10. Januar 2012 von s_tei6nm postmortalitaet2011 0

Stufen zur Unsterblichkeit / Das Totenbuch der Tibeter – ein Vergleich

von Daniela Buck

Im “Totenbuch der Tibeter” geht es im Wesentlichen um den Bardo, den Zwischenzustand, den der Mensch nach seinem Tod einnimmt, bevor er wiedergeboren oder erlöst wird. Es wird auch beschrieben, wie der Verstorbene einer Wiedergeburt entgehen kann, worauf das Buch auch abzielt, denn Unwissenheit ist hier der Hauptgrund für einen Einschluss ins Samsara (“Wiedergeburtenkreislauf”; “Kreislauf der Existenz”). Wissen und Zuhören sollen der Schlüssel zur Erlösung sein: Die Große Befreiung durch Hören im Bardo.

Nach Lati Rinpoche und Jeffrey Hopkins ist es in “Stufen zur Unsterblichkeit” nicht so “einfach”, dem Samsara zu entkommen. Durch Einbezug verschiedener Quellen entsteht hier ein zum Teil anderes und zum Teil detaillierteres Bild von Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt.

Ich werde nun die beiden Vorstellungen von Bardo und dem Entkommen aus dem Samsara, die in den beiden Büchern dargestellt werden, beschreiben und miteinander vergleichen.

Der Tod

Das Totenbuch beschreibt den Tod selbst und die Auflösung des Körpers kaum, denn es ist eher eine Anweisung für die Lebenden, wie sie mit dem Toten umgehen sollen. Diesem sollen die Weisungen und Gebete immer wieder laut vorgelesen werden, damit er sich im Bardo daran erinnert und den richtigen Weg zur Erlösung wählt. Dies nennt sich “Befreiung durch Hören”:

Dies wird ihn an das erinnern, was sein Guru ihm gewiesen hat; er wird sofort den grundlegenden Glanz erkennen und befreit sein, daran gibt es keinen Zweifel. (Das Totenbuch der Tibeter, S.63)

Schon vor dem Eintreten des Todes sollen Unterweisungen vorgetragen werden, die die höchstbegabten Yogins schon jetzt zur Erlösung führen können. Sobald das Bewusstsein aus dem Sterbenden tritt, wird begonnen, die “Befreiung durch Hören” zu lesen. Zu dieser Zeit sollen sich Verwandte fern halten, damit sie beim Sterbenden keine Sehnsüchte und andere negativen Emotionen auslösen. Stattdessen soll der Hauptguru oder ein Dharma-Bruder anwesend sein. Bis die Atmung aussetzt, soll die erste Unterweisung in den Geist des Sterbenden eingepflanzt werden. Nun wird er in die Löwen-Haltung gelegt (wie Gautama Buddha bei seinem Tod) bis dann endlich der Puls aussetzt. Nun beginnt der erste Bardo und die Unterweisungen sind sooft zu wiederholen, bis eine gelbe Ausscheidung aus den Körperöffnungen tritt. Nun hat der Geist den Körper verlassen und befindet sich im Zwischenzustand. (Das Totenbuch der Tibeter, S.61-65)

In “Stufen zur Unsterblichkeit” wird der Tod und das Auflösen des grobstofflichen Körpers des Sterbenden in einen feinstofflichen genau beschrieben. Hier ist es wichtig zu verstehen, was mit dem Körper und dem Geist beim Tod passiert. Der Mensch ist aus sechs Bestandteilen zusammengesetzt: Erde, Wasser, Feuer, Wind, Kanäle und Tropfen. Diese werden beim Tod ineinander aufgelöst und treten dann aus dem Körper aus, sodass das Bewusstsein nicht mehr im Körper ist. (Stufen der Unsterblichkeit, S.35-40)

Es gibt acht Stadien der Auflösung, worauf der Mensch dann in den Zwischenzustand übergeht. “Der Sterbeprozeß muß sich beim Menschen über die Auflösung der fünfundzwanzig grobstofflichen Objekte – die fünf physischen und geistigen Anhäufungen, die vier konstituierenden Bestandteile, die sechs Quellen, die fünf Objekte und die fünf grundlegenden Weisheiten – vollziehen.” (Stufen zur Unsterblichkeit, S.40)

