Archiv: 'Januar 2013'

Im Sommer des Jahres 2008 elektrisierte die nach dem ‘Alternate Reality Games’-Konzept (ARG) initiierte, als solche also nicht erkennbare Marketingkampagne zur amerikanischen Fernsehserie True Blood die horrorfilmaffinen Blogger und Forenteilnehmer. Es war von einer ‘Great Revelation’ die Rede, der öffentlichen Bekanntmachung von Vampiren, dass diese seit Menschengedenken existierten und nun, dank der geglückten, massenhaften Synthetisierung menschlichen Blutes in der Lage seien, sich zu offenbaren und ihren Platz in der Weltgesellschaft einzufordern.

Dieses äußerst aufwendige, virale Marketingkonzept ging insofern auf, als dass die Serie ‘True Blood’ seit Beginn der Ausstrahlung im September 2008 sehr gute Einschaltquoten und DVD-Absätze verzeichnet. Die Serie läuft aktuell in der bereits fünften Staffel und erfreut sich wachsender Beliebtheit nicht nur im Ursprungsland Amerika, sondern rund um den Globus. Diesen Erfolg bedingen unzählige Faktoren, derer ich hier nur einige nennen möchte. Neben der Dramaturgie und der Verquickung zahlloser filmischer Genres ist dies sicherlich das muntere Bedienen im schier endlosen Regal der mythischen Wesen und Welten. Die Optik der Serie ist, gerade im Hinblick auf den filmischen Vampirkontext der letzten Jahre, ein krasser Gegenentwurf zu den bleichen Gentlemen wie Lestat de Lioncourt oder Edward Cullen. Die Vampire in ‘True Blood’ sind gierig, ungezügelt und wie die Serie an sich schmutzig, brutal, wunderschön und grausam zugleich. Der massive Einsatz von Splatter- und Softporno-Elementen weist die Serie einerseits als Erwachsenenunterhaltung aus, hält der heilen und unschuldigen ‘Purity Ring’-Welt der die Teeniemassen verzaubernden Twilight-Vampire andererseits ihren häßlichen, dreckigen aber auch bedeutend realistischer anmutenden Spiegel vor. Neben genannten, extremen filmischen Elementen kann angesichts der als klassisch zu bezeichnenden Haupthandlung (eine Frau zwischen zwei Männern, soziale Ressentiments gegen die Verbindung zweier Liebender) auch die Soapopera als immer wieder aufblitzendes Genre ausgemacht werden. Doch worum geht es in True Blood überhaupt genau? Das sei hier ansatzweise skizziert, angesichts der Kürze dieses Essays die zugrundeliegende Buchreihe ‘The Sookie Stackhouse Novels’von Charlaine Harris ignorierend.

Die Handlung von ’True Blood’ setzt einige Zeit nach der erwähnten ‘Great Revelation’ ein, die Vampire haben sich der Menschheit also als existent offenbart und fordern Bürgerrechte und gesellschaftliche Anerkennung seitens der Menschheit ein. Dabei gibt es neben den im Kontext der Serie ‘mainstreaming’ genannten, um Anpassung bemühten Vampiren auch zahlreiche, die ob ihrer physischen Überlegenheit eine Unterwerfung der menschlichen Bevölkerung anstreben. Einer der ‘mainstreaming’ Vampire und männlicher Hauptdarsteller ist Bill Compton, der sich in der Südstaatenkleinstadt Bon Temps, dem Handlungsort der Serie, in die Kellnerin Sookie Stackhouse verliebt. Ihre Beziehung ist Dreh- und Angelpunkt von ‘True Blood’ und gerät des öfteren durch den vampirischen Gegenspieler Comptons, Eric Northman, in Gefahr, da dieser Sookie ebenfalls begehrt.

