28. Mai 2014 von s_6fdi4h Biblisch-religiöseMotive2013/14 0

Das Evangelium nach Jesus Christus – oder: eine andere Sichtweise auf die Geschichte

„Das Evangelium nach Jesus Christus“ wurde von José Saramago im Jahr 1991 im Caminho Verlag veröffentlicht. Es handelt von Jesus’ Lebensweg als Mensch mit Fehlern und Zweifeln. Verschiedene Inhaltsanagaben (englisch) finden sich unter folgenden Adressen:

http://www.examiner.com/article/review-the-gospel-according-to-jesus-christ-by-jose-saragamo (letzter Zugriff: 03.03.2014)

http://blogcritics.org/book-review-the-gospel-according-to1/ (letzter Zugriff: 03.03.2014)

In dieser Analyse soll aufgezeigt werden, wie das Buch bewertet werden kann und wie Saramago Jesus als Menschen darstellt. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die Textanalyse gelegt.

Analyse

„Das Evangelium nach Jesus Christus“ ist ein sehr umstrittenes Buch. 1992 wurde von einem portugiesischem Politiker empfohlen, es von der Nominierungsliste für den Literaturnobelpreis zu streichen, da es die Gefühle portugiesischer Christen verletze.[1] Hierauf reagierte Saramago äußerst ungehalten, während ihn die Kritik des Vatikans – auch in seinem Nachruf bezeichnete man ihn als populistischen Extremist [2] – wenig interessierte.

Saramago beschreibt einen menschlichen Jesus mit abweichenden Gedanken und Fehlern in dem Versuch Gottes Plan zu erfüllen, von dem er erst spät erfährt und gegen den er sich sträubt. Dieser Jesus wurde biologisch gezeugt, wuchs jüdisch und gläubig auf, zog im Streit von seiner Familie, verliebte sich und wollte ein Leben führen, bis Gott ihm einen anderen Weg zeigte, den er gehen sollte.

Der gläubige Leser/die gläubige Leserin, der/die eventuell die ersten 400 Seiten verkraftet hat, ist spätestens an dem Punkt verzweifelt, an dem Gott Jesus erklärt, dass dieser eigentlich nur sein „PR-Gag“ ist, um endlich mehr Gläubige gegenüber den anderen Göttern zu gewinnen. Auch, dass er dabei Hilfe von seinem äußerlichem Zwilling, dem Teufel, erhält, der zeitweise auch noch vernünftiger dargestellt wird als Gott, mag dem Lesenden sauer aufstoßen.

Zusätzlich macht der extrem parataktische Stil Saramagos beim Lesen ziemlich Kopfschmerzen. Selten ist ein Satz kürzer als zehn Absätze, wörtliche Rede wird lediglich durch Kommata getrennt, und es fällt beim unkonzentriertem Lesen schnell schwer zu erkennen, was sich worauf bezieht.

Wer sich aber darauf einlassen mag, sieht ein kritisches Werk, voller ironischer Seitenhiebe, die einem nicht selten ein keuchendes Auflachen entlocken.

Zweifellos stellt Saramago viele „Erkenntnisse“ in Frage und bietet häufig alternative Erklärungen. Für den/die Religionswissenschaftler/in halte ich es definitiv für einen Gewinn, um verschiedene Sichtweisen auf ein Thema zu entdecken.

Auch der Reaktion auf das Buch bedarf es besonderer Beachtung, da es doch von den einen gehasst, und von den anderen als „Roman der Extraklasse“ bezeichnet wird [3].

Rezeptionsanalyse

In der Rezeptionsanalyse soll besonders darauf geachtet werden, wie Jesus als Mensch dargestellt wird. Bereits an vielen kleinen Fakten wird deutlich, dass Saramago der Person des Jesus gewisse Wunder entzieht.

Zunächst wird Jesus nicht wie in der Bibel durch den Heiligen Geist gezeugt, sondern durch Joseph und Maria auf biologische Weise (S. 27) → Mt 1, 18; Lk 1, 36.

Dann ist es nicht der Stern über Bethlehem und der Engel, der die Hirten zu Jesus Geburtsstätte führt (Lk 2, 8-20), sondern lediglich das laute Schreien der gebärenden Mutter (S.91).
Besonders auf die Menschlichkeit Jesu hinweisend ist an dieser Stelle folgender Satz:

„Der Sohn des Joseph und der Maria kam auf die Welt wie alle Menschenkinder, besudelt vom Blut der Mutter, klebrig von ihren Klebrigkeiten und in stummen Leiden.“ (S.91)

Wie alle Menschenkinder – Jesus wird hier den anderen Neugeborenen gleichgestellt.

