16. April 2012 von Insa hinduismus-literatur-medien2011 1

Repräsentation Sivas in der puranischen Literatur

von Insa Käppler und Bastian Wienekamp

Siva ist einer der bedeutsamsten Götter im Hinduismus. Zusammen mit Brahma und Visnu formt Siva eine wichtige Einheit der wohl am höchsten angesehen Götter des hinduistischen Pantheons.

Siva als Gott im Hinduismus

Der Name „Siva“ ist abgeleitet von dem Alt-Indischem Adjektiv „siva“, dass so viel bedeutet wie „glücksverheißend“, „freundlich“ oder „gütig“. Siva wird dementsprechend als ein äußerst positiver Gott angesehen.

Sivas Gestalt ist imposant und auffällig, er wird als attraktiv und strahlend beschrieben in der puranischen Literatur. In seiner göttlichen Gestalt kann Siva fünf Gesichter, drei Augen und vier Arme besitzen. Außerdem trägt er einen Halbmond auf der Stirn, mehrere Schlangen sind um seinen Körper geschlungen und der himmlische Ganges schmückt seinen Kopf. In der puranischen Literatur heißt es, dass sein Hals blau ist, auf vielen Darstellungen ist Sivas Haut jedoch komplett blau gezeichnet. Davon abgesehen kann Siva aber die verschiedensten Formen annehmen, sowohl schöne wie auch abstoßende. Sivas Reittier und Gefährte ist ein Stier, welches ein heiliges Tier im Hinduismus ist. (Vgl. Kramrisch 1981)

Der Charakter Sivas ist im Vergleich zu seiner Erscheinung noch schwieriger zu fixieren. Er wird als Gott der Schöpfung angesehen, so heiligt Visnu ihn als Vater der Welt (Vgl. Kramrisch 1981, S 308). Gleichzeitig ist er aber auch Zerstörer, z.B. wenn er das Opfer von Daksa zerstört (s. unten) (Vgl. Kramrisch 1981, S. 324). Ebenso gegensätzlich sind seine Eigenschaften als großer Asket und als erotischer Gemahl (Vgl. Kramrisch 1981).

Die Askese und das Praktizieren von Yoga sind wohl die mythologischen Themen, mit denen Siva am häufigsten verbunden wird. Durch Askese gelangt man einigen puranischen Texten zufolge zur Weisheit, außerdem kann Siva seine großen Kräfte in der Askese sammeln, damit diese in geballter Form noch wirkungsvoller sind.

Sivas Beziehungen und Familiengeschichte

Wie den meisten anderen großen Göttern ist es auch Siva bestimmt, eine Ehefrau zu haben. Ursprünglich hatte er aber nur wenig Interesse daran, eine Frau an seiner Seite zu haben, als großer Yogi fand er keine Verwendung für Frauen.

Es gehörte jedoch zu Brahmas Plan, dass Siva zusammen mit Sati „Sterbliche“, also Menschen, zeugen sollte und deshalb drängte er Siva dazu, Sati (geboren von Aditi und als Tochter angenommen von Daksa) zu heiraten. Schließlich willigte er ein, mit der Bedingung, dass er Sati sofort verstoßen würde, wenn sie nur einmal an seinen Worten zweifeln sollte. Nach ihrer Heirat führten Sati und Siva ein glückliches Leben in Sivas Heimat, dem Himalaya.

Als Daksa jedoch sowohl Siva wie auch Sati grob beleidigte, indem er sie von seinem Opferfest ausschloss, wurde Sati so zornig, dass ihr Körper von ihrem eigenen inneren Feuer verschlungen wurde. Siva war über Satis Tod sehr traurig und vor allem zornig, sodass er sich mit der Zerstörung Daksas Opfers rächte.

Nachdem Brahmas erster Plan gescheitert war, schloss er sich mit den anderen Göttern zusammen und sie fassten einen neuen Plan. Siva sollte diesmal Parvati heiraten, Tochter von Parvata und Mena, um zusammen mit ihr einen Sohn zu zeugen, der stark genug sein sollte, den Dämon Taraka zu zerstören, der unbesiegbar war seit einem Segen von Brahma. Parvati war die Reinkarnation der Großen Göttin, die einst in Sati verkörpert wurde, sie sollte die einzige sein, die in der Lage ist, mit Siva einen derart mächtigen Sohn zu zeugen. Die beiden heirateten, doch der gewünschte Sohn blieb leider zunächst aus.

Aus ihrem Kinderwunsch heraus formte Parvati eine kleine Gestalt mit Elefantenkopf, die dann zu Ganesha wurde. Außerdem adoptierte Parvati Viraka (Virabhadra), einen der ganas, an dem sie besonderen Gefallen gefunden hatte. Kumara, ein weiterer Sohn, entstand, als die Götter Siva und Parvati bei der Zeugung unterbrachen und Agni in Form einer Taube Sivas Samen schluckte und diesen in den Ganges warf.

Der einzige wirklich gemeinsame Sohn Sivas und Parvatis ist Andhaka, er entstand durch Zufall, als Parvati Sivas drei Augen mit ihren Händen bedeckte. Er ist geboren aus Sivas Schweiße und Parvati war der Auslöser.

Darstellung Sivas in der Mythologie

Wie auch bei anderen hinduistischen Gottheiten vereinen sich auch in Siva zahlreiche Eigenschaften. Hierbei stellt das Paradoxon des “erotischen Asketen” jedoch eine Besonderheit dar.

