11. April 2012 von s_miwbaz hinduismus-literatur-medien2011 1

Repräsentionen Kalis in puranischen und tantrischen Traditionen

von Kathrin Lorenz und Leslie Andoh-Wilson

In diesem Blogeintrag möchten wir die hinduistische Göttin Kali thematisieren. Wir werden nicht nur auf ihr Erscheinungsbild und ihren Charakter eingehen, sondern auch auf ihre Rolle in tantrischen und puranischen Traditionen.

Die Göttin Kali

Die Göttin Kali hat ein eher angsteinflößendes Erscheinungsbild. Sie hat wilde zerzauste Haare, wütende, grimmige und rote Augen, die meistens weit aufgerissen sind. Ihre lange Zunge hängt ihr aus dem Mund und ihre Lippen sind häufig blutverschmiert (David Kinsley, 1997, S. 67). Sie hat einen mageren Körper und wird nackt dargestellt, jedoch trägt sie mehrere  Ketten mit frisch abgetrennten Köpfen oder Totenköpfen daran. Armbänder und andere Verzierungen schmücken zusätzlich ihren Körper. Außerdem trägt sie Ohrringe, die aus Körpern von Säuglingen bestehen ( David Kinsley, 1997, S. 67). Sie hat mehrere Arme, mit denen sie verschiedene Gegenstände festhält. In den linken, oberen Händen hält sie Messer und Schwert, auf denen sich zum Teil auch Blut abzeichnet, und in der rechten, unteren Hand hält sie einen frisch abgetrennten Kopf. Weitere Objekte, die sie in ihren Händen hält, werden zum Teil verschieden interpretiert. Eine Auslegung ist, dass sie mit einem rechten, oberen Arm ein  Zeichen macht:  „Fear not (Keine Angst)“, und mit einem unteren Arm macht sie eine Geste des Segens  oder der  Gnade. Auf den meisten Bildern und Darstellungen steht die Göttin Kali mit rechtem Fuß auf dem Körper Shivas, der am Boden liegt.

Der Name Kali bedeutet “die Schwarze” (David Kinsley, 1998, S. 79). Sie wird sehr häufig im Zusammenhang mit Tod und Krieg dargestellt. Ihre Anhänger sehen sie jedoch als eine Beschützerin der Menschheit. Ihre Lieblingsplätze, bzw. die Plätze wo sie sich am meisten aufhält, sind Schlachtfelder und Orte, an denen Verbrennungen stattfinden oder stattgefunden haben. In der Version der Devi Mahatmaya ist der Entstehungsort der Göttin Kali auch ein Schlachtfeld, auf dem sich  gerade eine Kampf zuträgt (David Kinsley, 1997, S. 71). Kalis Tempel sind ebenfalls an solchen Orten errichtet worden.

Anders als bei den meisten Göttern ist ihr Fortbewegungsmittel kein Tier, sondern sie reitet auf einem Geist (David Kinsley, 1997, S. 71). Sie wird überwiegend als ein sehr unzivilisierter Charakter dargestellt mit Eigenschaften, die sozial nicht tauglich sind.  Sie hat stetig einen großen Durst auf Blut und trinkt das Blut ihrer Feinde, nachdem sie sie getötet hat. Bei diesem Akt gerät sie meistens in eine Art starken Rausch, der ihr einen noch größeren Appetit auf mehr Blut macht ( David Kinsley, 1998, S. 79).

Außerdem ist sie eine Göttin der Mahavidyas. Die Mahavidyas sind eine Gruppe von zehn Göttinnen, auf die wir in diesem Blogeintrag an späterer Stelle noch einmal genauer eingehen werden.

Herkunft Kali (Entstehung)

