08. März 2016 von s_swp8ut filmseminar2012/13 0

Requiem

von S. Leipe

Der Exorzismus bei Michaela Klingler

Der Film “Requiem” von Hans-Christian Schmid, erschienen im Jahre 2006, beruht auf einer wahren Begebenheit und zeigt, wie ein junges Mädchen den Exorzismus durchlebt und an den Folgen der Unterernährung schließlich stirbt.

Bei dem Exorzismus handelt es sich um eine Austreibung von bösen Geistern, die Besitz von einem Menschen genommenhaben. Mit Gebeten und Segnungen sollen diese Menschen von ihren Dämonen befreit werden. Die letzte Teufelsaustreibung fand in Deutschland  im Jahre 1975/1976 statt und wurde bei Anneliese Michel durchgeführt.

Der Film Requiem

Die 21-jährige Michaela Klingler zieht, nachdem sie die Zulassung für das Pädagogikstudium erhalten hat, ins Studentenwohnheim in Tübingen. Das junge Mädchen leidet seit ihrer Pubertät an epileptischen Anfällen und muss daher regelmäßig Tabletten einnehmen, seit einem halben Jahr sind diese Attacken allerdings ferngeblieben.  Aus diesem Grund versucht die Mutter den Umzug ihrer ältesten Tochter erst noch zu verhindern, gibt aber auf, als der Vater bereits ein Zimmer im Studentenheim reserviert hat.

In der ersten Vorlesung trifft sie Hanna, mit der sie damals zusammen das Gymnasium in ihrem Heimatdorf besuchte. Sie freunden sich an und verbringen viel Zeit gemeinsam. Als sie eines Abends auf einer Party sind, lernt Michaela den Chemie Studenten Stefan kennen. Zwischen den Beiden entwickelt sich nach vielen Verabredungen eine Liebe.

Während Michaela mit ihrer Familie an einer Wallfahrt nach Italien teilnimmt, erleidet sie einen epileptischen Anfall. Als der Rosenkranz auf den Boden fällt, kann sie diesen nicht mehr aufheben und hat einen Schüttelkrampf. Ihr Vater hilft ihr aus dieser Situation, gemeinsam verheimlichen sie es der Mutter.

Zurück in Tübingen, findet Hanna ihre Freundin Michaela eines Tages unter dem Schreibtisch vor, wo sie wieder einen epileptischen Anfall hat. In ihrer Angst wendet die Epileptikerin sich an den Pfarrer  Gerhard Landauer in ihrem Heimatsdorf und erklärt ihm, dass sie Teufelsfratzen sieht, die sie als Drecksschleuder beschimpfen. Er nimmt sie nicht ernst und rät ihr einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen.  Sie besucht daraufhin einen Arzt, doch glaubt nicht an die Heilungskraft der Medizin.

Einige Zeit später bekommt die junge Studentin überraschenderweise Besuch von dem Pfarrer Landauer und einem jungen Priester namens Borchert, der sich besonders für ihre Anfälle interessiert.  Er gibt ihr den Rat, auf die Kraft Gottes zu vertrauen. Daraufhin lässt sich Michaela wieder im Krankenhaus untersuchen. Nachdem der Vater einen Brief von der Krankenkasse mit der Empfehlung, dass Michaela psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen soll, erhält, fährt er besorgt zu ihr.

Um die Weihnachtstage mit ihrer Familie zu verbringen, fährt Michaela in ihr Heimatdorf, wo sie von ihrer Mutter stark für die neue Kleidung kritisiert wird. Als die junge Frau feststellt, dass ihre Mutter das neue Kleid in die Mülltonne geworfen hat, eskaliert die Situation. Michaela widerspricht und wird daraufhin von ihrer Mutter geohrfeigt.  Nachdem die Studentin aufgebracht die Weihnachtsmesse verlässt, erleidet sie einen weiteren Anfall. In ihrer Verzweiflung sucht sie Hilfe beim Pastor Borchert. Nachdem sie merkt, dass nicht einmal ihr Vater mehr die Kraft hat, sie zu unterstützen, fährt sie zurück nach Tübingen.

Einige Zeit später bekommt Michaela Besuch von ihren Eltern, dem Pfarrer und Priester, letzterer hat die Genehmigung für einen Exorzismus vom Bischof erhalten.

Inzwischen ist Michaela sehr abgemagert und weigert sich,in eine Klinik eingewiesen zu werden. Der hilflose Stefan fährt sie schließlich zu ihren Eltern,  wo sich die Situation endgültig verschärft. Während die Mutter Michaela füttert, spuckt diese ihr ins Gesicht, randaliert und zerstört die Küche. Kurz darauf beginnt Borchert den Exorzismus durchzuführen.  Michaela liegt in dieser Zeit kraftlos im Bett. Als ihre Freundin Hanna einen Spaziergang mit ihr im Dorf unternimmt und Michaela vorschlägt, eine Psychiatrie aufzusuchen, lehnt sie ab. Michaela glaubt fest an die Heilung durch den Exorzismus. Michaela stirbt schließlich an Unterernährung.

