Kategorie: 'postmortalitaet2011'

von Johannes Ehlers und Helena Herbst

Da der Buddhismus aus dem Hinduismus hervorgegangen ist, lassen sich diese zwei großen asiatischen Religionen besonders gut miteinander vergleichen. Zwar bleiben viele Begrifflichkeiten des Hinduismus im Buddhismus erhalten, jedoch grenzt sich gerade in grundsätzlichen Fragen der Buddhismus teils deutlich von den Lehren des Hinduismus ab. Natürlich auch bei einem so zentralen Thema wie dem Tod. Spricht man allgemein vom Buddhismus, so muss man zumindest drei große Ausrichtungen unterscheiden: Theravada, Mahayana und der tibetische Vajrayana – Buddhismus. Auch der Hinduismus ist keine einheitliche Religion, es gibt verschiedene Strömungen und Schulen, daher ist kein allgemeingültiger Kanon in Bezug auf das Leben und den Tod und dem, was danach passiert, festzulegen. Dennoch gehen wohl alle Strömungen davon aus, dass das Leben ein Kreislauf von Wiedergeburten, Reinkarnationen (samsara) ist:

Nach dem Tod, also dem Dahinscheiden der körperlichen Hülle, reinkarniert sich der atman, die unveränderliche Seele des Gläubigen in einem neuen Lebewesen. Die neue Existenzform hängt davon ab, wie viel gutes oder schlechtes Karma im vorherigen Leben angesammelt worden ist: Es gilt also: Gute Taten führen zu einer besseren Existenz im nächsten Leben; schlechte Taten zu einer schlechteren. Wie Hindus sich verhalten müssen, um gutes Karma zu erlangen, hängt von der jeweiligen Kaste ab, in die sie hineingeboren wurden. Für jede Kaste gibt es Richtlinien und Gesetze, die das Verhalten der Mitglieder vorschreiben.

Ziel eines jeden Hindu ist es, letztendlich aus dem samsara, das Gier, Hass, Verblendung und Unwissenheit beinhaltet, auszubrechen und Eins zu werden mit der göttlichen Kraft, dem brahman (brahman – atman Lehre). Dieses Ausbrechen und Einswerden wird als moksha bezeichnet.

Der Tod ist ein zentrales Thema auch im Buddhismus. Die erste der vier „Edlen Wahrheiten“, in denen Buddha seine Lehre zusammengefasst hat, besagt, dass das Leben Leiden (dukha) ist. Weil alles was auf dieser Welt existiert vergänglich, d.h. „nicht-beständig“ (anitya) ist, ist es auch der Mensch. Eine (Wieder-)geburt hat automatisch einen Wandel zur Folge: jeder Mensch wird zwangsläufig alt, krank und wird letztlich sterben. Das meint Buddha damit wenn er sagt, das Leben ist Leiden. Mit der Wiedergeburt beginnt dieser Wandel erneut. Logischerweise ergibt sich so als höchstes Gut das Ausbrechen aus dem samsara, dem Kreislauf der Wiedergeburt und des Todes, genau wie im Hinduismus. Kann das samsara überwunden werden, erlangt man die Erleuchtung und geht in das Nirvana ein. Gutes wie schlechtes Karma, das auch im Buddhismus die Art der Wiedergeburt bestimmt, wird jedoch anders erlangt. Für gutes Karma ist vor Allem die gute Absicht einer Tat maßgeblich, und nicht das korrekte Verhalten entsprechend den Maßstäben einer Kaste. Der gewichtigste Unterschied zur Lehre des Hinduismus ist jedoch die Vorstellung, dass es kein atman, also keine unveränderliche Seele gibt, die ewig wiedergeboren wird. Buddhisten sprechen hier vom „Entstehen in Abhängigkeit“.

 

Brahman – atman Lehre vs. Anatman – Lehre

 „Ich bin Brahman, das höchste Wesen; Brahman bin ich, die höchste Stätte:“ wer mit dieser Gewissheit seine Seele in der unteilbaren Weltseele aufgehen lässt […] und dann dahinfährt, seinen Leib verlassend, der gewinnt das höchste Glück (die Erlösung).“ (Pretakalpa XVI in Malinar 86)

Brahman ist das allgemeine Weltprinzip der Schöpfung, also die Weltenseele und umfasst alles; also auch Raum und Zeit und Gut und Böse.