Gegensätzliche Eigenschaften, wie sie bereits im Vorangegangenen Erwähnung fanden (Siva als Schöpfer und Zerstörer), sind im Hinduismus häufig. Dass Siva auf der einen Seite als großer Asket angesehen wird, auf der anderen Seite als Phallusgott, wird hier hier schlicht als weitere Eigenschaft verstanden.

Hierbei ist problematisch, dass nur Teile der Siva-Mythologie aus dem Sanskrit übersetzt wurden und sich die westliche Wissenschaft somit einer inadäquaten Repräsentation Sivas gegenübersieht. Zudem liegt das Hauptaugenmerk häufig auf den Extremen, wie es auch bei der Darstellung Sivas als “Schöpfer und Zerstörer” deutlich wird. Eine Verstärkung dieses Problems liegt in der Schwierigkeit, Siva historisch zu verorten. Man nahm zunächst an, dass die sexuellen Elemente Sivas weder arischer noch vedischer Herkunft seien, da die Suche nach einer Verbindung zwischen Siva und den vedischen Gottheiten scheiterte.

Außerdem fanden sich Zusammenhänge zwischen dem tantrischen Kult und der Mythologie Sivas, sodass man den sexuellen Aspekt für eine spätere Entwicklung hielt. Tatsächlich zieht sich das Problem schon von Zeiten vor der Industal-Kultur bis in die heutige Zeit. Die Darstellung Sivas, ob erotisch oder als Asket, variiert mit den Texten. Siva als Stierreiter oder “Nataraja” (König des Tanzes) soll den erotischen Aspekt hervorheben. Die Darstellung als “the poison-eater” (Doniger O’Flaherty, 1973, S.8) oder mit einer Schlange betont asketische Elemente. Es finden sich auch Kombinationen, wie das Bild des “ithyphallischen Yogi” (vgl. Doniger O’Flaherty, 1973, S.8).

Leitmotive und ihre Funktion in den Mythen

Wendy Doniger O’Flaherty unterteilt Motive, wie sie oben beispielhaft genannt wurden, in Gruppen. Dies ermöglicht ihr zufolge das korrekte Deuten einer Darstellung und vermeidet somit Fehlinterpretationen. O’Flaherty unterscheidet zwischen “motifs of structure”, “motifs of symbolism”, “motifs of eroticism and asceticism” und “motifs of Sivas relationship”.

Während die “motifs of structure” zum Inhalt und der Form des Mythos beitragen, lassen sich die “motifs of symbolism” zunächst in 2 “Unterkategorien” einteilen. Motive dieser Art repräsentieren zum einen entweder die Elemente Feuer oder Wasser, zum anderen können sie kreativ oder destruktiv sein. Die badende Frau ist beispielsweise ein kreatives Motiv des Wassers. Die Motive können auch beide Elemente repräsentieren und sowohl kreativ als auch destruktiv sein.

Diesen “hybriden” Motiven kommt eine Sonderrolle zu. So wird “Schweiß” zum Beispiel als eine Kombination aus Feuer und Wasser verstanden. Asche, als Resultat der Zerstörung und Quelle des Werdens, wird als Repräsentation des Wechsels zwischen Destruktivem und Kreativem wahrgenommen.

Die Kategorie “motifs of eroticism and asceticism” umfasst die menschliche Ebene des Mythos. Motive dieser Gruppe können auch hier wieder unterteilt werden. In diesem Fall in erotisch, asketisch oder beides. Hierbei korrespondieren die erotischen Motive mit den kreativen und die asketischen mit den destruktiven. Beispiele hierfür sind zum einen die Erlösung von der Wiedergeburt, als asketisches Motiv, zum anderen das Gegenstück, der Fluch der Wiedergeburt als erotisches Motiv.

Wie der Name bereits vermuten lässt, befassen sich die “motifs of Sivas relationship” mit der Beziehung zwischen Siva und dem jeweiligen Protagonisten des Mythos (Kama, Brahma, Parvati,…). Ähnlich wie bei den “motifs of eroticism and asceticism” wird hier zwischen den Motiven des erotischen Sive und denen des asketischen Siva unterschieden. Auch hier exisitert wieder eine Schnittmenge zwischen den beiden “Untergruppen”. Diese korrespondieren mit den vermittelnden Motiven der anderen Gruppen (vgl. Doniger O’Flaherty, 1973, S.22-24).

Auch wenn diese Form der Einteilung gewisse Aspekte nur stark vereinfacht darstellt, so ist sie doch als hilfreicher Schritt zu sehen, um als Außenstehender einen adäquaten Zugang zu den entsprechenden hinduistischen Texten zu erlangen und die Mythen entschlüsseln zu können, um sich so einem angemessenen Verständnis anzunähern.

As our text sheds very little light on this point, we may look for some similar stories where the symbolic meaning would be made more explicit. What appears to many people as an unmanageable overgrowth of myths in epics and puranas is actually an invaluable source of information for a better understanding of each of them. [...] The regional variants are all authentic as long as the overall significance of the epic remains. [...] The major variation in the text are likely each to have its own significance fitting into the whole.

- Madelaine Biardeau (1968, S. 293/301)

Quellen

  • Biardeau, Madeleine (1968): Some More Conciderations about Textual Criticism.
  • Doniger O´ Flaherty, Wendy (1971): Asceticism and eroticism in the mythology of Siva. Oxford University Press.
  • Gonda, Jan (1963): Die Religionen Indiens II: Der jüngere Hinduismus. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart.
  • Kramrisch, Stella (1981): The Presence of Siva. Princeton University Press, Princeton.
  • Michaels, Axel (2006): Der Hinduismus- Geschichte und Gegenwart. C.H. Beck, München.