01. Februar 2012 von s_urhm5k hinduismus-literatur-medien2011 2

Sītā – Vorbildfigur für hinduistische Weiblichkeit?

Banner für den Kurs Hinduistische Tradtionen und Gottheiten in Literatur und Medien im WS 2011/12

von Friederike Koops und Johanna Stannowski

Wer ist Sītā? Warum könnte die Göttin Sītā wirklich als Vorbild für hinduistische Weiblichkeit gesehen werden? Wird sie es überhaupt (noch)? Wie leben Frauen in Indien heute? Auf diese und andere Frage versucht der folgende Blogeintrag Antworten zu finden…

Wer ist Sītā?

Sītā ist die Hauptprotagonistin im Rāmāyana, die als wunderschön beschriebene Ehefrau von Rāma. Die Figur der Sītā tauchte jedoch bereits in der vedischen Literatur als Fruchtbarkeitsgöttin (personifizierte Ackerfurche) auf. Dieses vedische Thema lässt sich im Rāmāyana an einigen Stellen wiederfinden. So wird Sītā im Rāmāyana z. B. in einer Ackerfurche gefunden und nicht von einer Frau geboren. Sītā weist viele Charakteristiken einer Göttin auf. Besonders auffällig ist z. B., dass sie keine natürliche Geburt  geschweige denn einen natürlichen Tod erlebt. Da Rāma als Inkarnation (avatara) Vishnus gesehen wird, wird auch Sītā als Inkarnation der Ehefrau Vishnus  angesehen, also als Sri oder Laksmi.

Die Rolle Sītās im Rāmāyana

Nach der Verbannung Rāmas äußert  Sītā den Wunsch, ihren Mann ins Exil zu begleiten, sehr deutlich, denn ihrer Auffassung nach könne sie sich auch gleich umbringen, wenn sie sonst ohen ihren Mann leben müsse. Sie will all die Gefahren, die Rāma bevorstehen, mit ihm erleben, ihre Treue zu ihm steht demnach über allem Anderen.

Und auch während der Entführung Sītās durch Rāvana  ist sie in Gedanken immer nur bei ihrem Mann: Was er gerade macht, ob es ihm wohl gut geht usw. An ihr eigenes Schicksal denkt sie während dieser Zeit nicht. Dies wird im Rāmāyana in ihren Reden deutlich.

Selbst als Hanumān sie retten möchte, lehnt sie dies ab. Als jedoch Rāma sie endlich rettet, ist Sītā erleichtert. Von Rāma jedoch erfährt sie nur Ablehnung, denn sie hat sich im Haus eines anderen Mannes aufgehalten und wurde so entehrt. Um ihre Unschuld und Reinheit zu beweisen, will Sītā sich der Feuerprobe stellen. Doch der Gott des Feuers erkennt ihre Unschuld und verschont sie. Da aber das Volk weiterhin Gerüchte über Sītā erzählt und die Ehre Rāmas gefährdet zu sein scheint, schickt er Sītā in die Verbannung, obwohl er weiß, dass sie von ihm schwanger ist.

Im Wald bringt sie die gemeinsamen Zwillinge zur Welt. Doch um Rāmas Ansehen wird es nicht besser. Nach einiger Zeit bereut er jedoch seine Entscheidung: Sītā soll sich einer zweiten Probe unterstellen, um ihre Unschuld zu beweisen, aber auch um seine Ehre wieder herzustellen. Sītā willigt ein, allerdings unter der Bedingung, nach der bestandenen Probe wieder in die Erde zurückkehren zu dürfen. Sie besteht die Probe und danach bricht die Erde auf und ein von Schlangen getragener Thron bricht aus der Erde hervor. Die Göttin der Erde nimmt Sītā wieder zu sich, trotz Protest seitens  Rāmas.

Ideale, die Sītā verkörpert

Sītā werden hauptsächlich drei Ideale zugeschrieben: Fruchtbarkeit, Śakti (Energie) und das Ideal der treuen Ehefrau. Im Rāmāyana zeigt sich ihr Bezug zur Fruchtbarkeit dadurch, dass die Natur auf ihre Handlungen reagiert, z. B. dass ihr die Tiere helfen und sie schützen (oder auch Pflanzen auf sie reagieren). Sītā ist Rāmas Śakti. Ohne ihre Handlungen würde die Geschichte nicht so voran schreiten. Sie treibt ihn an und ist seine motivierende Kraft. Im Rāmāyana zeigt sich Sītā als treue Ehefrau. Sie folgt ihrem Mann in den Wald, will ihn nicht alleine lassen. Auf der einen Seite kommt sie so ihren Pflichten als Ehefrau nach, auf der anderen Seite fordert sie so allerdings auch ihr persönliches Recht auf Schutz durch den Ehemann ein. Selbst während ihrer Entführung bleibt sie ihm stets treu. Besonders auffällig wird dies, als Hanumān sie retten möchte. Sie weigert sich, mit ihm zu gehen, denn kein anderer Mann darf sie berühren und allein ihrem Ehemann gebührt die Ehre, sie zu retten.

