17. Juli 2015 von ldejong Biblisch-religiöseMotive2013/14 0

“Mirjam” von Luise Rinser

Allgemeines.

Das Buch „Mirjam“ erschien im Jahre 1983. Eine Inhaltsangabe lässt sich auf zahlreichen Internetseiten finden, aber ganz grundsätzlich gibt es vor allem einen Inhalt: es geht um das Leben Jesu, wie es auch in den Evangelien steht. Handlungsstränge, Personenkonstellationen und Ereignisse stimmen mit den wesentlichen Niederschriften und Überlieferungen der verschiedenen Evangelisten überein. Das Besondere ist jedoch, dass alle Geschehnisse aus der Sicht einer Frau erzählt werden. Es ist Mirjam, die aus ihrer Perspektive erzählt und das Wirken Jesu beschreibt. Aus diesem Grund wird Luise Rinsers Buch auch als „Fünftes Evangelium“ bezeichnet, das Erste aus der Sicht einer Frau. Hier muss man jedoch ganz stark auf die Gattung des Buches verweisen. „Mirjam“ ist ein Roman, der explizite und detailgetreue Schilderung der Umstände enthält und diese mit Kundgebungen von Gefühlen verknüpft. Spannend ist, wie sich die Emanzipationsfrage des weiblichen Geschlechts durch die Geschichte zieht. Immer wieder scheinen Ideale einer Frau vermittelt zu werden, es geht folglich nicht nur um die Sicht einer Frau, sondern auch um die weiblichen Ansprüche an ein „erfülltes“ Leben. Diese Aspekte gilt es im Folgenden herauszuarbeiten und zu betonen.

Erzähltextanalyse.

Mirjam bedeutet auf aramäisch „Maria Magdalena“. Es geht um die aramäische Maria aus Magadala, die von ihrem Leben an der Seite Jesu berichtet und die wesentlichen Ereignisse auf ihre Art und Weise schildert. Mirjam ist folglich die Protagonistin, die als Ich – Erzählerin berichtet. In der Geschichte selber nimmt sie eine autodiegetische Stellung ein, da sie Teil des Geschehens ist und als eine Art Hauptperson ihre Erfahrung mit Jesus schildert. Durch das Buch hindurch zieht sich eine interne Fokalisierung. Mirjam spricht rückblickend (im Präteritum) über die Zeit mit dem Propheten, IHREM Jesus. In der gewählten Form, also der Ich-Perspektive, wehrt sich die Protagonistin gegen den Ruf als Prostituierte und bringt ihre Meinung deutlich zum Ausdruck. Sie beteuert ihre Vertrauenswürdigkeit und kritisiert die anderen Evangelisten.

Mirjam – die emanzipierte Protagonistin.

Eine kurze Darstellung der jüdischen Familie, in der Mirjam aufgewachsen ist, konzipiert zunächst die Rahmenbedingungen der Erzählung. Mirjams Mutter stirbt als junge Frau und warnt ihre Tochter vor der Ehe. Sie scheint sich für die emanzipierte Frauenrolle stark zu machen und warnt Mirjam davor, sich an einen Mann zu binden und somit ein Abhängigkeitsverhältnis einzugehen. Mirjam aus Magdala lebt nach dem frühen Tod ihrer Mutter mit ihrem Bruder und ihrem Vater zusammen. Sie ist wissbegierig, möchte lernen und die Thora genau studieren. Eine schwierige Rolle in den damaligen Verhältnissen, da Bildung vor allem den Jungen und Männern vorbehalten war. Mirjam setzt sich schließlich durch und lernt die Thora mit Hilfe ihres großen Bruders, der anschließend als Mönch in die Wüste zieht. Hier scheint schon ein Indiz für die Sicht der Frauenrolle und die Auffassung der Autorin enthalten zu sein. Mirjam (wie auch ihre Mutter) wehrt sich gegen die stereotype Rolle und Position in der Familie, sie lernt und verfügt über ein hohes Bildungsniveau. Ihr Vater, der sie bereits in jungen Jahren verheiraten will, stirbt ebenfalls und somit lebt die junge Jüdin auf sich alleine gestellt. Sie ist selbstständig, reich aber einsam. Sie ist attraktiv, schön und vor allem ist sie klug. Auf Männer wirkt Mirjam wie ein Magnet, wobei sie unnahbar erscheint und keinerlei Interesse an Beziehungen zu Männern hat.

