15. Dezember 2013 von Franziska Schild filmseminar2012/13 0

Jesus liebt mich

Wolltet ihr immer schon mal wissen wie Jesus in unserer Welt zu recht kommen würde? Genau dieser Frage geht Florian David Fitz in seinem Film „Jesus liebt mich“ auf den Grund. Es handelt sich um einen deutschen Spielfilm, der 2012 in die Kinos kam. Als Vorlage diente der gleichnamige Roman von David Safiers aus 2008.

Interessant ist, dass hier glaubwürdig drei Themen/Genre verbunden werden, die selten zueinander finden: Religion, Romantik und Komödie. Gefördert wurde diese Romantikkomödie von der Filmstiftung NRW, dem FilmFernsehFonds Bayern, der Filmförderung Baden-Württemberg, der Filmförderungsanstalt und schlussendlich dem Deutschen Filmförderfonds. Nicht nur wegen der passenden Landschaften, sondern eben auch wegen den Förderern, wurde der Film ausschließlich in Deutschland gedreht.

Fitz selbst übernimmt nicht nur die Regie, sondern spielt auch eine der Hauptrollen und zwar Jeshua. An seiner Seite Jessica Schwarz als Marie. Begleitet werden die beiden Hauptakteure von bekannten Schauspielgrößen wie u.a. Hannelore Elsner als Maries Mutter Sylvia, Henry Hübchen in der Rolle des Gabriels und Satan verkörpert von Nicholas Ofczarek.

Inhalt

Nächste Woche Dienstag ist Weltuntergang. Um der Menschheit die Apokalypse zu verkünden wird Jesus nach 2000 Jahren wieder auf die Erde geschickt. Dort trifft er auf ein Mädchen namens Marie. Deren Leben ist momentan eine einzige Katastrophe. Ihre Mutter Sylvia wandelt seit geraumer Zeit auf einem Lebenserfahrungsweg, ihr Vater erlebt seinen zweiten Frühling mit einer viel jüngeren Freundin aus Weißrussland und Marie selbst bricht an ihrer eigenen Hochzeit vor dem Ja-Wort mit ihrem Freund Sven zusammen. Und nun gerät sie wieder an so einen komischen Typen: er kommt aus Palästina, wirkt naiv und weltfremd, hat keinerlei Berührungsängste, wäscht sogar einem fremden Menschen mitten im Restaurant die Füße und verwandelt sich trotzdem sehr schnell in den perfekten Mann. Er ist freundlich und charmant, kann gut zuhören und sieht auch noch verdammt gut aus. Halsüberkopf verliebt sie sich in ihn und langsam dämmert es ihr, dass es sich dabei um DEN Jesus handelt.

Jesus hingegen hat eine Mission und dafür Unterstützung durch den Erzengel Gabriel, der sich vor Jahren unsterblich in Maries Mutter Sylvia verliebte und für sie zum Menschen wurde. Frustriert von seiner unerfüllten Liebe und allen Konsequenzen, die seine Entscheidung nach sich zog, mimt er seitdem den Dorfpfarrer, hadert und säuft sich durchs Leben. Ist aber immer zur Stelle, wenn sein Herr ihn ruft. Zwischendurch taucht immer wieder Satan, übrigens unmenschlich stinkend, auf und versucht Marie zu manipulieren. Denn er hat einen teuflischen Plan: Jesus soll sich in Marie verlieben und freiwillig gänzlich zum Menschen werden und somit auf den Himmel verzichten. So kommt es zu einigen romantischen Situationen zwischen Jesus und Marie, obwohl Jesus mit seiner Mission sehr beschäftigt ist und nebenbei auch gerne die Menschen kennen lernen möchte.

Während Marie mit ihrer Liebe zu Jesus kämpft, passieren aber noch jede Menge weitere „Katastrophen“ um sie herum. So erwischt sie zum Beispiel die weißrussische Freundin ihres Vaters dabei, wie sie diesem Geld stiehlt und ihre Mutter, wie sie sich mit Gabriel vergnügt. Nachdem sie verstanden hat, dass nächsten Dienstag der Weltuntergang ansteht, versucht sie ihr Möglichstes, um gottgefällig zu leben. Sie spendet all ihr Geld, kleidet sich sittsam, tut Gutes. Aber schlussendlich findet die Apokalypse sogar früher als gedacht statt. Die Protagonisten – die ja alle miteinander verbandelt sind – befinden sich währenddessen auf einem Berg und müssen zusehen, wie ihre Stadt langsam in Flammen aufgeht… Aber Marie trifft am Ende des Filmst höchstpersönlich auf Gott und kann das Drama abwenden.

Ein wirkliches Happy End ist das für Marie leider nicht, denn Jesus nimmt wieder seine göttliche Gestalt an und fährt gen Himmel. Natürlich nicht, bevor er Maries Liebesschmerz auf sich nimmt.

