19. Februar 2012 von Döhle L postmortalitaet2011 8

Tod und Jenseits: Ein Vergleich zwischen Germanen und Kelten

von Lukas Döhle

Im Folgenden werde ich versuchen, die Postmortalitätsvorstellung der Germanen und Kelten kurz vorzustellen und ein paar Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Besonderen Bezug nehme ich auf die jeweiligen Ansichten des Jenseits.

Postmortalität Germanen

Aufgrund von umfangreicheren Quellen beziehe ich mich auf die nordgermanische Religion in der späten Eisenzeit. Also bis 500 v. Chr.

Götterkult und Jenseitsvorstellung

Besonders bedeutsam, auch bezogen auf den Tod,  ist der Allvater und Götterkönig Odin. Dieser ist nach germanischem Glaube der Herrscher über Welt und Menschen. Er ist nich nur der Lenker und Beschützer, sondern auch Krieger, der sich selbst im Kampf beteiligt (Braun 1996, S. 176). Die Götter können also auch unter den Menschen wandeln.

Die toten Krieger nimmt Odin im Schloss der Geschlagenen (Walhall) auf. Dort finden jeden Tag kriegerische Spiele statt, es gibt einen sich ewig erneuernden Eber zum Verspeisen und einen Mettrank, der aus den Zitzen der Ziege Heidrun kommt. Dieser Einzug der Krieger ermöglicht es ihnen ein wirklich heldenhaftes (Nach-)leben zu führen.

Es ist zu sagen, dass nicht alle Toten zu Odin kommen. Er “teilt sie” gerecht mit seiner Gattin, der Himmelsgöttin Freyja, dem Wettergott Thor und der Herrscherin der Unterwelt Hel. Odin bleibt dennoch der Herr der Toten (Braun 1996, S.176f)

Die Germanen besitzten keine einheitlichen Vorstellungen vom Tod und dem Jenseits. Es gibt zum Beispiel den Glaube von den Toten, welche in den Bergen leben. In jenem Zusammenhang erinnert auch die behandelte Vorstellung von Jakob Grimm, wonach “in einem Hügel an der Weser in Westfalen der Herzog Widukind harrt, bis seine Zeit kommt.” (Braun 1996, S.182)

Ebenfalls gibt es den Glaube von einem Totenreich im Meer. Allem voran allerdings finden sich die Toten in der Unterwelt wieder. In nahezu allen nordischen Quellen heißt diese Hel, was ursprünglich “das Verborgene” bedeutet.  Hel erscheint sowohl in weiblicher, als auch in männlicher Gestalt und holt den Menschen durch den Tod. Der Mensch hat also die Aufgabe, Hel ständig zu erwarten. In den meisten Quellen heißt es, dass vor allem die Kranken und Alten nach dem Tod in ihr (Hels) Reich gelangen (Maier 2003, S.85). Der Weg zu Hel heißt auch langer Pfad. Wird dieser Weg von denToten bestritten, benötigen sie festes Schuhwerk. Deshalb werden den Verstorbenen auch oft Schuhe angelegt.

Der Gedanke, dass sich Körper und Seele nach dem Tod trennen, wie es zum Beispiel im Christentum der Fall ist, ist nicht bekannt. Es gibt allerdings Überlieferungen, die davon berichten, dass verstorbene Menschen als eine Art Doppelgänger oder Schutzgeist erneut erscheinen. In dem altisländisch verfassten Werk “Edda”, welches germanische Helden- und Göttersagen behandelt, heißen diese Erscheinungen “fylgja”, was in der Übersetzung so viel wie “folgen” oder “Nachgeburt” heißt. Diese sind unsichtbar und können in Krisensituationen oder im Traum von seherisch Begabten wahrgenommen werden. In diesem Zusammenhang sprechen auch ältere Quellen von einem körperlichen Weiterleben der Toten. So ist auch die Rede von der Vorstellung des “grauenerregenden Wiedergängers”, welcher nach dem Begräbnis des Verstorbenen erscheint, um in seiner Sippe Angst und Schrecken zu verteilen (PPP S. 24-25*)

Letztendlich findet man die Toten unter den Göttern. Der Weg führt also zu einer Götterwelt, bzw zu den verschiedenen Orten, wo die Götter die Verstorbenen empfangen.

