11. März 2012 von Patricia Lambert postmortalitaet2011 1

Und wer warst du in einem früheren Leben? Reinkarnationsglaube in Hinduismus, Buddhismus und westlichen Vorstellungen

von Patricia Lambert

Die Vorstellungen von Karma und Reinkarnation erfreuen sich größter Beliebtheit. Bücher, wie z.B. „Mieses Karma“ von David Safier oder das RTL-Format „Mein erstes Leben“ zeichnen sich zwar nicht durch hohe Wissenschaftlichkeit aus. Sie zeigen jedoch, dass die fernöstlichen Vorstellungen davon, was den Menschen nach dem Tod erwartet (und auch warum!) auch im „christlich geprägten Abendland“ so manchem zusagen, was auch schon seit Jahren durch diverse Studien/Umfragen bestätigt wird…

Wie kommt es also zu dieser Übernahme erst mal „fremd“ erscheinender Vorstellungen, wo doch das Christentum bzw. westliche Glaubensvorstellungen eigentlich auch Konzeptionen von Postmortalität „anbieten“?

Glaubensvorstellungen und Denkweisen des Christentums oder auch des, oft naturwissenschaftlich-aufgeklärten Atheismus („Man braucht doch Gott nicht, um die Welt zu erklären…“) direkt mit dem Buddhismus oder Hinduismus zu vergleichen, dürfte nahezu unmöglich sein, da es weder DAS Christentum gibt, noch jeder eine eventuelle atheistische Einstellung genau gleich begründet.

Vor allem aber dürfte dies daran scheitern, DEN Hinduismus oder DEN Buddhismus zu definieren.

Dennoch lassen sich mögliche Gründe finden, warum aus den fernöstlichen Vorstellungswelten u.a. der Reinkarnationsglaube den Weg nach Europa oder auch in die USA gefunden hat.

In Bezug auf Postmortalitätsvorstellungen finden sich ähnliche Ausgangspunkte. Zunächst einmal die Vorstellung, dass es nach dem Tod „überhaupt weitergeht“. Diese ist sowohl im Glaube an Himmel und Hölle, an Auferstehung der Toten im Reich Gottes, aber auch in der Vorstellung von einer Reinkarnation in dieser Welt enthalten.

Dies beinhaltet auch die Überzeugung, dass der Körper eines Menschen zwar zerfällt, verbrannt wird, etc… irgendwann also verschwindet, es aber noch irgendetwas geben muss, das weiterlebt.

Dazu kommt die sich entwickelnde Skepsis gegenüber den Postmortalitätsvorstellungen der christlichen Kirchendogmatik. Vor allem in der Zeit der Aufklärung, in der eigene Vernunft und Wissenschaft immer wichtiger wurden und die Kirchen immer weniger Einfluss bekamen.

Dass die Gesellschaft Antworten auf ihre Fragen nicht mehr von der Kirche bekommen wollte, heißt ja aber nicht, dass es keine Fragen gab. Die existentielle Frage zum Beispiel, was nach dem Tod kommt, lässt sich weder mit gesundem Menschenverstand noch mit wissenschaftlichen Methoden beantworten, sie blieb natürlich offen.

Dabei schließt die Idee der Reinkarnation selbst nicht mal ein endzeitliches Denken aus (man wird dann eben wiedergeboren, bis zum Weltende). Da aber dem Hinduismus und Buddhismus ein zyklisches Welt- und Zeitbild zugrundeliegt, ist dort einfach kein Ende vorgesehen.

Auch die Idee von jenseitigen Orten, die sich schon fast mit „Himmel und Hölle“ vergleichen lassen existiert in den alten Schriften der Veden. Sie sind dort manchmal als eine Art Wartehalle bis zur Wiedergeburt auf Erden beschrieben. Oft wird aber auch davon ausgegangen, dass man einfach an verschiedenen Orten reinkarnieren kann, so eben auf der Erde oder in diesen Gegenwelten.

Die Vorstellung der Reinkarnation ist also gar nicht so abwegig, auch mit einem christlichen Hintergrund. In den letzten Jahrzehnten setzte eine immer stärkere Individualisierung des Glaubens und der Spiritualität ein, das heisst oft auch, dass verschiedene Aspekte aus verschiedenen Traditionen oder sogar Religionen für eine Person nebeneinanderstehen, um auf existentielle Fragen Antworten zu suchen. Es werden sich Aspekte herausgesucht, die einem persönlich Sinn geben.

So werden auch Vorstellungen von Postmortalität gesucht, die leichter erklärbar sind als die vielfach gedeuteten, interpretierten und auch instrumentalisierten Vorstellungen von Himmel, Hölle, Auferstehung der Toten und dem Reich Gottes.

Es gibt zudem einige (mehr oder weniger gut belegte) Ansätze, mit einer Kombination aus christlichen Postmortalitätsvorstellungen und der Reinkarnationslehre inklusive Karma die Theodizee-Frage zu lösen. Gottes Güte bestehe demnach darin, uns selbstverantwortlichen Menschen mehrere Leben zu ermöglichen, in denen wir lernen können, „gut zu sein“.

Aber auch in der Gesellschaft, nicht nur in Glaubensfragen, ist eine Individualisierung zu erkennen. Dies wiederum erklärt, warum außer dem Reinkarnationsgedanken oft auch das Konzept des „Karma“ angenommen wird. Es kann so interpretiert werden, dass jeder nur für sich selbst verantwortlich ist, für das was er tut und so auch für sein Schicksal in diesem oder einem nächsten Leben.