Frauen in Indien in der heutigen Zeit

Das Frauenbild im heutigen Indien ist sehr vielfältig und von Gegensätzen geprägt. Auf der einen Seite garantiert die Verfassung den Frauen eine Gleichstellung zum Mann, es gibt sogar spezielle Gesetze, die die Rechte der Frauen schützen sollen. Außerdem sind über eine Million wichtige Ämter in Stadt und Gemeinde bez. in der Verwaltung von Frauen besetzt und lange Zeit war Indra Gandhi „die Frau“ an der Spitze des Staates. Des Weiteren lässt sich in den Metropolen ein weiterer Trend beobachten: Viele Frauen arbeiten in großen, auch internationalen Unternehmen, wodurch sie finanzielle Unabhängigkeit erlangen. Auf der anderen Seite sind Vorurteile in der Gesellschaft verwurzelt. Frauen müssen Diskriminierung und Gewalt über sich ergehen lassen und ihre bürgerlichen Rechte werden durch Familie zum Teil in erheblichem Maße außer Kraft gesetzt bzw. ignoriert. Gleichzeitig bildete sich vor drei Jahrzehnten eine Frauenbewegung, die viel für die Frauen Indiens bewirkt hat.

Diese Gegensätze können nebeneinander existieren, auch weil in Indien die Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung sehr groß sind und so auch das traditionelle Frauenbild variiert. Außerdem können Frauen ein modernes, von westlichen Einflüssen geprägtes Leben führen. Fragen der Eheschließung werden jedoch auch dann noch fast immer in der Familie beschlossen.  Auch regionale Traditionen spiele eine große Rolle.

Sītā als Vorbildfigur für hinduistische Weiblichkeit?

Auf diese Frage gibt es auf Grund der ambivalenten Ansichten keine eindeutige Antwort.

Wie bereits erwähnt, hängt dies von verschiedenen Faktoren: Die Unterschiede in den Bevölkerungsschichten auf dem Land und in der Stadt sowie den lokalen Traditionen sind hierbei von entscheidender Bedeutung.

In der Geschichte widmet Sītā sich aufopferungsvoll ihren Aufgaben. Sie tut alles erdenkliche, damit es ihrem Mann gut ergeht, dass auf ihn nichts Schlechtes kommt. Egal wie groß Sītās Not auch sein mag, das Wohlergehen ihres Mannes steht an erster Stelle.

Und vermutlich ist es genau dies, was die Frauen Indiens in der heutigen Zeit dazu bewegt, Sītā eben nicht mehr als Vorbildfigur ihres eigenen Lebens zu sehen. Ihr Streben nach Emanzipation, Individualität sowie Selbstständigkeit ist inzwischen wichtiger geworden, als das ganze eigene Leben einem anderen unterzuordnen. Neben der Ehe muss es mehr geben. Die Ziele der Frauen haben sich verändert, weiter entwickelt.

Die Einführung der Rechte für Frauen ist ein guter Anfang. Doch bis zur vollständigen Umsetzung dürfte es noch ein langer Weg sein, bis eben auch in jeder Stadt, jedem Dorf und bei jeder Familie angekommen ist, dass jeder Mensch individuell ist. Der Glaube an Gottheiten und Traditionen ist zwar wichtig, dennoch darf dies nicht zum Nachteil oder auch Schaden einzelner Gruppen werden.

Quellen

  • Butalia, U.: Neues Selbstbewusstsein und anhaltende Unterdrückung, Frauen in Indien, erschienen auf: http://www.bpb.de/themen/4GR5P8,0,Neues_Selbstbewusstsein_und_anhaltende_Unterdr%FCckung.html; letzter Zugriff:  13.1.2012, 13:00 Uhr
  • Dimmit, C.(1995), Sita: Mother Goddess and Sakti, in: J.S. Hawley/D.M.Wulff(1995),The Divine Consort, Dehli, S.210-223
  • Kinsely, D.(1990), Indische Göttinnen. Weibliche Gottheiten im Hinduismus, Frankfurt a. M., S. 95-115
  • Michaels, A.(2006), Der Hinduismus.Geschichte und Gegenwart, München, S. 140-148