Die zahllosen Nebenhandlungen außer Acht lassend ist im Kontext dieses Essays viel eher zu betonen, dass im Verlauf der Handlung der ersten vier Staffeln (die fünfte lief zu Beginn meiner Recherche noch und konnte daher nicht vollständig rezipiert werden[1]) immer mehr übernatürliche Wesen das dramaturgische Personal der Serie erweitern. So werden neben Gestaltwandlern verschiedener Art allerlei Hexen, Werwölfe und Werpanther, Geister, Feen und eine Mänade eingeführt. Diese Gruppen verfolgen jeweils ihre eigene Agenda und stehen in Konflikt- oder Loyalitätsverhältnissen zu Vampiren und Menschen. All diese Wesen leben in ihrer humanoiden Form unter und mit den Menschen, die größtenteils nichts von ihrer Existenz wissen- die Übernatürlichen hingegen erkennen ihr Gegenüber stets als solches. So ist auch die besondere Stellung des weiblichen Hauptcharakters Sookie Stackhouse zu erklären, die nicht nur von mehreren Männern begehrt wird, sondern auch von anderen Übernatürlichen für ihre Sache zu vereinnahmen versucht wird. Im späteren Verlauf der Handlung wird auch klar, wieso: Sookie ist feeischer Abstammung und damit selbst übernatürlich und von größtem Interesse für alle Vampire, denn die Feen gelten in der Welt von ‘True Blood’ als seit Jahrtausenden ausgerottet [2]. Und feeisches Blut soll es Vampiren ermöglichen, sich bei Tageslicht frei zu bewegen.

Russel Edgington, der vermeintlich älteste und damit stärkste Vampir der Serie, lebte etwa 3000 Jahre vor der im Jahre 2008 angesetzten Handlung als keltischer Druide, bevor er zum Vampir wurde. Edgington selbst sagt zu Eric Northman im Gespräch über die Wirkmächtigkeit feeischen Blutes: “Oh, Daywalking? The old myth. That was around back when I was turned. You’re pathetic.” [3] Hier haben wir auch schon einen ersten, aus religionshistorischer Sicht durchaus belegbaren Hinweis, denn tatsächlich lässt sich für die keltische Mythologie ein außerordentlich ausdifferenzierter Feenglaube nachweisen. Die Verbindung ist also korrekt, die Wirkung feeischen Blutes auf Vampire ist jedoch eine Erfindung von ‘True Blood’.

Bei Feen handelt es sich um romanische und keltische Naturgottheiten niederen Ranges, die erst später in anderen Mythologien rezipiert wurden oder ältere, ungefähre Entsprechungen ersetzten (Synkretismus). Feen sind den Menschen grundsätzlich wohlgesonnen, können jedoch undankbaren Menschen Schaden zufügen. Religionshistorisch ist eine Verbindung veschiedener Vorstellungen mit den griechischen Moiren und den römischen Parzen nachweisbar. Diese kulminieren in romanischer Zeit zu einer eigenen göttlichen Gruppe mit paralleler Lebenswelt – hier hält sich ’True Blood’ in der Darstellung also an religionsgeschichtliche Fakten. Später wirken keltische und romanische Vorstellungen von diesen humanoid gedachten Feenwesen zusammen mit orientalischen Vorstellungen von bspw. Dschinns auf verschiedene europäische Mythologien und Sagenwelten ein. In den deutschen Märchen, die bis heute rezipiert werden, nimmt etwa in Dornröschen eine Fee einen bedeutenden Platz ein.

Etymologisch ist der Weg durch Lautverschiebung recht kurz vom lateinischen fatua (Wahrsagerin) oder fatum (Schicksal) zum französischen fée, das deutsche Lehnwort entspricht wiederum diesem. Die Verbindung der Feen mit der Natur im Allgemeinen, den Elementen im Speziellen, ist dabei ebenso auf die antiken Vorbilder zurückzuführen, weisen doch etwa die klassisch-griechischen Nymphen oder Dryaden eine Verbindung mit Quellen und Grotten respektive dem Wald auf. Ihre Anzahl wandelt sich dabei in den verschiedenen Traditionen – bei den römischen Parcen beträgt sie noch drei, später sind es dann sieben, dann 13, von denen jeweils eine böse ist. Die Existenz dieser einen bösen Fee ist auch in ’True Blood’ relevant, steht sie doch in direktem Konflikt mit Sookie.