Detlef-I. Lauf stellt in seinem Kommentar zum tibetischen Totenbuch eine Theorie auf, warum gerade in Europa sehr viele Menschen fernöstlichen Ideen zugeneigt sind: Für ihn existieren deutliche Parallelen zwischen Lehrsystemen des Buddhismus und weit verbreiteten Arbeitsweisen der Psychoanalyse. In beiden werde viel Wert auf Bewusstsein, Unterbewusstsein und den Umgang bzw. die Beeinflussung dessen gelegt.

Dies ist zwar keine konkrete Erklärung für die Übernahme von Postmortalitätsvorstellungen. Jedoch kann es eine Erklärung sein, warum viele fernöstlichen Lebensweisen hier interessiert aufgenommen und adaptiert werden, so zum Beispiel auch Yoga und Meditation (von den vielen „alten buddhistischen Weisheiten“, die sicher jeder schon mal irgendwo als Aphorismus oder guten Rat gelesen/gehört hat, ganz zu schweigen).

Dennoch kann man wohl vielen Befürwortern des Reinkarnationsglaubens unterstellen, dass sie nicht exakte buddhistische oder hinduistische Vorstellungen übernommen haben.

Hier stellt sich natürlich wieder das Problem, was denn genau hinduistische oder buddhistische Vorstellungen von Reinkarnation oder Karma sind? Wieder einmal ist eine klare Definition nicht möglich.

Man kann allerdings einige tendenzielle Unterschiede zwischen den Ideen aus Fernost und den hier adaptierten Vorstellungen (wobei natürlich auch diese nicht einheitlich sind) finden.

Zunächst ist das schon angesprochene Individuelle, dass oft zu einer Annahme des Inkarnationsglaubens und auch der Vorstellung von Karma führt, in den Ursprüngen nicht sehr stark ausgeprägt. Das buddhistische Weltbild, das davon ausgeht, dass alles auf eine bestimmte Weise zusammenhängt, beinhaltet also das Wissen, dass individuelles Handeln und die Folgen davon immer mit anderen Personen/Situationen/Handlungen in Zusammenhang zu sehen ist. Zu großer Individualismus, der leider auch in Egoismus übergehen kann, ist im Hinblick auf die buddhistische Vorstellung, dass man sich von allem weltlichen lösen kann, nicht weit verbreitet.

Auch im Hinduismus zählt die (Groß-)Familie und die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern traditionell mehr als das individuelle Handeln. Dies wird nicht nur im Kastensystem deutlich, sondern auch in den weit verbreiteten Ahnenverehrungen.

Hier ist also deutlich ein Unterschied zu erkennen zur meist sehr individuellen Vorstellung von Karma und Reinkarnation. Es entscheidet eben niemand über das eigene Schicksal, außer man selbst.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist auch die Sichtweise auf das Immer-wieder-geboren-werden. Während sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus das höchste Ziel ist, irgendwann aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen (Stichwort Nirvana, Moksha, usw.), steht in den westlichen Adaptionen meist der Aspekt der erneuten Chance im Vordergrund.

Zwar kann man sich nicht direkt daran erinnern, was man in seinem früheren Leben versäumt hat, um dies nachzuholen. Dennoch ist es wohl ein reizvoller Gedanke, nochmal auf dieser Erde zu leben, irgendwann in Zukunft. Nebenbei bemerkt ist es wohl auch viel einfacher vorzustellen, als ein Weiterleben nach dem Tod in Nebenwelten, unter Ahnen (auch eine sehr starke hinduistische Vorstellung) o.ä.

Dies alles (v.a. die christliche Auferstehungs- und Reich-Gottes-Theologie) ist eben nicht zu erfassen, man kann es nicht wissen, „wie es da ist“. Geht man aber davon aus, auf dieser (vertrauten) Erde wiedergeboren zu werden, kann dies eine gewisse Sicherheit geben. (Obwohl ja auch der Reinkarnationsglaube nur ein Glauben ist…)

Sobald der Glaube an ein nächstes Leben nach dem Tod präsent ist, kommt meist auch die Frage auf, ob es schon ein Leben vorher gab. Ich habe bei meiner Recherche nicht erfahren, ob es sogenannte Rückführungen unter Hypnose o.ä. auch in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen gibt. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass dies ein weit verbreitetes Phänomen ist.

Oft wird Kritik am Hinduismus und dem Karma- und Inkarnationsglauben laut, er fördere eine fatalistische, passive Einstellung. („Wem es schlecht geht, der hat eben was falsch gemacht und deswegen schlechtes Karma.“) Vielleicht rührt dies daher, dass eben nicht jede/r wissen will, was er/sie mal in früheren Leben war und so der Eindruck entstehen kann, niemand wolle wissen, woher seine Lebenssituation rührt.

Inwiefern jeder also Reinkarnationsvorstellungen in seine eigenen Glaubenvorstellungen aufnimmt, bleibt jedem selbst überlassen. Fest steht, gerade bei diesem Thema (Tod, Postmortalität, frühere Leben) ist der Übergang von hinduistischen oder buddhistischen Aspekten des Glaubens, die in die eigene Religion integriert werden hin zu esoterischen Vorstellungen, die mit den fernöstlichen Traditionen wenig zu tun haben, fließend.

Antworten finden sich also auch für christlich geprägte Gesellschaften in den Denkweisen des Hinduismus und Buddhismus.

Man sollte eventuell nur aufpassen, dass man dafür nicht allzu viel Geld ausgibt…

Quellen

  • Braun, Hans-Jürg: „Das Jenseits – Die Vorstellungen der Menschheit über das Leben nach dem Tod“, Zürich, 1996.
  • Hoheisel, Karl: „Wiedergeburt – Auferstehung – Reinkarnation“ in „Die Welt nach der Welt – Jenseitsmodelle in den Religionen“, Frankfurt, 1999.
  • Lauf, Detlef-I.: „Geheimlehren tibetischer Totenbücher“, Freiburg, 1977.