Atman ist die Individualseele, das wahre Selbst des Menschen, das bei allen Veränderungen der Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle unveränderlich ist. Atman ist der im Menschen verborgen ruhende göttliche Urgrund.

Wichtig ist die Erkenntnis (moksha), dass brahman und atman eins sind: Das Weltall ist brahman und brahman ist der atman im Menschen.

Der Buddhismus grenzt sich bewusst von der hinduistischen Brahman – atman Lehre ab und formuliert seine eigene anatman – Lehre („nicht-atman“). Für den Menschen gibt es fünf Daseinsfaktoren, deren Zusammenspiel ihn ausmachen: Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Triebe und Bewusstsein. „Unter diesen Elementen figuriert keine Seele, auch kein Selbst und kein Ich. Der Buddhismus erkennt also keine konstante, sich im Raum und Zeit durchhaltende Identität der Person an.“ (Kraewsky) Im Tod lösen sich diese Daseinsfaktoren auf und werden dann auf Grund des angesammelten Karma wieder zusammengesetzt. Der neu geborene Mensch ist dabei nicht identisch mit dem zuvor Verstorbenen, aber auch nicht völlig verschieden von ihm. Er ist entstanden in Abhängigkeit, d.h. in Abhängigkeit des im vorherigen Leben angesammelten Karma.

Das Karma

Nach Michaels bedeutet das Wort Karma gleichzeitig „Tat“ und „Opfer“ und meint die  „Auswirkung einer Handlung, die in einem anderen Leben begangen wurde“. (Vgl.: Siebert 98) Anders als im Buddhismus, bei dem bereits die Intention einer Tat ausschlaggebend für „gutes“ oder „schlechtes“ Karma ist, ist im Hinduismus also nur die Auswirkung einer Handlung maßgeblich.

Wie sich ein Hindu zu verhalten hat, hängt von seiner Zugehörigkeit seiner Kaste ab; die Kaste gibt bestimmte Regeln und Verhaltensvorgaben vor. „Hinter dem Begriff steht [also] ein gesellschaftsstrukturierendes Denksystem, in dem Handlungen bestimmte Wertigkeiten zugeordnet werden, welche die weitere Existenz des Individuums bestimmen“ (Siebert 98) Ob ein Mensch also gut oder schlecht gestellt ist, resultiert dann aus den Taten im letzten Leben.

Der Buddhismus verwendet das Konzept des Karma ebenso. Auch hier bestimmt es in welcher Form man wiedergeboren wird, doch zielt es im Buddhismus eher auf das ethische Handeln ab. Man kann gutes und schlechtes Karma ansammeln, doch wird gutes Karma nicht automatisch durch gute Taten erzeugt. Im Buddhismus ist vor Allem die Absicht maßgeblich, mit der etwas getan wird. „Wenn eine Handlung aus Begehren geschieht, hat sie negative Folgen, auch wenn sie vielleicht äußerlich als >>gute Tat<<  erscheint“ (Freiberger 204). Dies entspricht der buddhistischen Lehre, dass das Leid nicht ursprünglich von äußerlichen Handlungen stammt, sondern aus dem Inneren des Menschen kommt, und von Gier, Hass und Unwissenheit verursacht wird. Das Überwinden dieser „Grundübel“ (Freiberger 204) durch das Befolgen von Buddhas „Achtfachem Pfad“ erzeugt also gutes Karma, was eine bessere Wiedergeburt begünstigt.