Auswertung

Bei einer Komödie werden kritische Stellen meistens absichtlich übertrieben komisch dargestellt, was es schwer macht, konstruktive Kritik am Film zu äußern. „Jesus liebt mich“ ist keine wissenschaftliche Dokumentation, sondern eben ein Spielfilm, der in erster Linie unterhalten und im Kern einige Fragen aufwerfen soll. In einem Interview erklärte Florian David Fitz, dass er im Film die christliche Religion mit unserer heutigen Welt konfrontieren wollte. Hierbei ist es ihm aber wichtig, nicht den Inhalt der Religion zu kritisieren – oder sich gar über diese lustig zu machen -, sondern „die Verpackung“, soll heißen die Kirche mit ihren christlichen Institutionen, zu hinterfragen.

Die Zuschauer bekommen nicht (nur) Gottes Sohn zu Gesicht, sondern vor allem Jesus, den Menschen. Die Schlagwörter des Films: Jesus, Komödie, Romantik und Weltuntergang sind zusammen schwer vorstellbar und bringen – gerade durch diese verschiedenen Themen – einige Lacher und das macht Spaß zu gucken! Doch nicht nur Spaß wird vermittelt, sondern eben auch das, was Jesus ausgemacht haben soll: Nächstenliebe. Da werden einem Obdachlosen ganz vorurteilsfrei die Füße gewaschen und einer ziemlich verdreckten Frau die Stirn geküsst und aufgeholfen. Heutzutage sind solche Dinge für viele Menschen oft Hürden, da Menschen Angst vor Konsequenzen haben. Vor Krankheiten, die in diesem Fall vielleicht übertragen werden könnten, vor peinlicher Aufmerksamkeit die beim Waschen der Füße im Restaurant entsteht. An diesen Punkten im Film könnten selbst Ungläubige auf die Idee kommen: Ok, Jesus war wirklich anders. Selbstlos, freundlich und verständnisvoll, in jeder Lage.

Der Film regt generell viel zum Nachdenken an und bringt einem Kleinigkeiten, denen man selten Beachtung schenkt, spielerisch näher – meist durch Jesus Verhalten in gewissen Situationen. Als es z.B. stark regnet, versucht Gabriel Jesus unter der Veranda die Haare zu schneiden, aber Jesus ist es eigentlich gar nicht wichtig ob er nass wird. Bei dieser Szene wird einem bewusst, mit welch eingefahrenen Verhaltensweisen wir Menschen uns oft umgeben und dass es ja wirklich nicht weiter schlimm wäre, einfach mal im Regen zu stehen – außer der Tatsache, dass man danach nass ist und sich wahrscheinlich umziehen müsste.

In den Charakteren des Films spiegeln sich ebenfalls die Probleme wider mit denen wir Menschen uns herumschlagen. Sei es Marie, die meint sie hätte alles im Leben falsch gemacht (3x ihr Studium abgebrochen, internes Familienchaos usw.), oder ihr Exfreund Sven, der als Muttersöhnchen gezeigt wird, sowie seine Mutter die stark übergewichtig und hochsensibel ist oder eben auch die Stadtbewohner, die unfreundlich, gelangweilt und vorurteilsbelastet wirken. Durch Maries Gedankengänge, die der Zuschauer mitbekommt, kann man sich immer besser in ihre Lage hineinversetzten, was den Film wiederum persönlicher macht. Einzig Jesus wirkt locker, glücklich und in sich selbst ruhend. Berücksichtig man all diese Aspekte, merkt man auf welch einfache Weise uns der Regisseur aufrüttelt und zwar nur indem er uns Menschen widerspiegelt und mit Jesus‘ fast schon naivem Charakter konfrontiert.

Stören könnte man sich an der plumpen Darstellungsweise von Jesus‘ Wundern. Ganz nebenbei wird völlig unerwartet und zusammenhangslos eine gehbehinderte Frau wieder zum Laufen gebracht, Wasser zu Wein verwandelt (nur damit Gabriel mehr Alkohol zu sich nehmen kann) und Jesus rettet Marie vor dem Ertrinken in dem er – auch später kommentarlos – barfuß über den See wandelt. Da hätte man doch mehr erwartet. Auch hätte man natürlich gerne mehr Hintergrundwissen vom Himmel, Gott, oder Jesus‘ Leben erfahren wollen, schließlich ist es nicht alltäglich Gottes Sohn bei sich im Dorf zu haben, aber da bleibt der Zuschauer leider auf dem Trockenen. Wobei Florian David Fitz auf diese Interviewfrage kurz und prägnant antwortet, dass die Hauptfigur in diesem Film Marie wäre und nicht Jesus‘ Leben.

