10. Juni 2013 von silolt hinduism-and-media2012 0

Religiöse Verehrung auf Online-Bestellung

von Silvia Oltrop

Gewinner und Verlierer der “Puja-Ordering Websites”

Die religiöse Verehrung der Götter durch Pujas – im Hinduismus ein sehr wichtiger Bestandteil des Glaubens. Doch wie sieht so eine Puja eigentlich aus, und wie ist es möglich, sie über das Internet zu bestellen? Wer sind die Gewinner und die Verlierer dieser “Puja-ordering Websites”, wie der Soziologe Heinz Scheifinger sie nennt? Diesen Fragen werde ich im Folgenden mit Hilfe seines Textes „Internet Threats to Hindu Authority: Puja-ordering Websites and the Kalighat Temple“ auf den Grund gehen.

Das Internet spielt in mittlerweile allen Lebensbereichen eine große Rolle. Ob als Mittel zur Kommunikation, zu Werbezwecken, zur Selbstdarstellung von Personen oder Unternehmen, oder auch als Angebotsplattform für Dienstleistungen, es gibt eine immer größer werdende Fülle an Möglichkeiten. Auch der Hinduismus hat diese für sich entdeckt. Das Internet kann beispielsweise als Begegnungsplattform genutzt werden, in dem sich Gläubige verschiedenster Herkunft austauschen können, was gerade für Hindus in der Diaspora ein Mittel ist, ihre Herkunft zu bewahren und mit Verwandten, Bekannten und Gleichgesinnten in Kontakt zu bleiben. Tempel nutzen das Internet als Werbeplattform, um Gläubige und Pilger mit einem attraktiven Internetauftritt anzuziehen und eine breitere Masse zu erreichen. Ein Beispiel dafür ist die Website des Kalighat Tempel in Kalkutta, auf den sich auch Scheifinger in seinen Ausführungen bezieht.

Internetauftritt des Kalighat Kali Tempels in Kalkutta

Doch neben dem Kommunikationsgedanken hat sich der des Profits etabliert. Nicht nur, dass es unzählige Seiten gibt, auf denen Ritualgegenstände verkauft werden, es geht sogar so weit, dass Rituale, die Pujas, gegen Geld online bestellt werden können.

Um diese online bestellten Pujas und ihre Folgen genauer betrachten zu können, ist es nötig zu wissen, was eine Puja im traditionellen Sinne eigentlich ist.

Die traditionelle Puja

Das Wort puja kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Verehrung, die Puja ist eine bei Hindus täglich durchgeführte Art von ritualisiertem Gottesdienst. Im Zentrum steht dabei eine Abbildung, Statue oder das Symbol einer Gottheit. Mit dieser Gottheit geht der religiöse Akteur eine spirituelle Bindung ein, indem er sie anbetet, sie verehrt und/oder ihr etwas vorsingt. Sowohl hinduistische Priester, diePujaris, wie auch religiöse Laien können eine Puja durchführen, jedoch ist es trotzdem von Vorteil, wenn die Gläubigen ihre Pujas von einem Priester durchführen lassen, da dieser der Mittler zwischen den Menschen und der angebeteten Gottheit ist, und sie dadurch besser erreicht wird. Zudem ist es zwar nicht notwendig, dass das Ritual an einem geweihten Ort, wie in einem Tempel, stattfindet, es kann auch an einem hauseigenen Schrein oder an einem öffentlichen Schrein durchgeführt werden. Das Aufsuchen eines Tempels ist jedoch empfehlenswert, wenn die Wünsche der Gläubigen erfüllt werden sollen. Diese beiden Tatsachen sind die Basis dafür, dass die Puja-Online-Bestellung sich überhaupt etablieren konnte, wie wir noch sehen werden. Eine Puja kann für einen bestimmten Zweck vollzogen werden, wie zum Beispiel für Reichtum, das Finden eines Partners, die Erfüllung eines Kinderwunsches, und vieles mehr. Je nach Wunsch richtet sich die Puja an eine bestimmte Gottheit, die für diesen Lebensbereich zuständig ist. Dabei können nicht nur die klassischen, bekannten Gottheiten des Hinduismus gewählt werden, sondern auch unbekannte, regionale Gottheiten, oder andere als verehrungswürdig erscheinende Wesen.(Vgl. Zeiler 2007, S. 43-47).

Wie im Hinduismus üblich, gibt es zwar Richtlinien, die sich nach vedischen Schriften richten, aber keine allgemein gültige Durchführung eines Puja-Rituals, da sie sich von Region zu Region und sogar innerhalb der Regionen noch zwischen unterschiedlichen Personen unterscheiden können. Die traditionellen Bestandteile, die in einer Puja vorkommen können, lassen sich hier nachlesen. Und hier gibt es Videos davon, wie das ganze in der Praxis in einem indischen Tempel aussieht.

Wer bestellt nun eine solche Puja online, und wie funktioniert das?