Laut Vollmer ist die Existenz einer bösen Fee bereits als Einfluss des frühen Christentums zu identifizieren, das diesen Volksglauben zu diskreditieren versuchte (Vollmer 2007, S. 348f). Allgemein können Feen, Vollmer folgend, als übermenschliche, humanoid-weibliche (in ’True Blood’ gibt es auch männliche Feen) Wesen von außerordentlicher Schönheit klassifiziert werden. Diese haben übernatürliche Fähigkeiten und Zauberkräfte, die andere Lebewesen verwunden oder töten können. Der bösen Fee wird seit ihrem Erscheinen in der frühen romanischen Mythologie stets eine stärkere magische Kraft zugeschrieben als ihren guten Gegenspielerinnen. Auf einen Hybrid aus Mensch und Fee, wie Sookie einer ist, findet sich in keiner Tradition ein Hinweis. Lediglich in der Mythologie der Berber, der indigenen Bevölkerung Nordafrikas, tauchen Feen auf, die Nachkommen gebären können (nämlich je nach Partner die Ahnen der verschiedenen Ethnien, so im Schöpfungsmythos, vgl. Hauswig 1971, S. 654). Aber, und hier entspricht die Darstellung in ’True Blood’ wieder religionshistorischen Vorbildern, Feen können Menschen aus dem Land der Lebenden entrücken. Dies geschieht offensichtlich auch mit den im vermeintlichen Paradies lebenden (vgl. zur Konzeption von Leben in ’True Blood’ Rakow 2011) Fee-Mensch-Hybriden die die böse Fee (i.e. Queen Mab) ernten will.

Queen Mab geriert sich als Königin der Feen, für die es keine mythologische, wohl aber diverse literarische Entsprechungengibt. Die Agenda der bösen Fee Mab in ’True Blood’ ist es, die durch Zufall von einem Vampir besuchte, parallel und unabhängig zur irdischen Welt existierende Feenwelt endgültig von dieser zu lösen. Dies kann nur gelingen, wenn sich alle Hybriden feeischen Ursprungs dort befinden. Da Queen Mab Sookie dazu drängt, eine der Lichtfrüchte zu essen, ist davon auszugehen, dass Sookie eine der letzten oder die letzte Hybridn ist, die auf Erden lebt. Die Lichtfrucht bindet die Hybriden an die Feenwelt. Die Vorstellung einer Gegenwelt, eines unabhängigen Feenreiches findet sich bereits in der keltischen und romanischen Mythologie. Bei den Kelten ist diese Feenwelt durch das Jenseits erreichbar, sie ist quasi ein Aspekt de jenseitigen Welt. Diese Welten sind im Übrigen in beide Richtungen durchlässig gedacht, bei den Kelten wie in ‘True Blood’.

Die religionshistorisch zu identifizierenden Aspekte feeischer Darstellung in ‘True Blood’ sind also zahlreich, wenn auch ekklektisch. Dies ist jedoch keineswegs außergewöhnlich, bedienen sich doch gerade Fernsehserien mit übernatürlicher Handlung zumeist munter im schier unerschöpflichen Angebot der Mythen, Sagen, Legenden und nicht zuletzt religiösen Schriften (vgl. aktuell etwa Supernatural oder auch Akte X).

‘True Blood’ entzieht sich weiter einer einfachen medienwissenschaftlichen Einordnung. Zu komplex ist die Erzählstruktur, zu zahlreich die verwandten Genres. Wendet man bspw. Knut Hickethiers Typen einer Fernsehserie auf ‘True Blood’ an, so sind mindestens drei Kategorien erfüllt (vgl. Hickethier 2001, S. 200f). ‘True Blood’ kann also als eine Mischform bekannter Formate und Genres gelten. Die von Hickethier rezipierte Darstellung der serienimmanenten Weltsicht als mythische Konstruktion nach Ariel Dorfman trifft hier genau (Hickethier 1991, S. 37f). ‘True Blood’ definiert keinen Mythos und kein Weltbild explizit, sondern setzt diese voraus und webt sie geschickt in das typisch amerikanische Kleinstadtsetting ein. Impliziert wird damit natürlich eine Parallele zu unserer, der realen Welt. Dies ist seitens der Serienmacher gewollt (man denke an ARG als Marketingkonzept!) denn zu sehr gemahnen die Forderungen der Vampire nach Bürgerrechten an die ‘Civil Rights’-Bewegung, zu offensichtlich sind die Ressentiments der klischeehaft dargestellten ‘Rednecks’ und der christlichen Fundamentalisten gegen amouröse Verbindungen zwischen Menschen und Vampiren auf die ethnisch-sozialen Konflikte der jüngeren US-amerikanischen Vergangenheit zu beziehen. Die in ‘True Blood’ von den christlichen Fundamentalisten verwandte Parole ‘God hates fangs’ entspricht bis auf einen Buchstaben der real verwandten, von Fred Phelps propagierten Anti-Schwulen-Parole ‘God hates fags’.