 

(Michaela  Klingler, http://film.fluter.de/de/148/kino/4789/)

 

Der geschichtliche Hintergrund

Der Film Requiem beruht auf einer wahren Begebenheit, die Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Jedoch ist die Protagonisten in Anlehnung an die Person Anneliese Michel erfunden worden.                                                                                                                                                         Der Fall Anneliese Michel sorgte im Jahre 1976 nicht nur in der deutschen Bevölkerung für Aufregung, weil sie sich freiwillig dem Exorzismus unterzogen hatte und am 1. Juli 1976 an den Folgen der Unterernährung und an Schwäche starb. Außerdem wurde ein Herz-Kreislaufversagen bei medizinisch nachgewiesener Epilepsie festgestellt.[1]

Seit dem 16. Lebensjahr hatte Anneliese mit epileptischen Anfällen, die bis zur Bewusstlosigkeit führen konnten, zu kämpfen. Felicitas Goodman, die den Fall Anneliese Michel aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, berichtet, dass die Ärzte eine Epilepsie bei Anneliese festgestellt hatten, doch ihre Eltern waren überzeugt gewesen seien, sie werde von Teufeln geplagt.[2] Auch Anneliese Michel glaubte, sie sei von teuflischen Mächten besessen. Geschwächt wurde sie zusätzlich von einer Tuberkulose . Neben den diabolischen Erscheinungen kamen Stimmen hinzu.  Der zuständige Bischof stimmte einem großen Exorzismus, nach zwei Ablehnungen, zu.

„Zwischen September 1975 und Juli 1976 fanden insgesamt 73 Exorzismen statt, von denen 42 mit Tonbandprotokollen  dokumentiert wurden.“[3]

Josef Lederle, schreibt in dem Filmheft “Requiem”, dass sich sechs verschiedene Dämonen Anneliese erkenntlich machten, nämlich unter anderem Judas, Hitler, Nero und Kain.[4]

Anneliese verweigert schließlich auch die Nahrungsaufnahme und geht inneren Zwängen nach. So fühlt sie sich gezwungen jeden Tag bis zu 600 Kniebeugen zu absolvieren, die sie nur mit der Stütze ihrer Eltern bewältigen kann.[5]

„Trotz ihres offensichtlichen körperlichen Verfalls hätten es die Beteiligten unterlassen,  ihr ärztliche Hilfe zuzuführen, was ihr das Leben hätte retten können. Statt  dessen sei sie verhungert.“ [6]

Im April 1987 werden die beiden Priester und die Eltern von Anneliese Michel wegen fahrlässiger Tötung durch unterlassene Hilfeleistung zu je sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und müssen eine zusätzliche Geldstrafe entrichten. [7]

 

Sühnebesessenheit bei Anneliese Michel

Laut dem Theologen und Autoren Uwe Wolff ist Besessenheit im authentischen Glauben der katholischen Kirche verankert.[8] Wolff ist einer von mehreren Autoren, die den Fall Anneliese Michels in einem Buch aufarbeiteten.Bei der Sühnebesessenheit handelt es sich um eine

religiöse Wahnvorstellung, bei der persönliches Leiden in Analogie oder Teilhabe zum erlösenden Leiden Christi am Kreuz des stellvertretende Sühne für die Sünden und Fehler anderer verstanden wird. Deshalb machen die Betroffenen keine Anstalten, die Ursache des Leidens zu beheben.“[9]

Anneliese habe freiwillig auf Nahrung verzichtet, habe sich als Sühneopfer für die Sünden der Deutschen und besonders für die Sünden der Priester, die den Zölibat brechen, angeboten. [10] Nach ihrem Tod gilt Anneliese Michel, das Opfer der Dämonen, die Sühnebesessene von Klingenberg als eine Heilige, die wie Christus stellvertretend für die Sünden der Menschen gelitten habe. Viele wollen plötzlich im Gebet ihren Zuspruch erfahren haben.[11]

Auch bei Michaela Klinger könnte es sich um eine bestimmte Art von Besessenheit, nämlich um die Sühnebesessenheit handeln.Michaela findet sich im Laufe der Handlung mit ihrem Schicksal ab und versucht nicht die Ursache des Leidens zu beheben. Vielmehr verzichtet sie wie Anneliese Michel auf Nahrung und fühlte sich sogar berufen,stellvertretend für die Sünden der Menschen zu leiden.

 

Charakterisierung von Michaela aus dem Film Requiem

Michaela ist einundzwanzig Jahre alt und wächst in einem schwäbischen Dorf auf. Sehr religiös und traditionell aufgewachsen, ist ihr Glaube an Gott sehr stark. Gemeinsam mit ihrer Familie nimmt sie an einer Wallfahrt zur Heiligen Katharina teil. Michaela ist verantwortungsbewusst und fühlt sich als Vorbild für ihre kleine Schwester, zum Beispiel erklärt sie ihr, wie man betet.

Zu Hause in Michaelas Elternhaus ist es sehr trist und dunkel. Keiner interessiert sich dafür, wie ihre erste Woche in der Universität verlaufen ist. Michaela hat ein eisiges Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Mutter behandelt ihre älteste Tochter schroff. Das einzige was die Beiden verbindet und vielleicht sogar zusammenhält, ist der starke Glaube an Gott.