In dem Mythos  der Göttin Durga entsteht Kali, als diese  die Dämonen Sumbha und Nisumbha zerstört hat (David Kinsley, 1997, S. 75). In der Version aus dem Devi Mahatmya steht, dass  zwei  große Dämone,  Canda und Munda, gesandt wurden, um Durga anzugreifen. Daraufhin verliert Durga ihre Fassung und wird unglaublich wütend. Aus dieser Wut heraus entsteht Kali, die aus der Augebraue von Durga entspringt. Kali stürzt sich auf die Feinde, zerquetscht und isst diese. Sie  schlägt  Canda und Munda die Köpfe ab. Später in der Schlacht ruft Durga Kali dazu auf ,den Dämon Raktabija „Drop of blood“ zu töten. Er heißt deswegen “Drop of blood”, weil jedes Mal, wenn ein Tropfen seines Blutes auf die Erde fällt,  ein neuer Rakatbija entsteht (David Kinsley, 1997, S. 71). Durga verletzt ihn im Gefecht und durch die Berührungen seines Blutes mit dem Boden entstehen unzählige Duplikate dieses Dämons. Kali rettet Durga, in dem sie diese Duplikate aufisst und Rakatbija das ganze Blut aussaugt. Es wird gesagt, dass  Kali die Verkörperung von Durgas Zorn ist und dann erscheint, wenn Durga die Fassung verliert. In der Schrift Vamana Purana wird Paravati oft Kali genannt auf Grund ihrer dunklen, manchmal zornigen Seite. Sie fühlt sich angegriffen von dieser Bezeichnung, besonders als Siva diese benutzt, und legt diese ab. Sie wird zu Gauri, der Goldenen. Jedoch wenn Paravati wütend wird und in Rage gerät, dann verwandelt sie sich in die zornige Kausiki, die dann anschließend Kali kreirt (David Kinsley, 1998, S. 78-79).Kausaki nimmt also die vermittelnde Rolle oder vermittelnde Göttin ein, aber Kali spielt die Rolle der dunklen, negativen Seite von Parvati.

Mit Siva halten Kalis ‘unzivilisierte’ Verhaltensweise, auch wenn sie durch ihn manchmal gezügelt wird, ihre wilde Seite und ihr chaotischer Zustand an. Sie stachelt ihn sogar manchmal zu einem gefährlichen und zerstörerischen Verhalten an. In Südindien wird von einer Tradition erzählt, in der sich Kali und Siva einen Wettkampf im Tanzen liefern (David Kinsley, 1998, S. 79).  Nach dem sie in der Geschichte mit Durga die Dämonen Sumbha und Nisumbha besiegt hatte, hatte sie sich in einen Wald zurückgezogen, welcher dann zu ihrem Wohnsitz wurde. Einer von Sivas Anhängern, der in dieser Gegend gewohnt hatte, hatte sich von Kali gestört gefühlt und Siva gesagt, dass er Kali aus dem Wald verbannen solle. Kali sagte Siva aber, dass das ihre Gegend sei und daraufhin forderte er sie zu einem Tanzwettbewerb auf, den er gewann. Diese Tänze waren fast so wild, dass es beinah so schien, als würden sie die Welt damit zerstören, die sie ja eigentlich beschützen sollten. Obwohl man sagt, dass Siva von Kali besiegt worden ist, findet man viele Quellen und Bilder, in denen beide zu sehen sind, aber Kali ist überwiegen in der dominanten Rolle zu finden.

Kali im Tantrismus

Kali spielt nicht nur in der puranischen Tradition eine wichtige Rolle, sondern auch in der tantrischen Tradition. Tantra besteht  aus dem Wort „Tan“, das „ausdehnen/ausbreiten“ bedeutet (Foulston_Abbott, 2009, S. 98). Tantrismus ist kein religiöses System, sondern viel mehr eine Vielzahl von Texten, Traditionen und Praktiken, die von der westlichen Welt unter einem Namen zusammengefasst werden (Foulston_Abbott, 2009, S. 98).

In Tantrismus geht es um das Absolute, das laut den Lehren des Tantrismus bipolar ist. Es gibt ein männliches Prinzip, welches transzendent und unveränderlich ist, und ein weibliches Prinzip, welches die aktive, dynamische und manifestierende Kraft des Absoluten darstellt (Foulston_Abbott, 2009, S. 99).  Die zentralen Figuren sind Siva und Sati. Kali, als eine „weitere“ Erscheinung von Sita bzw. Parvati spielt im Tantrismus eine sehr ausgeprägte Rolle. Sie taucht hauptsächlich in den Texten des indischen Philosophen, Mystikers und Ästheten Abhinavagupta auf (David Kinsley, 1997, S. 75). Er beschreibt oder verfolgt die Philosophie, dass die Realität eine Interaktion eben jener zwei Kräften des Absoluten ist, und deshalb ist die Realität das Ergebnis und der Ausdruck der symbiotischen Interaktion zwischen Mann und Frau.