“Puja-ordering Websites”

Websites wie Online-Puja-Service  oder Saranam bieten dem Interessenten eine breite Palette an Angeboten…

Vor allem richten sich die Websites der Anbieter an die Gläubigen, die nicht (mehr) in Indien leben und die deshalb nicht ohne weiteres einen indischen Tempel besuchen können, um dort an einer Puja teilzunehmen. Sie können dann zwar auch selbst zuhause Pujas durchführen, was aber, wie bereits erwähnt, nicht dieselben Erfolge verspricht. Die Angebote und Beschreibungen auf den Seiten sind

…Seiten wie Amrita-Puja dagegen bieten speziellere Angebote an

in englischer Sprache verfasst, bezahlt werden kann in den meisten Fällen mit US Dollar, was nahelegt, dass besonders Hindus, die in den USA leben, angesprochen werden sollen.

Dem Interessenten steht es  frei, seine Priorität nach dem Tempel oder nach dem Zweck seiner Puja zu richten. Hat er das für ihn passende Ritual ausgewählt, kann er es bestellen. Dabei müssen, je nach Seite, verschiedene Informationen wie Name, Wohnort, Geburtsdatum, und das Datum der gewünschten Ausführung der Puja angegeben werden. Der Seitenbetreiber gibt diese Informationen weiter an einen Priester des gewünschten Tempels, mit dem er in der Regel eine Art Vertrag oder Vereinbarung hat. Dieser führt nun die Puja wie bestellt zum gewünschten Zeitpunkt durch.

Diese Art der Ritual-Bestellung ist nicht zu verwechseln mit einer Online-Puja, die im Webbrowser durchgeführt werden kann. Auch hier gibt es einige Sites, die diese Dienste anbieten, dies hat jedoch mit dem eigentlichen Sinn einer Puja noch sehr viel weniger gemein als die online bestellten Pujas.

Entstehung der Seiten

Der größte Unterschied zur traditionellen Puja liegt in der Abwesenheit des Bittstellers. Die Möglichkeit dieser Abwesenheit ergibt sich daraus, dass Hindus in Tempeln auch Rituale für Angehörige ausführen können, die krank sind oder zu weit weg wohnen. Der Schritt dahin, dass das Ritual statt von einem Familienangehörigen oder Bekannten dann von einem fremden Pujari gegen Geld ausgeführt wird, ist so nicht mehr groß. Jedoch ist der kulturelle Hintergrund des Bittstellers gesichert, solange das Ritual von Angehörigen durchgeführt wird. Wenn nun aber kein Kontakt zur indischen Verwandtschaft oder Freunden mehr nötig ist, kann es auch vorkommen, dass nicht-indische Hindus ein Ritual bestellen, obwohl in einigen Tempeln Indiens nur Gläubige mit indischen Wurzeln eingelassen werden und ihre Pujas durchführen dürfen. So können also nun Menschen in den Gebrauch des Tempels eingeschlossen werden, denen die Tempeladministration normalerweise den Zutritt verbieten würde. Anders herum kann es auch vorkommen, dass die Seitenbetreiber eine Auswahl treffen, wer bei ihnen bestellen darf und wer nicht, und so Menschen vom Gebrauch eines Tempels ausschließen, in den ursprünglich jeder eintreten darf. So können die Seitenbetreiber die Regeln des Tempels vor Ort umgehen, ohne dass die Tempeladministration überhaupt etwas davon merkt.

Was sind die größten Probleme bei den Online-Pujas?

Das wohl größte Problem ist, dass eigentliche Hindu-Autoritäten umgangen werden. Um zu verstehen, wie das passieren kann, muss man die Machtverhältnisse an einem indischen Tempel kennen. Dazu ist es sinnvoll, mit Hilfe eines Beispiels zu arbeiten, Scheifinger wählte hier den Kalighat Tempel in Kalkutta (siehe oben).

Auf der einen Seite gibt es hier die Priester. Sie haben so gut wie keine Rechte über den Tempel und seine Vorschriften und werden schlecht bezahlt. Sie werden am Tempel benötigt, da sie die Mittler zwischen den Gläubigen und den Gottheiten sind. Durch ihre Ausbildung wissen sie um die richtige Durchführung eines Rituals und wie die Gottheiten angebetet werden.

Auf der anderen Seite gibt es die schon erwähnte Tempeladministration, oder das Management. Sie hat das Recht, über alle Vorgänge im Tempel zu entscheiden. Außerdem zieht sie alle Einnahmen ein, und Geld bedeutet hier gleichzeitig Macht.

Die Priester werden also vom Tempelmanagement bezahlt, und das sehr schlecht. Somit sind sie auf die Spenden der Gläubigen angewiesen, um die sie auch noch kämpfen müssen, damit sie nicht auch an das Management gehen. So leben viele Priester in Armut.

Hier kommen die Betreiber der „Puja-ordering Websites“ ins Spiel. Sie haben Vereinbarungen mit Tempelpriestern vor Ort, die die bestellten Rituale durchführen. Dafür bekommen sie ein wenig Geld, auf das sie, wie wir nun wissen, angewiesen sind. Aber auch diese Vereinbarungen haben ihre Schattenseiten. Die Priester müssen nämlich die Pujas so durchführen, wie der Kunde es bestellt hat. Somit wird eine Durchführung nach dem traditionellen Wissen des Priesters verdrängt. Den Ablauf der Puja bestimmt letztlich dann der Seitenbetreiber, da er sie auf die von ihm gewählte Weise auf seiner Seite anbietet. Somit verlieren die Priester auch das letzte bisschen Autorität was ihnen noch blieb: Die strukturelle Autorität, die darüber bestimmt, wie Rituale auszuführen sind.