Die Handlungsstränge

Im Kindesalter trifft sie zum ersten Mal auf Jeschua, Jesus. Er hinterlässt einen bleibenden Eindruck und fasziniert Mirjam von dem ersten Moment an. Jeschua lockt sie mit einer Geste, die Mirjam gleich versteht – sie verliert ihn jedoch aus den Augen und macht sich schließlich auf die Suche nach ihm. Die Handlung baut chronologisch auf. Protagonistin Mirjam macht sich im Laufe der Geschichte mehrmals auf den Weg, um ihren Bruder und Jeschua zu begegnen. Sie hat keine Angst vor der langen Reise, macht sich aus einem eigenen Entschluss auf den Weg und symbolisiert somit ein weiteres Mal Mut und Willensstärke. In einer zweiten Reise trifft sie auf Jeschua und Johannes. Sie bricht ihre Zelte in der Heimat ab und schließt sich Jeschua und seinen Jüngern an. Diese Jünger sind bei Luise Rinser folgende:
Schimon (Fischer), Johannes (Täufer), Judas (Kassenwart), Andreas, Jacob, Philippos, Bartholomäus und Matthias (Zöllner). Johanna, Schoschana, Schulamit, Simon (aus Kanaa) und Johannes (der Junge). Von dort an schildert Mirjam die Handlungen und Geschehnisse rund um Jeschua.Schwierig scheint für die Protagonistin immer wieder das eigene Geschlecht zu sein.Sie versucht ihre Identität zu legitimieren und ihre Anwesenheit in der Runde zu begründen. Ihre Aufgaben seien es nicht, für die Männer zu kochen und für Ordnung zu sorgen. Sie sieht sich als gleichwertiges Mitglied der Gemeinschaft, aber auch als Jeschuas nächste Vertraute und in diesem Sinne den anderen Jüngern überlegen.

Die Beziehungsgeflechte

Im Laufe der gemeinsamen Zeit mit Jesus und den Jüngern lernt Mirjam viel dazu und entwickelt gleichzeitig eine emotionale Nähe zu „ihrem“ Propheten. Sie genießt das Miteinander, freut sich über Zweisamkeit und entwickelt tiefe Gefühle für Jesus. Fraglich ist an diesem Punkt, welche Qualität die Gefühle haben. Ist es die reine Begeisterung, die tiefgehende Sympathie und eine enge Freundschaft, oder aber sind es Gefühle der Liebe, einer partnerschaftlichen Liebe zwischen Mann und Frau? Diese Frage scheint die Autorin bis zum Schluss offen zu lassen, immerhin kommt es zwischen Mirjam und Jeschua kaum zu körperlichen Zärtlichkeiten. Die gegenseitige Wertschätzung überschreitet nie die Ebene eines Kusses, jedenfalls ist von weitergehenden Momenten nicht die Rede. Wie schon erwähnt, ist auch von Jehuda, also Judas, die Rede. Er ist, in dem Buch von Luise Rinser, der betrügerische Kassenwart. Er interessiert sich vor allem für sein eigenes Wohlergehen, verfolgt eigene Ziele und stellt seinen Profit über das Wohl der Gruppe. Jehuda vertritt nicht das gleiche Werteverhältnis wie Jeschua. Er versteht die wesentlichen Aussagen nicht und positioniert sich beispielsweise ganz konkret auf einer gewaltbejahenden Seite. Dennoch übernimmt er die Verteidigung Jeschuas, als es am Felsen zu einem ersten Tötungsversuch kommt. Auch die Person Johannes der Täufer ist von wesentlicher Bedeutung in dem Werk. Mirjam, die Ich-Erzählerin, beschreibt ihn als sehr verlässlich und vertrauenswürdig. Im Nachhinein sagt die Protagonistin auch, dass Johannes der einzig „seriöse“ Evangelist sei. Gemeinsam mit Mirjam scheint Johannes einer der engsten Vertrauten Jesu zu sein. Laut Mirjam ist er kindlich und liebenswert. Spannend ist aber auch, in welch unterschiedlicher Weise Jesus auf die Menschen und seine Jünger wirkt. Einerseits fasziniert er sein Umfeld und sorgt für Verwunderung und Anerkennung. Andererseits schüchtert er, besonders seine Jünger, mit manchen Handlungen und Aussagen ein. Jeschua scheint schwer kalkulierbar, er handelt teilweise undurchsichtig und nicht nachvollziehbar.

