07. Februar 2012 von s_974nm5 hinduismus-literatur-medien2011 2

Weibliche Gottheiten in der vedischen Epoche

Banner für den Kurs Hinduistische Tradtionen und Gottheiten in Literatur und Medien im WS 2011/12

von Katharina Oetjens und Pia Ballhause

In diesem Semester besuchen wir das Seminar “Hinduistische Traditionen und Gottheiten in Literatur und Medien”. Unter anderem sprechen wir über die verschiedenen Epochen im Hinduismus. Wir wollen in unserem Eintrag auf die vedische Zeit eingehen und hier speziell auf die weiblichen Gottheiten.

Es gibt viele verschiedene Gottheiten, die allesamt eine sehr spannende Funktion haben. Doch welche Göttinnen gibt es? Was ist ihre Funktion? Wofür werden sie angebetet? Diese Fragen versuchen wir zu klären. Leider können wir hier nur eine Auswahl darstellen, da es sehr viele verschiedene Göttinnen gibt.

Einführung

In der vedischen Epoche gibt es nach Schlensog zwei Klassen von Göttern, die sich feindlich gegenüberstehen. Die einen verkörpern das Chaos, womit sie die Entstehung der Ordnung und somit allen Lebens verhindern. Sie werden “Asuras” genannt und mussten später im Hinduismus ihre Herrschaft bzw. Macht abtreten. Die herrschenden Gottheiten sind die Devas. Die beiden Götterklassen sind in der Mythologie im ständigen Kampf, wobei die ursprüngliche Welt, welche ein riesiger Steinfelsen (valá)  im Urwasser ist, zerstört wird. Aus dem zerstörten Steinfels werden die eingeschlossenen Lebensgüter wie die Sonne, Morgenröte und andere Elemente freigesetzt. Die vedischen Götter agieren in drei Spähren, dem Himmel, dem Luftraum und auf der Erde.  Sie können als abstrakte Prinzipien oder konkrete Mächte wirken. So ist das Pantheon der vedischen Zeit mit einem breiten Spektrum bedient. Die Götter und Göttinnen erscheinen hier als abstrakte, apersonale Prinzipien und Phänomene oder als konkrete und personale Wesen. (Vgl. Schlensog, 2006, S. 36-39)

Göttinnen des Himmels

Aditi

Aditi wird unter anderem als Urmutter bezeichnet. Sie gilt als “unbegrenzt” und besitzt viel Großzügigkeit. Diese Großzügigkeit ist ebenfalls der Grund, warum sie als Kuh bezeichnet wird. Sie nährt die Menschen und kann ihnen viel geben. Die Menschen bitten sie um Wohlstand, Schutz und Sicherheit.

Es gibt drei Weisen, auf die Aditi erscheint. Entweder als Mutter, ähnlich oder gleich zur Erde, oder als universelle, abstrakte Göttin, welche die physikalische Schöpfung selbst ist. Aditi wird nicht mit Naturphänomenen gleichgesetzt. Außerdem besitzt sie keine physikalischen Merkmale.

Sie ist die Mutter von ursprünglich sechs Adityas. Adityas bedeutet “das souveräne Prinzip”. (Vgl. Schlensog, 2006, S. 40-42)

Surya

Sie ist die eigentliche Sonnengöttin im Rgveda und wird Tochter der Sonne genannt. Pusan ist ihr Bote und Ehemann. Manchmal aber begleitet sie die Asvin als Gattin. Außerdem ist sie Varunas Auge – er sieht durch die Sonne.

Sie verkörpert die Wächterin von Wahrheit und Gerechtigkeit und beobachtet das Tun und Lassen der Menschen. Sie wird von den Menschen für Eheglück und reichen Kindersegen verehrt und gehört mit zu den wichtigsten Göttern neben Indra, Agni und Soma.

Suryas Erscheinung wird als eine auf einem goldenen Wagen Sitzende, der von sieben Pferden oder Vögeln gezogen wird, beschrieben. Am Morgen steigt sie aus der Unterwelt auf und vertreibt das Grauen der Nacht.