Nicht ein Engel warnt Joseph vor Herodes Plan alle Kinder in Bethlehem zu ermorden (Mt 2, 13) sondern Joseph hört von dem Plan während seiner Arbeit am Tempel in Jerusalem (S. 120)

Dies sind nur einige Beispiele für Saramagos Entzauberung der Jesus Figur. Zwar finden an einigen Stellen „Wunder“ statt, diese gehen aber von Gott oder dem Teufel aus.
Wie auch der Klappentext sagt: “Jesus als Mensch unter Menschen”, so kann Jesus durch diese Beispiele verstanden werden. Die Abänderung der Geschichtsabläufe vom biblischen Vorbild in dieser Rezeption entzaubern Jesus’ Person und stellen ihn als Menschen dar.

Perikope

Zur Rezeptionsanalyse wird die Perikope des Exorzismus an Dämonen in eine Schweineherde durch Jesus analysiert (Mt 8, 28-34, Mk 5, 1-20, Lk 8, 26-39).

Zunächst ist festzustellen, dass die Evangelien die Geschichte von Jesus Exorzismus unterschiedlich erzählen. Matthäus berichtet sehr knapp, wie Jesus auf zwei Besessene trifft, die ihn anschreien ob er, der Sohn Gottes, gekommen ist um sie vor der Zeit zu quälen und ihn bitten in die nahe weidende Schweineherde fahren zu dürfen. Jesus sagt „Geht hin“ und die nun besessene Schweineherde stürzt in das Wasser (vgl. Mt 8, 28-32).

Markus beginnt die Geschichte zu erweitern; zunächst kommt ein Besessener auf Jesus zu, woraufhin Jesus ihn auffordert den Menschen zu verlassen. Der Dämon fragt was er mit dem Sohn Gottes zu schaffen hat und bittet darum von Jesus nicht gequält zu werden.  Jesus fragt nach dem Namen des Dämonen, welcher antwortet: Legion ist mein Name, denn wir sind viele. Anschließend bitten die Dämonen die Gegend nicht verlassen zu müssen und in eine nahe Schweineherde fahren zu dürfen. Jesus gestattet es ihnen, was erneut dazu führt, dass die Schweine ertrinken. Die Schweinehüter, die gesehen hatten was passiert war, liefen in die nächste Stadt und holten deren Bewohner, die angsterfüllt darum bitten, dass Jesus den Ort verlässt. Der ehemals Besessene bittet Jesus ihn begleiten zu dürfen, Jesus aber fordert ihn auf zu seiner Familie zu gehen und zu berichten was Gott für ihn getan hat. Der ehemals Besessene zieht von dannen und berichtet im “Zehnstädegebiet” was Jesus für ihn getan hat (vgl. Mk 5, 6-13).

Lukas’ Version dieser Geschichte ähnelt der von Markus. Auch hier kommt ein Bessesener zu Jesus und fragt diesen, nachdem er den Dämonen gebietet den Körper zu verlassen, was dieser mit dem Sohn Gottes zu schaffen habe. Jesus fragt nach dem Namen des (in dieser Überlieferung) Geistes und erhält die Antwort “Legion”. Anschließend wird er gebeten den Geist  in die Schweineherde fahren zu lassen. Jesus erlaubt es und die Schweineherde stürzt den Abgrund hinab in den Tod. Auch hier fliehen die Hüter und holen Bewohner der nächsten Stadt, die Jesus in ihrer Furcht bitten zu gehen. Der ehemals Besessene möchte auch in Lukas’ Version Jesus begleiten dürfen, wird aber von Jesus aufgefordert seiner Familie von Gottes Tat zu berichten. Wie auch bei Markus geht der Mann in die Stadt und berichtet was Jesus für ihn getan hat (vgl. Lk 8, 26-39).

Saramago’s Beschreibung dieser Perikope ist aufgrund der Erzählform natürlich um einiges umfassender. Die Handlungsabfolge berichtet, wie ein Mann Jesus und seinen Gefährten in den Weg tritt. Die Wärter des Mannes warnen Jesus durch „Armgefuchtel“ er möge sich vor der Gefahr in Sicherheit bringen. Jesus bleibt und der Besessene wirft sich vor Jesus hin und ruft: „Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, du Sohn des höchsten Gottes, ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht.“

Jesus fragt nach dem Namen des Mannes, worauf dieser antwortet er sei Legion, denn sie wären viele. An dieser Stelle fordert Jesus die Geister auf den Besessenen zu verlassen, diese aber schreien auf und bitten ihn die bekannten Gefilde nicht verlassen zu müssen. Als Jesus fragt wohin sie wollen, fordern sie in die nahe liegende Schweineherde fahren zu dürfen.