Die Relevanz der biblischen Elemente bei Luise Rinser

Wie schon erwähnt, orientiert sich die Autorin sehr stark an den vier Evangelien und übernimmt wesentliche Elemente des neuen Testaments. Die von Rinser aufgeführten Ereignisse und Wundertaten, die die Protagonistin Mirjam mit Jeschua und den Jüngern erlebt, lassen sich so bei Lukas, Matthäus und Markus wiederfinden. Die Eindrücke sind jedoch durch eine weiblich emanzipierte Sichtweise gefärbt und werden somit aus einem völlig neuen Blickwinkel erzählt. Das Buch „Mirjam“ enthält zahlreiche Gleichniserzählungen, wie das Gleichnis vom Senfkorn, vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf, von den klugen und törichten Jungfrauen, vom barmherzigen Samariter, vom Sämann, das Gleichnis vom Zöllner und viele weitere. Ergänzend dazu werden jüdische Traditionen thematisiert und charakterisiert wie beispielsweise die Beschneidung, der Sabbat und das Freitagsgebet. Auch die bekannten „Ich-Bin“ Worte Jesu und viele Predigten werden „wahrheitsgetreu“ und sehr nah an den Evangelien übernommen.

Der bewusste Bruch mit den Evangelien

Im Gegensatz zu diesen biblischen Charakteristika stehen ganz klar bestimmte Elemente, die Rinser wahrscheinlich ganz bewusst aufgenommen hat. Verwunderlich scheint zunächst die Tatsache, dass Josef bereits Kinder aus einer ersten Ehe hat. Dazu kommt das distanzierte Verhältnis zwischen Maria und ihrem Sohn Jesus. Auch das Leben im Zöllibat betont Luise Rinser aus der Sicht der Mirjam mit einer Art negativem Unterton. Die Relevanz der Abstinenz scheint sie in Frage zu stellen und somit zu kritisieren. So fragt die Mutter Schimons beispielsweise, warum die Jünger keine „klassische“ Ehe leben und keine Kinder in die Welt setzen. Ein weiterer Punkt, der für Irritationen sorgt, ist das Verhältnis der Jünger untereinander. Gattungstypisch geht Luise Rinser explizit auf die Beziehungen untereinander ein und beschreibt Spannungen und Eifersuchtsszenen. Eine Art „Gruppenharmonie“ wird ausgeschlossen. Im Raum der Erzählung steht die offene Diskussion über die Identität Jesu, seine Zeugung und seinen Werdegang. Ebenfalls betont die Protagonistin Mirjam immer wieder, auf wie viel Missverständnis die Aussagen Jeschuas gestoßen sind und stellt sogar heraus, dass er seine Jünger überfordere.

Die Autorin Luise Rinser erwähnt in ihrem Buch nur sehr knapp die Rolle des Simon Petrus und geht kaum auf ihn und seine Funktion ein. Besonders interessant scheint der Aspekt, dass Jesus Simon Petrus als seinen Verräter prophezeit. Da Simon Petrus in den Evangelien als Fels beschrieben wird, auf dem die heutige Kirche aufgebaut ist, hätte man an diesem Punkt einen höheren Stellenwert des Petrus erwartet. In diesem Fall könnte man sich genauer mit der Rolle und der Relevanz des Petrus auseinandersetzten. Kritisch zu sehen gilt hierbei die ihm zugeschriebene Rolle als eine Art Fundament der Kirche, heutzutage als der Repräsentant der katholischen Kirche.