Savitr, der in der vedischen Zeit kein Sonnengott ist, wird selbst zu einem gemacht, als er den Hochzeitszug der Sonne antreibt. (Vgl. Gonda, 1960, S.92, 94; Schlensog, 2006, S. 43)

Usas

Sie ist die Göttin der Morgenröte, die Tochter des Himmels und die Schwester der Nacht. Ihre Brüder sind die Asvin. Dargestellt wird sie als schöne, ewig junge Frau, die sich voller Anmut wie eine Tänzerin mit nackten Brüsten im Osten erhebt. Dabei vertreibt sie die Finsternis durch ihr helles Gewand. Diese allmorgendliche Befreiung, der Menschen von der Finsternis geschieht von einem Wagen aus, der von rötlichen Pferden oder Kühen gezogen wird.

Oft wird Usas mit Agni durch das Feuer in Verbindung gebracht. Das von ihr ausgehende Licht ist mit Gabe, Ruhm, Wohl und Segen für die Menschen verbunden.

Da sie immer wiedergeboren wird, spricht man häufig in der Mehrzahl von ihr – “usasas”.

Sie repräsentiert Naturphänomene und erscheint in vielen Liedern, wodurch sie als Muse für Dichtungen der vedischen Dichter diente. Außerdem war sie die Geliebte der Sonne. Dabei stellt sich die Frage ob Surya, Savitr oder Veruna gemeint ist. Es besteht ein Mythos, dass sie mit ihrem Vater und ihren Brüdern Blutschande begangen haben soll, woraufhin Indra aus Zorn ihren Wagen zerstört haben soll. Jedoch ist dieser Mythos nicht mehr vollständig überliefert. (Vgl. Gonda, 1960, S. 91; Schlensog, 2006, S. 44)

Gottheiten des Luftraumes (antariksasthana)

Prsni

Sie ist die Himmelskuh und bekommt die Söhne Marut, die die Begleiter von Indra sind. (Vgl. Schlensog, 2006, S. 46)

Gottheiten der Erde (prthivisthana)

Prthivi

Die Erde, Prthivi oder Bhumi genannt, wird auf drei verschiedene Arten in den Veden erwähnt.

  1. Als physikalisch Erde, die lebende Kreaturen beherbergt.
  2. Als allgemeine Mutter der physikalischen Schöpfung oder
  3. Als manifestierter Gegenstand selbst, der beim Schöpfungsprozess entstanden ist.

Ihre mütterliche Natur ist aber in allen Aspekten ihre dominante Qualität. Hauptsächlich wird sie als opulente, lebensunterstützende, physikalische Erde dargestellt. Dabei ist sie als physikalische Erde eine großzügige Göttin, die als Quelle von Pflanzen und Heilkraut – die “Alles-Schafferin” – gilt. Prthivi wird um Wohlstand, Reichtümer und Macht gebeten. Die Toten werden von ihr aufgenommen und beschützt.

Häufig wird sie zusammen mit ihrem Mann Dyaus (Gott des Himmels) als Eltern der Welt bezeichnet. Zudem sind sie Indras Eltern.
Im RgVeda wird Prthivi “Savasi” genannt. (Vgl. Pintchman, 1994, S. 30-32; Gonda, 1960, S. 95)

Sri

Sie wird eher abstrakt dargestellt – ein Substantiv.

Sri bedeutet Wohlstand, Gedeihen, Wohlfahrt, Herrlichkeit und eine gute Stellung. Sie ist Schutzpatronin der Bauern, da sie für Nahrung, Getreide, Kühe, Wohlergehen und Erfolg angebetet wird.

Sri entstand aus dem Lotus, der in Indien für Fruchtbarkeit steht. Ihre Erscheinung ist glänzend und sonnengleich.

Mit ihren personifizierten Söhnen Schlamm und Dünger lebt sie zusammen.

Dadurch, dass sie mit Sasthi identifiziert wird und völlig mit Laksni verschmilzt, geht ihre Bedeutung verloren. Sie verschwindet deshalb vollkommen aus der Literatur. (Vgl. Gonda, 1960, S. 96)

Viraj

Viraj besitzt einen rätselhaften Charakter. Nur selten wird sie in den Veden erwähnt und im Rgveda (hier nur drei Mal) erwähnt. Sie hat kosmische Eigenschaften und soll an der Schöpfung beteiligt  gewesen sein.

Sie selbst ist atemlos, wobei sie sich durch den Atem atmender Kreaturen bewegt.