  1. Die Ebene der Anhäufung der Form löst sich auf (die grundlegende spiegelgleiche Weisheit, der konstituierende Bestandteil Erde, der Gesichtssinn, die sichtbaren Formen). Inneres Anzeichen: bläuliche Erscheinungen und Trugbilder.
  2. Die Ebene der Anhäufung des Gefühls oder des Empfindens löst sich auf (die grundlegende Weisheit der Gleichheit, der konstituierende Bestandteil Wasser, Kraft). Inneres Anzeichen: eine Erscheinung, die einer Rauchwolke ähnelt.
  3. Die Ebene der Anhäufung der Unterscheidung löst sich auf (Angelegenheiten nahestehender Personen werden unwichtig, Sinken der Körpertemperatur, der konstituierende Bestandteil Feuer, der Geruchssinn). Inneres Anzeichen: Erscheinung, die dem Glimmen roter Funken ähnelt.
  4. Die Ebene der Anhäufung der produkthaften Faktoren löst sich auf (physische Aktivität, der konstituierende Bestandteil Wind, der Geschmackssinn; man ist sich seiner Auflösung nicht länger bewusst). Inneres Anzeichen: Erscheinung, die dem Flackern einer Butterlampe ähnelt.
  5. Die fünf Phänomene, die zur Anhäufung des Bewusstseins gehören, treten auf (der Geist der achtzig festgelegten Begriffe, der Geist der weißen Erscheinung, der Geist der roten Intensivierung, der Geist des strahlenden schwarzen Beinahe-Erlangns, der Geist des Klaren Lichts des Todes). Inneres Anzeichen: strahlend weiße Erscheinung.
  6. Auflösen des Geistes der weißen Erscheinung in den Geist der roten Intensivierung. Inneres Anzeichen: goldgelbe oder rote, leere und offene Erscheinung.
  7. Auflösen des Geistes der roten Intensivierung in den Geist des Beinahe-Erlangens. Inneres Anzeichen: Klares Licht des Todes dämmert.
  8. Auflösen des Geistes des Beinahe-Erlangens in das Klare Licht. Dazu kommt die Abwesenheit geistiger Präsenz. Inneres Anzeichen: Erscheinung eines kleinen klaren leeren Raumes. Das ist nun der Endgültige Tod.

(Stufen der Unsterblichkeit, S.40-58)

Der Zwischenzustand/ der Bardo

Nach viereinhalb Tagen der Bewusstlosigkeit geht der Verstorbene nach dem Totenbuch in den Bardo-Zustand über. Es folgen 12 Tage, an denen dem Toten verschiedene Erscheinungen gegenübertreten und bei jeder dieser Erscheinungen kann er zwischen zwei Lichtern wählen und dabei entweder Erlösung finden oder weiter im Bardo bleiben, wenn er sich für das böse milde Licht entscheidet. An den ersten sieben Tagen erscheinen die friedlichen Götter (erster Bardo), darauf die bluttrinkenden rasenden Götter (zweiter Bardo):

