03. Juni 2013 von s_syuy9x filmseminar2012/13 0

Selbstfindung auf dem Jakobsweg und in dem Kinofilm “Dein Weg”

von N. Döring

Der Camino Francés – eine Strecke von 800 Kilometern zwischen Saint-Jean-de-Pied-de-Pot (Frankreich) über Pamplona und Léon bis nach Santiago de Compostela. Eine Route, die viele Gläubige pilgern und auch andere Menschen nutzen, um sich selbst zu finden und Erfahrungen zu sammeln. Pilgern beschränkt sich nicht auf die christliche Religion und den Weg zum Grab des Apostels Jakobus. Diesen Weg zu gehen ist ein Traum vieler. Nicht erst seit Hape Kerkelings Roman “Ich bin dann mal weg” erfreut sich der Weg großer Beliebtheit. In einem Interview mit dem Spiegel beschreibt Kerkeling den Auslöser für seine Reise als die Flucht aus einer Lebenskrise, in der er steckte, und um seine Zweifel in einer Auszeit ins Reine zu bringen – er wollte zu sich und Gott finden. Der Weg, den er dabei ging, war ihm aber egal.

” [...] eigentlich ist es fast gleichgültig, wo man läuft. Aber dieser Jakobsweg existiert eben seit über tausend Jahren, und ich bilde mir ein, das hinterlässt Spuren, auch unsichtbare: Legenden und vieles mehr. Vor allem trifft man erstaunlich viele, die ebenso auf der Suche sind.”

www.spiegel.de/spiegel/a-422676.html, Tagebücher: Hape Kerkeling über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg, letzter Zugriff 7. März 2013

Auf eine Art Suche schickte der Regisseur Emilio Estevez in seinem Drama “Dein Weg” (2012), den wir am 11. Dezember 2012 in unserem religionswissenschaftlichen Filmseminar schauten, einen trauernden Vater – im wahren Leben auch sein Vater. Wie sehr ändert solch eine Reise einen Menschen?

Was passiert im Film?

Tom Avery (Martin Sheen) ist ein verwitweter Augenarzt. Seine Praxis und der Golfclub gehören zu seinem alltäglichen Leben. Seinen Sohn Daniel (Emilio Estevez) versteht er nicht – schmeißt die Doktorarbeit und reist durch die Welt. Während eines Golfspiels erhält der Arzt eine traurige Nachricht: sein Sohn verunglückte bei einer Wanderung auf dem Jakobsweg tödlich. Tom begibt sich auf den Weg nach Frankreich, um die Überreste zu identifizieren und zu entscheiden, was mit der Leiche geschehen soll. Tom lässt seinen Sohn einäschern. Anstatt danach nach Hause zu fahren, nimmt er sich Daniels Rucksack und seine Urne und begibt sich in die Fußstapfen seines Sohnes, um den Weg für ihn zu beenden. Wütend und einsam versucht er seinen Sohn während des Weges zu verstehen.

Auf seiner Reise bleibt Tom nicht lange allein. Bald lernt er Jost aus Amsterdam (Yorick van Wageningen) kennen, der übergewichtig ist und den Jakobsweg als eine Möglichkeit zur Gewichtreduktion ansieht. Tom schafft es nicht, ihn los zu werden. Jost ist sehr geschwätzig und Tom möchte lieber für sich sein. Je weiter sie den Camino zusammen gehen, desto mehr freundet Tom sich mit dem Holländer an – wenn auch nur widerstrebend.

Sehr schnell wird Tom beigebracht, dass der Jakobsweg nie für jemand anderen (Toms Sohn Daniel), sondern nur für sich selbst gegangen wird. Während der Reise verteilt Tom immer wieder Teile der Asche seines Sohnes an bestimmten Plätzen auf den Weg und hat Erscheinungen von Daniel. Auf einem Zwischenstopp trifft Tom auf die Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger), die den Weg geht, um am Ende mit dem Rauchen aufzuhören. Sie schließt sich dem Duo an. Der Vierte im Bunde wird der irische Reisebuchautor Jack (James Nesbitt), der hofft, seine Schreibblockade durch das Pilgern zu lösen. Er sagt, dass niemand den Weg zufällig gehe. Zu viert erobern sie – trotz einiger Konflikte – den Jakobsweg, werden Freunde und kommen verändert ins Ziel.