Opferkult und Totenbeisetzung

Schiffssetzung in Badelunda

Solche Steinsetzungen in Schiffsform wurden vom Ende der Bronze- bis in die Wikingerzeit erbaut. Das Grabschiff soll die Toten über das Meer ins Totenreich bringen. [1]

Bei den Germanen wird ein Toter in ein Grab gelegt oder verbrannt. Oft heißt es, dass er in der Grabkammer weiter lebt.  So finden sich neben Waffen, Nahrung und Reitzeug auch Pferde, Hunde und sogar Frauen als Beigaben (Braun 1996, S. 180).  Es heißt beispielsweise in einer Mitschrift, sie legen “seine noch lebende Lieblingsfrau mit ihm ins Grab. Das Tor wird zugemacht; sie stirbt dort.” Den Gedanken, zusammen zu sterben, findet man in der germanischen Geschichte oftmals. Die Leichenverbrennung ist ebenfalls keine Seltenheit. Auch dabei können andere Menschen mitverbrannt werden. Ein beigegebenes Pferd oder Waffen betonen besonders den urtümlichen und vor allem kriegerischen Charakter der Germanen. Auf Grund des oben genannten “grauenerregenden Wiedergängers”,  nehmen Historiker an, seien so viele rituelle Manipulationen an Leichen vorzufinden. Vor allem im skandinavischen Raum gibt es viele archäologische Funde, bei denen Leichen verbrannt, zerstückelt oder gefesselt sind (PPP S. 15-18*).

Insgesamt lässt sich sagen, dass Lebende und Tote (im Verständnis der Germanen) eine wesentlich engere Beziehung haben, als es der neuzeitlichen, europäischen Gewohnheit entspricht.

Weltende

Am Ende der Welt, gibt es einen entscheidenen Kampf zwischen den Göttern und den Dämonen. Odin wird von der Weltschlange verschlungen und auch wenn es Thor gelingt diese zu Töten, so stirbt auch er nach dem Kampf mit ihr. Der Tod der Götter bedeutet das Ende der Menschen. Die Sonne wird schwarz, das Meer verschluckt die Erde und der Himmel steht in Flammen. “Die Himmelskörper stürzen und Feuer vernichtet alles.” (Braun 1996, S. 186)

Postmortalität Kelten

Verglichen mit den Kelten kann man viele Unterschiede, aber auch ein paar Gemeinsamkeiten erkennen. Im Folgenden ist es nun ein besonderes Problem, dass die meisten Quellen römischer Herkunft sind. Daher entsteht ein gewisser Unsicherheitsfaktor.

Götterkult und Jenseitsglaube

Die Götter der Kelten finden sich in verschiedenen Teilen der Welt, im Himmel und im Meer. Zudem gibt es Naturgeister, welche in verschiedenen Naturobjekten wie Berge und Hügel, Quellen und Flüsse, wirken. Diese sind dem Menschen wohlwollend, teilweise aber auch feindlich gesinnt (Braun 1996, S. 169).

Die Vorstellung von dem Leben nach dem Tod wird sehr paradiesisch beschrieben. Reiche Schätze lagern im Totenland und der Gang in die Unterwelt ist voller Wunder bestimmt. Dennoch ist ein (Nach-)leben dort nur für die größten Helden vorbehalten (Braun 1996, S.169). Man kann diese Unterwelt also am ehesten mit dem germanischen Walhall vergleichen. In einigen Sagen kämpfen die Toten die Schlacht, in welcher sie gefallen sind, in der Unterwelt weiter. Die Totenwelt bei den Kelten hat einen anderen Zeitablauf. Ein dort verlebter Tag ist wie hundert Jahre auf der Erde (Braun 1996, S. 169).

Von Toten, die nicht in diese (kriegerische) Unterwelt kommen, werden die Seelen zu der Insel “Brittia” übergesetzt. Dies geschieht indem die Seelen der im Sterben liegeneden bei Einbruch der Nacht auf die Stimme eines Unsichtbaren (auch beschrieben als “die Stimme des Auftraggebers”) warten. Sie – die Seelen – stehen zugleich auf, ohne zu begreifen, was der Grund ist und gehen zum Strand, wo ein Boot, zur Abfahrt bereit, auf sie wartet. Nach einer Stunde Fahrt wird Brittia erreicht. Mit Brittia ist höchstwahrscheinlich Britannien gemeint. Dies ist allerdings keinesfalls das eigentliche Ziel der Totenreise. Dieses liegt auf einer kleinen Insel oder Inselgruppe, die man sich weit hinaus im Ozean vorstellt. Die kleinen Inseln im Südwesten Irlands gelten als Aufenthaltsort der Totenseelen (Braun 1996, S.170f).