Nach kurzer Überlegung lässt Jesus dies zu und nachdem die Geister in die Schweine fuhren, stürzen sich die zweitausend Schweine einen Hang hinab ins Wasser. Die wütenden Hirten bewerfen Jesus mit Steinen und beginnen bereits den Schaden, den Jesus zu erstatten hat zu berechnen. Jesus versucht noch die Hirten ruhig zu stimmen, wird aber von seinen Begleitern überzeugt zu verschwinden (vgl. S. 403-407).

Auch hier soll ein besonderer Schwerpunkt auf die Jesus Darstellungen gelegt werden.

In jeder Version dieser Geschichte wird Jesus explizit als Sohn Gottes bezeichnet, auch bei Saramago, der darstellt, dass Jesus’ Identität hier das erste Mal offenbart wird. In den drei Evangelien gibt Jesus die Erlaubnis, dass die Dämonen in die Schweineherde fahren dürfen. Dies suggeriert seine Macht. Dem Gegenüber steht, dass der Vorschlag in die Schweine zu fahren jedes Mal von den Dämonen ausgeht und somit Jesus zwar zum mächtigen, aber zum Reagierenden wird. Bei Lukas wird dieses reaktionäre Verhalten dadurch aufgelöst, dass die Dämonen bitten nicht in den Abgrund, sondern in die Schweine zu fahren, Jesus lässt sie und so landen sie Schlussendlich doch im Abgrund. Das lässt auf eine Voraussicht von Jesus schließen.

Die Schweinehüter holen in den Evangelien die Bewohner der nächsten Stadt, die in ihrer Angst Jesus darum bitten den Ort zu verlassen. Jesus’ Macht über die Dämonen flößt ihnen Angst ein.

Bei Markus und Lukas möchte der dankbare Mann bei Jesus bleiben, welcher das nicht akzeptiert. Jesus fordert ihn stattdessen auf seiner Familie zu berichten was Gott für ihn getan hat. Jesus macht also deutlich, dass die Macht von Gott kommt, nicht von ihm. Zusätzlich möchte er, dass die Geschichte sich nicht groß verbreitet, sondern nur mit dem kleinsten Kreis geteilt wird.

Der ehemals Besessene berichtet aber einer ganzen Stadt von dem was passiert ist und von dem was Jesus ihm getan hat, nicht Gott. Die Menschen bewundern also Jesus für die Taten, die dieser Gott zuschreibt.

Saramagos Darstellung weicht sehr von dem der Evangelien ab. Besonders deutlich machen das die Überlegungen Jesu:

“Und Jesus fragte, Wohin wollt ihr. Es weidete aber da am Berge eine große Herde Säue, und die unreinen Geister baten ihn und riefen, Laß und in die Säue fahren, Jesus überlegte, und es schien ihm eine gute Lösung, meinte er doch, diese Tiere gehörten Heiden, da Juden Schweinefleisch für unrein halten. Auf den Gedanken, die Heiden könnten zugleich mit den Schweinen, die in ihnen gefangenen Dämonen, verspeisen und würden besessen, kam Jesus nicht, so wenig wie er voraussah, was sich im folgendem dann leider zutrug. Fürwahr, selbst ein Sohn Gottes, und dieser im Übrigen noch nicht gewöhnt an eine so hohe Abkunft, vermag, wie bei einem Schachspiel, nicht alle Folgen eines einfachen Zuges, einer schlichten Entscheidung vorauszusehen. “

In dieser Gedankensequenz mit den Anmerkungen des auktorialen Erzählers wird klar, dass Jesus nicht als perfekt dargestellt wird. Er denkt lange darüber nach ob die Idee der Dämonen eine Gute ist, und kommt zu einem Ergebnis, dass der Erzähler als zu wenig durchdacht darstellt. Allerdings steht Jesus die undurchdachte Entscheidung dem Erzähler nach auch zu, denn auch als Sohn Gottes ist Jesus nicht perfekt.

Die Reaktion der Hirten ist nicht von Angst und Unsicherheit geprägt, sondern von Wut und Vergeltung. Auch wenn Jesus an dieser Stelle als Sohn Gottes enttarnt wird, wird er nicht als solch einer erkannt.

Kritiken

In Saramagos Werk findet sich viel Kritik an kirchlichen Doktrinen und Verhaltensweisen. Er verpackt seine Kritik in ironischen Aussagen über und von Charakteren in dem Buch.