Die Charaktere und deren Wandlung

Fünf wichtige Personen begleitet der Rezipient auf ihrer Reise. Vier von ihnen erhalten die Chance, ihr Leben zu ändern, durch die Erfahrungen, die sie auf dem Weg machen.

Daniel suchte das Erlebnis. Er lebte nach keinen Regeln oder Festlegungen, sein eigener Kopf steuerte ihn. Für Daniel war das Ziel erst auf dem Weg zu finden. Er wollte Freiheit – “ein Leben, das gelebt wird”. Leider verstirbt er am Anfang dieser Reise. Dadurch erhält er nicht die Chance, eine mögliche Veränderung durchzumachen. Dies wäre interessant gewesen zu sehen.

Im Film wird dem Zuschauer als Antrieb für die Figur des Toms, den Weg zu gehen, der Wunsch nach einem besseren Verständnis für seinen Sohn vermittelt. Zu Beginn wird er als sehr stur, verbittert und verschlossen dargestellt. Er ist ein Gewohnheitsmensch. Auf dem Golfplatz wird deutlich, dass Tom zu bequem ist, um einen Meter zu gehen. Er tritt antriebslos und nicht sehr religiös (zu Beginn fragt ihn ein Priester, ob er beten wolle und Tom fragt, wofür er das tun solle) auf. Er hat ein geregeltes Leben, was ihm gefällt. Seine Bequemlichkeit legt er mit dem Entschluss, den Weg zu gehen, schon im Vorfeld ab und sein geregeltes Leben verlässt er somit auch. Er lässt sich auf andere Sachen ein und hört auf andere Menschen – er wird Mitglied einer Gruppe. Die Gruppe schafft es auch, dass er offener wird.

Jost will für seine Frau und den Arzt abnehmen. Dem Zuschauer wird er als freundlich und aufdringlicher Mensch dargestellt, der gerne verdrängt. Dass er ein Genussmensch ist, fällt schnell auf, da er bei jeder Gelegenheit etwas isst. Zum Schluss geht er den Weg nicht mehr für seine Frau und das Abnehmen, sondern für sich selbst.

Sarah möchte mit dem Rauchen aufhören, aber auch vor ihrer Vergangenheit fliehen. Sie tritt als sehr stereotypisch denkende Person auf und verurteilt Menschen schnell. Gleichzeitig erscheint sie dem Zuschauer aber auch als sehr einfühlsam. Letztendlich lernt sie mit ihrer Vergangenheit zu leben und gibt das Rauchen nicht auf.

Jack möchte seine Schreibblockade lösen. Er ist unzufrieden mit seinem Job und gegen die Kirche, da sie für ihn ein Tempel der Tränen ist. Er hat ein offenes Gemüt. Am Schluss hat er ein Thema zum Schreiben und betritt eine Kirche.

Martin Sheen und Emilio Estevez über “Dein Weg”, Religion und Selbstfindung

Die Dreharbeiten zum Film – der erst eine Dokumentation werden sollte – begangen am 21. September 2009 und dauerten 40 Tage. Während dieser Zeit wanderten sie 300-350 Kilometer. Sheen und Estevez sind irisch-spanischer Abstammung und standen deshalb unter enormen Druck, dass der Film gut wird. In einem Interview bemerkte Estevez, dass die Spanier nicht wussten, ob der Film den Camino nicht ins lächerliche zog. Aber Martin und Emilio wollten den Camino und die Pilgerfahrt anpreisen.  Nicht viele Amerikaner pilgern für sechs Woche, sollten es nach Sheen aber tun. Für ihn ist das Leben an sich eine Pilgerreise. Wird die Reise angenommen, geschieht das mit Körper und Seele und trifft man dann auf andere, wird eine Gemeinschaft gegründet. Alle Menschen gehen den Camino aus unterschiedlichen Gründen – einige mit Trauer, Zerbrechlichkeit, aber die Freude entsteht während des Zusammenseins mit anderen.