Der Tod von König Arthur

König Arthurs Tod, im Hintergrund die Barke zur Überfahrt nach Avalon [2]

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Insel Avalon, auf welcher die  Götter und die toten Seelen zusammen leben. Es ist eine Insel voller Glückseligkeit. Der Boden spendet, auch ohne Bebauung, reichlich Früchte und immer herrscht Frieden. Die Bewohner bleiben von Alter, Krankheit und Kummer verschont. Somit existieren weder Tod noch Zeit.

Es ist auch oft die Rede vom keltischen Glauben, wonach die Seele unsterblich sei und in einem anderen Körper neu ins Leben zurückkehren wird. In dieser Verbindung gibt es die Gemeinsamkeit des grauenerregenden Wiedergängers, welcher auch bei den Germanen eine wichtige Rolle gespielt hat. Bei den Kelten ist dies der lebende Leichnam. Er hat das körperliche Wesen eines Toten, jedoch die selben Bedürfnisse, wie ein Lebender. Ein lebender Leichnam hat nach keltischem Glaube seinen irdischen Verpflichtungen nicht erfüllt und findet nun im Grab keine Ruhe. Erst wenn er die irdischen Aufgaben erfüllt hat, so darf er im Grabe seine Ruhe finden, beziehungsweise in das Jenseits übergehen. (Braun 1996, S. 165f)

Opferkult und Totenbeisetzung

Die Totenbestattung ähnelt ebenfalls in manchen Punkten der der Germanen. Gefallene Krieger werden mit ihrer Waffe begraben, um nach dem Tode ihren Kampf fortsetzen. Die Gräber sind meist auf Hügeln errichtet und finden sich sehr oft in der Nähe von Siedlungen. Dies lässt darauf schließen, dass eine sehr innige Beziehung zwischen Lebenden und Toten herrscht.  Auch Verbrennungen kommen häufig vor. Diese stehen für den Körperwechsel der Seelen.  Den Tod fürchten die Kelten -ebenso wie die Germanen – nicht, da sie in einem anderen Bereich der Natur das Leben wieder zurück erlangen.

Die Verstümmelung von Leichen ist bei den Kelten in einer eigenen Art sehr vertreten. Sie schnitten besonders Feinden, aber teilweise auch Verwandten die Köpfe ab (Braun 1996,  S.168).  Dies kann mehre Bedeutungen haben. Schließt man bei dem Köpfen von verstorbenen Verwandten eher auf eine Verewigung der Persönlichkeit, so hat das Köpfen der Feinde einen ganz anderen Aspekt. Es ist ein Zeichen von Überlegenheit, aber auch die Verwehrung, dem feindlichen Körper das Jenseits zu erreichen.

Weltende

Eines Tages wird der Himmel zusammenstürzen. Wasser und Feuer gewinnen die Oberhand. Menschen und Tiere sterben aus und die Erde wird unfruchtbar (Maier 2001, 71f).

Fazit

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Postmortalitätsvorstellungen der Germanen und Kelten sehr ähnlich sind. Sowohl keltische als auch germanische Stämme haben viele Gottheiten und mehrere Jenseitsorte.  Die Toten leben in einer Art Parallelwelt gemeinsam mit den Göttern und immer wieder kommt es vor, dass Tote zurück ins Diesseits gelangen. Das paradiesische Jenseits gilt den germanischen und keltischen Kriegern als Ziel. Dennoch nehmen sie das, was ihnen geschieht, als Schicksalsfügung ihrer jeweiligen Götter.

Bestattungsriten ähneln einanderer sehr. So sind Gräber und Grabbeigaben fast identisch,  Verbrennungen kommen häufig vor und auch die Manipulationen von Leichen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, sind keine Seltenheit bei beiden Volksgruppen.

Quellen

  • Braun, Hans-Jürg: Das Jenseits. Die Vorstellung der Menschheit über das Leben nach dem Tod.  Artemis & Winkler Verlag, Zürich 1996.
  • Maier, Bernhard (2001): “Die Religion der Keltten. Götter, Mythen, Weltbild”, C.H. Beck München, München.
  • Maier, Bernhard (2003): “Die Religion der Germanen. Götter-Mythen-Weltbild”, C.H. Beck München, München. (PPP erarbeitet mit Maier 2003)

[1] Johansson,  Christer, Anundshög. Västerås, 30.06.2006, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anundsh%C3%B6g,_V%C3%A4ster%C3%A5s1002.jpg, letztes Zugriffsdatum: 12.112013.

[2] Archer, James, The Death of King Arthur, 19. Jahrhundert, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Death_of_King_Arthur.jpg?uselang=de, letztes Zugriffsdatum: 12.11.2013.