In Tübingen, wo Michaela im ersten Semester Sozialpädogik studiert und in die Selbstständigkeit aufbricht, baut sie sich eine Paralellwelt auf.  Sie verändert sich nicht nur äußerlich, in dem sie sich die Haare kürzer schneidet, sondern auch vom Charakter her. Sie fühlt sichnicht mehr einsam und findet mit Hanna eine richtige Freundin. Zusammen genießen sie das Studentenleben, sie fahren zum See, feiern und lernen Männer kennen. In dieser Zeit blüht Michaela auf und gewinnt an Selbstbewusstsein. Es scheint, als würde sie sich in ihrer Freizeit frei tanzen, von all ihren Sorgen um ihre Krankheit, die Epilepsie. Das erste Mal wirkt sie glücklich und frei. In ihrem Freund Stefan findet sie die Nähe, die sie gesucht hat. Bevor sie sich auf ihn einlässt, möchte sie, dass er verspricht immer zu ihr zu halten. Erst als Michaela dieses Versprechen aus seinem Munde hört, lässt sie sich fallen. Sie lebt ihr Leben, wie sie es möchte und führt ein ganz normales Leben wie jeder andere in ihrem Alter auch. Was sich schlagartig ändert, als das junge Mädchen vom Land einen epileptischen Anfall in ihrem Studentenzimmer hat. Hanna, die sie bewusstlos auf den Boden vorfindet, erfährt nun auch von Michaelas Vergangenheit.

Als Michaela einen Rosenkranz von ihrer Mutter geschenkt bekommt, fällt dieser ihr herunter. Sie kann ihn plötzlich nicht mehr aufheben, was sie verzweifeln lässt. In ihrer Naivität und Verzweiflung sucht sie Hilfe bei dem Pfarrer. Als er ihr nicht glaubt, ist sie zutiefst verletzt und enttäuscht. Obwohl die junge Frau viel mit ihren Freunden unternimmt und sich anscheinend an die moderne Lebensweise anpasst, wirkt sie einsam und besorgt. Niemand kann sich in ihre Situation hineinversetzen, geschweige denn sie verstehen.

Michaelas Anfälle nehmen zu und sie glaubt immer öfter, dass Gott sie im Stich lässt. Nicht einmal beten möchte sie mehr. Sie hat Zukunftsangst und stellt fest, dass sie sich nicht mehr unter Kontrolle hat. In einer Szene gibt sie zu, dass sie gar nicht mehr weiß, was leben bedeutet. Michaela wirkt überfordert und zerrissen. Schließlich verspricht sie sich Erlösung durch den Exorzismus.

 

Bewertung

Der Film „Requiem“  von Hans-Christian Schmid ist ein gelungener und spannender Film. Gerade weil der Film auf einer wahren Begebenheit beruht, wirkt er sehr authentisch. Mit wenigen Effekten und  Schlichtheit wird der Zuschauer an die Thematik herangeführt. Das Thema regt zum Nachdenken an, man macht sich über den Stellenwert von Religion in seinem eigenen Leben Gedanken und versucht herauszufinden, ob man auch an die Besessenheit glaubt.

Als Zuschauer fühlt man mit Michaela mit, folgt ihr in das neue Leben in der Stadt und ist erleichtert, als sie endlich einen Zugang zu ihren Mitmenschen findet und sich sogar auf eine Beziehung einlässt. Man ist neugierig, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen wird und mit dem Gegensatz vom Land und Stadtleben zurechtkommen wird. Anfangs fühlt man mit der jungen Frau mit, vor allem als sie die Generationskonflikte mit ihrer Mutter hat. Das Mitfühlen ändert sich schließlich, als sie ihre Anfälle bekommt. Der Zuschauer ist dann einfach nur erschüttert über Michaelas Wahn und ihre Ablehnung gegen die Medizin. Schließlich wird man Zeuge wie sie sich zu Tode hungert.

 


[2] Vgl. Goodman, Felicitas D.: Anneliese Michel und ihre Dämonen: Der Fall Klingenberg in wissenschaftlicher Sicht, Stein am Rhein 1987, S. 15

[3] Lederle, Josef:Filmheft Requiem, Bonn 2006, S. 18

[4] Vgl. Lederle, Josef: Filmheft Requiem, Bonn 2006, S.18

[5] Vgl. Lederle, Josef: Filmheft Requiem, Bonn 2006, S.18

[6] Vgl. Goodman, Felicitas D.: Anneliese Michel und ihre Dämonen: Der Fall Klingenberg in wissenschaftlicher Sicht, Stein am Rhein 1987, S. 15

[8] Vgl. Wolff, Uwe: Das bricht dem Bischof das Kreuz. Rotwohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999, S.29

[9] Vgl. Lederle, Josef: Filmheft Requiem, Bonn 2006, S. 5

[10] Vgl. Wolff, Uwe: Das bricht dem Bischof das Kreuz. Rotwohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999, S.15

[11] Vgl. Wolff, Uwe: Das bricht dem Bischof das Kreuz. Rotwohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999, S. 24