Moksha und Nirvana

Moksha ist der Ausbruch aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und gleichzeitig der Weg zur Vereinigung mit Gott; nämlich der Erkenntnis, dass Brahman und Atman eins sind: daher ist moksha das höchste Bestreben menschlicher Existenz (Vgl. Siebert 102)

Der Begriff „Nirvana“ ist vielen bekannt, er wird aber besonders im Westen oft missverstanden. Wörtlich bedeutet Nirvana „Verlöschen“, und oft wird das als eine Auslöschung des Ichs oder der Seele verstanden. Auch die Vorstellung das Nirvana sei ein Ort ist ein Missverständnis, vermutlich hervorgerufen durch die Formulierung „ins Nirvana eingehen“. Doch mit dem Eintreten des Nirvana verlöscht „nur“ Gier, Hass und Unwissenheit, der „Antrieb“ des samsara, und somit auch Leid und Wiedergeburt. Im Mahayana – Buddhismus kann Nirvana noch zu Lebzeiten erreicht werden, vollendet wird es aber schließlich mit dem Tod, der damit der letzte Tod ist, der erleidet werden muss. Es wird dann vom Parinirvana gesprochen. Der wesentliche Unterschied zum hinduistischen moksha besteht darin, dass es im Buddhismus kein brahman oder atman gibt. Was genau das Nirvana ist, lässt sich nicht endgültig beschreiben, denn es ist mit menschlichem Denkvermögen nicht zu erfassen. Nur ein paar grundlegende Eigenschaften lassen sich feststellen. So ist das Nirvana grundsätzlich das Gegenteil des samsara, d.h. der sich immer im Wandel befindlichen Welt und der Wiedergeburt. Die Wiedergeburt, und damit der Tod, wird also überwunden, genauso wie alles Leid, dass damit zusammenhängt. Der Erleuchtete hört aber keinesfalls auf zu existieren, er erreicht einen perfekten, absoluten Zustand, der losgelöst und unabhängig von unserer Welt existiert. „Im Buddhismus jedoch wirkt das Unpersönlich-Absolute nicht ein auf die Welt und ihre Verhältnisse. Es steht der Welt gegenüber als deren Gegenteil, als das ganz und gar andere.“ (Greschat 354)

Der Tod

„Wenn seine Todesstunde gekommen ist, soll der Mensch, frei von Furcht, mit dem Schwert des Gleichmutes, die Anhänglichkeit an seinen Leib und an die, welche demselben (beim Leichenbegängnis) folgen (seine Familie), ausrotten“ (Pretakalpa XVI in Malinar 88)

Der Tod ist das bedeutendste Ereignis im Leben eines Hindus; eben weil sich dann entscheidet, welche Existenzform im nächsten Leben erlangt wird, oder ob man dem Kreis der Wiedergeburt entkommen kann: „Für Hindus ist der Tod nicht der Gegensatz des Lebens; er ist eher der Gegensatz der Geburt. Der große Übergang, den der Tod auslöst, geht nicht vom Leben zum Tod, sondern von Leben zu Leben“ (Michaels in Siebert 37)

Der Sterbende sollte zum Zeitpunkt des Todes positive Gedanken haben; nach Möglichkeit zieht er sich zurück, um sein Leben zu reflektieren und um bestimmte Rituale zu Ehren der Gottheiten durchzuführen. Ist der Mensch gestorben, tritt das atman aus dem Körper; übrig bleibt also nur eine „Hülle“.  Diese wird dann einer rituellen Waschung und Salbung unterzogen und wird dann in ein Totentuch gewickelt. In der Regel wird ein verstorbener Hindu verbrannt. Diese Verbrennung findet dann auf einem eigens dafür vorgesehenen Platz statt. Während der Sterbezeit (vorher, währenddessen und hinterher) werden unzählige Riten von den Verwandten vollführt, die mehrere Tage andauern können. Die Asche des Verstorbenen wird dann entweder im Boden vergraben oder in einem Fluß (wenn möglich, im Ganges) verstreut. Einige Zeit nach der Verbrennung kommen Verwandte des Verstorbenen zu einem Gedenkfest zusammen und führen einmal jährlich ein Ahnenritual (sraddha) durch. Hier werden dem Verstorbenen Opfergaben, wie Sesam- und Gerstenwasser dargebracht, die es dem Toten ermöglichen sollen, gutes Karma anzuhäufen. (Vgl. Michaels 149-153)

Der Buddhismus sieht den Tod zunächst ähnlich wie der Hinduismus. Er ist nicht endgültig, sondern ein Übergang zur nächsten Geburt. Im Theravada – Buddhismus hängt die Art und der Ort der Wiedergeburt von dem im Leben erlangten Karma ab. Auf den Tod folgt direkt die erneute Geburt. Mahayana und Vajrayana kennen hingegen noch eine „Zwischenwelt“ zwischen Tod und Wiedergeburt, in der der Verstorbene noch die Möglichkeit hat zusätzlich positives Karma zu erlangen. Die Hinterbliebenen können ebenfalls noch bis zu sieben Tage nach dem Tod durch bestimmte Riten und Rezitationen aus dem Totenbuch die Wiedergeburt des Verstorbenen begünstigen.