Dass die Apokalypse am Ende des Films tatsächlich im Ansatz gezeigt wird, verwundert. Schließlich wird man den Hauptteil über doch relativ seicht und fröhlich durch den Film geführt und vergisst sehr schnell, dass Jesus eigentlich wegen des drohenden Weltuntergangs auf der Erde ist. Dieses „Vergessen des eigentlich Hintergrunds“ wird auch durch filmische Mittel gut umgesetzt, denn die Umgebung ist immer hell und freundlich und durch die Kulissenwahl fühlt man sich oft wie im Urlaub.

Ebenfalls bemerkenswert ist, dass nicht nur über Gott geredet wird, sondern er tatsächlich im Gespräch mit Marie gezeigt wird. Ein verstreuter, alter Mann der anhand von Puppentheatern mit den Ländern der Welt spielt und zugibt, dass es nicht nur unsere Welt gäbe um die er sich kümmern muss und er uns Menschen zwar geschaffen habe, aber nicht alles Unheil der Welt in seiner Verantwortung liegt. Eine gute und vor allem ernste Szene, die aber dank der Puppentheater nicht ihren Witz und Charme verliert. Gut zu bewerten ist die Tatsache, dass Marie sich – bevor sie auf Gott trifft – dessen Erscheinungsform aussuchen darf und „natürlich“ das typisch, europäische Bild vom alten Mann mit langen weißen Haaren wählt, anstatt z.B. eine buddhistische Darstellung des Allmächtigen. Hier wurde gut – wenn auch kurz und knapp – gezeigt, dass Gott nicht gleich Gott ist.

Im Hinblick auf das Thema des Seminars, welches sich mit Religion und Autorität beschäftigte, gibt der Film ebenfalls einen amüsanten und gewagten Dialog zwischen Marie und Jesus wieder. Diese erzählt Jesus gerade, dass sie ihr Geld nun barmherzig gespendet hat, nur dem Papst Benedikt nichts abgegeben habe. Der Papst, der in unserer Welt für viele Gläubige eine wichtig Autorität ist, verliert hierbei durch einen einzigen Kommentar von Jesus (Wer ist Benedikt? Was ist der Papst?) komplett an Bedeutung, obwohl die katholische Kirche den Papst ja als Gottes Vertreter auf Erden ansieht. Dass Jesus den Papst nicht kennt, wird nicht weiter ausgeführt obwohl dieses Thema ja ein großes und heikles wäre. Es bleibt bei einem Lacher – also Situationskomik. Hierbei kann man schön sehen, dass Fitz seinem Motto treu bleibt, nicht die Religion an sich kritisieren zu wollen, sondern lediglich den Anstoß geben will, über dessen „Hülle“ nach zu denken.

Belehrend im positiven Sinn ist auch eine weitere Szene, in der Jesus Marie klar macht, dass es nicht darauf ankommt unbedingt sozialen Einrichtung zu dienen, sondern vor allem Anderen einen guten Charakter zu haben – denn dann würde sich ein gutes Zusammenleben mit allen Menschen normalerweise von alleine ergeben. Hier erkennt man Jesus als Autoritätsfigur, der man gerne Glauben schenken würde. Neben ihm erscheint am Ende des Films natürlich auch Gott als Autoritätsmerkmal und Lenker des Weltgeschehens. Als Negativbeispiel, was die Autoritätsfindung betrifft, dient die Situation rund um Gabriel und seinem Alkoholproblem. Denn auch Gegenstände – in diesem Fall die Sucht nach Alkohol als Verdrängungsmittel – können eine gewisse Autorität für uns Menschen ausstrahlen (gerade wenn wir verletzbar sind). Dieser Kontrast wird im Film gut vermittelt.

Schlussendlich kann man die kleine Eingangsfrage damit beantworten, dass Jesus in unserer Welt durch seine Freundlichkeit und Toleranz sicher zu recht kommen würde, aber nicht ohne Probleme. Nach 2000 Jahren zurück auf der Erde hat sich sicherlich viel verändert und man sieht Jesus diese Überforderung auch an. An der einen oder anderen Stelle wird er sogar fast verblendet, naiv, oder als „Dummerchen“ gezeigt, wobei hier wieder der Zuschauer ansetzt und anfängt darüber nachzudenken, ob Jesus mit seiner Sichtweise nicht vielleicht sogar Recht haben könnte. Interessant ist auch die Darstellung von Jesus‘ „menschlich werden“, in dem er sich in der Endsequenz auf dem Berg von Satan nicht auf beide Wangen schlagen lässt (wie am Anfang vom Film), sondern tatsächlich zurückschlägt, womit dieser niemals gerechnet hätte.

Die Zusammenstellung von doch eher schwierigen Themen und Filmgenres ist spannend verfilmt worden. Der Film ist phasenweise wirklich witzig, romantisch und schafft es dennoch schwierige Themen anzusprechen – somit sehens- und empfehlenswert.

Links

Homepage des Films

Trailer des Films

Interview mit Florian David Fitz