17. Januar 2012 von Rosanna Mihm postmortalitaet2011 0

Und was kommt nach dem Tod?

Kam man schon bei den Germanen in ein Paradies? Wie sieht ein Leben nach dem Tod im Hinduismus aus? Wann gilt ein Mensch überhaupt als ‚tot’? Auf diese und noch einige Fragen mehr kann man im folgenden Text hoffentlich eine Antwort finden.

Bei den Germanen wurde durch eine Bestattung kein großes Aufsehen erregt – zumindest nicht wenn man ein ‚normaler Mensch’ gewesen ist. War man zu Lebzeiten eine angesehene Person, so wurde man beispielsweise mit bestimmten Hölzern verbrannt oder bekam seine Waffen oder auch sein Pferd mit ins Feuer. Rituell war es angesehen, dass Frauen während der ersten Trauerzeit laut zu Klagen, während Männer eher im Stillen gedenken sollten. (Tacitus, Germania 27,1 aus Bernhard Maier: Die Religion der Germanen)

In der Regel gab es Feuerbestattungen, auch wenn Körperbestattungen nichts Ungewöhnliches waren. So wurden zum Beispiel Männer der Führungsschicht in Gräber begraben, in denen sie reichliche Beigaben mitbekamen (z.B. Waffenbeigaben). Eines dieser reich ausgestatteten Gräber wurde 1653 in Tournai entdeckt. In diesem Grab war seinerzeit der Frankenkönig Childerich begraben worden. Unter seinen Beigaben fand man zum Einen einen Siegelring mit dem Konterfei des Königs, aber auch goldene Bienen, die wohl einst seinen Mantel geziert haben, sowie einen goldenen Stierkopf und noch manches andere. (Bernhard Maier: Die Religion der Germanen, Seite 104)

Siegelring König Childerich

[1]

Im Allgemeinen glaubten die Germanen daran, dass der gestorbene Mensch sich in der halja, unterirdischen Totenwelt, aufhalte. Auch wenn das Wort halja dem deutschen Wort Hölle sehr ähnelt, so war bei den Germanen damit kein unterirdischer Strafort gemeint. Wahrscheinlich ist der Glaube an den Aufenthalt in der haljaauch ein Grund dafür, dass die Toten in Erdengräbern bestattet wurden. Starb ein Mensch aber beispielsweise auf den Meer und ertrank, so erscheint, nach der Skaldendichtung, Rán, die Frau des Meeresriesen Ægir, und nimmt die Ertrunkenen in ihrem Totenreich am Grund des Meeres auf. (vgl. Bernhard Meier, Die Religion der Germanen, Seite 109)

Starb ein Krieger auf dem Feld, so glaubte man daran, dass er in das Kriegerparadies Valholl um Kriegsgott Odin käme. Ibn Fadlān beschreibt die Riten, die vollzogen wurden, bevor ein verstorbener Krieger nach Valholl kommen konnte. „[Der Tote wurde zunächst] zehn Tage lang in seinen Kleidern und versehen mit einigen Beigaben in einer Art provisorischem Grab aufgebahrt. Während dieser Zeit (…) wählte [man] aus den Sklavinnen des Verstorbenen eine aus, ihm zu folgen. Am Tag der Bestattung wurde der (…) Tote mit (…) Gewändern neu eingekleidet und auf sein Schiff gebracht (…). Dort legte man ihn (…) auf eine mit Decken und Kissen versehene Liege und gab ihm neben Speisebeigaben (…) auch seine Waffen mit. (…) Dann wurde die Sklavin auf das Schiff geführt und neben der Leiche ihres Herrn getötet. Der Scheiterhaufen wurde in Brand gesetzt (…)“  (Bernhard Maier: Die Religion der Germanen, S. 109-110) Nach dieser Verbrennung sollte der Verstorbene direkt ins ‚Paradies’ eingehen.

Valholl

[2]

Die Prosa-Edda beschreibt das Kriegerparadies wie folgt: Es sei eine gewaltige Halle mit unzähligen Toren, die genug Platz für alle gefallenen Männer biete. Jeden Tag gehen die Krieger hinaus um miteinander bis auf den Tod zu kämpfen. Jedoch stirbt dort niemand wirklich. Alle Einwohner sitzen nach dem Kampf wieder friedlich miteinander am Tisch zum Essen. Das Essen wird von dem Koch Andhrímnir zubereitet und das Fleisch, das verspeist wird, kommt von dem Eber Sæhrímnir, der jeden Tag wieder aufersteht und jeden Tag neu zubereitet wird. Der Met den die Männer trinken, stammt von der Ziege Heiðrún. Sie lässt den Met aus ihrem Euter fließen, während sie am Dach der Halle steht und die Blätter des Baumes Léraðr frisst. (Bernhard Maier: Die Religion der Germanen, Seite 110)

Einen Platz in Odins Reich haben auch die Walküren. Walküren sind weibliche Geisterwesen, die auf den Ausgang eines Kampfes Einfluss ausüben konnten, damit sie eine gewisse Wahl hatten, wen sie mit nach Valholl nehmen konnten und wollten.

Ob Teile des Menschen auch in der irdischen Welt blieben, ist nicht unbedingt nachweisbar belegt. Allerdings gibt es Quellen, die vermuten lassen, dass die Germanen an ein gewisses weiterleben im Sinne einer fylgja glaubten. Diese fylgja ist eine Art unsichtbarer Doppelgänger des Menschen, der in besonderen Situationen beispielsweise im Traum wahrgenommen werden konnte. Diese fylgja kann man vielleicht am ehesten mit einer vom Körper ablösbaren ‚Seele’ vergleichen. Möglich ist auch die Vorstellung vom körperlichen Weiterleben der Toten, einer Art <<Lebender Leichnam>>. In späteren Quellen erscheint außerdem auch der Glaube an die Möglichkeit, dass die Toten wiederkehren. (Bernhard Maier: Die Religion der Germanen, Seite 112/113)

Unterschiede und mögliche Gemeinsamkeiten zum hinduistischen Glauben

Für den hinduistischen Glauben gibt es zahlreichere Quellen, die deutlich machen, wie ein Hindu sich den Weg eines sterbenden Menschen vorstellt. Im Gegensatz zu den germanischen Schilderungen scheinen die Schilderungen des Hinduismus viel spiritueller angelegt zu sein.