Bei buddhistischen Bestattungszeremonien werden von Mönchen Reden des Buddha vorgelesen, und es wird an die Vergänglichkeit des Menschen erinnert. Trauer offen zu zeigen ist jedoch nicht üblich, da Trauer sich negativ auf die Wiedergeburt auswirkt. Die Art der Leichenbestattung ist unterschiedlich, doch am häufigsten sind die Beerdigung in der Fötusstellung und das Verbrennen des Leichnams. In Tibet ist auch eine Luftbestattung möglich, wobei die Überreste von Geiern gefressen werden und so dem Verstorbenen ermöglicht wird in der Luft seinem Körper zu entfliehen.

 

 

 

Quellen:

  • Figl, Johann (Hrsg.). Handbuch Religionswissenschaft: Religionen und ihre zentralen Themen. Innsbruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003.
  • Freiberger, Oliver ; Kleine, Christoph: Buddhismus: Handbuch und kritische Einführung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011.
  • Malinar, Angelika: Hinduismus. Studium Religionen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2009.
  • Michaels, Axel: Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart. München: Beck, 1998.
  • Siebert, Sophia: Kaste, Karma, Kremation. Die soziale und kulturelle Dimension des Todes in Nordindien. Marburg: Tectum Verlag, 2011.
  • Tworuschka, Monika und Udo (Hrsg.). Religionen der Welt in Geschichte und Gegenwart. München: Bassermann Verlag, 1992.

 

 

Einleitung

Dieser Essay beschäftigt sich mit den postmortalen Vorstellungen und dem Transformationsprozess zwischen Leben und Tod, wie sie in dem Film „Die Geschichte des Brandner Kaspar“ dargestellt werden. Anhand einer kurzen Analyse sollen die wichtigsten Punkte des Films herausgearbeitet und im Folgenden erläutert werden.

Nach einer kurzen inhaltlichen Beschreibung, inklusive der Vorstellung der zwei Hauptpersonen, wird der Fokus auf die angedeuteten postmortalen Geschehnisse gelegt und im Weiteren die Bedeutung dieser analysiert.

Inhalt

Kaspar Brandner ist ein Büchsenmacher im Ruhestand. Seine Tochter und seine Frau starben beide recht früh, sodass er nun mit seiner Enkelin Nannerl auf einer Alm lebt. Als ihn vor seinem siebzigsten Geburtstag der Tod besucht (im Film Boandlkramer: von bayr. Boandl (Knochen) und Kramer (Krämer, Händler)), möchte dieser ihn direkt mit ins Jenseits nehmen. Kaspar Brandner gelingt es jedoch, den Boandlkramer durch Alkohol und Falschspielen dazu zu bringen, ihm noch 21 weitere Jahre auf der Erde zu geben. In Folge des Besuchs, wird die Figur Kaspar Brandner von neuer Vitalität erfasst und er beginnt auch wieder zu arbeiten.

Währenddessen versucht der Boandlkramer, seinen Fehler vor Petrus und dem Erzengel Michael zu verbergen.

Als seine Enkelin Nannerl durch die Beihilfe des Boandlkramers bei einer Verwechslung auf der Jagd stirbt, ist Kaspar Brandner verzweifelt und von tiefer Trauer durchzogen. Als ihm der Boandlkramer daraufhin das Angebot macht, sich das Paradies für eine Stunde anzugucken, nimmt er dieses an. Nachdem er dort auf seine bereits verstorbene Verwandtschaft trifft, beschließt er im Jenseits zu bleiben.

