30. Mai 2013 von s_mvrv8u hinduism-and-media2012 0

Indischer Comic und seine verborgenen Schätze

von Susann-Carmen Huff

Viele von uns hatten bereits einen Comic in der Hand. Einige öfters als andere, aber wie oft habt Ihr einen indischen Comic gelesen? Wer von Euch ist sich bewusst, was hinter den bunten Blättern steht, die so sorgsam und wohl überlegt angefertigt worden sind? Wie kommt es, dass die Legenden um die hinduistischen Götter dort so berühmt sind? Was wollten die Produzenten durch die Veröffentlichung der Geschichten in den Comics erreichen? Dies sind alles Fragen, die wir uns in diesem Artikel, anhand des Comics über die indische Göttin Durga, genauer ansehen wollen, um die Bedeutung hinter den Kulissen des indischen Comics zu verstehen.


Durga idol 2011 Burdwan
Göttin Durga samt ihrer Waffen, die sie von anderen Gottheiten erhielt. Durga wird oft zusammen mit einen Löwen dargestellt. Dieser ist ihr Erkennungsmerkmal und Gehilfe.[1]

Was macht den indischen Comic interessant?

Die in Comicform verfassten Legenden um indischen Götter, historische Helden wie auch Könige werden seit Jahrhunderten mündlich innerhalb der Gesellschaft weitergegeben, so dass nahezu Jeder die Erzählungen kennt. Dies betrifft ebenfalls die Göttin Durga:

,, [...] Durga [is] everywhere in Kolkata. So I was already quite familiar with Durga. We Hindus grow up with Durga, we know the stories, we know how she looks.‘‘ (Mc Lain (2008): S. 313)

Durga ist eine hinduistische Göttin, die vor allem dafür bekannt ist, die Deva (Götter) von den Dämonen zu retten und somit nimmt sie die Rolle einer Art ‘Kriegsgöttin’ ein. Mit Hilfe ihrer Kräfte und Klugheit schafft sie es, die Dämonen zu bekämpfen. Sie wurde Dank den vereinigten Kräften von Shiva, Brahma und Vishnu als Göttin geschaffen. Den nur eine Göttin kann dem Dämonen Mahisha das Leben nehmen. Als Göttin werden ihr zahlreiche Bedeutungen zugewiesen. So besitzen die Dämonen, die sich in Tiere verwandeln, oder auch die Handlung und Gestalt Durgas ihre eigene Bedeutung. Neben Loslassen und Wandlungsfähigkeit soll sie ebenso Vernichtung symbolisieren.

Die Mythologie nimmt ebenfalls eine wichtige Stellung im alltäglichen Leben der Hindus ein. In ihr finden sich zahlreiche Metaphern die als Hilfestellung bei moralischen Fragen bereitstehen sollen. Die Menschen können somit auf die Mythologie als eine Art philosophisches Werkzeug zurückgreifen und dort Anweisungen finden, die bei Ungewissheit helfen sollen, angemessen zu handeln.  Deswegen war es für die Produzenten der indischen Comics von Amar Chitra Katha von grösster Wichtigkeit, die Geschichten, die im Sanskrit niedergeschrieben wurden, möglichst detailtreu wiederzugeben (vgl. Mc Lain (2008): S. 297). Einige Passagen, von denen angenommen wird, diese seien für Kinder nicht geeignet, wurden natürlich ‘verhamlosst’. Aus einzelnen Handlungen der Individuen sollen Parallelen zum eigenen Leben gezogen werden. Ein Beispiel hierfür ist, dass die indische Göttin Durga es ermöglicht hat, dass kein Blut des Bösewichts auf den Boden fällt und sie somit seine Vervielfältigung und letztendlich den Sieg des Dämonen verhinderte. Laut Karline McLain ist dies eine Metapher dafür, dass Gewalt nicht mit Gewalt bekämpft werden darf:

,, [...] In the story Durga shoots her arrows at the demon [Raktabeeja], and from every drop of blood that the demon sheds a new demon arises. This has a symbolic meaning: it means that you can’t cure violence with violence. But if I changed the story because it is not scientific, then these symbolic meanings are also altered. [...] All of the mythological stories have symbolic meanings that are changed if you change the story. So we must tell these stories accurately, without changes.“ (Mc Lain (2008): S. 297)

Daraus schließe ich, dass der Inhalt der Comics nicht nur eine Möglichkeit vorgibt, die dort verkommenden Personen und Handlungen  zu analysieren. Es gibt ebenfalls die Möglichkeit, die Bedeutungsebenen näherer zu betrachten, die die Menschen dem Comic zuschreiben. Auf diese Weise ist es unumgänglich, sich den sozio-kulturellen Zusammenhang anzuschauen. Damit wird ersichtlich, welchen Wert der Comic für seine Leser hat:

,,I realized that people look on ACK as something sacred, too‘‘ (Mc Lain (2008): S. 299)

,,[The Comic] tells stories about Hindu culture and it teaches about good qualities that one should have.‘‘ (Mc. Lain (2009): S. 204)

Ich möchte hier ein Beispiel zeigen, in dem man erkennen kann 1. wie das indische Comic die Legenden um die Göttin Durga darstellt und 2. welche Bedeutung die Devas (Götter) Durga in der Mythologie zuweisen.

Die Göttin Durga – die Retterin in der Not

Die Geschichte der indischen Göttin Durga wurde im Comic: ,,Tales of Durga“ verarbeitet. Dieser entstand im indischen Comicverlag Amar Chitra Katha (ACK).

Die Geschichten des Bandes ,,Tales of Durga ‘‘ sind gegliedert in 3 Kapitel und basieren auf dem Text Devi Mahatmya. Jeweils in jedem Kapitel erscheint die Göttin Durga als Kriegsheldin, die die Devas (Götter) vor Unheil retten soll (vgl. Anant Pai (1978) S.3-33).

Kapitel 1. ,,Durga – the slayer of Mahisha”

Der erste Teil beinhaltet die Erschaffungsgeschichte Durgas. Ein Dämonenkönig namens Mahisha wünschte sich, unsterblich zu sein. Da dies jedoch unmöglich ist, erfüllte Brahma Mahisha den Wunsch, nur von einer Frau getötet zu werden. Mahisha ging davon aus, dass keine Frau der Welt stark genug sei, ihn zu besiegen. Der Unsterblichkeit sicher griff er die Devas an und nahm den Thron an sich. Die Devas beteten die höheren Götter um Hilfe an. Nachdem die Gebete erhöhrt wurden, erschufen die Götter unter vereinter Kräfte die ‘Kriegsgöttin’ Durga. Die Devas legten nun all ihre Hoffnung in sie:

,,O Devi, you are the origin of all the worlds. You are Durga. You are the inner force, the source of all strength. Destroy Mahisha and protect us!’’ (Pai (1978): S.7)

Ausgerüstet mit Utensilien (Waffen) der anderen Götter stellte sie sich dem Kampf mit Mahisha. Er verwandelte sich zwar in unterschiedliche Tierarten, jedoch konnte er letztendlich nichts gegen die Macht Durgas ausrichten. Dieses Zitat kann die Bedeutung dieser Szene meiner Meinung nach am besten wiederspiegeln:

,,[This story] demonstrate not only that the Goddess has an earthly career, but that of earthly creatures, she is the supreme ruler“ (Coburn (1984): S. 229)

Die Devas waren sehr erfreut über Durgas Hilfe und äußerten somit:

 ,,O Durga, up holder of virtue, destroyer of evil, we humbly salute you! O Devi, Continue to protect us!”(Pai (1978): S.15)

Kapitel 2. ,,Chamundi‘‘ und 3. ,,How Durga slew Shumbha‘‘

Die beiden weiteren Kapitel sind miteinander verbunden und berichten über weitere Kämpfe, die die Inkarnationen Durgas zu bewältigen haben. Im 2. Kapitel sehen wir Durga als eine wunderschöne Frau, die den Bösewicht aus seinem Versteck herauslockt (die Szenen aus dem Comic können hier als animierter Film verfolgt werden …

… woraufhin sie sich im 3. Kapitel dann dem endgültigen Kampf stellt.