Wo bei den Germanen an den Aufenthalt der Toten in verschiedenen ‚Bereichen’, je nach ‚Beruf’ zu Lebzeiten, geglaubt wird, so glauben die Hindus an einen Kreislauf aus Tod, Seelenwanderung* und Wiedergeburt, welcher für alle Menschen mehr oder weniger ähnlich abläuft. Dieser Kreislauf der ewigen Wiederkehr wird mit Samsara bezeichnet. Zu Lebzeiten sammelt ein Hindu, abhängig von seinem Verhalten, gutes/positives oder schlechtes/negatives Karma. Dieses Karma hat dann Einfluss auf die Existenzform der Wiedergeburt. (vgl. http://www.harekrsna.de/artikel/samsara.htm)

(* Auch wenn hier das Wort ‚Seele’ des Öfteren benutzt wird, so hat diese Vorstellung nur wenig mit der christlichen Vorstellung von Seele gemein. Das Wort ‚Seele’ wird hier nur zur Veranschaulichung genutzt.)

Anders als bei Quellen der germanischen Religion(en) zeigen die hinduistischen Quellen deutlicher, was mit einem Menschen passiert, der sich in dem Übergang zwischen Leben und Tod befindet. Die Lebenswinde des Menschen treten während des Sterbens aus dem Menschen aus und zurück bleibt nur eine tote Hülle, während dieser Lebenswind, das so genannte Atman, vom Tod unberührt bleibt. Das Atman ist vergleichbar mit einer Art Seele oder dem Prinzip des Lebens, das sich in der Form in der der Gestorbene wiederkehrt inkarniert. Dieser ‚windartige Mensch’ befindet sich dann im Übergang zwischen Leben und Wiedergeburt auf dem Weg der Seelenwanderung.

Unvorstellbar bzw. nicht belegbar ist die Vorstellung der Wiedergeburt bei den Germanen. Im Hinduismus aber wird jede Lebensform wiedergeboren. Als was beispielsweise ein Mensch wiedergeboren werden kann, ist vielfältig. Man kann wieder als Mensch geboren werden oder aber auch als Tier oder Pflanze. Möglicherweise sogar als Gottheit, denn auch Götter unterliegen dem Kreislauf der Wiedergeburt. Das Lebensziel allerdings ist es aus dem Kreislauf der Wiedergeburt auszubrechen und Eins zu werden mit der göttlichen Kraft, das Brahman. (vgl. http://www.religion-online.info/hinduismus/themen/wiedergeburt.html)

Liegt ein Mensch nun also im Sterben, so soll er sich möglichst schöne Gedanken machen, denn diese könnten die Form in der er wiedergeboren wird, beeinflussen. Ist der Mensch gestorben, das Atman tritt aus, so wird der Hindu, ähnlich wie bei einem verstorbenen germanischen Krieger, einer rituellen Waschung unterzogen und bekommt neue Kleider. In der Regel wird auch ein verstorbener Hindu verbrannt. Findet die Verbrennung auf einem eigens dafür vorgesehenen Platz statt, so werden unzählige Riten vollführt, die mehrere Tage andauern können. Eine dieser Riten ist beispielsweise, das heftige Klagen eines Sohnes des Verstorbenen. Dieses Klagen soll den Verstorbenen glücklich machen. Die Asche des Verstorbenen wird in der Regel nach Beendigung der Riten im Boden vergraben. (vgl. http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/hinduismus/glaube/tod.jhtml)

Dadurch dass man im hinduistischen Glauben an die Wiedergeburt glaubt, sind natürlich die Schilderungen wohin und ob ein Mensch nach dem Tod in ein anderes ‚Reich’ gelangt, wie beispielsweise bei den Germanen erwähnt, weniger zahlreich bzw. gar nicht vorhanden. Interessant ist der Vergleich bzw. eine Gegenüberstellung der beiden Religionen/Glaubensrichtungen dennoch. Auch wenn man eine Religion/Glaubensrichtung nur schwer auf ein Entstehungsdatum datieren kann, so kann man doch sagen, dass die germanischen Vorstellungen vom Sterben und dem Leben nach dem Tod eine zeitlich sehr frühe Anschauung gewesen sind. Somit wird die Gegenüberstellung mit dem Hinduismus interessant; was waren frühe Vorstellungen vom Tod von bestimmten Bevölkerungsgruppen und worin unterscheiden sie sich von späteren Glaubensrichtungen, die auch heute noch Gültigkeit haben. Kann man möglicherweise an diesen Vorstellungen erkennen, warum eine bestimmte Glaubensrichtung heute noch Gültigkeit hat und die andere nicht?

Quellen

[1] Author unknown, Childerici Regis.jpg,  Der Fingerring bzw. Siegelring (anulus) des merowingischen, fränkischen Königs Childerich (Hilderich), online in:  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:CHILDERICI_REGIS.jpg, letztes Zugriffsdatum: 12.11.2013.

[2] Doepler, Emil, Walhall by Emil Doepler.jpg, Walhall, die Götterwelt der Germanen, ca. 1905, online in: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg, letztes Zugriffsdatum: 12.11.2013.