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Im Sommer des Jahres 2008 elektrisierte die nach dem ‘Alternate Reality Games’-Konzept (ARG) initiierte, als solche also nicht erkennbare Marketingkampagne zur amerikanischen Fernsehserie True Blood die horrorfilmaffinen Blogger und Forenteilnehmer. Es war von einer ‘Great Revelation’ die Rede, der öffentlichen Bekanntmachung von Vampiren, dass diese seit Menschengedenken existierten und nun, dank der geglückten, massenhaften Synthetisierung menschlichen Blutes in der Lage seien, sich zu offenbaren und ihren Platz in der Weltgesellschaft einzufordern.

Dieses äußerst aufwendige, virale Marketingkonzept ging insofern auf, als dass die Serie ‘True Blood’ seit Beginn der Ausstrahlung im September 2008 sehr gute Einschaltquoten und DVD-Absätze verzeichnet. Die Serie läuft aktuell in der bereits fünften Staffel und erfreut sich wachsender Beliebtheit nicht nur im Ursprungsland Amerika, sondern rund um den Globus. Diesen Erfolg bedingen unzählige Faktoren, derer ich hier nur einige nennen möchte. Neben der Dramaturgie und der Verquickung zahlloser filmischer Genres ist dies sicherlich das muntere Bedienen im schier endlosen Regal der mythischen Wesen und Welten. Die Optik der Serie ist, gerade im Hinblick auf den filmischen Vampirkontext der letzten Jahre, ein krasser Gegenentwurf zu den bleichen Gentlemen wie Lestat de Lioncourt oder Edward Cullen. Die Vampire in ‘True Blood’ sind gierig, ungezügelt und wie die Serie an sich schmutzig, brutal, wunderschön und grausam zugleich. Der massive Einsatz von Splatter- und Softporno-Elementen weist die Serie einerseits als Erwachsenenunterhaltung aus, hält der heilen und unschuldigen ‘Purity Ring’-Welt der die Teeniemassen verzaubernden Twilight-Vampire andererseits ihren häßlichen, dreckigen aber auch bedeutend realistischer anmutenden Spiegel vor. Neben genannten, extremen filmischen Elementen kann angesichts der als klassisch zu bezeichnenden Haupthandlung (eine Frau zwischen zwei Männern, soziale Ressentiments gegen die Verbindung zweier Liebender) auch die Soapopera als immer wieder aufblitzendes Genre ausgemacht werden. Doch worum geht es in True Blood überhaupt genau? Das sei hier ansatzweise skizziert, angesichts der Kürze dieses Essays die zugrundeliegende Buchreihe ‘The Sookie Stackhouse Novels’von Charlaine Harris ignorierend.

Die Handlung von ’True Blood’ setzt einige Zeit nach der erwähnten ‘Great Revelation’ ein, die Vampire haben sich der Menschheit also als existent offenbart und fordern Bürgerrechte und gesellschaftliche Anerkennung seitens der Menschheit ein. Dabei gibt es neben den im Kontext der Serie ‘mainstreaming’ genannten, um Anpassung bemühten Vampiren auch zahlreiche, die ob ihrer physischen Überlegenheit eine Unterwerfung der menschlichen Bevölkerung anstreben. Einer der ‘mainstreaming’ Vampire und männlicher Hauptdarsteller ist Bill Compton, der sich in der Südstaatenkleinstadt Bon Temps, dem Handlungsort der Serie, in die Kellnerin Sookie Stackhouse verliebt. Ihre Beziehung ist Dreh- und Angelpunkt von ‘True Blood’ und gerät des öfteren durch den vampirischen Gegenspieler Comptons, Eric Northman, in Gefahr, da dieser Sookie ebenfalls begehrt.