In der letzten, 3., Geschichte kämpft Durga gegen die Dämonen in ihrer vervielfältigten Form, die sowohl unterschiedliches Aussehen wie auch Kräfte vorweisen. Dies soll jedoch darauf hinweisen, dass selbst ihre unterschiedlichsten Gestallten immer noch ein Teil ihrer selbst seien:

,,There need no paradox or contradiction between transcendence and immanence, nor between either of these and internality, because all of these are manifestations of one power.” (Coburn (1984): S. 305)

Der Comic als eine unsichtbare Linie, die alle verbindet

Der Comic erfreut sich in Indien grosser Popularität. Dies kann u.a. an den zahlreichen Veröffentlichungen der Comics über die indischen Götter wie auch an der Produktion animierter Fernsehserien erkannt werden. Oft dienen diese Comics als Grundlage für die Zeichentrickfilme. Für Hindus in Indien ergibt sich die Möglichkeit, mithilfe dieser Comics und Animationen die Geschichten über die hinduistischen Götter sich visuell vor Augen zu führen und jene Mythen somit intensiver zu verinnerlichen. Die Mythen um die indischen Götter bzw. die hinduistische Religion sind stark zu verknüpfen mit der indischen Kultur. Somit kann gesagt werden, dass der Comic Bestandteil der indischen Kultur ist, da er die Inhalte dieser Kultur auf Grundlage der Mythologie erklärt. Würde man den Raum Indiens verlassen und etwas globaler schauen, so würde man selbstverständlich auch bemerken, dass es Menschen indischer Herkunft gibt, die nicht in Indien wohnen – die indische Diaspora. Für sie eröffnen sich wegen der Ferne zu Indien andere Probleme, z.B. zu Fragen nach der Erziehung der Kinder. Wie kann man, trotz der geographischen Distanz, seinem Kind die sozio-kulturellen und vor allem religiöse Zusammenhänge der eigenen Kultur erklären oder beibringen? Die Comics wie auch die darauf basierende Zeichentrickserien werden von Vielen als eine gute Möglichkeit verstanden, den Kindern wie auch Jugendlichen die indische Kultur näher zu bringen (vgl. Mc Lain (2009): S.  198-213):

,,The comics taught me a lot. I read them all when I was younger, and they inspired me to learn more about these things. In fact, I still have all of them somewhere around here. The comics were quite popular with many Indian children when I was growing up, Hindus and also non-Hindus, like me. They are the reason that we know India’s mythology, the reason we can visualize it an remember it. So we thought a TV serial based on these comics could help bring India’s history and mythology to a new generation. And I really enjoyed producing the show. It was great fun.‘‘ (Mc Lain (2009): S. 212)

Zusammenfassend kann also gesagt werden:

  1. Allein aufgrund der Vielfalt der Comics und den daraus entstandenen Zeichentrickserien kann behauptet werden, dass diese eine Form der Alltagskultur in Indien darstellen. Vor allem, wenn man zusätzlich bedenkt, dass zahlreiche Serien wie auch Filme und die Ikonographie sich mit dem gleichen Thema beschäftigen.
  2. Der Comic ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens auch für Menschen, die zu der indischen Diaspora gehören. Es ergibt sich für jene Menschen die Möglichkeit, die Wurzeln oder Identität zu wahren. Ebenfalls besteht die Möglichkeit, die Kinder so in die sozio-kulturellen und vor allem religiöse Muster des elterlichen Ursprungslandes  einzuweihen (vgl. Baumann (2003) 277-306).
  3. Im Sinne der Globalisierung findet der indische Comic ebenso seinen Platz auf dem Weltmarkt. Dabei spielt die Sprache, in der die Comics auch veröffentlicht werden – nämlich Englisch – eine wichtige Rolle. Somit kommen ebenso Nicht-Hindus und Nicht-Inder damit in Kontakt. Was ergibt sich daraus? Eine neue Sichtweise. Eine Sichtweise auf das Land und die Kultur Indiens, die von Indern selbst geschaffen wird. Außerdem begünstigt die Form (zahlreiche Bilder und wenig Text) und die Sprache, in der der Comic veröffentlicht wird, dass ebenfalls Kinder Interesse daran äußern können. Die indische Kultur findet somit ebenfalls weltweit Verbreitung:

    ,,ACK conveys [...] a different India from what many Christian missionaries in Latin America paint: full of poverty, hunger, superstition, and ignorance. While I understand that ACK is a distorted version of reality, it is needed to balance the worldview created by missionary education in the western world. [...] My European and Latin American friends have been amazed at a nonacademic comic book that is so interesting and engaging that children actually read it.‘‘ (Mc Lain (2009): S. 201)

Nachwort

Ich hoffe, mit Hilfe dieses Artikels einige grundlegende Informationen über den indischen Comic vermittelt zu haben. Mein Anliegen war es, unterschiedliche Sichtweisen und Bedeutungsebenen anzusprechen. In einem Comic steckt weitaus mehr als nur bunte oder schwarz-weiße Bilder. Wichtig ist es ebenso, auf den Inhalt zu achten, aber vor allem zu versuchen sich vor Augen zu führen, welche Bedeutung diese Bilder für die Personen haben, die diese Comics lesen. Diese wurden nämlich von Menschen für Menschen geschaffen, daher verbirgt sich auch eine bestimmte Intention hinter ihnen. Dabei erschliessen sich viele Möglichkeiten zum Gebrauch der Comics, egal, ob er dabei helfen soll, die Kindern von Kindesbeinen an in die Bedeutungswelt der hinduistischen Götter einzuweihen oder aber die Bindung zwischen Mensch und Kultur, wie es im Falle der indischen Diaspora ist, aufrecht zu erhalten. Selbst für ausländische Interessenten wird es mithilfe der Comics möglich, die Grundzüge der indischen Götter und deren Stellung zu erkunden. Erstaunlich ist dabei, wie viel aus solch einem kleinen Medium an Inhalt und Interpretation herausgezogen werden kann. Deshalb schlage ich vor, dass jeder sich selbst ein Bild davon macht und sich darauf einlässt, die Welt der hinduistischen Götter und Kultur selbst zu entdecken.

Quellen

  • Baumann, Martin (2003). Alte Götter in neuer Heimat. Religionswissenschaftliche Analyse zu Diaspora am Beispiel von Hindus auf Trinidad. diagonal-Verlag: Marburg.
  • Coburn, Thomas B. (1984). Devi-Matmya: The Crystalization of the Goddess Tradition. Motilal Banarsidass: Delhi
  • Mc Lain, Karline (2009). India’s Immortal Comic Books: Gods, Kings, and Other Heroes. Indiana University Press: Bloomington and Indianapolis.
  • Pai, Anant (1978). Tales of Durga (Comic No. 514). Amar Chitra Katha (ACK). India

Literaturvorschlag

  • Mc Lain Karline (2008): Holly Superheroine: a comic book interpretation of the hindu Devi Mahatmya scriptue. In: Bulletin of SOAS, 71,2, 297-322. Shool of Oriental and African Studies: United Kingdom.
  • Mc Lain Karline (2009):  Gods, Kings and local Telugu guys. Competing visions of the heroic in Indian comic books: In: Gokulsing K. Moti and Dissanayake Wimal Dissanayake [Hg.]: Popular Culture in a Globalised India. Routledge: USA and Canada.

Weitere Links

[1] Joydeep, Sculpture of goddess Durga at Durga temple, Burdwan, 03. Oktober 2011, online in: http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADurga_idol_2011_Burdwan.jpg, letztes Zugriffsdatum: 14.11.2013.