Da auch nur wenige Priester an solchen Vereinbarungen beteiligt sind und von ihnen profitieren, wird die Gesamtsituation also nicht verbessert. Im Gegenteil, die Autorität wird abgegeben an einen im Hintergrund agierenden Seitenbetreiber, der den Gläubigen und womöglich sogar dem Glauben selbst vollkommen fremd sein kann. Traditionelle Werte und Wissen, das eigentlich durch Priester erhalten bleibt, kann so verloren gehen. Das Tempelmanagement wird gar nicht mehr benötigt und somit direkt umgangen.

Der Seitenbetreiber erhebt sich also im Grunde als neue Autorität, da er die Administration umgehen kann und auch die Priester finanziell von ihm abhängig sind.

Zudem werden Pujas zur Massenware. Der Priester kennt nicht den Gläubigen, für den er sie ausführt. Dadurch besteht eine große Gefahr, dass die Rituale auch massenweise, ohne die nötige Ehrfurcht und Konzentration, die Voraussetzung dafür ist, spirituellen Kontakt mit einer Gottheit aufzunehmen, ausgeführt werden.

Warum funktioniert das System der „Puja-ordering Websites“ trotzdem?

Die Bestellung von Online-Pujas ist nach wie vor möglich, da es zwangsläufig immer verarmte Priester gibt, die sich durch die Vereinbarungen mit Seitenbetreibern Geld dazu verdienen wollen. Und die Hinduisten, vor allem in der Diaspora, begrüßen eine Möglichkeit, eine Puja in Indien ausführen zu lassen, ohne vor Ort sein zu müssen, denn das bringt einige Vorteile mit sich. Dazu gehört der finanzielle Aspekt, da eine Pilgerreise nach Indien in den meisten Fällen sehr viel teurer ist als die Bestellung einiger Pujas online. Dabei verspricht eine Pilgerreise zu einem bekannten und beliebten Tempel womöglich sogar weniger Erfolg, da in der Regel eine lange Schlange von Gläubigen vor dem Tempel ansteht. Diese Schlange lässt sich virtuell natürlich umgehen, was nicht nur Zeit spart, sondern auch bequem ist.

Gewinner und Verlierer

Gewinner ist in erster Linie natürlich der Seitenbetreiber. Nicht nur, dass er eine selbsternannte neue Autorität ist. Zudem ist sein Angebot attraktiv für die angesprochene Zielgruppe, und solange Nachfrage herrscht, kann er hohe Preise verlangen, die Gläubige meist bereit sind zu zahlen. An die Priester gibt er nicht viel davon ab, da sie auf diese Vereinbarungen, selbst für wenig Geld, fast schon angewiesen sind. So kann der Betreiber sich eine goldene Nase verdienen.

Gewinner und gleichzeitig mehr noch Verlierer, sind die Priester. Nur die wenigen, die Profit aus den Vereinbarungen schlagen, gewinnen etwas, aber zu einem hohen Preis.

Ebenfalls Gewinner und Verlierer zugleich sind die Hinduisten. Die im Ausland lebenden profitieren von den bequemen Angeboten der Websites, andere Gläubige müssen jedoch eine Verschleppung von Werten befürchten.

Verlierer sind eindeutig die Tempeladministratoren. Sie werden bei diesem System komplett umgangen und verlieren an Macht, die nun der Seitenbetreiber hat.

Auch wenn es viele der Seiten, die Scheifinger in seiner 2010 erschienenen Studie angesprochen hat, bereits nicht mehr gibt, wahrscheinlich sogar bedingt durch einen Rechtsstreit zwischen dem jeweiligen Tempelmanagement und den Seitenbetreibern, ist das Angebot nach wie vor vorhanden. Und wenn eine Seite vom Netz genommen wird, erscheint an anderer Stelle schon die Nächste. Wenn an den Missständen etwas verändert werden soll, gibt es für alle Beteiligten nur die Möglichkeit, Kompromisse zu schließen und die Machtverhältnisse gerecht zu verteilen. Nur so könnte man dafür sorgen, dass alle ein Stück von dem Kuchen namens Internet erhalten, denn eins ist wohl klar: Ohne geht es nicht mehr.

Quellen

  • Scheifinger, Heinz: Internet Threats to Hindu Authority: Puja-ordering Websites and the Kalighat Temple, in: Asian Journal of Social Science, 38, 2010
  • Zeiler, Xenia: puja und darsana der Tempelbesucher – Ritualhandlungen der “religiösen Laien”, herausgegeben von Eichner, Katja & Schied, Michael in: Hinduismus – eine nicht organisierte Religion? Analysen und Kontroversen. Trafo, Berlin 2007

Internetquellen (letzter Zugriff am 31.03.2013)