In den meisten Fällen wird Viraj weiblich dargestellt, gelegentlich aber auch männlich.  (Vgl. Pintchman, 1994, S. 34-38)

Die Wasser

Die Wasser sind eigentlich konkrete Erscheinungen. Sie treten dann in drei Formen auf:

  1. Atmosphärisch verbunden mit Himmel und Wolken. Sie gelten dann als himmlisch.
  2. Unterirdisch: Unter der Oberfläche der Erde fließend.
  3. Manifestiert als Element in Flüssen oder Meeren. Ebenfalls als Wasser zur Opferung.

Sind sie abstrakt und unpersönlich, dienen sie als Medium der Schöpfung. Das Wasser war vor allem anderen da.

Den Wassern werden heilende, reinigende, lebensgebende, lebensbejahende, ergiebige und irdische Kräfte zugesprochen. Sie werden um Beistand, Schutz, Stärke und Heilung angefleht, was sie unsterblich und göttlich macht.

Zusammen mit Aditi und der Erde werden sie als Mütter aller Götter bezeichnet. Allein sind sie die Mutter von Agni. (Vgl. Pintchman, 1994, S. 22-29; Gonda, 1960, S. 97)

Vac

Vac bedeutet “Rede” oder “Sprache”, weshalb sie auch als Mutter der Veden bezeichnet wird. Sie ist aus dem Urwasser geboren und wird häufig als “himmlische Kuh” bezeichnet.

Es gibt zwei Arten Vac darzustellen. Einmal als fester Gegenstand menschlicher Sprache oder als universelle, schöpferische Kraft, wobei sie besonders hier als allwissend gilt.

Aufgrund ihrer schöpferischen Kraft wurde sie das erste Mal bei der Namengebung erwähnt. Sie ist die Mutter, da sie allen Dingen Namen gab. Auch mit Tieren kann sie sich unterhalten, trotz unterschiedlicher Sprachen. Dadurch, dass sie aber auch den Tieren eine Sprache gab, kann sie sich mit ihnen unterhalten.

Als Grundlage der Lebensenergie durchdringt sie das ganze Universum. Weise und Sehen versuchen durch Vac die Welt zu erklären. Weiterhin dient Vac als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen. Diesen Umstand nutzen die Brahman Priester aus, um mit ihr als Instrument andere Mächte zu beeinflussen.

Oft wird sie mit Sarasvati gleichgestellt. (Vgl. Pintchman, 1994, S. 39-40)

Sarasvati

Die Flussgöttin Sarasvati soll die älteste Göttin sein. Sie ist häufig verbunden mit vedischen Opferungen und wird als “Mutter der Ströme” bezeichnet. Sie ist die Gattin Brahmas.

Es wird gesagt, dass sie die Gedanken “regiert”, weshalb sie häufig um Inspiration angefleht wird. Weiterhin steht Sarasvati für Reichtum, Kraft und Medizin und gibt der Erde Fruchtbarkeit. (Vgl. Pintchman, 1994, S.39-40; Gonda, 1960, S. 96)

Saci/Indrani

Saci ist sehr schwierig zuzuordnen, weshalb sie in diesem Artikel ganz am Ende erscheint.

Sie wird in den Veden auf zwei Weisen dargestellt. Einmal als genereller Ausdruck für die Stärke der Götter und als angemessener Name für Indras Frau (dann auch Indrani genannt).

Als Stärke der Götter wird sie einige Male im RgVeda Samhita erwähnt. Daher erscheint “sacivat”=”besessen von Macht” auch als Term für Indra. Saci ist dabei die personifizierte Stärke Indras. (Vgl. Pintchman, 1994, S.41-42)

Fazit: Warum verloren die vedischen Göttinnen ihre Bedeutung im hinduistischen Pantheon?

Zum Abschluss werfen die Frage auf, warum die vedischen Göttinnen an Bedeutsamkeit und Macht verloren haben.

Ein wichtiger Punkt ist der Wandel der Gesellschaft. Diese hat sich verändert, weshalb auch die Götter angepasst wurden.

Surya, die Sonnengöttin, wurde durch Savitr ersetzt. Eines der wenigen Vermächtnisse, welches Surya uns hinterlassen hat, ist der Sonnengruß im Yoga. Doch bei den Brahmanen, die die vier Veden studieren, wird heute ausschließlich von Savitr als Sonnengott (Film: ab 14:22) gesprochen.