Desweiteren spielt Siva auch eine Rolle. Er ist die Quelle der „Tantras“, also Quelle der Weisheit und Wahrheit. Sowohl Parvati/Kali als auch Sati sind seine Schülerinnen (David Kinsley, 1997, S. 76). Mit dem Praktizieren von Tantrismus ersucht der Praktizierende Vitalität und spirituelle Transformation durch Meditation und bestimmte Rituellen, die er vollzieht (Foulston_Abbott, 2009, S. 101). Wie schon erwähnt wird Kali als eine große Gottheit verehrt. In vielen Tantra-Texten wird sie erwähnt, z.B. Nirvanatantra, Pichiladatantra und Mahanirvanatantra. In diesen Tantras wird sie als die Schöpferin von allem dargestellt und im Vergleich zu Krsna oder Siva als ein Ozean bezeichnet (David Kinsley, 1997, S. 76). Die Verehrung Kalis orientiert sich sehr stark an Ritualen und einige Autoren nehmen dies als Erklärung, warum Kali die größte Gottheit in Tantrismus ist. Durch die zuvor erwähnten Meditation erhofft sich der Sadhaka (Eingeweihter) Moksa (Erwachen oder Wonne der Selbsterkenntnis) zu erlangen(Foulston_Abbott, 2009, S. 102).

Hierbei versucht er/sie, die raffinierte Geographie des Körpers zu erlernen und diese zu kontrollieren. In dem Panca Tattva Ritual konfrontiert der Sadhaka Kali und besiegt sie. Durch den Sieg erlangt er/sie Erlösung. Diese ist eine neue Darstellungsebene, die Kali auch zugeschrieben wird. Sie wandelt sich von der Tod, Zerstörung und Terror verbreitenden Göttin und wird nun teilweise als hübsch und lieblich wahrgenommen. Das Zeichen, das sie mit der rechten Hand vollführt „Karpuvadi – Stotra“ ist dann nunmehr nicht nur ein Symbol des Todes, sondern auch ein Symbol des Sieges über den Tod ( David Kinsley, 1997, S. 78).

Kali und die Mahavidyas

Kali wird auch zu einer Gruppe von Gottheiten gezählt. Diese Gruppe besteht aus zehn Göttinnen, den Mahavidyas (vgl. Foulston_ Abbott, 2009, S. 116). „Vidya“ bedeutet Macht oder Essenz der Realität. Infolgedessen kann man „Mahavidya“ mit „Große Weisheit“ übersetzen( Foulston_Abbott, 2009, S. 116). Diese Göttinnen tauchen auf oder entstehen, wenn eine Göttin (Sati, Parvati oder „Kali“) sich ihrem Ehemann widersetzt. Somit sind Kali und die Mahavidyas das Gegenteil von einer Pati Vrata (ehrbare, tugendhafte Frau).  In der Sahasranama (1000-Namen-Hymne) wird sie beispielsweise als die bezeichnet, „deren Gestalt Yoni ist, die Lingam liebt”und mit weiteren Namen versehen, die ihre unheimliche Sexuallust verdeutlichen (David Kinsley, 1997, S. 80).

Hier ein Video zu den Mahavidyas:

Fazit

Es lässt sich nicht leugnen, dass Kali eine der wichtigsten Gottheiten im Hinduismus ist. Ihre Fähigkeit, sowohl das Gute, als auch das Böse zu verkörpern macht sie sehr mächtig und geheimnisvoll.

Trotz oder gerade wegen ihrer Rolle, als Kriegsgöttin bzw. ihre Angewohnheit nur dann in Erscheinung zu treten, wenn eine Göttin Gewalt ausüben muss, ist ihr Aufstieg, zum Vorbild für die Erschaffung der Mahavidyas, ein höchst interessanter Prozess.

Quellen

  • Lynn Foulston,  Stuart Abbott (2009): Hindu Goddesses: Beliefs and Practices. London: Sussex Academic PR
  • David R. Kinsley (1998): Kali Blood and Death out of Place – S. 77-86, In: John Stratton Hawley, Donna Marie Wulff (1998): Devi: Goddesses of India. California: University of California Press
  • David R. Kinsley (1997):  Tantric Visions of the Divine Feminine: The Ten Mahavidyas. California: University of California Press