhismus-asien2012 0

Ramakien – Die Tradition des hinduistischen Epos in Thailand

von Anna Stukert und Jana Koch

Um das thailändische Ramakien verstehen und kontextualisieren zu können, stellt es sich als wichtig heraus, an den Ursprung dieses großen Epos anzuknüpfen. Wie das Ramakien entstanden ist und welche Inhalte es verbirgt, wird im Laufe dieses Artikels beleuchtet. Das literarische Werk Ramakien hat seine Wurzeln im indischen Epos Ramayana. Diese Literatur stammt aus der Zeit des klassischen Hinduismus, die mit dem größten Epos Mahabharata eine Grundlage des hinduistischen Glaubens bildet (vgl. Manich Jumsai 1977:1f.). Es handelt sich bei der religiösen Schrift des Ramayana um ein in Versen überliefertes Werk, das auf Sanskrit verfasst wurde. Dieses große indische Epos thematisiert den Kampf zwischen Gut und Böse sowie Liebe und Treue in Form von Göttergeschichten, Sagen, Legenden und Genealogien (Bose 2004: 327).

Das Ramakien

Mit den Worten „Die denkwürdigen Taten von Rama“ wird die thailändische Fassung des Ramayana übersetzt (vgl. ebd. 324). Damit wird schon in dem Titel des Werkes die bedeutungsvolle Stellung des Königs Rama betont und an die denkwürdigen Taten von Rama appelliert. Es existieren mehrere Schriften des Epos, jedoch wird sich hauptsächlich an die kompletteste und berühmteste Fassung von König Rama I aus dem Jahre 1807 gehalten (vgl. Michaels 1998: 74). In der Geschichte des Ramakiens wird von dem Schicksal Ramas und seiner Frau Sita erzählt sowie von dem Affenkönig Hanuman, der die vom Dämonenkönig Ravana entführte Sita befreit (vgl. Manich Jumsai 1977: 4). Des Weiteren geht es um moralische Aspekte des thailändischen Lebens. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse nimmt einen großen Stellenwert in der Geschichte ein und wird in Gestalt von den Menschen und den Bösen personifiziert. Dabei stellen die Affen die Diener des Menschen dar, die in dem Kampf gegen die Riesen auf der Seite des Menschen stehen (vgl. Kumari 1990: 124). Somit wird auch ansatzweise deutlich, dass der Sieg des Menschen die Moral der Geschichte bildet. Nicht nur die Moral der Geschichte ist für die thailändische Bevölkerung von Bedeutung, sondern auch die Eigenschaften des Königs Rama. Ehrenhaftigkeit, Treue und Standhaftigkeit zeichnen seinen Charakter aus, die bei vielen Einheimischen als Vorbildszüge gelten.

Formale und inhaltliche Unterschiede zwischen dem Ramayana und dem Ramakien

An diesem Punkt werden schon die inhaltlichen Unterschiede zum indischen Epos Ramayana sichtbar. Der größte Unterschied befindet sich am Ende des Epos, da es in der thailändischen Fassung zu einem positiven und zufriedenstellenden Abschluss führt. Dieser besteht darin, dass der König Rama seiner Frau Sita verzeiht. Ein weiterer Unterschied zu dem indischen Epos sind die Namen der Hauptfiguren sowie Orte und Flüsse, die an die thailändische Umgebung angepasst werden. So wird beispielsweise aus der bedeutenden Figur des Rama der Name Phra Ram und aus seiner Frau Sita der Name Nang Sida (vgl. http://www.thaipage.ch/autor/stevens/kultur/ramakien_teil1.php). Außerdem werden zu den veränderten Namen und Orten die Sitten, Kleider und Umgangsformen an die thailändische Lebensweise abgestimmt (vgl. Manich Jumsai 1977: 2). Neben dieser Abgrenzung erfolgt eine Erweiterung der Rolle des Hanumans, der im Ramayana nur einen sekundären Platz einnimmt (vgl. Kumari 1990: 126). In der thailändischen Fassung werden Hanuman mehr menschliche Eigenschaften zugeschrieben, als in der Primärquelle (vgl. ebd. 130). Vor allem präsentiert Hanuman den typischen thailändischen Held (vgl. ebd. 126). Das Karma, das einen wichtigen Lebensgrundsatz einnimmt, besitzt eine zentrale und weit größere Rolle in der thailändischen Fassung des Ramakien. Zu den formalen Unterschieden gehört die insgesamt kürzere Fassung des Ramakien, was unter anderem auch mit dem Verlust der charakteristischen indischen Aspekte zu tun haben könnte. Des Weiteren wird im Ramakien stärker betont, dass es sich um eine Reinkarnation des Hindugottes Narayana (Vishnu) handelt (vgl. ebd. 124). In Bezug auf die zu vermittelnden Werte ist es wichtig herauszustellen, dass man in Thailand nach dem literarischen Werk des Ramakien handeln soll und in Indien der Epos als heilig und verehrungsvoll anzusehen ist.

„In the Thai Ramakien, there is the warning at the end of the book not to take the story seriously while the original Indian text requires reverence from the audience who should follow the teaching in the Ramayana” (ebd. 129).

Auch hier wird die im Gegensatz zum Ramakien strenge und heilige Stellung des Ramayana deutlich.

Der Stellenwert und die Erscheinung des Ramakien in Thailand

Im modernen Thailand ist das Ramakien nicht nur in der Religion eingebettet, sondern auch in der gesamten Lebensgestaltung. Dies erscheint auf unterschiedliche Weise, wie zum Beispiel in der permanenten Präsenz des Rama und seiner Frau im Alltag.

„In Thailand, the legend of Rama is so much a part of life that one encounters it on a daily basis” (Bose 2004: 324).

Neben diesen Erscheinungen gibt es mehrere Darstellungsmöglichkeiten, die das Epos erzählen. Zu den bekanntesten Darstellungstänzen gehören die Maskentänze Khon und Lakhon Tanz (vgl. ebd. 331).

Hier ein Video zu den Tänzen:

Fazit

Zusammengefasst ist zu betonen, dass das aus Indien ursprünglich stammende Epos mittlerweile in Thailand als eigenes Meisterwerk der Literatur betrachtet wird (Kumari 1990: 123).

„Die Geschichte wurde so komponiert und dem Thai Charakter angepasst, dass kein Thai daran denken würde, dass sie ihren Ursprung in Indien hat“ (Manich Jumsai 1977: 3).

König Rama I beabsichtigte mit dem Epos, den König zu preisen sowie die Bevölkerung zu unterhalten und den Verstand zu bereichern (vgl. ebd. 123). Außerdem sollte das Epos ebenso die Macht des Königs garantieren. Das wertvolle Epos Ramayana hat sich letztendlich nicht nur in Thailand etabliert, sondern auch in anderen asiatischen Ländern wie Kambodscha und Indonesien verbreitet (vgl. ebd. 130).

Quellen

  • Bose, Mandakrante 2004: The Ramayana Revisited. Oxford: Oxford University Press.
  • Kumari, Asha (1990): The Ramayana and the Thai Ramakien in: Hinduism and Buddhism. VNS
  • Manich Jumsai, M.L. (1977): Thai Ramayana <Deutsche Ausg.>. Bangkok: Chalermnit.
  • Michaels, Axel (1998): Der Hinduismus. München: Beck.
  • http://www.thaipage.ch/autor/stevens/kultur/ramakien_teil1.php