Für Martin Sheen war es besonders schwierig, Tom zu spielen und nicht sich selbst. Denn Tom ist kein praktizierender Katholik, sondern einer, der vom Glauben abgefallen ist und erst im Laufe der Geschichte dorthin zurück findet. Für Emilio Estevez ist “Dein Weg” ein Film über Spiritualität und nicht über Religion (http://www.heyuguys.co.uk/the-way-interviews-martin-sheen-emilio-estevez-and-david-alexanian/). Es geht um Selbstfindung und keine spezifische Religion, da Religion seiner Meinung nach eine Tendenz hat, die Menschen zu trennen.  Die Mehrzahl der Pilger, die sie trafen, waren nicht Gläubige. Für Emilio Estevez war es auch sehr schwierig zu filmen, ohne eine Kirche im Hintergrund zu sehen. Die Kirche reichte für ihn als Symbol für die Rolle, die der Katholizismus in Spanien spielte, damit die Zuschauer nicht überflutet wurden.

Im Film sind verschiedene Charaktere zu sehen, nicht nur die Hauptdarsteller, sondern auch andere Wanderer, die echte Pilger sind. Die meisten Menschen brechen mit einem Ziel auf und beenden den Weg mit ganz anderen. Sheen und Estevez trafen Gläubige und nicht Gläubige, die nicht wussten, warum sie den Weg gingen, aber davon überzeugt waren, dass sie es tun mussten. Wie auch im Film gesagt wird, dass niemand aus Zufall dort sei. Dass es Menschen gab, die sich trafen und verliebten (trifft auf Estevez Sohn Taylor zu, der 2003 den Camino wanderte und seine jetzige Ehefrau traf). Es ändere Leben in vielen Varianten.  Für Martin Sheen sind die Erfahrungen auf dem Camino so universell und können Leben und Beziehungen ändern. Neben Problemen, geht es darum, wie Menschen herausfinden, dass sie geliebt werden und beginnen einander zu lieben.

Auf die Frage, warum diese Reisen immer noch so wichtig seien, antwortete Estevez folgendes:

“Aren’t they really a metaphor for life?  The path to Camino — are you walking in integrity?  Are you walking in truth?  Isn’t it really our first instinct, after breathing, [...] and eating, isn’t one of our primary instincts is to, to get up on two legs?  And move forward?  And take that step?  That’s a natural yearning, that we all have.  The fact that, that people,continue to go out, and continue to do, whether it’s this pilgrimage or Mecca or any of the other pilgrimages around the globe, they are an intense mediation.  An intense period of time where you are forced to look inward and we are currently living in a world that doesn’t really celebrate that.  You have to fight for that.  You have to fight for that time.”

http://blog.beliefnet.com/moviemom/2012/02/interview-emilio-estevez-of-the-way.html, letzter Zugriff 7. März 2013

Fazit

“Dein Weg” ist ein sehr emotionaler Film. Neben einigen Stereotypisierungen – Beispielsweise den kiffenden Holländer-, über die jedoch hinweggesehen werden können, malt Emilio Estevez mit seinem Film das Bild eines Vaters, der seinen Glauben und seinen Sohn verlor und schließlich einen Weg fand weiter zu leben und Dinge zu entdecken, die wichtig für ihn sind. Der Film eignet sich gut für einen gemütlichen Fernsehabend, obwohl er einen traurigen Schicksalabschnitt anschneidet, aber gleichzeitig viel Hoffnun gibt und schöne Landschaftsbilder zeigt. Außerdem erhält der Zuschauer viele Informationen über den Jakobsweg und das Pilgern – ein Thema, was für alle Menschen, egal ob sie einer Religion angehören oder nicht, interessant sein kann.

Sich zum Pilgern auf den Jakobsweg zu entscheiden, verlangt das Aufgeben seines alltäglichen Lebens, ein spontanes und einfaches Leben muss her. Sich dafür zu entscheiden, mag für viele bereits ein großer Schritt sein. Es kann ein Anfang für Veränderungen sein, da man sich dem Fremden öffnen muss. Deshalb kann pilgern auf dem Jakobsweg, oder eine ähnliche Reise, durchaus einen Menschen ändern. In “Dein Weg” wird dies sehr deutlich. Solch eine lange Zeit mit sich allein zu sein, ohne Ablenkungen neuer Medien oder den Arbeits- und Alltagsstress, lässt einen über sich und das Leben nachdenken – über das, was wirklich wichtig ist. Und auch durch andere Mitwanderer beginnt man zu grübeln und ist fähig, daraus etwas für das eigene Leben zu lernen.

Neben der Selbstfindung ist im Film noch ganz deutlich zu sehen, dass das “wahre Pilgern” – worüber sich in “Dein Weg” oft unterhalten wird – zur religiösen Autorität wird.

Quellen

 

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