Saramago beschreibt zum Beispiel wie Maria ihren Mann und einige Geistliche aus der Synagoge beobachtet, während sie einen Napf vergraben, den Maria von dem Bettler bekam, der ihr ihre Schwangerschaft verkündete. In dem Napf befand sich leuchtende Erde. Vorab macht Maria sich viele Gedanken über die ungewöhnlichen Vorkommnisse. Joseph und die Männer machen während des Vergrabens Witze darüber, dass Joseph seiner schwangeren Frau nun ein Bett zimmern müsse. Maria beobachtet und hört was die Männern tun und im folgendem berichtet Saramago von ihren anschließenden Gedanken:

„Maria sah jene zum Tor schreiten und hinaustreten, sie aber, nun auf der Steinbank am Herd sitzend, ließ den Blick durch den Raum schweifen, suchte nach dem geeigneten Stellplatz für das Bett, falls der Mann sich entschlösse eines zu zimmern. An den irdenen Napf mochte sie nicht denken, auch nicht daran, ob der Bettler wahrhaftig ein Engel gewesen war oder ein Schalk, der sie nur zum Narren gehalten hatte. Eine Frau, der man ein Bett in Aussicht stellt, hat zu überlegen, wo es dann am Besten steht.“ (S.45)

Die ersten zwei Sätze scheinen klar Marias Handlungen und Gedanken darzustellen, während der dritte sowohl als ihr Gedanke, als auch als Kommentar des auktorialen Erzählers verstanden werden kann.

Marias Handlung scheint für den heutigen Leser, skurril und unpassend. Nach all den Gedanken, die sie sich um den mysteriösen Mann und sein Geschenk macht, sind ihre Gedanken nun, nach dem Vergraben des einzigen Beweises dieser Geschichte, ganz woanders und vergleichsweise banal.

Den dritten Satz ist als Kommentar des allwissenden Erzählers zu verstehen, da Saramago besonders an kritisierenden Stellen häufig auf dieses Mittel zurückgreift.

Nach der bereits irritierenden Reaktion Marias an den Standort ihres potenziellen Bettes zu denken, kommentiert Saramago wie recht sie damit liegt, denn: Eine Frau, der man ein Bett in Aussicht stellt, hat zu überlegen, wo es dann am Besten steht.

Dies zeichnet ein sehr unterwürfiges und gedankenloses Frauenbild. Die Gedanken, die Maria sich nicht machen soll, werden für etwas heute so banales wie ein Bett komplett nach Hinten gestellt.  Da es um die geistige Degradierung der Frau geht, ist davon auszugehen, dass sich die Kritik allgemein gegen die Überzeugung richtet, Frauen seien geistig weniger komplex gestrickt als Männer. Fortführend kann sich die Kritik auch an jene Frauen richten, die diese Degradierung – wie Maria – über sich ergehen lassen.
Lediglich textlich ist ironische Kritik selten fest zu stellen. Ironie verlangt vom Sprecher und Hörer (Schreiber/Leser) zunächst dasselbe Grundwissen. Jemand, der sich sehr mit der Figur des Josephs identifizieren kann und jene Wertevorstellungen teilt, kann in Saramagos Aussagen keine Kritik und nichts Ungewöhnliches entdecken. Wer weiß, dass Saramago als Querdenker verstanden wurde und politisch äußerst aktiv war, mag bereits erkennen, dass Saramago nicht meint was er schreibt, und wer zusätzlich die Meinung des Geschriebenen nicht teilt, der identifiziert es als ironische Kritik.

Selbstverständlich könnte Saramago diese Passage aus tiefster Überzeugung so geschrieben haben. Dennoch ist der vorhergehende Bruch im Kopf des Lesers (auch des Lesers von 1991) in Form von Marias unerwarteten Gedanken, sowie der Lebensweg Saramagos, sehr wahrscheinlich ein Indikator für die ironisch-kritische Bedeutung dieser Aussage.

Internetquellen (letzter Zugriff 12.02.2014)

[1]  http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-06/saramago-portugal-nobelpreistraeger

[2]  http://www.shortnews.de/id/837266/vatikan-zeitung-tritt-verbal-nach-verstorbene.r-jose-saramago-sei-anti-religioes

[3]  http://www.amazon.de/review/R3A8N3HKQAGMUB/ref=cm_cr_dp_title.ie=UTF8&ASIN=3499223066&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books

Literaturquellen

Christliche Schriftenverbreitung Hückeswagen (Hrsg), Die heilige Schrift, Elberfelder Übersetzung. Edition CSV Hückeswagen, Hückeswagen 2006.

Saramago, Josè, Das Evangelium nach Jesus Christus,  Rowohlt Verlag, Hamburg, 1998.