Auch Sri verlor ihre Bedeutsamkeit und wurde vollständig in Laksmi aufgenommen, die heute noch von Bedeutung ist. Dagegen hat Sarasvati sich als Ehefrau von Brahma etablieren können und nahm Eigenschaften von Vac in sich auf.

Doch warum verloren andere Göttinnen, wie Aditi oder Usas, ihre Macht? Auch dafür könnten viele Umstände der Auslöser gewesen sein. Eine these besagt, daß das Formen neuer “Super-Götter” mit mehr Eigenschaften, wie z. B. Durga, von größerer Bedeutung nach der vedischen Zeit war.

Quellen

  • GONDA, JAN: Die Religionen Indiens: 1. Veda und älterer Hinduismus, aktuelle Aufl., Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1960
  • PINTCHMAN, TRACY: The Rise of the Goddess in the Hindu Tradition, aktuelle Aufl., Albany, New York: State University of New York Press, 1994
  • SCHLENSOG, STEPPHAN: Hinduismus. – Glaube, Geschichte, Ethos. Eine interkulturell-hermeneutische Untersuchung.,
    Dissertation, Tübingen: Eberhard-Karls-Universität, 2006

Kommentare

  1. hallo,

    also habe nur mal eine Anmerkung: meines Wissens ist Surya eindeutig eine männliche Sonnengottheit und auch ein Aditya. er wird oft auch als “Bruder” von Indra und Agni erwähnt. oder gab es Surya sowohl männlich auch auch weiblich?

    was ich interessant finde ist, dass einige der weiblichen vedischen Gottheiten bis heute überlebt haben und deutlich in der Hierarchie aufgestiegen sind.

    das gilt insbesondere für Sarasvati (“die Fließende”), die heute zwar nicht mehr als Flussgöttin, dafür aber als Göttin der Sprache, Wissenschaft, Künste, Musik, Erfinderin des Sanskrit-Alphabets, der Devanagari-Schrift und Mutter der Veden gilt. sie ist heute sogar die Shakti und Frau des Schöpfergottes Brahma.

    Die vedische Göttin Vac, die Göttin der Sprache, hat sich zu Sarasvati weiterentwickelt und ist schließlich in ihr aufgegangen. das gibt es bei mehren vedischen göttern wie auch der Schöpfergott Prajapati, der zu Brahma weiterentwickelt wurde und Rudra, der als “Proto-Shiva” gilt. So leben einige vedische Götter doch in heutigen hinduistischen Göttern weiter.

    auch die Göttin Sri, die als deifiziertes Prinzip von Glück und Unglück galt, ist heute bedeutend aufgestiegen als Shakti und Frau des Hochgottes Vishu.

    ähnliches gilt auch für Vishu, der ursprünglich ein relativ unbedeutender vedischer Sonnengott und Aditya war und heute einer der mächtigsten hinduistischen Götter.

    es gibt also auch beispiele, in denen vedische Götter heute viel wichtiger sind als früher

    hinduismusfan, 09. Februar 2012, 0:19
  2. die göttin sita (Ackerfurche) wäre noch interessant gewesen, die es nachweislich schon in vedischer zeit als göttin der fruchtbarkeit, der landwirtschaft, Vegetation und des personifizierten Pfluges und Schoßes der Mutter Erde, der eine männliche kraft vorraussetzt, die sie erweckt, aktiviert und befruchtet. diese rolle kommt ihr teilweise auch noch später im ramayana zu. früher war sie allerdings, nicht die gattin des rama, sondern wurde abwechselnd verschiedenen gottheiten zugeschreiben, häufig indra. die rituelle heirat des Königs mit Sita sollte die Fruchtbarkeit des Landes sicherstellen.

    Gayatri bzw. Savitri wäre auch noch ganz interessant gewesen, da sie die wichtige hymne des rigveda, das gayatri-mantra an die sonne verkörperte und als solches noch heute von brahmanen morgendlich rezitiert wird.

    soweit ich weiß, ist auch Ganga, die Flussgöttin vom Ganges, schon in den Veden zu finden.

    sita, 29. Januar 2013, 0:38

Teilnehmen.

Wir mögen unterschiedliche Meinungen, aber nicht persönliche Angriffe. Kommentare die für uns darunter fallen werden gelöscht oder entsprechend gekürzt. Davon abgesehen ist ein RSS-Feed der Kommentare zu diesem Artikel verfügbar.