Der Vergleich: Synopsen

Johannes (12.3) Markus (14. 3) Matthäus (26. 7) Luise Rinser „Mirjam“ S. 243
„(…) Da nahm Maria ein Pfund kostbaren echten Nardenöles, salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren. (…)“ „(…) kam während er zu Tische lag, eine Frau mit einem Alabastergefäß voll Salböls aus echter, kostbarer Narde, zerbrach das Gefäß und goß es aus über sein Haupt. (…)“ „(…) trat eine Frau zu ihm mit einem Alabastergefäß voll kostbaren Salböls und goß es über sein Haupt aus, während er zu Tische lag. (…)“ „(…) Ich zerschlug mein Fläschchen, träufelte etwas davon auf sein Haar und goß den Rest über seine Füße (…) Jeschua sagte: So oft man von mir und meinem Tod sprechen wird, nennt man auch diese Frau. (…)“

Der direkte Vergleich der Evangelien zeigt einen ganz deutlichen Unterschied der Darstellungsweise. Der Schwerpunkt liegt auf der physisichen Vorgehensweise während der Salbung. Bei Luise Rinser ölt Mirjam die Füße Jeschuas mit einem Öl, reibt die Füße ein und übergießt sie schließlich. Lukas scheint diese Szene nicht aufzugreifen, während Markus und Matthäus die Szene beschreiben. Bei diesen beiden Evangelisten gießt eine Frau das Öl über den Kopf Jesu. Es wird also nicht explizit darauf verwiesen, dass es sich hierbei um Maria Magdalena handelt und sie scheint in diesem Falle nicht besonders wichtig zu sein. Der Prozess des Ölens spielt sich sehr ähnlich ab, das kostbare Nardenöl wird über den Kopf Jesu gegossen. Im Evangelium nach Johannes hingegen wird Maria beschrieben, die zunächst das Nardenöl an sich nimmt, Jesu Füße einsalbt und diese anschließend mit ihren Haaren trocknet. Dass es die Haare sind, scheint hier von erheblicher Relevanz. Diese stehen im damaligen Kontext als Attribut der Weiblichkeit und Schönheit für einen sexistisch geprägten Hintergrund. Die symbolisierte Weiblichkeit opfert Maria Magdalena in der aufgeführten Textpassage. Sie kniet sich nieder (bildlich gesehen unterwirft sie sich!), neigt ihren Kopf nach unten und gibt ihre Haare hin, um Jesu zu dienen.

An dieser Stelle würde ich gerne aufführen, dass ein weiterer Vergleich mit passenden Stellen des Evangeliums leider nicht möglich war. Luise Rinser schmückt einzelne Szenen aus, die von den Evangelisten so nicht genannt wurden. Spannend erscheint der Aspekt, dass Maria die klagenden und weinenden Frauen ermuntert. Auf Seite 260 ist Maria die durchweg starke und geerdete Mutter Jeschuas, die den Frauen neue Kraft gibt und sie auf eine spezielle Art und Weise tröstet. Maria scheint somit das Idealbild einer sicher sorgenden aber trotzdem „sachlichen“ Mutter zu sein, die vor Stolz nicht aufzugeben wagt.

Fazit

Die aramäische Maria Magdalena steht bei Luise Rinser für den Inbegriff der weiblichen Emanzipation. Sie setzt auf Bildung und verzichtet dabei auf eine partnerschaftliche Bindung und wehrt sich gegen die familiären und gesellschaftlichen Konventionen. Mirjam ist stark, denn sie kämpft für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben. Sie ist wissbegierig, beschäftigt sich im Kindesalter mit der Thora und sieht sich schließlich als Schülerin Jeschuas. Dennoch ist sie liebevoll, fürsorglich und bereit zu lieben. Der weibliche Emanzipationsaspekt scheint sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman zu ziehen. Rinser schmückt Szenen immer wieder so aus, dass Mirjam im absoluten Fokus steht und bei dem Rezipienten Sympathien weckt. Sie ist der Dreh- und Wendepunkt der Geschichte. So sagt auch Jeschua, dass er auf sie zählt (Vgl. S. 262) und dass man Mirjam (also Maria Magdalena) nie vergessen werde, da sie ihm einst die Füße gesalbt hat.

Quelle

  • Rinser, Luise; “Mirjam”; 2. Ausgabe. 1988; S. Fischer Verlag.