Die zahllosen Nebenhandlungen außer Acht lassend ist im Kontext dieses Essays viel eher zu betonen, dass im Verlauf der Handlung der ersten vier Staffeln (die fünfte lief zu Beginn meiner Recherche noch und konnte daher nicht vollständig rezipiert werden[1]) immer mehr übernatürliche Wesen das dramaturgische Personal der Serie erweitern. So werden neben Gestaltwandlern verschiedener Art allerlei Hexen, Werwölfe und Werpanther, Geister, Feen und eine Mänade eingeführt. Diese Gruppen verfolgen jeweils ihre eigene Agenda und stehen in Konflikt- oder Loyalitätsverhältnissen zu Vampiren und Menschen. All diese Wesen leben in ihrer humanoiden Form unter und mit den Menschen, die größtenteils nichts von ihrer Existenz wissen- die Übernatürlichen hingegen erkennen ihr Gegenüber stets als solches. So ist auch die besondere Stellung des weiblichen Hauptcharakters Sookie Stackhouse zu erklären, die nicht nur von mehreren Männern begehrt wird, sondern auch von anderen Übernatürlichen für ihre Sache zu vereinnahmen versucht wird. Im späteren Verlauf der Handlung wird auch klar, wieso: Sookie ist feeischer Abstammung und damit selbst übernatürlich und von größtem Interesse für alle Vampire, denn die Feen gelten in der Welt von ‘True Blood’ als seit Jahrtausenden ausgerottet [2]. Und feeisches Blut soll es Vampiren ermöglichen, sich bei Tageslicht frei zu bewegen.

Russel Edgington, der vermeintlich älteste und damit stärkste Vampir der Serie, lebte etwa 3000 Jahre vor der im Jahre 2008 angesetzten Handlung als keltischer Druide, bevor er zum Vampir wurde. Edgington selbst sagt zu Eric Northman im Gespräch über die Wirkmächtigkeit feeischen Blutes: “Oh, Daywalking? The old myth. That was around back when I was turned. You’re pathetic.” [3] Hier haben wir auch schon einen ersten, aus religionshistorischer Sicht durchaus belegbaren Hinweis, denn tatsächlich lässt sich für die keltische Mythologie ein außerordentlich ausdifferenzierter Feenglaube nachweisen. Die Verbindung ist also korrekt, die Wirkung feeischen Blutes auf Vampire ist jedoch eine Erfindung von ‘True Blood’.

Bei Feen handelt es sich um romanische und keltische Naturgottheiten niederen Ranges, die erst später in anderen Mythologien rezipiert wurden oder ältere, ungefähre Entsprechungen ersetzten (Synkretismus). Feen sind den Menschen grundsätzlich wohlgesonnen, können jedoch undankbaren Menschen Schaden zufügen. Religionshistorisch ist eine Verbindung veschiedener Vorstellungen mit den griechischen Moiren und den römischen Parzen nachweisbar. Diese kulminieren in romanischer Zeit zu einer eigenen göttlichen Gruppe mit paralleler Lebenswelt – hier hält sich ’True Blood’ in der Darstellung also an religionsgeschichtliche Fakten. Später wirken keltische und romanische Vorstellungen von diesen humanoid gedachten Feenwesen zusammen mit orientalischen Vorstellungen von bspw. Dschinns auf verschiedene europäische Mythologien und Sagenwelten ein. In den deutschen Märchen, die bis heute rezipiert werden, nimmt etwa in Dornröschen eine Fee einen bedeutenden Platz ein.

Etymologisch ist der Weg durch Lautverschiebung recht kurz vom lateinischen fatua (Wahrsagerin) oder fatum (Schicksal) zum französischen fée, das deutsche Lehnwort entspricht wiederum diesem. Die Verbindung der Feen mit der Natur im Allgemeinen, den Elementen im Speziellen, ist dabei ebenso auf die antiken Vorbilder zurückzuführen, weisen doch etwa die klassisch-griechischen Nymphen oder Dryaden eine Verbindung mit Quellen und Grotten respektive dem Wald auf. Ihre Anzahl wandelt sich dabei in den verschiedenen Traditionen – bei den römischen Parcen beträgt sie noch drei, später sind es dann sieben, dann 13, von denen jeweils eine böse ist. Die Existenz dieser einen bösen Fee ist auch in ’True Blood’ relevant, steht sie doch in direktem Konflikt mit Sookie.