Der sozialkritische Ansatz der Serie ist stark ausgeprägt und hier nicht weiter auszuführen. Klar ist aber, dass die Kreativen hinter der Serie, allen voran der für American Beauty und Six Feet Under ausgezeichnete Alan Ball, ein gesellschaftspolitisches Statement setzen wollen und dies geschickt in ihre fiktionale Serie einbinden. ‘True Blood’ steht in dieser Hinsicht in einer Reihe mit diversen Serien, die seit dem Erfolg von ‘Buffy’ Ende der neunziger Jahre allesamt das Übernatürliche in die Mitte der Gesellschaft holen, so etwa ‘Heroes’ oder das bereits erwähnte ‘Supernatural’. Diese Tendenz lässt sich durchaus deuten im Hinblick auf ein zunehmendes Gefühl von Überfremdung angesichts einer weiteren kulturellen Ausdifferenzierung der westlichen Gesellschaften bei gleichzeitiger Individualisierung des Einzelnen. Bis in die neunziger Jahre kam das Andere, das Böse als Fremdes von außen in die Gesellschaft (Dracula kam aus Osteuropa, die Aliens gar aus dem All usw., vgl. Horst 2011), nun ist es mittendrin, war sogar, wie in ‘True Blood’, schon immer da. wenn Fernsehserien als Abbild eines gesellschaftlichen Klimas gelten können, so spricht ‘True Blood’ eine deutliche, chaotische Sprache.

Quellen

  • HICKETHIER, Knut: Film- und Fernsehanalyse, Stuttgart/Weimar 2001.
  • HORST, Sabine: Fahr zur Hölle, Liebling! Die Serie True Blood und der Trend zum Magischen, in: Film, Bd. 28,3 2011, S. 32-37.
  • LURKER, Manfred: s.v. Fee, in: Ders.: Lexikon der Götter und Dämonen, Stuttgart 1989, S. 134f.
  • PETZOLDT, Leander: s.v. Fee, in: Ders.: Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister, München 1995, S. 72f.
  • RAKOW, Katja: Take the un out of the undead! Zur diskursiven Konstruktion der Attribute lebendig, tot und untot in der amerikanischen Fernsehserie TRUE BLOOD, in: AHN, Gregor u.a. [Hgg.]: Diesseits, Jenseits und Dazwischen? Zur Transformation und Konstruktion von Sterben, Tod und Postmortalität, Bielefeld 2011, S. 93-120.
  • VOLLMER, Wilhelm: s.v. Feen, in: Ders.: Wörterbuch der Mythologie, Erftstadt 2007, S. 348f.
  • HAUSSIG, Hans Wilhelm [Hg.]: Wörterbuch der Mythologie, Bd. 2 Götter und Mythen im Alten Europa, Stuttgart 1973.

[1] Ausblick Season 5 (Crane spielt mit – Feengeschichte wird also vertieft!) https://www.youtube.com/watch?v=rPUO2DpBPOE

[2] Sookie is a fairy (Russel Edgington ab Minute 1:33) https://www.youtube.com/watch?v=msk9VYDLcLI

[3] In Episode 34, der zehnten Folge der dritten Staffel. Diese offenbart dem Zuschauer die Existenz gleich drei für den weiteren Verlauf der Handlung relevanter Gruppen übernatürlicher Wesen: Feen, Hexen und Werpanther. Vgl. http://trueblood.wikia.com/wiki/I_Smell_a_Rat