  1. Gott: Vairocana in blauem Licht (Element Raum), steht für die Höchste Weisheit / Götter in mild weißem Licht, Konsequenz: Kreisen in den 6 Arten der Existenz
  2. Gott: Vajrasattva in weißem Licht (Element Wasser), steht für spiegelgleiche Weisheit / Höllenwesen in mild rauchigem Licht, stehen für Aggression, Konsequenz: Abfahrt in die Hölle, den schlammigen Sumpf unerträglichen Leids
  3. Gott: Ratnasambhava in gelbem Licht (Element Erde), steht für Weisheit der Wesensgleichheit / Menschenwesen in mild blauem Licht, stehen für Stolz, Konsequenz: Hinabfallen in den Bereich der Menschen und Geburt, Alter und Tod erleiden
  4. Gott: Amitabha in rotem Licht (Element Feuer), steht für die Weisheit der Unterscheidung / Hungrige Geister in mild gelbem Licht, stehen für Begierde und Geiz, Konsequenz: Qualen des Hungers und Durstes erleiden
  5. Gott: Amoghasiddhi in grünem Licht (Element Luft), steht für die allesvollendende Weisheit / Eifersüchtige Götter in mild rotem Licht, stehen für Neid, Konsequenz: Leid durch Kampf und Streit
  6. Buddhas der 5 Familien in allen Lichtern, stehen für die Erfahrung der kombinierten vier Weisheiten / rasende Torhüter in den Lichtern der verblendeten sechs Bereiche, Konsequenz: Elend im großen Ozean des Samsara
  7. Vidyadharas, Götter aus den Himmelsrichtungen in fünffarbigem Licht / Tiere in mild grünem Licht, Konsequenz: Hinabwandern in den tierischen Bereich und Stumpfsinn, Stummheit und Sklaverei ertragen
  8. der Glorreiche Große Buddha-Heruka – ist in Wirklichkeit Vairocana
  9. die bluttrinkende Manifestation der Vajra-Familie – ist in Wirklichkeit Vajrasattva
  10. die bluttrinkende Manifestation der Ratna-Familie – ist in Wirklichkeit Ratnasambhava
  11. die bluttrinkende Manifestation der Padma-Familie – ist in Wirklichkeit Amitabha
  12. die bluttrinkende Manifestation der Karma-Familie – ist in Wirklichkeit Amoghasiddhi

Vairocana in blauem Licht und mit seinen Begleitern [1]

Der Betroffene im Bardo-Zustand wird erlöst, wenn er sich für die guten Götter entscheidet. Diese machen ihm jedoch Angst (besonders die rasenden Götter, welche aber auch zu Erlösung führen) und er will vor ihnen fliehen, fühlt sich zu dem milden Licht sogar hingezogen. Daher sollen ihm von einem Lebenden die Weisungen vorgelesen werden, damit er sich erinnert und dann richtig entscheidet. Schlechtes Karma sorgt dabei jedoch für mehr Angst und treibt ihn so von der Erlösung weg. Diese “Befreiung durch Hören” gibt somit den “schlechten” Menschen aber trotzdem die Chance aus dem Samsara zu entkommen, auch wenn ihre Chancen schlechter stehen. (Totenbuch der Tibeter, S.71-108)

Nun kann man erkennen, dass man diese ersten Tage im Bardo mit den 8 Stufen der Auflösung des Körpers beim Sterben, die in “Stufen der Unsterblichkeit” beschrieben werden, nebeneinander stellen kann. Die Erscheinungen bei der Auflösung sind dann wie die Lichter und Wesen, die der Tote im Bardo-Zustand sieht. Den ersten Tag kann man hier jedoch keiner Auflösungsstufe zuordnen. Damit steht er wohl für den Körper, aus dem das Bewusstsein noch nicht vollständig ausgetreten ist.

Beim zweiten bis fünften Tag ist dann auffällig, dass die angegebenen Elemente der Götter zu den sich auflösenden Elementen der ersten vier Stufen der Auflösung passen und die dazugehörigen Weisheiten stimmen überein. Die 5 Familien des sechsten Tages stehen für die fünf Phänomene, die vor der weiteren Auflösung auftreten. Danach gibt es keine eindeutigen Vergleiche mehr. Es folgen auch nur noch drei Stufen der Auflösung, aber noch sechs Tage im ersten und zweiten Bardo.

Es lässt sich aber festhalten, dass der erste und zweite Bardo, wie es im Totenbuch beschrieben wird, bei “Stufen der Unsterblichkeit” nicht als Zwischenzustand angesehen wird. Hier gehören die Stufen zum Sterbeprozess dazu, wo der Geist des Sterbenden noch bei seinem Körper ist und noch nicht in den feinstofflichen Körper im Zwischenzustand übergegangen ist.

Erst der dritte Bardo ist mit dem eigentlichen Zwischenzustand gleichzusetzen. In beiden Büchern wird dieser ähnlich beschrieben.