Laut Vollmer ist die Existenz einer bösen Fee bereits als Einfluss des frühen Christentums zu identifizieren, das diesen Volksglauben zu diskreditieren versuchte (Vollmer 2007, S. 348f). Allgemein können Feen, Vollmer folgend, als übermenschliche, humanoid-weibliche (in ’True Blood’ gibt es auch männliche Feen) Wesen von außerordentlicher Schönheit klassifiziert werden. Diese haben übernatürliche Fähigkeiten und Zauberkräfte, die andere Lebewesen verwunden oder töten können. Der bösen Fee wird seit ihrem Erscheinen in der frühen romanischen Mythologie stets eine stärkere magische Kraft zugeschrieben als ihren guten Gegenspielerinnen. Auf einen Hybrid aus Mensch und Fee, wie Sookie einer ist, findet sich in keiner Tradition ein Hinweis. Lediglich in der Mythologie der Berber, der indigenen Bevölkerung Nordafrikas, tauchen Feen auf, die Nachkommen gebären können (nämlich je nach Partner die Ahnen der verschiedenen Ethnien, so im Schöpfungsmythos, vgl. Hauswig 1971, S. 654). Aber, und hier entspricht die Darstellung in ’True Blood’ wieder religionshistorischen Vorbildern, Feen können Menschen aus dem Land der Lebenden entrücken. Dies geschieht offensichtlich auch mit den im vermeintlichen Paradies lebenden (vgl. zur Konzeption von Leben in ’True Blood’ Rakow 2011) Fee-Mensch-Hybriden die die böse Fee (i.e. Queen Mab) ernten will.

Queen Mab geriert sich als Königin der Feen, für die es keine mythologische, wohl aber diverse literarische Entsprechungengibt. Die Agenda der bösen Fee Mab in ’True Blood’ ist es, die durch Zufall von einem Vampir besuchte, parallel und unabhängig zur irdischen Welt existierende Feenwelt endgültig von dieser zu lösen. Dies kann nur gelingen, wenn sich alle Hybriden feeischen Ursprungs dort befinden. Da Queen Mab Sookie dazu drängt, eine der Lichtfrüchte zu essen, ist davon auszugehen, dass Sookie eine der letzten oder die letzte Hybridn ist, die auf Erden lebt. Die Lichtfrucht bindet die Hybriden an die Feenwelt. Die Vorstellung einer Gegenwelt, eines unabhängigen Feenreiches findet sich bereits in der keltischen und romanischen Mythologie. Bei den Kelten ist diese Feenwelt durch das Jenseits erreichbar, sie ist quasi ein Aspekt de jenseitigen Welt. Diese Welten sind im Übrigen in beide Richtungen durchlässig gedacht, bei den Kelten wie in ‘True Blood’.

Die religionshistorisch zu identifizierenden Aspekte feeischer Darstellung in ‘True Blood’ sind also zahlreich, wenn auch ekklektisch. Dies ist jedoch keineswegs außergewöhnlich, bedienen sich doch gerade Fernsehserien mit übernatürlicher Handlung zumeist munter im schier unerschöpflichen Angebot der Mythen, Sagen, Legenden und nicht zuletzt religiösen Schriften (vgl. aktuell etwa Supernatural oder auch Akte X).

‘True Blood’ entzieht sich weiter einer einfachen medienwissenschaftlichen Einordnung. Zu komplex ist die Erzählstruktur, zu zahlreich die verwandten Genres. Wendet man bspw. Knut Hickethiers Typen einer Fernsehserie auf ‘True Blood’ an, so sind mindestens drei Kategorien erfüllt (vgl. Hickethier 2001, S. 200f). ‘True Blood’ kann also als eine Mischform bekannter Formate und Genres gelten. Die von Hickethier rezipierte Darstellung der serienimmanenten Weltsicht als mythische Konstruktion nach Ariel Dorfman trifft hier genau (Hickethier 1991, S. 37f). ‘True Blood’ definiert keinen Mythos und kein Weltbild explizit, sondern setzt diese voraus und webt sie geschickt in das typisch amerikanische Kleinstadtsetting ein. Impliziert wird damit natürlich eine Parallele zu unserer, der realen Welt. Dies ist seitens der Serienmacher gewollt (man denke an ARG als Marketingkonzept!) denn zu sehr gemahnen die Forderungen der Vampire nach Bürgerrechten an die ‘Civil Rights’-Bewegung, zu offensichtlich sind die Ressentiments der klischeehaft dargestellten ‘Rednecks’ und der christlichen Fundamentalisten gegen amouröse Verbindungen zwischen Menschen und Vampiren auf die ethnisch-sozialen Konflikte der jüngeren US-amerikanischen Vergangenheit zu beziehen. Die in ‘True Blood’ von den christlichen Fundamentalisten verwandte Parole ‘God hates fangs’ entspricht bis auf einen Buchstaben der real verwandten, von Fred Phelps propagierten Anti-Schwulen-Parole ‘God hates fags’.

Der sozialkritische Ansatz der Serie ist stark ausgeprägt und hier nicht weiter auszuführen. Klar ist aber, dass die Kreativen hinter der Serie, allen voran der für American Beauty und Six Feet Under ausgezeichnete Alan Ball, ein gesellschaftspolitisches Statement setzen wollen und dies geschickt in ihre fiktionale Serie einbinden. ‘True Blood’ steht in dieser Hinsicht in einer Reihe mit diversen Serien, die seit dem Erfolg von ‘Buffy’ Ende der neunziger Jahre allesamt das Übernatürliche in die Mitte der Gesellschaft holen, so etwa ‘Heroes’ oder das bereits erwähnte ‘Supernatural’. Diese Tendenz lässt sich durchaus deuten im Hinblick auf ein zunehmendes Gefühl von Überfremdung angesichts einer weiteren kulturellen Ausdifferenzierung der westlichen Gesellschaften bei gleichzeitiger Individualisierung des Einzelnen. Bis in die neunziger Jahre kam das Andere, das Böse als Fremdes von außen in die Gesellschaft (Dracula kam aus Osteuropa, die Aliens gar aus dem All usw., vgl. Horst 2011), nun ist es mittendrin, war sogar, wie in ‘True Blood’, schon immer da. wenn Fernsehserien als Abbild eines gesellschaftlichen Klimas gelten können, so spricht ‘True Blood’ eine deutliche, chaotische Sprache.

Quellen

  • HICKETHIER, Knut: Film- und Fernsehanalyse, Stuttgart/Weimar 2001.
  • HORST, Sabine: Fahr zur Hölle, Liebling! Die Serie True Blood und der Trend zum Magischen, in: Film, Bd. 28,3 2011, S. 32-37.
  • LURKER, Manfred: s.v. Fee, in: Ders.: Lexikon der Götter und Dämonen, Stuttgart 1989, S. 134f.
  • PETZOLDT, Leander: s.v. Fee, in: Ders.: Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister, München 1995, S. 72f.
  • RAKOW, Katja: Take the un out of the undead! Zur diskursiven Konstruktion der Attribute lebendig, tot und untot in der amerikanischen Fernsehserie TRUE BLOOD, in: AHN, Gregor u.a. [Hgg.]: Diesseits, Jenseits und Dazwischen? Zur Transformation und Konstruktion von Sterben, Tod und Postmortalität, Bielefeld 2011, S. 93-120.
  • VOLLMER, Wilhelm: s.v. Feen, in: Ders.: Wörterbuch der Mythologie, Erftstadt 2007, S. 348f.
  • HAUSSIG, Hans Wilhelm [Hg.]: Wörterbuch der Mythologie, Bd. 2 Götter und Mythen im Alten Europa, Stuttgart 1973.

[1] Ausblick Season 5 (Crane spielt mit – Feengeschichte wird also vertieft!) https://www.youtube.com/watch?v=rPUO2DpBPOE

[2] Sookie is a fairy (Russel Edgington ab Minute 1:33) https://www.youtube.com/watch?v=msk9VYDLcLI

[3] In Episode 34, der zehnten Folge der dritten Staffel. Diese offenbart dem Zuschauer die Existenz gleich drei für den weiteren Verlauf der Handlung relevanter Gruppen übernatürlicher Wesen: Feen, Hexen und Werpanther. Vgl. http://trueblood.wikia.com/wiki/I_Smell_a_Rat