Als Zwischenzustandswesen besitzt man alles Sinnesfähigkeiten, auch wenn man in seinem vorigen Leben welche fehlten und der Körper ist feinstofflich und somit nicht zerstörbar, aber auch in der Lage jedes Hindernis zu überwinden und an jeden Ort zu gelangen (durch karmische Kräfte. Jeder kann nur höchstens 49 Tage im Bardo bleiben, dann muss er spätestens wiedergeboren werden. (Stufen der Unsterblichkeit, S.68-78)

Dabei sind aber folgende Unterschiede festzustellen. Im Totenbuch wird deutlich gesagt, dass der (Gedanken-) Körper, den man im Bardo annimmt, der seines früheren Lebens ist, da man sich an ihn erinnert. Hier steht noch nicht wirklich fest, zu welche Art von Existenz man nach seiner Wiedergeburt gehören wird. (Totenbuch der Tibeter, S.113)

Anders ist es in “Stufen der Unsterblichkeit” beschrieben. Hier steht die Art der Wiedergeburt schon fest und man bekommt einen Körper von dieser Art, auch wenn er nicht der gleiche ist, wie im späteren Leben. (Stufen der Unsterblichkeit, S.75-77)

Der deutlichste Unterschied ist aber, dass man hier nicht aus dem Bardo entkommen kann. Wenn man Erlösung finden sollte, geschieht das direkt nach dem Tod und man bekommt dann keinen Zwischenzustandskörper mehr. Das im Totenbuch beschriebene Verfahren zielt aber genau darauf ab, dass man aus dem Bardo-Zustand heraus die Erlösung finden kann.

Erlösung

Die Erlösung findet man durch das mentale Durchleben des Sterbeprozesses. Daher ist es auch so wichtig den Sterbeprozess genau zu verstehen. “Ein Yogi der Vollendungsstufe gebietet diesem Prozeß durch die Macht seiner meditativen Gleichgewichtfindung (samadhi) Einhalt und transformiert ihn in das metaphorische Klare Licht [der Isolierung des Geistes] und das tatsächliche Klare Licht.” (Stufen der Unsterblichkeit, S. 102)

Die Erlösung erlangt man nach dem Totenbuch im Wesentlichen wie oben beschrieben durch das Hören, Erkennen und Erinnern. Dabei können gutes Karma und vorherige meditative Übungen durchaus hilfreich sein, sind aber nicht unbedingt ausschlaggebend. Der Schlüssel ist hier, dass man von seiner Furcht und von Unwissenheit frei wird.

Wiedergeburt

Es gibt 6 Wesensarten, zu denen man bei seiner Wiedergeburt werden kann: Gott, Eifersüchtiger Gott, Mensch, Tier, Hungriger Geist oder Höllenbewohner.

Im Totenbuch heißt es, dass man bis direkt zum letzten Moment vor der Wiedergeburt noch davonkommen kann. Dazu muss man seine Gedanken in völlige Leere bringen und über seine Gottheit und den Glanz meditieren und hat so noch die Chance auf Erlösung. Sollte es doch zu einer Wiedergeburt kommen, kann man sich, wenn man weiß, worauf es ankommt, für eine Art von Wiedergeburt entscheiden. Wenn man vor seiner Wiedergeburt z.B. einen prächtigen Tempel mit Juwelen sehen sollte, so wird man als Gott wiedergeboren. Wenn einem dies missfällt, so kann man das Bild abstoßen und sich die anderen Bilder ansehen, bis man eines ausgewählt hat. Dies braucht aber geistige Willensstärke und vor allem Wissen. (Totenbuch der Tibeter, S.128-141)

Die Art der Wiedergeburt ist nach “Stufen der Unsterblichkeit” schon durch sein früheres Leben vorbestimmt.

Quellen

  • Francecsca Fremantle und Chögyam Trungpa (Hrsg.): Das Totenbuch der Tibeter. Eugen Diederichs Verlag (4.Auflage).Düsseldorf, Köln 1980.
  • Lati Rinpoche, Jeffrey Hopkins (Hrsg.): Stufen zur Unsterblichkeit. Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt im tibetischen Buddhismus. Eugen Diederichs Verlag (1.Auflage). Köln, 1983.

[1] Mandala1 detail.jpg, Zentraler Bildausschnitt eines Garbhadhatu (Sanskrit) oder Taizo-kai (jp.) – Mandalas (originalgetreue fotografische Reproduktion eines zweidimensionalen Kunstwerks), online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mandala1_detail.jpg?uselang=de#globalusage, letztes Zugriffsdatum: 12.11.2013.